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Wumms: Frank A. Meyer

Geist und Geld, eins davon regiert die Welt.

Ringiers Hausgespenst, der Weltenlenker und Denker Frank A. Meyer führt im Blatt der gehobenen Intelligenz eine Kolumne. Aus Gründen, die nur ihm erfindlich sind, bemüht er sich um die Klärung Schweizer Probleme mit einem Autorenporträt, das ihn mit verdunkelten Brillengläsern vor dem Brandenburger Tor zu Berlin zeigt. Aber soll wohl den SoBli-Leser von seiner Weltläufigkeit überzeugen.

Ein Jugendfoto von Meyer in Berlin.

Aktuell nimmt er sich der «Politik des Friedens nach dem Motto «Wandel durch Handel», die neue Formel der zivilisierten Welt für den Umgang mit der unzivilisierten Welt, auf dass sich jene schliesslich ebenfalls zivilisieren möge» an. Als zivilisiert gilt für Meyer offenbar die Schweiz und Deutschland, unzivilisiert im Besonderen sind Russland und China. Etwas geschichtsvergessen, der Herr.

Eben «Business as sual». Das sei ein «Irrglaube», gar «eine gefährliche Praxis im Umgang mit Diktaturen und Despotien», donnert Meyer aus dem sicheren Schützengraben der deutschen Hauptstadt.

Da ist ihm offenbar etwas der Kontakt zur Geschäftsrealität in der Schweiz abhanden gekommen. Genauer zum «Business as usual» seines Brötchengebers. Denn Ringier ist inzwischen ein internationaler Konzern geworden, der in Ungarn freundlich mit dem Potentaten Orban umgeht. In Serbien gegen die Diskriminierung des Tenniscracks Djokovic schimpft.

2017 hat sich Ringier, aus rein geschäftlichen Gründen, von Ringier China Co. Ltd. verabschiedet. Man wolle sich mehr auf die Aktivitäten in Myanmar und Vietnam konzentrieren. Bekanntlich zwei lupenreine Demokratien, wie vielleicht Altkanzler Schröder sagen würde, den Meyer als teuren Berater zu Ringier lotste und gerne als Schmuckleiste bei seinen sogenannten «Dîner républicain» begrüsste.

Ringier ist auch in Ghana, Senegal, Nigeria, Kenia, Uganda oder der Elfenbeinküste tätig. Da ist es für den Medienkonzern sicher eine Erleichterung, dass Meyer am Schluss seiner Suada zum Ergebnis kommt: «Business mag Business sein. Politik jedoch ist mehr. Politik ist Verantwortung.»

Vielleicht könnte der Hauskolumnist auch mal Verantwortung in seinem eigenen Laden übernehmen. Aber das hat er in seiner jahrzentelangen Karriere dort immer gefliessentlich vermieden.

Flops produzieren ja, dafür geradestehen – niemals. Grosse Reden schwingen – immer. Praktisch umsetzen – niemals.

Märchentante NZZ

Auch der NZZ gelingt nicht alles. Ein Bericht über Sansibar ist Fiction statt Facts.

Sansibar ist vielen von der Schullektüre von «Sansibar oder der letzte Grund» bekannt. Dabei spielt die Insel im Roman von Alfred Andersch nur die symbolische Rolle in einem Tagtraum.

So ähnlich muss es auch NZZ-Auslandredaktor Fabian Urech sehen, der schreibt: «Das Märchen von Sansibar als Paradies ohne Corona». Diese Ferndiagnose stellt Urech von seinem coronafreien Homeoffice aus. Als Beleg reicht die Erzählung einer Touristin, «niemand hält irgendwelche Regeln ein», ein Journalist beschreibe die Situation als «skurril».

Plus noch der investigative Durchgriff, Mail an ein Hotel auf Sansibar geschickt, nein, es gebe keine Einschränkungen wegen Corona, sei die Antwort, und: «Willkommen im Paradies!»

