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Der Überflieger

NZZ-Redaktor Thomas Milz schwadroniert über Kuba.

Laut eigenem Bekunden hält sich Milz «bevorzugt auf lateinamerikanischen Flughäfen» auf. Dadurch fühlt sich der geborene Remscheider wohl zum Überflieger prädestiniert.

Also darf er seine Existenzberechtigung mit ein paar Spalten Geschwabbeltem untermauern:

Um die Frage kurz und bündig zu beantworten: nein.

Aber damit füllt man natürlich nicht den Platz im ansonsten immer noch herausragenden Auslandteil der NZZ. Nach dem Fragetitel ist vor dem Frageeinstieg: «Steht eine Militäraktion der USA gegen Kubas Ex-Präsidenten Raúl Castro kurz bevor?» Auch da ist die Antwort: nein.

Die USA verwenden als neue Drohung eine Anklage wegen des Abschusses von zwei Kleinflugzeugen anno 1996. Eine von kubanischen Spionen unterwanderte Exilgruppe in Miami provozierte unablässig das Regime auf der Insel, indem sie in den Luftraum eindrang und beispielsweise über Havanna Flugblätter herabregnen liess. Nachdem sie mehrfach gewarnt wurden, das zu unterlassen, befahl der damalige Verteidigungsminister Raúl Castro schliesslich den Abschuss.

Etwas, was die USA ständig machen, nebenbei.

Aber für Überflieger Milz ist das natürlich Anlass, Parallelen zur Anklage und Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro zu ziehen. Der wurde am 3. Januar gekidnappt, wobei Dutzende von Venezolanern und auch fast alle seiner kubanischen Leibwächter gekillt wurden.

Ginge das auch bei Castro, fragt sich Milz. Dann lässt er seine tropische Fantasie walten: «Obwohl Raúl Castro seit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959 die wichtigsten Staatsämter innehatte, ist wenig über sein Privatleben bekannt. Bereits in seiner Zeit als Kubas Verteidigungsminister und als Präsident in der Nachfolge seines Bruders Fidel von 2008 bis 2018 gab es nur Gerüchte darüber, wo er lebt und welche Sicherheitsmassnahmen rund um seine Person in Kraft sind.»

Das ist nun alles falsch. Castro war mit Vilma Espín verheiratet, einer prominenten Guerillera und Revolutionärin, mit der er vier Kinder hat, darunter Mariela Castro, die sich als Lesbierin für Frauenrechte einsetzt. Sein Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro spielt nicht nur eine wichtige Rolle beim Personenschutz seines bald 95-jährigen Grossvaters, sondern führt auch an Kubas Präsidenten vorbei Verhandlungen mit den USA.

Aber wo lebt denn Castro? Da wirft Milz mit verschiedenen Stadtteilen von Havanna um sich. Einmal soll es Atabey sein oder in der Nähe von El Laguito, wo sich auch die berühmte Cohiba-Tabakfabrik befindet. Oder in der «Stadt» Playa, die allerdings in Wirklichkeit ein Stadtteil oder Municipio von Havanna ist.

Aber aus der Vogelperspektive kann man so Sachen halt nicht genau erkennen. Dann schweift Milz etwas in die Geschichte: «Bereits seinem Bruder Fidel war nachgesagt worden, dass er über Dutzende über die Insel verteilte Luxusimmobilien verfüge. Seine dortigen Aufenthalte wurden stets geheim gehalten und von einem grossen Sicherheitsapparat begleitet.»

Warum das wohl?

«Dies sollte den Revolutionsführer vor den Mordkomplotten des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA schützen, der zahlreiche Attentatsversuche gegen Fidel Castro unternommen haben soll.»

Soll? Vielleicht waren es nicht über 500, wie im Museo del Ministerio del Interior behauptet wird. Aber viele Dutzend waren es schon.

Zudem war jedem, den es interessierte, bekannt, dass Fidel Castro auf einem weitläufigen Gelände nahe der Marina Hemingway lebte. Dorthin fuhr er jeweils in einer Kavalkade aus drei schwarzen Mercedes, die ihm der libysche Diktator Gaddafi geschenkt hatte.

Gelegenheit für eine nicht von aussen fabulierte, sondern als NZZ-Korrespondent in Havanna erlebte Anekdote. Als diese drei Limousinen meinen Jeep auf der Prachstrasse Quinta Avenida überholten, drückte der mutige Journalist aufs Gaspedal und hängte sich dran.

Kurz darauf wurde im hintersten Wagen die Seitenscheibe heruntergelassen und ein olivgrün bekleideter Arm kam zum Vorschein. Er tätschelte den Boden, auf Kuba das klare Signal: bremse und halte Abstand. Davon lässt sich ein harter Reporter natürlich nicht abschrecken. Also wurde der Arm zurückgezogen – und kam mit einer Kalaschnikow wieder zum Vorschein. Diesem dezenten Hinweis konnte der Journalist dann nicht widerstehen.

Milz hingegen weiss: «Auch Raúl wird stets von einem extrem dichten Netz aus Personenschützern und Spezialeinheiten des Innenministeriums begleitet.» Es geht. Als der kleine Bruder des grossen Castro noch ganz in der Nähe des NZZ-Korrespondenten im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte, war das keineswegs von einem «extrem dichten Netz» umgeben. Jeder im Quartier kannte diesen Wohnsitz, und seine Besonderheit war lediglich, dass man vor ihm, sollte man dort parkieren wollen, von einem Olivgrünen höflich, aber bestimmt weggewiesen wurde.

Im Gegensatz zu seinem Bruder verwendet Raúl Castro übrigens BMW zur Fortbewegung.

Was Milz hingegen aus der Flughafen-Perspektive völlig übersieht: Trump ist’s mehr um einen Deal mit dem Castro-Clan und dem militärisch industriellen Komplex GAESA. Was die Exilkubaner allerdings ganz anders sehen. Das ist das eigentlich interessante Spannungsfeld.

Stattdessen wilde Spekulationen, Ungenauigkeiten, Unkenntnis. Oder in einem Wort: Platzverschwendung. Vielleicht sollte Milz besser über lateinamerikanische Flughäfen schreiben, da scheint er sich auszukennen.