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Dunkle Worte

Nora Zukker rezensiert Martin Suter. Kann nicht gutgehen.

Martin Suter ist der genderkompatible, fluffige Gebrauchsliterat der Schweiz. Die Texte des PR-Genies flutschen so wie eine feuchte Seife in der Hand. Kantenlos, glatt, gepflegt, unangenehm parfümiert, langweilig.

Der Literaturhäuptling (wieso gibt es davon keine weibliche Form, verdammte Diskriminierung) ohne Indianer von Tamedia, Nora Zukker, ist sonst eher für Abseitiges und Unterirdisches wie Simone Meier zuständig.

Nun versucht sie sich also mal am Schweizer Erfolgsautor, der zwecks Promotion nicht davor zurückschreckt, Privatestes wie den Tod seiner Frau larmoyant auszubreiten, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.

Aber zur Sache. Schon der Titel der Rezension ist so dunkel wie holprig, Wie kann man zwischen Oliven und einem Drink die Geduld verlieren? Wo bleibt die dann ab? Findet man sie dann hinter einer Olive wieder?

Aber das soll ja den Leser nur vorwarnen, dass es anschliessend noch holpriger, dunkler und unverständlicher wird:

«Allmen bietet ihm seine Hilfe bei der Suche nach dem verschwundenen Kunstwerk an – und hofft, nicht schon wieder seine Kreditwürdigkeit improvisieren zu müssen. Es könnte für den «Pleitendandy» eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen kommen, denn er gehört nun ein bisschen dazu, zum Kreis der illustren Kunstfreunde von Weynfeldt.»

Wie improvisiert man seine Kreditwürdigkeit? Und was ist eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen? Meint sie damit Frijoles (würde zu den Margaritas passen) oder schlichtweg Kaffee?

Aber weiter im Geholper: «… der Adelstitel Johann von Allmen führt irrtümlicherweise zum Adel, ist aber bäuerlicher Herkunft. Carlos (ein Bediensteter, Red.) kann auch nicht zu oft die Mansarde hochsteigen und ein Bündel Banknoten holen und sie dem Johann Friedrich leihen». Hä?

«Allmen ist nämlich gut darin, die Wirklichkeit auszublenden. Das hat er in seiner Kindheit gelernt, als er die Augen schloss und sein Vater mit einem Stück Holz das Kaninchen Mimi vom kleinen Johann erschlug. Aber dann muss er die Augen aufschlagen, als es hupt und eine Bahre mit grauem Deckel geholt wird. Karin Winter ist tot.» Hä?

Wer’s bis zum Schluss durchsteht, wird hiermit bestraft:

«Da sind keine schnellen Schnitte, keine Spannung, die einem den Atem nimmt, aber Suters Dialogtalent bleibt konkurrenzlos. Mit «Allmen und Herr Weynfeldt» gewährt uns Suter wieder Einblicke in die Welt der Reichen. Und irgendwann trinkt Weynfeldt dann doch noch den Martini zur Olive. Aus Gründen.»

Hä?

Eigentlich sollte eine Rezension dem Leser Gründe an die Hand geben, einen Martini zu trinken. Nein, ein Buch lesen zu wollen oder nicht.

Hier sind die Fragen, ob man das Buch trotz dieser Rezension lesen sollte. Oder sich sinnlos besaufen. Ob es noch schlechter oder eventuell besser ist. Im Zweifelsfall ist aber die beste Entscheidung: weder Suter noch Zukker lesen. Das Leben ist zu kurz für solche Abschweifungen.

Massiver Druckversuch

«Bösgläubig und haftbar». Man ist fassungslos.

Die Anwältin von Jolanda Spiess-Hegglin tut alles, um das Buch «Die Zuger Landammann-Affäre» zu verhindern. Dabei greift sie sogar zu Abmahnungen.

«Durch dieses und das vorangehende Schreiben ist» der Empfänger «nunmehr darüber informiert, dass das Buch zahlreiche persönlichkeitsverletzende Aussagen beinhaltet, weshalb» der Empfänger «im Falle der Distribution … nunmehr bösgläubig wäre und deshalb auch finanziell haftbar gemacht werden könnte (Schadenersatz, Gewinnherausgabe, Genugtuung)».

Solche Schreiben versandte Anwältin Rena Zulauf als verzweifelten Versuch, die Publikation und den Verkauf des Sachbuchs von Michèle Binswanger doch noch zu verhindern. Zuvor war Zulauf vor Bundesgericht damit gescheitert. Wogegen sie nochmals rekurrierte – bei ebendiesem Bundesgericht – und nochmals scheiterte.

Um ihre Behauptungen zu untermauern, führt Zulauf an, «dass tatsächlich drei Gerichtsverfahren gegen die Autorin an verschiedenen Zivil- und Strafgerichten sowie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hängig sind». Zudem seien «weitere Klagen in Vorbereitung». Das ist absurd. Am Europäischen Gerichtshof klagt Zulauf nicht gegen Binswanger, sondern gegen die Schweiz – weil sie sich mit der Klatsche des Bundesgerichts nicht abfinden will.

Die «verschiedenen Gerichtsverfahren» beziehen sich nicht auf das Buch, sondern auf eine Äusserung von Binswanger ausserhalb des Buchs und auf eine Klage auf Gewinnherausgabe, die auch nichts mit dem Buch zu tun hat. Schliesslich fabuliert Zulauf noch, «dass zahlreiche Passagen im Buch von Michèle Binswanger persönlichkeitsverletzend sind».

