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Bis über die Schmerzgrenze

Muss man als Chefredaktor schreiben können?

Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus. Von Raphaela Birrer (Tamedia) hört man ein klares Nein. Patrik Müller von CH Media gibt die Teflon-Version. Beat Balzli (NZZaS) pflegt das Sonderliche bis Absonderliche.

Reza Rafi und Rolf Cavalli (glückliche «Blick»-Familie) können’s, ebenso Arthur RutishauserSonntagsZeitung»). Eric Gujer hat sicherlich die eleganteste Klinge, Roger Köppel bewegt seine am häufigsten. Auch wenn er manchmal mit seinen «Republik»-artigen Längen langweilt.

Apropos, da gäbe es noch Daniel Binswanger. Ja, unsere schreibende Schmachtlocke, die im Roshani-Skandal feige schwieg, auch zu allem Mobbing innerhalb der «Republik» – und so still und leise auf die Position des Co-Chefredaktors kletterte.

Dort (und schon vorher) quält er sowohl seine kleiner werdende Gesinnungsblase wie auch alle übrigen Leser seit Jahren regelmässig. Wie heisst es so vollmundig wie falsch:

«Daniel Binswangers Kommentare verbinden das Klein-Klein der Tagespolitik mit den grossen Fragen, den grundlegenden Werten, den umfassenden Theorien.»

Selten so gelacht. Genau an diesem Gestus scheitert der Möchtegern-Weltendenker und -lenker regelmässig, auch und gerade im Klein-Klein.

Gerade haben gleich zwei ehemaligen Genossen seinen Zorn auf sich gezogen. Da wäre zum einen, welch ein genialischer Sprachscherz, der «Unsicherheitsdirektor Fehr». Der betreibe «konfuse Propaganda».

Auch Binswanger kommt nicht umhin, seine Erschütterung über den Messerangriff von Winterthur zu behaupten. Aber das ist nur die Einleitung: «Der irrlichternde parteilose Regierungsrat, der es mit Law-and-Order-Politik und einem auf krude Abschreckung und maximale Härte ausgerichteten Asylwesen zum beliebtesten Politiker der kantonalen Exekutive brachte, übertraf sich nun noch einmal selbst.»

Bei Binswanger könnte man höchstens sagen, dass er regelmässig und erfolgreich versucht, sich selbst zu unterbieten. Denn was hat hier seinen Furor erregt? «Der Sicherheitsdirektor beging eine massive Tabuverletzung und nannte ein paar Stunden nach der Tat den vollen Namen des mutmasslichen Attentäters – ein erratischer Bruch mit den Gepflogenheiten des Schweizer Rechtsstaates.»

Der Westentaschen-Intellektuelle Binswanger hatte schon häufiger Probleme mit Fremdwörtern, hier kommt ihm «erratisch» in die Quere – und überlebt den Zusammenstoss nicht. So wie zuvor «konfus».

Aber die schreibende Schmachtlocke kann noch einen drauflegen; anschliessend wurde es auch noch «trumpesk», genauer «einigermassen». Also doch nicht wirklich. So labert es sich dann über 9600 A dahin, bis auch der letzte Fan ermattet aufgibt.

Da kommt schon der zweite Abweichler von der wahren, linken Linie daher: «Wer hat Daniel Jositsch gecancelt?» Der nicht mit den grundlegenden Werten und umfassenden Theorien vertraute Leser könnte meinen: die Trottel der SP-Delegiertenversammlung. Aber weit gefehlt.

Zunächst konzediert Binswanger, dass Jositsch ein «gewiefter Kommunikator» sei. Immerhin erkennt er einen, wenn er ihn sieht, was ihm beim Betrachten seines Spiegelbilds hoffentlich nicht in den Sinn kommt.

