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Blöd-«Blick»-TV

Journalisten interviewen Journalisten. Wie verzweifelt muss man sein?

«Blick» hätte theoretisch eine USA-Korrespondentin. Eine Anfängerin, die weit weg vom Geschehen in San Diego lebt. Dann hat «Blick» noch den «USA-Kenner» Peter Hossli. Der war ein paar Mal auf der anderen Seite des Teichs, das reicht schliesslich. Ausserdem steht er inzwischen auf der Gehaltsliste von Ringier, also muss er ran, wenn er rangepfiffen wird.

Aber das lässt sich noch toppen. In der Herzensangelegenheit von CEO Marc Walder interviewte die Moderatorin doch tatsächlich – eine CNN-Journalistin. Die stand Ortszeit um 6 Uhr morgens vor dem Club, den Donald Trump als seinen Hauptwohnsitz benutzt und der vor Kurzem vom FBI durchsucht worden war.

Nun hat selbst eine CNN-Reporterin zu dieser frühen Morgenstunde eigentlich nichts zu tun, wieso nicht ein paar Extramäuse machen, indem man sich von «the big Swiss TV Station» oder so interviewen lässt. Neues wusste die CNN-Dame nicht zu vermitteln, aber wieso auch Neues bringen, es heisst doch «Blick TV», nicht «News TV».

Also durfte nochmals durchgekaut werden, dass doch tatsächlich Agenten in den Wohnsitz von Trump eindrangen, dort anscheinend Dokumente sicherstellten. Dagegen gab es ein paar Proteste, aber auch befürwortende Stimmen. Das alles hat jeder schon mitbekommen, der in den letzten Stunden News hörte.

Eigentlich gibt es selbst im Elendsjournalismus wenig, das verpönter ist als sich selbst interviewende Journalisten. Aber wenn man schon eine hübsche Stange bezahlt, um das Videomaterial von CNN verwenden zu dürfen, dann kriegt man auch noch ein Extra draufgelegt. Wobei die Amis sicherlich zuerst erstaunt fragten: «You want what? But there’s no news at the moment.» Seither dürfte bei CNN die Rede von «crazy Swiss» sein, «perhaps they eat too much chocolate over there» könnte ein Erklärungsversuch sein.

Hoppla, Beni

Kommt eher selten vor, ist immer peinlich.

«Inside Paradeplatz» fährt gerne einen scharfen Reifen, wenn es um die Kritik an Finanzhäusern geht. Das gibt natürlich ab und an Ärger. Aber wenn die Zahlen stimmen, wird zwar mit den Zähnen geknirscht, der Anwaltskanzlei gedroht und überhaupt getobt. Aber das legt sich dann schnell wieder.

Auch bei Beni Frenkel stimmten die Zahlen, als er sich dem neusten Projekt von Patrizia Laeri annahm, ElleXX. Allerdings griff er dabei in die untere Schublade sexistischer Bemerkungen, die dann gelöscht werden mussten. Was schade war, weil die inhaltliche Kritik berechtigt und richtig blieb.

Etwas schummriger wurde es, als sich Frenkel das Ringier-Blatt «Fritz + Fränzi» zur Brust nahm. Die Herausgeberschaft fand das überhaupt nicht komisch: «Herr Frenkel hat der Stiftung Elternsein in der vergangenen Woche über verschiedene Kanäle drei Fragen schriftlich zukommen lassen. Wir haben diese Fragen ausführlich beantwortet und uns darüber hinaus Zeit genommen, auch Rückfragen zu beantworten. Wir sind ausserordentlich erstaunt, feststellen zu müssen, dass ganz offensichtlich vorsätzlich unsere Antworten in keiner Weise in den Text eingeflossen sind, sondern gezielt Falschinformationen gestreut werden.»

Was sagte dann Frenkel zu diesen massiven Vorwürfen? Leider hatte er per sofort ein Schweigegelübde abgelegt. Also haben wir uns die Mühe gespart, ihn zu seinem jüngsten Flop zu befragen. Denn diesmal behauptete er, dass «Blick TV» auch mal für haarscharf 25 Zuschauer sende, nicht etwa für ein Publikum, das in die Hunderttausende geht. Aber auf einem Instagram-Video sehe man die wahren Verhältnisse, höhnte Frenkel:

«Auf einem der Bildschirme im News-Room werden die Personen gezählt, die für Blick TV gerade den Vollbild-Modus einschalteten und den Ton auf hörbar einrichteten. Es sind: 25 Personen.»