Das ist eine reine Behauptung, nichts mehr. Tatsache ist allerdings, dass Zulauf bislang, mit einer Ausnahme, sämtliche Verfahren verloren hat, die sie im Namen ihrer Mandantin anstrengte. Nachdem sie die Publikation trotz aller Müh nicht verhindern konnte, bereitet sie nun offenbar weitere Klagen vor.

Der Ausdruck Zwängerei trifft es hier wohl nicht ganz. Das ist nicht nur unbelehrbar. Sondern auch teuer.

Leider verbietet sich eine vertiefte Qualifikation dieses Vorgehens. Denn frau ist überaus klagefreudig. Das sollten auch allfällige Kommentatoren beherzigen.

Anatomie eines Übergriffs

Roger Schawinski obduziert das Versagen der Medien im Fall Roshani.

Was als Breitseite gegen den ehemaligen «Magazin»-Chefredaktor Finn Canonica begann, entwickelte sich schnell zum Skandal. Zum Medienskandal. Wie es der «Spiegel» zulassen konnte, dass seine ehemalige Mitarbeiterin Anuschka Roshani mit einer öffentlichen Hinrichtung ihren ehemaligen und langjährigen Chef als eine Art Schweizer Ausgabe von Harvey Weinstein verunglimpfte, ist unerhört.

Schlimmer noch als im Fall Relotius versagten hier alle Kontrollen, entlarvten sich die Behauptungen des «Spiegel», man habe die Vorwürfe nachgeprüft und verfüge über genügend Zeugenaussagen und Dokumente, die sie bestätigen würden, als hohles Geschwätz. Zumindest wurden vom «Spiegel» in den nun anrollenden Prozessen kein einziger dieser «Belege» eingereicht. Nachrecherchen ergaben, dass der «Spiegel» mit keinem einzigen aktuellen «Magazin»-Mitarbeiter in Kontakt getreten war.

Desgleichen gilt auch für die von der einschlägig bekannten Salome Müller in der «Zeit» zeitgleich erhobenen Behauptungen, es gäbe eine ganze Reihe von bestätigenden Aussagen, leider aber anonym. In Wirklichkeit war Müller von Roshani angefüttert worden; man kennt sich seit dem Protestbrief von 78 erregten Tamedia-Mitarbeiterinnen, den die eine initiierte und die andere unterschrieb. Die beiden renommiertesten Blätter des deutschen Journalismus liessen sich instrumentalisieren und an der Nase herumführen – und können es bis heute nicht eingestehen.

Roshani stilisierte sich dem Zeitgeist und den Narrativen entsprechend als Opfer eines verbal übergriffigen, versexten und sie mobbenden Chefs. Der sie über Jahre hinweg quälte, ohne dass sie vom Tamedia-Verlag trotz Beschwerden beschützt worden sei.

Auf diese offensichtlich weitgehend erfundene Geschichte, die Rache einer verschmähten Frau, stiegen wie Pavlowsche Hunde die übrigen Medien ein und begannen zu sabbern. Wobei Roshani nicht von Canonica verschmäht wurde, sondern zu ihrem grossen Schmerz wurde ihre Bewerbung auf seine Stelle (die er damals noch innehatte) von der Tamedia-Geschäftsleitung zurückgewiesen.

Wir haben hier eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Roshani fabuliert sich als verfolgte Unschuld, dabei ist sie die verfolgende Schuld. Opfer ist Canonica; niemals mehr wird sein Ruf wiederhergestellt werden können. Völlig unabhängig davon, wie viele der Behauptungen von Roshani widerlegt werden.

Denn die Medien tun inzwischen weitflächig das, was früher dem Boulevard vorbehalten war. Skandalisieren, verurteilen, nachtreten («war alles noch viel schlimmer!»). Um dann in tiefes Schweigen zu verfallen, wenn sich (mal wieder) herausstellt, dass zu voreilig, zu oberflächlich, ohne jegliche Eigenrecherche einseitig und falsch berichtet wurde.

Die wirkliche Geschichte ist so einfach wie banal: eine langjährige und privilegierte Journalistin, die paradiesische Freiheiten geniesst, möchte angesichts des näherrückenden Endes ihrer Tätigkeit noch eine Sprung nach oben machen. Also Chefredaktorin werden. Daher bewirbt sie sich um die Stelle ihres Chefs und versucht, ihn wegzumobben. Das gelingt ihr, aber statt befördert zu werden, wird sie gefeuert; zu viele der von ihr und ihrem Mann konstruierten Vorwürfe erwiesen sich bei genauerer Betrachtung als falsch.

Aus dieser Enttäuschung entstand ein furienhaftes Rachebedürfnis. Gegen ihren Vorgesetzten, der ihr im Licht stand, gegen ihren Verlag, der sie verschmäht hatte.

Roger Schawinski hat darüber ein Buch geschrieben: «Anuschka und Finn. Die Geschichte eines Medien-Skandals». Er tut nochmals gründlich das, was die meisten Medien sträflich vernachlässigt haben. Er nähert sich dem Thema mit den klassischen journalistischen Fragen: Was stimmt an den Vorwürfen? Was lässt sich belegen? Was stimmt nachweislich nicht, wer hat hier gelogen, geschwiegen, bewusst die Unwahrheit gesagt, bewusst nicht die Wahrheit gesagt?