Jositsch hingegen wolle das «Narrativ» beherrschen (wo bleibt Framing, muss man da fragen). «Ein Narrativ zu seinen Gunsten, das lauten muss: Jositsch ist das Opfer. Der Aggressor hingegen ist eine ideologisch immer engstirnigere, intolerantere, linksradikale, von Jusos und Ex-Jusos beherrschte SP.»

Das werde «an verblüffend vielen Stellen in den Schweizer Medien vollkommen kritiklos verbreitet». Verblüffend, wie ein dermassen holpriger Satz von niemandem geglättet wird. Verblüffender, dass es Binswanger nicht auffällt, dass es genauso ist. Aber neben dieser verblüffenden Kritiklosigkeit gibt es einen, der den Durchblick behält: «Mit den Fakten stimmt diese Geschichte nicht überein.»

Denn die lauten in der Wirklichkeit von Binswanger so: «Wenn einer Daniel Jositsch gecancelt hat – dann war es Daniel Jositsch.» Denn: «Er wollte das Bundesratsamt um jeden Preis – wenn es sein muss halt gegen die eigene Partei

Kleine Lektion in Demokratie für den Demokratie-Retter Binswanger: jeder Schweizer Bürger kann sich für dieses Amt bewerben, der stimm- und wahlberechtigt ist. Mitgliedschaft in einer Partei oder im Parlament ist keine Voraussetzung.

Statt sich an Fakten zu halten, wird’s nun aschgrau, wir wechseln in den Bereich der üblen Nachrede und der nebulösen Behauptungen: «Die Republik hat mehrere Quellen, die unabhängig voneinander bestätigen, dass Jositsch bereits Anfang 2024, also im Nachgang zu seiner gescheiterten Bundesratswahl vom Dezember 2023, Gespräche mit der FDP aufnahm.»

Ach ja, die berüchtigten voneinander unabhängigen Quellen, natürlich anonym und daher faktisch nicht überprüfbar. Dass der angebliche Gesprächspartner Jositsch das selbst und öffentlich bestreitet, je nun. Ebenso Filippo Leutenegger? Na, dann hat man halt hinterlistig ein Gerücht in die Welt gesetzt und lässt es einfach dort stehen. Das ist Schmierenjournalismus.

Hier dauert es sogar 11’143 A, bis es sich ausgeschmiert hat.

Im Höchstfall dürfte es aber selbst bei den verbliebenen «Republik»-Lesern höchstens eine knappe Mehrheit geben, die das Absägen eines erfolgreichen Ständerats, der normalerweise mit Akklamation für die nächste Kandidatur nominiert wird und sein Ersatz durch die rabiate Heckenschützin Jacqueline Badran als durch Jositsch selbstverschuldet ansehen.

Lustige Volte im Klein-Klein: der Mann wurde nicht gemeuchelt, er hat sich selbst entleibt als SP-Ständeratskandidat.

ZACKBUM hat mehrere Quellen, die anonym, aber unabhängig voneinander bestätigen, dass man selbst auf der «Republik»-Redaktion über solche Ergüsse den Kopf schüttelt und bereits am Stuhl der Schmachtlocke sägt. Soll mal einer kommen und uns das Gegenteil beweisen.

Übernimmt Tobler Verantwortung?

Die Frage stellen, heisst sie beantworten.

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat Ermittlungsverfahren gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann eingestellt. Zuvor hatte auch die Staatsanwaltschaft in Litauen eingestellt. In beiden Fällen gab es nicht einmal einen genügenden Anfangsverdacht, keinen Tatverdacht. Das bedeutet, dass keinerlei Strafverfahren mehr gegen ihn laufen.

In Vilnius hatte Shelley Lynn Anzeige erstattet. In Berlin Privatpersonen, angestachelt durch die Behauptungen von Lynn und einer Bloggerin namens Kayla Shyx. Sexueller Missbrauch, K.o.-Tropfen, Drogen, Alkohol, Row Zero, Übergriffe. So ging das Narrativ, mit dem diese beiden Frauen ihre 15 Minuten Ruhm abholten. Anschliessend surften viele weitere Frauen auf dieser Empörungswelle, kräftig unterstützt von Betroffenheitsjournalisten, die ihre anonymen Behauptungen fleissig kolportierten. Das ehemalige Nachrichtenmagazin «Spiegel» widmete dem Thema sogar eine Titelgeschichte.