Hammer. Weniger Zuschauer, als «Blick TV» Mitarbeiter hat. Die Moderatoren könnten jeden neuen Zuschauer persönlich begrüssen. Wäre das peinlich. Nun, peinlich wurde es wieder mal für Frenkel.

«Der Artikel basierte auf einer falschen Basis»,

hiess es dann plötzlich so stammelnd wie kleinlaut. «Er wurde gelöscht.» Ups.

Allerdings: wer sich die gelöschte Häme dennoch anschauen will, kleiner Geheimtipp: Im SMD ist sie noch in voller Pracht zu sehen …

Steile Lernkurve nach unten

CH Media haut Blick-TV – völlig uneigennützig. Blick-TV keilt zurück. Völlig unnütz.

Die grossen Medienclans der Schweiz setzen auf unterschiedliche Strategien. Ringier auf internationalen Gemischtwarenladen mit hohem Digitalanteil. TX Group auf nationalen Gemischtwarenladen mit streng getrennten Profitcentern, die alle den gleichen Profitansprüchen genügen müssen. Sonst wird gespart, bis es kracht.

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CH Media setzt mehr auf die elektronische Karte. Keine grossen Handelsplattformen, dafür das grösste Kopfzeitungsmodell der Schweiz plus Radio und TV. Lassen wir die NZZ mal aussen vor.

Von dort kommt Francesco Benini, der wohl gerne Chefredaktor der NZZaS geworden wäre. Allerdings stand ihm Jonas Projer in der Sonne, der wiederum von «Blick TV» eingewechselt wurde. Also mindestens zwei Gründe für Benini, auf CH Media genau diesem TV-Experiment Ringiers kräftig eins über die Rübe zu geben.

«Die Erwartungen waren hoch – aber das Interesse klein: Blick-TV als Fernsehsender ist gescheitert», titelte CH Media am Freitag. Von 17 Nachrichtensendungen am Tag sei das Angebot auf drei geschrumpft. Zusammenfassung: «Blick-TV wollte ein lineares Fernsehen sein und produziert nun vor allem Abrufvideos.»

Auch der Markt habe nicht wie erwartet reagiert, schreibt Benini: «Mitarbeiter berichten, dass die Nutzerwerte für die Angestellten anfänglich sichtbar gewesen seien. Als sich herausgestellt habe, dass das Publikumsinteresse gering sei, hätten die Vorgesetzten die Statistik verschwinden lassen.»

Also alles in allem dürfte sich die «Herzensangelegenheit» des Ringier-CEO Marc Walder bald versenden, vermutet Benini: «Auch das Erreichen der kommerziellen Ziele rückte in weite Ferne. Für Blick-TV investierte Ringier einen Millionenbetrag – die genaue Summe nennt das Unternehmen nicht. Schon nach weniger als einem Jahr war klar, dass das Projekt redimensioniert werden muss. Marc Walder hatte Blick-TV am Anfang drei Jahre Zeit gegeben, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Die Vorgabe stellte sich schnell als unerreichbar heraus.»

Eine vernichtende Kritik kann noch verstärkt werden

Vernichtend, lässt sich das noch steigern? Aber ja. Dann, wenn die ansonsten unsichtbare Oberchefin der «Blick»-Gruppe das Wort ergreift. Richtig, die Rede ist von Ladina Heimgartner, Mitglied «Executive Board», «Head of Global Media» und «CEO der Blick-Gruppe».

Die Dame mit der ausklappbaren Visitenkarte fiel das letzte Mal unangenehm auf, als sie sich im verloren gegangenen Abstimmungskampf um die Medienmilliarde mit einer Meinungskolumne zu Wort meldete. Böse Zungen behaupten, dass sie damit einen kleinen, aber feinen Beitrag zur Ablehnung an der Urne leistete.

Sie ernannte damals das Geschenk an notleidende Medienclans kurzerhand zur «überlebenswichtigen Übergangslösung». Das veranlasst natürlich die Frage, ob nun Ringier und gar auch Heimgartner nicht länger überlebensfähig sind. Es gibt immerhin zwei Gründe, an der Zukunft von Ringier zu zweifeln. Eben das Fehlen dieser überlebenswichtigen Hilfe. Und das Wirken von Heimgartner.