Peinlich, aber wahr: Schawinski tut das, was eigentlich alle sogenannten Qualitätsmedien unterlassen hatten. Er hat mit dem Opfer gesprochen, hat sich alle verfügbaren Dokumente wie Untersuchungsberichte besorgt und klopft vor allem die Anschuldigungen von Roshani auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Er nennt den miesen Informanten beim Namen, der noch Jahre nach seinem Abgang beim «Magazin» mit unwahren Behauptungen sein Rachebedürfnis befriedigen wollte – und Roshani mit seinen wilden Anschuldigungen fütterte. Die nicht wusste, dass ein seriöser Untersuchungsbericht sie bereits als unwahr entlarvt hatte.

Natürlich hat er auch der gescheiterten Anklägerin Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Die schweigt aber verkniffen.

Alleine die ausführlichen Zitate aus der Klageschrift des Anwalts von Canonica machen klar, auf welch tönernen Füssen Roshanis Anschwärzungen stehen. Aber es gibt noch eine viel entlarvender Entdeckung, die Schawinski gemacht hat. Im Jahr 2014, als drastische Sparmassnahmen umgesetzt werden mussten, gab es einen grossen Aufruhr in der «Magazin»-Redaktion. Es erschien ein Artikel im «Schweizer Journalist», der von umgehender Angst auf der Redaktion berichtete und das mit anonymen Zeugenaussagen untermauerte.

Allerdings wurde dem eine Stimme entgegengestellt, die klarstellte, dass trotz Sparzwang die Redakteure des «Magazins» sich immer noch einer ganz privilegierten Stellung erfreuen konnten. Diese Stimme gehörte …Anuschka Roshani. Die inzwischen behauptet, sie sei damals unerträglich gequält und gemobbt worden. Ist das peinlich.

Schawinski stellt die entscheidende Frage. Wenn sie angeblich 14 Jahre lang versucht habe, der unerträglichen Qual durch Canonicas Behandlung zu entfliehen: «Weshalb hat sie, eine intelligente, selbstbewusste und starke Frau es nicht geschafft, sich einer solchen Pein zu entziehen? Weshalb ist sie geblieben, bis ihr gekündigt wurde?»

Darauf findet der Radio-Journalist die einzig richtige Antwort:

«Entweder ist sie eine in der Wolle gefärbte Masochistin. Oder dann handelt es sich um eine wenig glaubwürdige, boshafte Lügengeschichte, mit der sie in einem furiosen Rundumschlag an prominentester Stelle das ihr Widerfahrene der ganzen Welt mitteilen möchte, und um gleichzeitig von ihrem ehemaligen Arbeitgeber eine grosse materielle Entschädigung herauskitzeln zu können. Die zweite Antwort ist wohl die richtige.»

Zum ersten Mal beschreibt Schawinski ausführlich seine leidvollen Erfahrungen mit dem Mann der «Verlegersgattin» (so bezeichnete sich Roshani gerne und ohne Selbstironie). Der Verleger von Kein & Aber kommt dabei nicht gut weg, offensichtlich ist er vom gleichen Schlag wie seine Gattin.

Wer die unsäglichen Mechanismen des heutigen Elendsjournalismus gut dokumentiert und geschrieben vorgeführt haben möchte, sollte unbedingt diese Buch lesen. Und Propaganda dafür machen, denn die mitschuldig gewordenen Medien, die sich einmal mehr instrumentalisieren liessen, weil die Grundstory wie bei Relotius in ihre Weltsicht passte, werden das Buch möglichst ignorieren. Oder unter einem Vorwand behaupten, dass das doch nur eine weitere eitle Selbstdarstellung Schawinskis sei, kaum lesenswert, uninteressant.

Davon sollte man sich aber nicht abhalten lassen, es zu lesen. Denn es lohnt die Lektüre zehnmal mehr als jede beliebige Ausgabe eines «Spiegel», des «Tages-Anzeiger». Von den übrigen Schweizer Medien ganz zu schweigen; denn für einmal hat hier auch die NZZ versagt. Wie alle anderen auch.

Nach der Lektüre ist man versucht, all diesen Organen, «Spiegel», «Zeit», Tamedia, CH Media, «Blick» und NZZ die einfache Frage zu stellen: schämt Ihr Euch denn überhaupt nicht? Leider kennen wir die Antwort.

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Roger Schawinski: Anuschka und Finn. Die Geschichte eines Medienskandals. Radio 1 Verlag.

 

 

Sprachverbrechen

Nora Zukker rezensiert ein Buch. Hilfe.

«Ein Wurf von einem Buch», behauptet die Literaturchefin von Tamedia. Aber eigentlich sollte man aufhören, über diesen Wurf zu lesen, wenn man zu diesem Satz kommt: «Aber die Unterhose schlägt Alarm

Hä? Will man sich das vorstellen? Will man nicht. Oder wie die Autorin Sarah Elena Müller formuliert: «Man wird nie dazu gedrängt, etwas realisieren zu müssen.» Hä?

