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Pfeifen im Wald, zweite Strophe

Peter Burghardt ist zurück in Washington. Und wärmt sich auf.

Allerdings will es scheinen, dass sein Hirn immer noch nicht ganz aufgetaut ist, nach der klirrenden Kälte in Iowa.

Aber die bittere Realität muss auch er zur Kenntnis nehmen; er versucht es mit einer Sportmetapher:

So steht’s in der «Süddeutschen Zeitung» so echot das Qualitätsorgan «Tages-Anzeiger». Nach der knirschenden Vermeldung des Unangenehmen (eigentlich müsste es 20 : 9 oder 20 : 17 heissen, denn so viele Delegierte bekommen seine zwei verbleibenden Konkurrenten, einzeln und zusammen), folgt wieder Pfeifen im Wald. Da wohl auch noch die Lippen gefroren sind, hört es sich recht schrill und schräg an:

«Die erste Vorwahl der Republikaner entscheidet der einstige Präsident klar für sich. Seine Kontrahenten DeSantis und Haley haben aber trotzdem noch Chancen.»

Dann knödelt sich Burghardt einen ab: «… und, ja, er gewann dann wie allgemein erwartet deutlich». Wie allgemein erwartet? Nun, zumindest nicht von Burghardt, der hoffte auf die Verliererin der Wahl, auf die angeblich ganz Amerika blickte.

Aber leider haben die Teilnehmer an dem Caucus mal wieder falsch abgestimmt, dumm von ihnen. Doch es gibt weiterhin Hoffnung: «Wirklich bedeuten muss das in diesem Fall andererseits noch wenig.» Zwar haben DeSantis und Haley zusammen nicht so viele Stimmen erreicht wie Trump alleine, aber man kann das auch so sehen: «Fast die Hälfte der republikanischen Sympathisanten ist demnach nicht ausschließlich begeistert von einem Frontrunner, der gegenwärtig mit vier Prozessen im Zuge von Anklagen in insgesamt 91 Straffällen zu kämpfen hat.»

Genau, mehr als 50 Prozent der Stimmen gekriegt, aber das bedeutet ja auch, dass er weniger als 50 Prozent eben nicht gekriegt hat. Gibt es noch weitere an den Haaren herbeigezogene Indizien für die Hoffnung, dass es Trump doch nicht schafft? Jawoll: «Auch wird ein Sieger in Iowa am Ende nicht automatisch der offizielle Kandidat einer Partei, im Gegenteil.»

Wie auch immer, ob Burghardt wohl wieder Kontakt mit der Wirklichkeit aufnimmt? Oder weiterhin seiner extraterrestrischen Logik folgt: ein Kandidat hat mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen. Seine beiden Konkurrenten 21 und 19 Prozent, Burghardts Liebling liegt abgeschlagen auf Platz drei. Der Gottseibeiuns hat 30 Prozent mehr als sein schärfster Konkurrent. Na und? Wichtig ist doch: fast die Hälfte aller Teilnehmer wollten Trump nicht. Das gibt Hoffnung. Gaga wie der Glaube an Ufos.

Bei so viel Elend ist auch noch Platz für das Leiden des Reporters: «Wer beim Tanken kurz die Handschuhe auszog, um die Kreditkarte aus der Tasche zu kramen, dem froren rasch die Finger ein.» Muss man bedauern, dass sie offenbar wieder auftauten?

Den Winsel-Artikel beendet Burghardt mit seinem letzten Hoffnungsschimmer: «Es ist Januar. Noch zehn Monate, zahlreiche Abstimmungen und mehrere Gerichtsverhandlungen bis November

Das nennt man eine ausgewogene Berichterstattung, die dem Leser die Motive der über 50 Prozent Trump-Wähler näherbringt. Zumindest in der Version Burghardt: die sind halt bescheuert.

Pfeifen im Wald

Wir eröffnen eine neue Rubrik, die wohlgefüllt wird.