Die wirft sich nämlich für «Blick-TV» in die Bresche, wobei sie als ehemalige TV-Frau auch eigentlich die nötigen Voraussetzungen mitbringen sollte. Mangels anderer Angebote ergreift sie dafür gerne die Gelegenheit, auf persoenlich.com zurückzuschlagen. Und wie: «Der Artikel ist in weiten Teilen tendenziös und in einigen Punkten sogar schlichtweg falsch». Zack und bum.

Falsch ist falsch. Oder so

Nun macht Heimgartner allerdings etwas, was wohl selbst beim Rätoromanischen TV nicht gern gesehen würde: sie dementiert Behauptungen, die gar nicht im Artikel aufgestellt wurden : «Unsere Zahlen sind so hoch wie nie, das gilt für die Views bei Breaking-News im Live und erst recht bei Videos on Demand (VoD).» Benini hat nicht das Gegenteil behauptet. Nur, dass die Messung der Zuschauerzahlen verschwunden sei. Und neue, konkrete Zahlen nennt Heimgartner nicht. Schliesslich habe man die Rechte an der Übertragung von Eishockey-Matches erworben, führt Heimgartner weiter ins Feld; «würden wir dies tun, wären die Zahlen schlecht? Sicher nicht».

Wir können dem Fettnäpfchen nicht ausweichen, dass es sich hier wohl um angewandte weibliche Logik handle. Denn der Erwerb von Ausstrahlungsrechten kann sowohl ein Zeichen für Wohlergehen wie auch für die Suche nach mehr Reichweite sein.

Dann lehnt sie sich bar jeder Logik weit aus dem Fenster: «Blick TV wollte nie ein linearer Fernsehsender sein, sondern war von Beginn an als Digitalangebot mit Fokus auf mobile Nutzung gedacht und wurde auch so beworben.»

Vielleicht sollte zur steilen Lernkurve von Heimgartner gehören, nicht linear dem Oberchefredaktor Christian Dorer zu widersprechen. Der sagte nämlich zur Lancierung von «Blick-TV»: «Blick TV wird zum CNN für die Schweiz: Es ist der erste Breaking-News-Sender des Landes, die Zuschauerinnen und Zuschauer erhalten News, Einordnung, Analysen und Unterhaltung – also alle bisherigen BLICK-Themen in TV-Form.»

Linear oder digital oder so

Nun ist CNN doch eher ein linearer TV-Sender, und genau den wollte «Blick-TV» nachahmen, indem verkündet wurde, dass es von 6 bis 23 Uhr zu jeder vollen Stunde «eine neue Sendung mit den aktuellsten Top-News» gebe.

Nach dieser verlorenen Schlacht weiss auch Heimgartner, dass Angriff die beste Verteidigung ist und keilt noch zurück. Man habe schliesslich dazugelernt: «Wer diese Lernkurve als Zeichen für «Scheitern» werte, habe die Grundregeln der digitalen Transformation nicht verstanden, so Heimgartner weiter. «Eine steile Lernkurve ist für uns ein Zeichen von Stärke. Wir sind stolz darauf.»»

17 Stunden Live-Programm wurde versprochen. Das riecht nach linear, sieht wie linear aus und ist linear. Oder war’s. Ist das vielleicht peinlich, wenn sich eine TV-Frau an den Begrifflichkeiten vergreift. Statt einfach zuzugeben: falsch gestartet, rumgerudert, neue Versuche. Lernkurve eben, allerdings bei horrenden Kosten. Besonders resilient, um ihren Lieblingsausdruck zu verwenden, scheint das nicht zu sein. Sie selbst ist’s allerdings sehr.

Wumms: Frank Urbaniok

Ein Psychiater im Kriegsmodus.

Zuletzt hatten Ferndiagnosen bei Donald Trump Hochkonjunktur. Viele Psychiater legten den damaligen US-Präsidenten auf die Couch und förderten Bedenkliches aus seiner Psyche hervor. Die Welt hat ihn überlebt.

Nun leidet der forensische Psychiater Frank Urbaniok an ADS. An einer speziellen Form des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms. 2018 trat er krankheitsbedingt nach 21 Jahren von seiner Position als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich zurück. In dieser Position war er ein häufiger Gast in der Öffentlichkeit; sozusagen der Experte der Wahl für alle psychiatrischen Fragen.