Es gehe anscheinend um Kindsmissbrauch. «Spät, zu spät, als ihn die Mutter der inzwischen jungen Frau fragt, was er mit ihrer Tochter über die letzten zehn Jahre gemacht habe, sagt Ege nur: «Je nachdem. Je nach Lust und Laune.» Aber: «Tempi passati.» Damit schliesst er jeden Gedanken», stolpert Zukker durch eine Art Inhaltsangabe.

Falls der Leser das einigermassen verstehen sollte, weiss Zukker sofort wieder Abhilfe: «Während eines Lehrauftrags in Berlin hatte ihm eine Studentin einen Sohn abgenötigt.» Abgenötigt? Hä? Und was macht denn nun dieser Sohn, wo es doch scheint’s um den Missbrauch eines Mädchens aus der Nachbarschaft geht?

Aber weiter im Geholper: «Was Ege tut, ist sein Lebenswerk. Auch wenn die Videos nie jemand anschaut, muss er seine Kunst mit Kinderkörpern vollenden.» Hä?

Der Leser hangelt sich verzweifelt zum nächsten Hä: «Wenn der Täter aber erbärmlich wirke, sei das eine implizite Form der Vergeltung, dass ihm dasselbe geschehe wie den Opfern: dem eigenen Erinnern nicht mehr zu trauen.» Eben, hä?

Dann endet Zukker mit einer echten Drohung: «Sarah Elena Müller leuchtet den toten Winkel aus. Dort, wo man vermeintlich nicht hinsehen kann. «Es wird ständig exzessiv ausgewichen», sagt die Autorin über alle Figuren im Roman. Diesem Debüt darf hingegen nicht ausgewichen werden. «Bild ohne Mädchen» gehört auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2023

Nun ja, das Schlimmste muss befürchtet werden, wenn man an den aktuellen Buchpreisträger denkt. Da will man vermeintlich gar nicht hinsehen. Wobei man sich gleichzeitig fragt, wie das funktionieren soll. Oder einfach: hä?

Mal wieder im Ernst, lieber Tagi: es gäbe doch durchaus so viele interessante, gut geschrieben Bücher zu rezensieren. Auf eine Art und Weise, dass der Leser sowohl das Buch wie die Rezension versteht. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Ein Opfer ihrer selbst

War es ein taumelnder Moment der Hemmungslosigkeit?

Wie fremdknutschen zum Geschäftsmodell umfunktioniert wurde. Und eine hasserfüllte Kämpferin gegen Hass zum Opfer ihrer selbst.

Lang ist’s her, seit der Zuger Landammann-Feier im Jahre 2014. Dort begegneten sich zwei Politiker, kamen sich näher, becherten, knutschten öffentlich, wurden zum Thema des Abends – und verschwanden für ein Weilchen in einen Nebenraum. Am Abend wurden sie fotografiert. Beschwingt, nah, sie schmachtet ihn an, mit einem Weinglas in der Hand.

Was verborgen in der «Captain’s Lounge» geschah – oder nicht – ist die Keimzelle einer Affäre, die bis heute nicht aufgearbeitet oder beerdigt ist. Für beide Beteiligten hatte sie dramatische Folgen. Der eine sah sich zu Unrecht der Schändung beschuldigt und stand unter dem Verdacht, seine Abendbegleitung mit k.o.-Tropfen gefügig gemacht zu haben.

Damit war seine politische Karriere erledigt, der mediale Sturm liess ihn beschädigt zurück; er versuchte vergeblich, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Wie viele Laien reagierte er aufrecht, aber ungeschickt. Der üble Verdacht, Täter zu sein, blieb trotz eindeutiger Unschuld an ihm kleben; dass er das Opfer der Affäre ist, hat sich nicht als Erkenntnis durchgesetzt.

Die andere Beteiligte hingegen machte aus dem Vorfall ein Geschäftsmodell. Sie brachte es fertig, sich als Opfer zu inszenieren – obwohl es keinen identifizierbaren Täter gibt. Den müsste es aber geben, sollte sie tatsächlich geschändet oder gar vergewaltigt worden sein, wie sie immer wieder insinuiert.

Damit ein intimes Geschehen zwischen zwei Erwachsenen zur Affäre, gar zum Skandal wird, braucht es einige Ingredienzien. Zwei unterschiedliche Auffassungen darüber, was sich abgespielt habe. Massenmedien, die davon Wind bekommen. Und ein Publikum, das voyeuristisch Anteil nimmt, Partei ergreift, jedes noch so unappetitliche Detail begierig aufsaugt – und gleichzeitig seinen Abscheu darüber bekundet.

Ein Mann wurde zu Unrecht beschuldigt

Bei solchen «er sagt – sie sagt»-Storys gibt es immer lebhafte Parteinahme. Der Mann, das Schwein, der Täter. Die Frau, das Opfer, das schuldig gesprochen werden soll. Oder umgekehrt, der Mann, das unschuldige Opfer eines Rufmords. Die Frau, die bösartig einen angetüterten Seitensprung weglügen will.

Dieses Thema –  hat er sie gegen ihren Willen oder war sie willig, bereute aber im Nachhinein – ist (Stichwort #metoo) dermassen aufgeladen mit gesellschaftlichen Konflikten bis hin zum Rollenverständnis von Mann und Frau, dass es kaum möglich ist, den Einzelfall als solchen zu betrachten. Schnell geht es um das grosse Ganze, um Sexismus, Unterdrückung der Frau, Männerherrschaft.