Hirnstarre, Schnappatmung und moralische Werturteile am Laufmeter. Selbst die sonst zurechnungsfähige NZZ machte Lindemann kurzfristig zum «Täter», bis die Vernunft wieder einsetzte und dieser vorverurteilende Titel wieder verschwand.

Das Problem bei dieser Art von Erregungsbewirtschaftung ist, dass jeder Nachjapser noch lauter und schriller belfern muss, um sich noch Gehör zu verschaffen. Den Vogel schoss hier der Gesinnungsjournalist Andreas Tobler von Tamedia ab. Der holzte: «Die Rammstein-Konzerte sollten abgesagt werden». Seine Begründung: «Nein, eine Absage der Rammstein-Konzerte in Bern hätte nichts mit Cancel-Culture zu tun. Aber nun braucht es eine Pause, um die schwersten Vorwürfe noch vertieft abklären zu können.»

In einer völlig wirren Achterbahnfahrt behauptete Tobler einerseits: «Selbstverständlich gilt für Till Lindemann die Unschuldsvermutung, solange kein Verfahren eingeleitet und er nicht rechtskräftig verurteilt ist.» Andererseits solle man dennoch dem Sänger Berufsverbot erteilen, den Veranstalter der Konzerte in den Ruin treiben und Zehntausende von Zuschauern um das Konzerterlebnis prellen.

Ob man solche «Kunst, die gar keine Kunst mehr ist … noch irritationsfrei konsumieren» könne, fragte sich Tobler mit ungewohnter Sensibilität. Denn wenn es die Kunst gebietet, «Tötet Roger Köppel! Köppel Roger tötet!» zu texten, sah darin Tobler eine «Künstleraktion».

Niemals wäre es Tobler in den Sinn gekommen, das Verbot der Aufführung des dazugehörigen Stücks im Zürcher Neumarkt zu fordern. Keinen Ton hörte man von ihm, als man seiner Logik folgend doch die weitere Herausgabe des «Magazins» unbedingt hätte unterbrechen müssen, bis die Vorwürfe gegen den ehemaligen Chefredaktor geklärt wären.

Und wie steht es mit dem Weitererscheinen von «Republik» und WoZ? Wären da nicht auch zuerst «Vorwürfe vertieft abzuklären»?

Wer auf grossen Plattformen seine Meinung äussert, muss behaftbar dafür sein. Wer inquisitorisch Verbote fordert, muss dafür die Verantwortung übernehmen. Sonst kann man den Meinungsträger nicht mehr ernst nehmen.

Tobler kann man nicht mehr ernst nehmen. Tobler ist weder behaftbar für sein Geseier, noch ist er bereit, Verantwortung dafür zu übernehmen. Er haut einfach was raus und hofft (nicht zu Unrecht), dass sich doch heute niemand mehr an sein dummes Gequatsche von gestern erinnert.

Da täuscht er sich aber bei ZACKBUM. Wer solchen Unsinn verzapft, wer die Unschuldsvermutung mit Füssen tritt, wer künstlerische und wirtschaftliche Existenzen rücksichtslos vernichten möchte, ist eigentlich für ein sogenanntes Qualitätsmedium nicht mehr tragbar.

Er sollte gecancelt werden. Er sollte gefeuert werden. Denn Einsicht oder gar Besserung ist von ihm nicht zu erwarten. Eine Entschuldigung in Richtung der von ihm Vorverurteilten noch viel weniger. Ein Fall für eine Chefredaktorin, der angeblich Qualität das Allerwichtigste ist. Es wäre eine deutliche Qualitätsverbesserung, wenn Tobler nicht mehr für Tamedia schreiben würde …