Hier ist’s wenigstens lustig …

Nun tritt er im Fachorgan für forensische Fragen auf, in «Blick TV». Dort wird er zu einer Ferndiagnose über den Geisteszustand von Präsident Putin befragt. Natürlich hat er seine Analyse zur Hand: Putin sei eine «kaltblütig manipulative Persönlichkeit», dazu «skrupellos». Solche «Psychopathen» hätten keine Hemmschwellen, ihr Handeln sei ausgerichtet nach reinem Nutzen, sie «können lügen, wie es andere nicht können».

Bis hierhin ist es eigentlich die Beschreibung eines Typus von Politiker, der überall vorkommt. Bei Putin komme noch hinzu, dass er «Angst und Schwäche» rieche, daher sei militärische Stärke etwas Wesentliches, man müsse ihm gegenüber «verteidigungsfähig sein», diagnostiziert Urbaniok.

Dann wird er ganz grundsätzlich:

«Manchmal muss man bereit sein, zu sterben, um leben zu können

Nun haben wir bekanntlich einen Doktortitel, sind aber nicht als Psychiater ausgebildet. Daher wagen wir nur in aller Vorsicht die Ferndiagnose, dass jemand, der einen solchen Nonsens-Satz von sich gibt, vielleicht selbst Hilfe braucht. Natürlich räumen wir ein, dass unsere Interpretation von ADS nicht mit der in Lehrbüchern übereinstimmt. Aber man kann doch nicht nur selbst unaufmerksam sein, sondern auch darunter leiden, dass man nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die man gewohnt ist oder braucht.

In diesem Sinne meinen wir hier einen Patienten vor uns zu haben. Vielleicht könnte das als Morbus Urbaniok in die Medizingeschichte eingehen.

Alles wird gut: Gysling ist wieder da

Es kann nur einen geben. Erich Gysling ordnet wieder die Welt. Scholl-Latour schaut von oben zu.

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Er ist Nahost-Experte. USA-Kenner, vertraut mit China. Afrika. Lateinamerika. Natürlich auch Russland. Arktis oder Antarktis, nichts ist ihm fremd. Er ist kein Spezialist, sondern ein Generalist. Seit Peter Scholl-Latour nicht mehr unter uns weilt, ist er der Letzte seiner Art.

Auch mit 85 Jahren und nur echt mit Halstuch, bringt er alle Voraussetzungen mit, um die komplizierte, unverständliche Welt in verständliche Häppchen zu zerlegen. Auch nach vielen Jahren noch mit dieser angenehmen TV-Stimme und diesem weltmännischen Flair. Dieser Mann verdient Vertrauen.

Nun ist er auch noch Sicherheits-Experte geworden, auf seine alten Tage. In dieser Eigenschaft hat ihn «Blick TV» vor die Kamera geholt. Ganze 25 Minuten lang darf er uns die Ukraine erklären. Damit das den «Blick»-Zuschauer nicht überfordert, wurde das Marathon-Interview in drei Abschnitte aufgeteilt.

Schon ganz am Anfang zeigt Gysling, dass er im Kopf immer noch viel vifer ist als der «Blick»-Moderator. Der steigt nämlich mit der Frage nach einem «Flugverbot» über der Ukraine ein. Gysling erklärt dann des Langen und Breiten, dass ein solches Flugverbot gar nicht durchsetzbar oder möglich sei, weil es zu einer direkten Konfrontation zwischen NATO und Russland führen würde. Wobei beide Seiten über Atomwaffen verfügen.

Klare Antwort, aber der Moderator muss seinen Zettel abarbeiten und fragt nach: «So ein Flugverbot hätte also grosse Auswirkungen auf den Krieg?» Da zeigt sich nun die überlegene Souveränität eines  TV-erprobten Urgesteins. So jemanden könnte man dreimal hintereinander nach seiner Wetterprognose für morgen fragen. Und bekäme dreimal eine höfliche, leicht abgewandelte Antwort.

Flüssige Wiederholung von längst Bekanntem

Also macht Gysling nicht den Helmut Schmidt und staucht den Moderator nicht zusammen, mit der eigentlich fälligen Bemerkung: das haben Sie doch gerade schonmal gefragt, und ich hab’s beantwortet. Sondern mit der Engelsgeduld, die man auch einem begriffsstutzigen Schüler gegenüber aufbringt, erklärt Gyling nochmal, dass das Flugverbot schon eine riesige Auswirkung hätte, da es aber nicht verhängt werde, hat’s dann doch keine.