Auch ohne dass einer der Beteiligten aus einer intimen Annäherung ein Geschäftsmodell macht, ist es in der Öffentlichkeit kaum möglich, banale rechtsstaatliche Grundsätze in Erinnerung zu rufen. Die lauten hier: ein Mann wurde zu Unrecht der Schändung beschuldigt, zu Unrecht verdächtigt, er solle dafür k.o.-Tropfen benützt haben. Die Strafuntersuchung gegen den Mann wurde nach umfangreichen Ermittlungen, inkl. einer Nacht in U-Haft, eingestellt. Aber das ist blosse Theorie, schon während der medialen Aufarbeitung der Affäre war «es gilt die Unschuldsvermutung» nur eine leere Floskel.

Ein weiteres rechtsstaatliches Prinzip ist die Verwendung und Bewertung von Indizien, von Zeugenaussagen, von Umständen. Beide Beteiligten sagen bis heute, dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt des Abends einen Filmriss gehabt hätten, sich an nichts mehr erinnern könnten, bis sie dann in ihrem jeweiligen Daheim aufgewacht seien.

Die Heisenbergsche Unschärferelation

Abgesehen von der Zeit, die die beiden unbeobachtet zusammen verbrachten und wo es zweifellos zu sexuellen Kontakten kam, gibt es aber genügend Zeugenaussagen über ihr Verhalten. Übereinstimmend wird von zunehmender Nähe berichtet, davon, dass die beiden sogar zur Ordnung gerufen wurden, weil sie ungeniert geknutscht hätten und man das im konservativen Zug zwischen zwei anderweitig verheirateten Menschen nicht gerne sah.

Die Beteiligte soll sogar kurz geflüchtet sein und gesagt haben, dass sie beide es nun verbockt hätten, alle hätten es gesehen und wüssten es nun. Es gibt ebenfalls Zeugenaussagen, dass die beiden gegen ein Uhr nachts gemeinsam ein Taxi bestiegen hätten, wobei keiner einen angeschlagenen, unkontrollierten oder betäubten Eindruck gemacht hätte.

Es ist völlig ungeklärt, was in den zwei Stunden zwischen der Abfahrt vom Fest und der vom Ehemann bezeugten Ankunft der Beteiligten geschehen ist. Normalweise dauert eine solche Taxifahrt nicht mehr als zehn, höchstens zwanzig Minuten.

Das ist bekannt, damit hätte es auch sein Bewenden haben können. Aber die Beteiligte – was ihr gutes Recht ist – setzte sich gegen die Berichterstattung zur Wehr und propagierte offensiv und aus eigenem Antrieb ihre Version des Ablaufs, bis hin zur Beschreibung intimster Details ihres Geschlechtslebens.

Durch das Granulieren des Ereignisses, durch unendliche Verästelungen in alles hinein, den Nachweis von Drogen, Alkohol, Geschlechtsverkehr, willig oder wehrlos, durch das unermüdliche Mahlen des Realitätssubstrats entstand das gleiche Phänomen wie in ähnlich gelagerten Fällen. Erinnert sei an die Affäre Kachelmann, wo sich das, was sich wirklich abgespielt haben mochte, wie in einer Heisenbergschen Unschärferelation verlor und auflöste. Oder der berüchtigte Toast Hawaii, wo das Herumbengeln auf einem einzelnen Glied einer Indizienkette sogar einen Mörder freischrieb.

Auch beim Vorfall während dieser Feier haben sich alle Indizien, Herleitungen, hat sich das Logisch-Plausible aufgelöst. Zwei Erwachsene kommen sich – wie genügend Zeugen bestätigen – an einem feuchtfröhlichen Fest näher, können nicht voneinander lassen. Knutschen ungeniert, ziehen sich zurück, tauchen wieder auf, wirken in keinem Moment derangiert, ausser Kontrolle, verhalten sich nicht wie ein Täter und sein Opfer, fahren gemeinsam im Taxi weg, verbringen nochmals Zeit miteinander. War der unbestreitbar stattgefundene sexuelle Kontakt einvernehmlich oder eine Schändung, eine Vergewaltigung gar? Kann es eine Tat ohne Täter geben? Gesunder Menschenverstand und Logik sagen das eine, die Beteiligte sagt das andere.

Mehr als das, sie gründete eine Organisation, die sich für Opfer von Belästigungen im Internet einsetzen will. Sie scharte einen Kreis von Fans und Anhängern um sich, die – oftmals aufgepeitscht von ihr – alle Kritiker ihrer Version des Geschehens wie ein hasserfüllter Mob verfolgten und beschimpften. Es entstand schnell einmal der typische Sektengroove: wer nicht für uns ist und unsere Heldin bewundert, ist gegen uns und böse.

Buchpublikation ausdauernd behindert

Die Tamedia-Journalistin Michèle Binswanger wurde zum Lieblingshassobjekt, seit sie angekündigt hatte, die damaligen Ereignisse mit einem Buch aufzuarbeiten und darin insbesondere dem männlichen Opfer der Affäre Gelegenheit zur Erklärung zu geben.

Die Beteiligte setzte alle möglichen Hebel in Bewegung, um die Veröffentlichung dieses Buchs zu verhindern. Dabei geriet sie in die Fänge einer Anwältin, deren Selbstbewusstsein umgekehrt proportional zu ihren Fähigkeiten steht. Deren Honorarnoten exorbitant, ihre Erfolge für ihre Mandantin aber sehr überschaubar sind.