Eigentlich ist Peter Burghardt ein Tausendsassa. Er war jahrelang Sportreporter. Dann Kriegsreporter. Dann Korrespondent in Madrid. Dann Korrespondent für nordische Bundesländer in Deutschland. Seit 2022 US-Korrespondent in Washington. Genau, das ist das Problem.

«Eine für alle» titelte er in der «Süddeutschen Zeitung», und das Qualitätsorgan «Tages-Anzeiger» übernimmt den lauwarmen Kaffee einen Tag später als «Ist das die Frau, die diesen Männern gefährlich werden könnte?» Ein Rätseltitel, der aber im Lead aufgelöst wird: «Nikki Haley hätte laut Meinungsforschern gute Chancen, die US-Präsidentschaftswahl gegen Joe Biden zu gewinnen. Doch zuerst muss sie Ron DeSantis besiegen – und dann ist da ja immer noch Donald Trump.»

Der übliche szenische Einstieg, damit man auch glaubt, dass Burghardt vor Ort ist: «in einem Neubaugebiet in Ankeny am Rande von Des Moines, Iowa. Tiefster Winter ist hereingebrochen, weiss, stürmisch und eiskalt».

Drinnen in der Wärme ist Haley, und der bibbernde Reporter weiss: «Amerika schaut seit Wochen auf diese Frau». Nun ja, vielleicht gelegentlich mit einem Auge. Denn so wie Iowa in Schnee gehüllt ist, muss der SZ-Autor seinen Artikel in den Konjunktiv und in «wenn, würde, könnte, vorausgesetzt» hüllen.

Denn um Biden schlagen zu können, müsste Haley zuerst einmal für die republikanische Partei kandidieren. Ist so eine blöde Voraussetzung dafür. Laut Umfragen stehen ihr dabei zwei Männer im Weg. Zum einen Ron DeSantis. Der liegt knapp vor ihr. Aber der bringt’s nicht wirklich, weiss Burghardt: «Hinter seinem Pult in Ankeny weiss DeSantis (45) nicht so recht, wo die linke Hand hinsoll. Rein in die Hosentasche, wieder raus, wieder rein.»

Ganz anders Haley, die wirkte «tags zuvor nebenan authentischer, nahbarer, weltläufiger, weniger bemüht». Also vielleicht könnte sie DeSantis einholen, in Iowa. Das bedeutet zwar nichts, aber he, wenn der Reporter sich schon den Arsch abfriert, dann soll der Leser auch etwas davon haben. Dass DeSantis und Haley laut Umfragen zusammen bloss zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen, die Donald Trump alleine hat, nun ja, muss doch nicht immer erwähnt werden.

Nach dem szenischen Einstieg, der menschliche Ausstieg, wie im Bilderbuch für Journalisten. Auftritt «Grossvater Neuendorp, Ende sechszig, hat früher mal Jimmy Carter gewählt.» Der hilft beim Pfeifen im Wald: «Er würde sie (Haley, Red.) sogar lieber als republikanische Kandidatin sehen als Trump

Da keimt leise Hoffnung im Schneetreiben von Iowa auf, wie die ersten Krokusse im Frühling. Aber dann kommt doch Väterchen Frost und macht alles zunichte. Denn wenn der Ex-Präsident antritt, «dann weiss Neuendorp schon, wen er wählen würde: «Trump.»»

Für diese Erkenntnis hätte sich Burghardt allerdings nicht aus seiner warmen Klause in Washington bewegen müssen. Wobei, was man heutzutage alles im Netz findet …

PS: Laut ersten Prognosen hat Donald Trump haushoch und schon sehr früh gewonnen. Der grosse Abwesende in der Berichterstattung des Tagi holt 20 Delegiertenstimmen, DeSantis 9 und die grosse Hoffnung Haley, auf die angeblich ganz Amerika blicke, 8. Also die Konkurrenz holt zusammen weniger Delegierte als Trump alleine. In der ersten Morgenmeldung berichtete der Tagi zwar über den Sieg, war aber so erschreckt, dass er keine Zahlen nennen konnte. Ärmlich.