Die übrigen Minuten des Interviews füllt Gysling mit flüssiger Wiederholung von längst Bekanntem. Erstaunlich zahlensicher, erstaunlich eloquent, ein Profi halt. Auch den ganz grossen Fragen weicht er nicht aus. Ob es einen Atomkrieg geben könne? «So wahnsinnig ist Putin nicht», beruhigt Gysling. Zumindest hoffe er das schwer.

Leicht irrtiert wirkt er höchstens, als der Experte für alles am Schluss gefragt wird, wie es denn wohl weitergehe in der Ukraine. Da muss er eingestehen, was wiederum von Grösse zeugt, dass er auch nicht in die Zukunft blicken kann und deshalb keine Ahnung habe. Militärisch sei es sicherlich eine klare Sache, aber wenn Russland die Hauptstadt der Ukraine erobert hat und eine Marionettenregierung einsetze, was das dann mit der Ausübung der wahren Kontrolle oder Macht zu tun haben werde, keine Ahnung.

Länger hatte Gysling geschwiegen; ZACKBUM machte sich schon Sorgen, wie lange es die Welt ohne seine Ratschläge, Einschätzungen und Erklärungen aushält. Aber jetzt ist er wieder da, alles wird gut.

Wir verleihen Gysling zudem einen neuen Titel. Er ist auch der Meister in der höflichen Beantwortung dümmlicher und repetitiver Fragen. Das muss man auch mal bringen. Ausführlich erklären, wieso etwas nicht stattfinden wird. Um dann gefragt zu werden, was es denn für Auswirkungen habe, geschähe es eben doch.

Wumms: Mauro Mantovani

Wer wird Chefexperte? Hier der zweite Versuch des «Blick».

Immerhin: Mauro Mantovani ist Head, Department of Strategic Studies bei MILAK at ETH Zurich. MILAK steht für Militärakademie. Wenn man Wikipedia glauben darf, ist das die «Ausbildungsstätte für die Aus- und Weiterbildung der Berufsoffiziere der Schweizer Armee. Sie ist ein national und international anerkanntes Kompetenzzentrum für Militärwissenschaften».

Allerdings muss man sich Sorgen um die Ausbildungsqualität der Schweizer Offiziere machen. Denn ein leicht zerstreuter «Head» stottert im «Blick TV» vor sich hin und hat gelegentlich Mühe, einen Satz korrekt und siegreich zu beenden.

Mantovani hat immerhin eine interessante Erklärung, was die Ausrufung erhöhter Alarmbereitschaft bedeute. Don’t panic, nun könne der Befehlshaber vor Ort, bspw. in einem Atomsilo, den Entscheid nicht mehr autark treffen. Es handle sich vielmehr um eine «Straffung der Entscheidungsstruktur».

Ohä. Vorher konnte laut dem «Head» also ein Kommandeur, sagen wir auf der Halbinsel Kamtschatka, einen Atomkrieg entfesseln, wenn ihm seine Videospiele zu langweilig geworden wären?

Nun aber sei es so, dass Putin wohl nicht alleine losschlagen könne; auch der Verteidigungsminister und der Militärchef sässen dann an dem Tisch, «wo der rote Knopf äh, äh angebracht ist». Hoffentlich ist das nicht dieser lange, weisse Tisch, an dem Präsident Putin vor der Invasion ausländische Staats- und Regierungschefs empfing.

Das wird uns sicher wieder Minuspunkte in der Bewertung als genderneutrale Institution eintragen, aber wir können es nicht lassen, bei diesem Screenshot die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Lippen der Moderatorin zu lenken. Wir haben da einen Verdacht, den wir aber nicht äussern wollen.

Das erste Opfer des Kriegs

Nein, das ist nicht die Wahrheit. Weil es immer nur Wahrheiten gibt.

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Das erste Opfer eines Kriegs ist die Bereitschaft zur Nachdenklichkeit. Ist der Verlust der Einsicht, dass niemand die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Stattdessen ist der Wettbewerb eröffnet: wer formuliert mit möglichst wenig Kenntnissen eine möglichst starke Meinung?