So gelang es ihr zwar, die Publikation des Buchs «Die Zuger Landammann-Affäre. Eine Recherche» um gut zwei Jahre zu verzögern, aber nicht zu verhindern. Auf sehr wackeligen Füssen steht auch ihre Klage nach Gewinnherausgabe gegen den Ringier-Verlag. Hier lehnte die Beteiligte ein Angebot zur Güte – 150’000 Franken Entschädigung, Entschuldigung plus zweiseitiges Interview mitsamt Werbung für ihre Organisation – ab. Schlecht beraten von einem Irrwisch, der behauptet, der Verlag habe mit seinen Artikeln über die Affäre einen Gewinn von rund einer Million Franken gemacht. Oder einen Umsatz, was für den Finanzlaien das Gleiche ist.

Zurechnungsfähige Berechnungen gehen von vielleicht 10’000 Franken aus. An diesem Beispiel zeigt sich, wie die Beteiligte immer mehr in einen von ihr nicht mehr kontrollierbaren Strudel von Folgewirkungen geraten ist. Der Verein und ihre rechtlichen Auseinandersetzungen brauchen Geld, dafür wurden immer wieder Spendenaktionen losgetreten. Die Buchhaltung des Vereins und das erratische und herrschsüchtige Verhalten der Beteiligten führte zum sofortigen Rücktritt zweier Vereinspräsidentinnen – und ihrer Nachfolgerin.

Inzwischen ist die Recherche von Binswanger erschienen, so mehr oder weniger. Es ist eine faktengetreue Darstellung all dessen geworden, was über die Affäre bekannt ist oder recherchiert werden kann. Das Buch wertet nicht, aber sein Inhalt macht sehr verständlich, dass die Beteiligte alle Hebel in Bewegung setzen will, seine Publikation zu verhindern. Laut der Autorin wird inzwischen auch ihr deutscher Verlag vom berüchtigten Medienanwalt Ralf Höcker bedroht. Da der genau wie die Schweizer Anwältin der Beteiligten für seine barocken Honorarnoten bekannt ist, erhebt sich wieder einmal die Frage, woher sie eigentlich all das Geld für diese Interventionen und Prozesse hat.

Hasserfüllte Kämpferin gegen Hass

Denn durch ihre Unbeherrschtheit und eigene Unfähigkeit verspielte sie sich sogar staatliche Subventionen, was angesichts der Sympathie amtlicher Stellen für ihre Anliegen erstaunlich ist. Kritiker daran, darunter sogar eine Ex-Präsidentin, wurden öffentlich diskreditiert und aus dem Verein ausgeschlossen – ein bei sektenähnlichen Gebilden typisches Vorgehen. Abgesehen von der Anerkennung einer Persönlichkeitsverletzung haben die Beteiligte und ihre Anwältin bislang alle Prozesse krachend verloren.

Um die Publikation dieses Buchs zu verbieten, rekurrierte die Anwältin sogar gegen eine peinliche Niederlage vor dem Bundesgericht – gegen das Bundesgericht beim Bundesgericht. Um unweigerlich eine weitere Klatsche abzuholen. Hier greift zunehmender Realitätsverlust um sich, ein klares Alarmsignal.

Während das männliche Opfer weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden ist und wohl auch durch diese Publikation nicht nochmal in den Fokus gerät, hält die Beteiligte mit der Behauptung, sie wolle eigentlich nur in Ruhe gelassen werden, mit ihren unermüdlichen Kampagnen auf den sozialen Plattformen und polemischen Stellungnahmen gegen alle ihre Kritiker sich selbst im Gespräch.

Auch wenn in der Öffentlichkeit zunehmend Ermüdungserscheinungen sichtbar werden; das hasserfüllte Verhalten der Kämpferin gegen Hass im Internet, ihre beratungsresistente Selbstgewissheit, die keinerlei Selbstkritik zulässt, stösst zunehmend ab.

Auf der anderen Seite hat sie diese Tätigkeit zu ihrem Lebensinhalt gemacht und ist auch finanziell davon abhängig. Also kann sie gar nicht aufhören, ist geradezu süchtig nach medialer Aufmerksamkeit.

Es bleiben nur Opfer zurück

Was auch immer in dieser Nacht in Zug geschah: es blieben zwei Opfer zurück. Eines wurde zuerst als Täter verdächtigt, dann von jedem Verdacht entlastet. Blieb zurück als beschädigtes Opfer ohne grosses Selbstverschulden. Die andere bezeichnete sich von Anfang an als Opfer, insinuierte zunächst, dass sie Opfer des namentlich bekannten männlichen Beteiligten sei. Als sich das nicht mehr halten liess, mutierte sie zum Opfer ohne Täter.

Sie glaubt dabei an Karma. In einer ihrer dunkelsten Stunden behauptete die Beteiligte vor laufender Kamera, dass zahlreichen ihrer Gegenspieler Übles widerfahren sei, Karma eben. Ein sie verleumdender Wirt habe einen schweren Unfall erlitten, ein gegnerischer Anwalt, «ein ganz, ganz böser Mensch, der ist sogar erschossen worden».