Der tansanische Präsident ist dran schuld

Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen, ist sich der NZZ-Redaktor sicher. Schnell enttarnt er die Wurzel des Übels: den tansanischen Präsidenten. John Magufuli scheint tatsächlich etwas schrullig zu sein. Einerseits griff er unbarmherzig gegen die übliche Korruption durch, sagte die Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag ab, weil man das Geld besser für den Kampf gegen Cholera brauchen könne.

Andererseits ist er ein Abtreibungsgegner und forderte, mit Gebeten gegen Corona anzukämpfen. Die Pandemie verschwand dann auch wunschgemäss; zumindest wird einfach nicht mehr ständig getestet. Auf der anderen Seite füllen sich die Spitäler (noch) nicht mit infizierten der zweiten Welle. Und die Touristen strömen aus aller Welt herbei, vor allem aus Osteuropa und Russland.

Wohl als eine der wenigen Feriendestinationen der Welt konnten Hotels auf Sansibar vermelden, dass sie über Weihnachten/Neujahr ausgebucht waren. Das alles weckt natürlich Misstrauen im Hause NZZ, «kann das gutgehen»? Natürlich nicht, ist Urech offenbar überzeugt. Aber zuerst muss er ein paar Rückschläge hinnehmen.

Wie findet der Rechercheur endlich eine «kritische Stimme»?

Die Überlastung des Gesundheitssystem sei (noch) nicht eingetreten, muss er einräumen, kritische Stimmen seien rar, weil sich die «Strategie der Regierung» für den Tourismussektor auszahle. «Bisher», merkt Urech an. Das macht es ihm offenbar auch schwierig, lokale Kritiker aufzutreiben: «Kritische Stimmen sind auf Sansibar bisher auffallend rar.»

Blöd aber auch. Wobei: Das Schweigen habe «zum Teil» auch mit «der Angst vor staatlicher Repression» zu tun. Sogar verschiedene NGO wollten sich nicht zu Corona äussern. Aber da geht doch noch was? Sicher, «ein lokaler Gesundheitsspezialist wird expliziter: Hinter vorgehaltener Hand» murmelt er bedeutungsschwer, dass die «Spitäler bei einem merklichen Anstieg der Infektionen rasch an ihre Grenzen» kämen. Das ist natürlich übel und zeigt die ganze Verworfenheit dieser «Hochrisikostrategie».

Denn wo sonst auf der Welt würden die Spitäler unter diesen Umständen schnell an ihre Grenzen kommen? Nirgends, nur auf Sansibar. Dann noch etwas Geunke, dass Afrika zwar recht schlank durch die erste Welle gekommen sei, aber in der zweiten sehe das ganz anders aus.

Niemand weiss nichts Genaues

Dennoch, muss Schreibtischrechercheur Urech einräumen, wie die Lage wirklich dort aussehe, «weiss niemand». Ausser Gott, denn die «sonst eher zurückhaltende» katholische Kirche warnte letzte Woche: «Wir sind keine Insel.» Das trifft auf Tansania, aber nicht auf Sansibar zu.

Natürlich ist der Autor felsenfest von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt (das kann nicht gutgehen), aber er sucht bis zum Schluss nach weiteren Argumenten. Das war wirklich nicht leicht, aber er findet wenigstens ein Körnchen: «Mitte Januar wurden zwei dänische Touristinnen, die aus Tansania zurückkehrten, positiv auf die südafrikanische Corona-Mutation getestet.» Endlich, der Beweis. Nicht nur eine, gleich zwei Touristinnen. Das Ende des Märchens ist in Sicht, es wird kein gutes sein. Aber vielleicht reichen zwei dann doch nicht, überlegt sich Urech, und schliesst mit der spitzen Bemerkung: «Sie dürften keine Einzelfälle sein.»

 

Uns bleibt nur zu hoffen, dass solche Artikel in der NZZ Einzelfälle bleiben. Sehr einzeln.