Dabei gibt es bislang nur eine unumstössliche Tatsache: Es ist ein durch nichts zu rechtfertigender Angriffskrieg. Es ist keine präventive Verteidigung. Es ist keine Aktion zur Entnazifizierung und auch nicht zur Verhinderung eines Genozids.

Sonst aber ist es alles, was Grossmächte halt ab und an so tun. Was die USA samt ihren westlichen Verbündeten in Vietnam, in Afghanistan, im Irak und in den Gebieten des sogenannten arabischen Frühlings taten und tun. Es ist das, was die europäsichen Verbündeten und die NATO insgesamt in Jugoslawien taten. Einen völkerrechtswidrigen Krieg zu führen nämlich, der nicht zuletzt in der völlig illegalen Abspaltung des Kosovo von Serbien endete, begleitet von Massakern allerorten.

Das macht die serbische Regierung nicht zu einer Versammlung von Chorknaben, genauso wenig wie die ukrainische. Noch 2014 gab es die Beteiligung von Neofaschisten an der ukrainischen Regierung, bis heute spielt das Regiment Asow, dem ukrainischen Innenministerium unterstellt und voller bewaffneter Neofaschisten, eine unrühmliche Rolle.

Die armen, uninformierten Russen

Weit verbreitet ist das Bedauern, dass die russische Bevölkerung leider nur von staatlich gelenkten Medien beschallt werde, was natürlich die Zustimmungswerte für Diktator Putin erkläre. Das ist ein typisches Beispiel für fehlende Fähigkeit zur Differenzierung.

Es ist grundsätzlich richtig, dass beispielsweise der auch auf Deutsch erhältliche Sender «Russia Today» die Karikatur eines nach journalistischen Prinzipien arbeitenden Newsverarbeiters ist. Die russischen TV-Programme, die grossen russischen Zeitungen, unbrauchbar. Aber: dank Internet kann sich jeder Russe, etwas Gelenkigkeit vorausgesetzt, beliebig informieren, aus allen erhältlichen Nachrichtenquellen der Welt.

Was die Schweizer Mainstream-Medien bieten, unterscheidet sich nicht gross von der disqualifizierenden Berichterstattung über die Pandemie. Repetitive Schwarzweiss-Malerei, oberflächliches Gehampel, verzweifelte Suche nach «Experten», die die Angst vor einem Atomkrieg zerstreuen sollen.

Jeder Schweizer kann sich aus allen alternativen Nachrichtenquellen der Welt bedienen. Wer sich die Zeit nehmen will, ein wenig Gegengift gegen den Mainstream aufzunehmen, dem sei ein schon älterer Artikel empfohlen.

Man bedauert, dass viele dieser warnenden Stimmen für immer verstummt sind. Unter den hier aufgeführten nur ein Zitat:

«Wir, die Unterzeichner, glauben, dass eine weitere NATO-Osterweiterung die Sicherheit unserer Alliierten gefährden und die Stabilität in Europa erschüttern könnte. Es besteht für die europäischen Nachbarn keine Bedrohung durch Russland.»

Welcher russlandhörige Kurzdenker hat denn das formuliert? Nun, es handelte sich um niemand geringeren als den für den Vietnamkrieg verantwortlichen ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara.

Oder ein Zitat des Kriegsverbrechers und Kältesten aller kalten Krieger, Henry Kissinger: «Um zu überleben und sich zu entwickeln, darf die Ukraine Niemandes Vorposten sein. Vielmehr sollte sie eine Brücke zwischen beiden Seiten darstellen. … Dabei sollten wir uns um Versöhnung bemühen, und nicht um eine Dominanz einer der Fraktionen. … Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist keine Politik. Sie ist ein Alibi für die Abwesenheit von Politik

Und der Elder Statesman Helmut Schmidt liess ebenfalls keinen Zweifel an seiner Meinung über eine mögliche Aufnahme der Ukraine in die EU und die NATO: «Das ist Größenwahn, wir haben dort nichts zu suchen.»

Jeder kann sich irren. Nur der «Experte» nicht

Natürlich können sich auch alle diese Herren irren. Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, dass in den Mainstreammedien, in der sogenannten freien Presse des Westens, in den von drei Medienclans beherrschten Tageszeitungen der Schweiz keine einzige Stimme Gehör findet, die sich um etwas Differenzierung bemüht.