Sie spielte damit auf den «Weltwoche»-Anwalt an, der vor Gericht gegen sie angetreten war. Der wurde vor den Augen seiner Kinder als alleinerziehender Vater von einem Nachbarn getötet, worauf sich der Schütze das Leben nahm.

Solche Ausrutscher weisen darauf hin, dass sich die Beteiligte weitgehend in einer eigenen Welt verloren hat. Unabhängig davon, ob sie vor inzwischen 8 Jahren zum Opfer wurde oder nicht: seit vielen Jahren ist sie nun Opfer.

Opfer ihrer selbst.

Konzernjournalist Tobler

Der Prototyp des Niedergangs des Qualitätsjournalismus.

Wer im sich zu Tode sparenden Journalismus überleben will, muss flexibel sein. Sehr flexibel. In alle Richtungen dehnbar, verwandelbar, immer zur Stelle, wenn es gilt, eine Meinung abzusondern. Die eigene? I wo.

Andreas Tobler ist der Mann für alle Fälle bei Tamedia. Einen unliebsamen Konkurrenten niedermachen? Tobler begeht sogar Rufmord am Rufmord.  Es geht gegen den Chefredaktor der NZZaS? Auf ihn. Es geht gegen die neue Radiostation «Kontrafunk»? Hau drauf. Faktenbefreit und meinungsstark.

Es geht drum, einen Kritiker des Schweizer Staatsfernsehens niederzumachen? Tobler liefert die Schmiere dafür. Verständnis für den Genderwahn und für Frauen im Allgemeinen heucheln? Tobler ist zur Stelle.

Schon ganze 32 Mal musste sich ZACKBUM mit dieser Zierde seines Berufs befassen. Jedes Mal dachten wir: eine Steigerung ist nicht mehr möglich. Jedes Mal zeigt uns Tobler: doch. Tamedia hilft dabei. Denn offenbar stockt der Nachschub mit Secondhand-Artikeln aus München. Was  tut da ein Qualitätsmedium, um dem Konsumenten den Kauf schmackhaft zu machen? Es rezykliert ausgewählte Artikel und präsentiert die auf seiner Homepage, als wären sie gerade aus dem Ei geschlüpft.

Vielleicht ein Test des Kurzzeitgedächtnisses des Lesers. Oder man will die Reaktion provozieren: über diesen Unsinn habe ich mich doch schon mal geärgert. Das trifft eigentlich auf jeden Artikel der Literaturchefin Nora Zukker zu. Ganz trübe wird’s bei der regelmässig, wenn Alkohol im Spiel ist:

Das beschwipste Interview ist vom 11. Juni, aber es prangt stolz wieder auf der aktuellen Homepage des «Tages-Anzeiger». Vielleicht soll das ZACKBUM provozieren, aber wir bleiben nüchtern.

In diesem Ringelreihen «empfiehlt» die Redaktion aktuell besonders auch diesen Artikel:

Diese «exklusive Recherche» gerann zu einem Buch von Andreas Tobler. Darüber durfte er selbst ganz exklusiv am 24. April 2022 auf zwei Seiten in der «SonntagsZeitung» berichten. Tobler erzählt hier die Geschichte der WG in der Bändlistrasse in Zürich nach. Dafür blendet er zum April 1972 zurück. Es waren wilde Zeiten damals. 1968 waren die Studenten in Europa und in den USA auf die Strasse gegangen und wollten alles ändern. Das System, den Kapitalismus, die Welt. Hatte nicht ganz geklappt.

Danach splitterte sich die Bewegung auf. Die einen traten den Marsch durch die Institutionen an, die anderen gaben auf und verschwanden in Landkommunen, im Drogenrausch oder setzten sich zu Füssen eines Gurus. Wieder andere kamen zur Überzeugung, dass das herrschende Schweinesystem nur mit Gewalt geändert werden könnte. Gewalt gegen Sachen, Gewalt gegen Personen. Gegen die Charaktermasken des Kapitals.

Da sprang im April ’72 ein junger Mann im LSD-Rausch durch die Scheibe der WG in der Bändlistrasse und landete schwer verletzt auf der Strasse. Die Polizei durchsuchte, fand Waffen, Sprengstoff, die kindische Inschrift RAF an der Wand. Das stand für «Rote Armee Fraktion», eine Gruppe von Linksterroristen in Deutschland. Ihre militanten Mitglieder um Andreas Baader, Gudrun Enslin und der ehemaligen «konkret»-Kolumnistin Ulrike Meinhof hatten gerade ihr erstes Autobombenattentat verübt. Später sollten sie mehrere deutsche Wirtschaftsführer ermorden, berühmt wurde die Entführung und Hinrichtung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.

Es gab damals enge Kontakte zwischen der Bändlistrasse und der RAF. Es gab enge Kontakte zwischen Schweizer Linksradikalen und Linksterroristen in Deutschland und in Italien, insbesondere zu den Brigate Rosse, den Roten Brigaden.

Tobler hatte einen Überlebenden und Zeitzeugen aufgetrieben, der ihm offen Auskunft über die damaligen Zeiten gab. Dazu stellt Tobler die üblichen Geschichten von André Chanson und Co. Im Mai gab es dann eine Buchvernissage, moderiert vom Westentaschen-Co-Chefredaktor Mario Stäuble vom «Tages-Anzeiger».

Dabei wäre ein ehemaliger Chefredaktor des Tagi viel geeigneter gewesen, über dieses Thema zu diskutieren. Er hätte viel aus eigenem Erleben beisteuern können. Das hätte sich auch prima bebildern lassen. Denn vom Augenzeugen des damaligen Fenstersprungs veröffentlichte Tobler das Polizeifoto:

Nun hätte man Res Strehle genau gleich für den Anlass porträtieren können:

Screenshot Artikel «Weltwoche».

Die Verhaftung von Strehle fand 1984 statt, also 12 Jahre später. Diesmal waren es die Zeiten der 80er-Jugendbewegung. Der nicht mehr so ganz jugendliche 32-jährige Strehle hatte mit Gesinnungsgenossen ein Gebäude nahe dem Zürcher Stauffacher besetzt, sozusagen einen Steinwurf von seiner späteren Wirkungsstätte beim «Tages-Anzeiger» entfernt. Auch damals waren Brandanschläge im Schwange, so wurde die McDonald’s-Filiale am Stauffacher von «Aktivisten» abgefackelt.

Im Februar 2013 veröffentlichte der damalige «Weltwoche»-Redaktor Philipp Gut unter dem Titel «Der süsse Duft des Terrorismus» die Ergebnisse seiner Recherche in der linksradikalen Vergangenheit des damaligen Tagi-Chefredaktors. Der hatte sich inzwischen dem Marsch durch die Institutionen angeschlossen und war bequem auf einem Chefsessel gelandet. Während er sich allerdings früher noch für die Unterdrückten und Entrechteten eingesetzt hatte, exekutierte Strehle damals die ersten Sparrunden des Konzerns mit brutaler Effizienz.

Was wohl der jüngere Strehle vom älteren gehalten hätte? Denn noch 1993 «verfasste Strehle einen krachenden Nachruf auf die Schweizer Terroristin Barbara Kistler», der sei dann sogar der von Strehle mitbegründeten WoZ  zu radikal gewesen, merkt Gut süffisant an, sie verweigerte, auch wegen inhaltlichen Fehlern, den Abdruck. Kistler hatte sich in der Türkei einer leninistischen Splittergruppe angeschlossen, «sie ist nicht im Bett gestorben, sondern mit der Waffe in der Hand, wie es ihr Wunsch war», schwärmte Strehle damals. Ebenfalls vom konsequenten Handeln, die Revolutionärin habe «für viele Genossinnen und Freundinnen einen Massstab gesetzt».

Aber nicht für Strehle, der solche Kämpfe lieber aus Distanz wohlwollend mit Worten begleitete. Schon 1986 hatte er über eine portugiesische Terrorgruppe geschwärmt und den Lesern erklärt: «Revolutionäre Gewalt ist die Antwort auf die Repression des Staates, die den Arbeitern zeigen soll, dass es auch andere Formen des Klassenkampfs gibt.» Klassenkampf wurde für Strehle dann aber immer mehr der Kampf um einen Platz in der Business Class, mit möglichem Upgrading in First.

Noch 1984 war er Fan von «der Zerstörung des kapitalistischen Staats durch die sozialistische Revolution». Aber spätestens ab 2009 war er dann für die Zerstörung eines kleinen Teils des Profits des Coninx-Clans, indem er erst als Co-, dann als alleiniger Chefredaktor ein exorbitantes Gehalt bezog.

Also wer wäre prädestinierter gewesen, die Vernissage des Buchs von Tobler mit eigenen Erfahrungen zu bereichern. Aber so meinungsstark Strehle als Chefredaktor auch war, indem er unzählige staatstragende Kommentare absonderte, so schweigsam ist er, was seine linksradikale Vergangenheit betrifft. Als alter Medienprofi machte er das einzig Richtige: er sagte nichts. Keine Stellungnahme, keine Erwiderung, keine Erklärung. Nichts. Er setzte nur juristisch die Streichung einiger Passagen im WeWo-Artikel durch und beschwerte sich beim Presserat, der als Köppel-Hasser natürlich eine «Verletzung der Privatsphäre» Strehles monierte.

Einen besonders widerlichen Geruch bekommt diese alte Affäre dadurch, dass Tobler bekanntlich einen sogenannten «künstlerischen Mordaufruf» gegen den WeWo-Chefredaktor Roger Köppel verharmloste. Das sei doch nur ein «Theatermord», der als Reaktion auf Äusserungen Köppel «verstanden werden» könne, sülzte Tobler. Und sein damaliger Chef Strehle sah darin keine «journalistische Fehlleistung».

Vielleicht ein kleiner nostalgischer Rückfall in seine eigene Vergangenheit. Nun ist es aber so, dass in dem ganzen Buch von Tobler über die Bändlistrasse, Linksterrorismus und die bewegten Zeiten in den 70er- und 80er-Jahren zufällig ein ziemlich prominenter Name fehlt. Der ist dem Recherchiergenie irgendwie entgangen. Durchs Raster gefallen. Entwischt. Welcher Name? Ach, den wollen wir nicht enthüllen; unsere intelligenten Leser kommen sicherlich nach reiflichem Nachdenken auf das richtige Resultat. Kleiner Tipp: Der Mann mit diesem Namen ist zwar schon längst pensioniert, veröffentlicht aber jährlich einen «Qualitätsbericht» über das Schaffen von Tamedia. Jeweils ein Quell unbändigen Gelächters für die Leser.