Stattdessen geht die verzweifelte Suche nach Russland-Erklärern weiter. Genauer nach Figuren, die wie gewünscht in den Echo-Chor der Putin-Verdammer einstimmen. Neuster Versuch von «Blick TV»: Ulrich Schmid. Der HSG-Professor fantasiert von einem möglichen Zusammenbruch des Regimes und analysiert mit unglaublichen prognostischen Fähigkeiten: «Ich könnte mir vorstellen, dass die Einschüchterung massiver wird

Der Mann mit der Glaskugel: Zukunftsseher Ulrich Schmid.

Für solche Erkenntnisse sind wir echt dankbar, denn dafür muss man Slawistik studiert haben.

Viel Gezimmer um nichts?

Die «Weltwoche» hat einen Angriff auf die NZZaS lanciert. Ist was dran?

Die Story ist gut. Der damals frischgebackene NZZaS-Chefredaktor Jonas Projer zensiert einen Artikel des Grossrechercheurs Peter Hossli. Der wollte in monatelangem Muckraking herausgefunden haben, dass Bundesrat Alain Berset nicht nur eine, sondern mehrere Liebesaffären unterhalten habe.

Das gehöre deswegen nicht zur Privatsphäre, weil Berset angeblich auch sein Amt ausgenützt habe, um sich selbst und seinen Gespielinnen Vorteile zu verschaffen. Ein erstes Müsterchen hatte der «Weltwoche»-Redaktor Christoph Mörgeli ans Licht gebracht, dem die Akten einer Strafuntersuchung zugespielt wurden, die gegen eine abgelegte Geliebte Bersets lief.

Die hatte den Bundesrat im Nachgang der Affäre zu erpressen versucht, wogegen er die Bundespolizei in Marsch setzte. Dazu trug Hossli damals noch bei, dass Berset sich von seiner Staatskarosse von einem Liebeswochenende in Freiburg in Breisgau nach Bern zurückkutschieren liess. Da aber der Gebrauch auch zu privaten Zwecken anscheinend erlaubt ist, überstand Berset diesen Skandal im Amt.

Kurt W. Zimmermann zitiert in seiner Medienkolumne fleissig angebliche Erkenntnisse Hosslis: «Er redete mit mehreren Frauen, die intime Beziehungen zum Bundesrat hatten, unter anderem mit einer Diplomatin, einer Angestellten der Bundesverwaltung und einer Journalistin.» Dabei habe Hossli auch thematisiert, wie weit Berset seine Amtsbefugnisse missbraucht habe.

Auf Anfrage habe sich Projer «weggeduckt» und weder bestätigen noch dementieren wollen, dass es eine solche Recherche gegeben habe. Auf persoenlich.com keilte Projer zurück, dass eigentlich nichts an diesem «Weltwoche»-Text stimme.

Genauer betrachtet ist die Lage unübersichtlich

Hossli ist inzwischen wieder bei Ringier gelandet, diesmal als Leiter der Journalistenschule. Der für «Hintergrund» zuständige Redaktor der NZZaS hat ebenfalls gekündigt und twitterte, dass er keinen Journalisten kenne, der «höhere Qualitätsanforderungen an seine Arbeit» stelle. Damit will er offenbar Projer entgegentreten, der zwar auch seine Hochachtung vor Hossli bekundete, aber unerbittliche Qualitätsansprüche bei der NZZ erwähnte.

Damit insinuierte Projer, dass die Recherche von Hossli denen nicht genügt habe. Inzwischen ist natürlich das übliche Geraune losgegangen. Weder Tamedia, noch CH Media waren über die Personalie Projer sonderlich begeistert, Konzernjournalist Andreas Tobler schrieb sogar im Voraus einen vernichtenden Verriss über Projer:

«Als jetziger Chefredaktor bei einem Boulevardmedium wie Blick TV widerspricht Projer auch dem Qualitätsanspruch der «NZZ am Sonntag» – und der linksliberalen Positionierung des Blattes

Ringier ist sowieso nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er nach nur knapp einem Jahr als Aushängeschild «Blick TV» verliess. Als Ausdruck der Ungnade und in Form einer kindischen Trotzreaktion wollte ihn Ringier nicht aus seinem Vertrag entlassen, was dazu führte, dass zwischen Ankündigung und Stellenantritt sechs Monate ins Land gingen.

Viele Beobachter fragten sich damals, ob Projer dieses Interregnum überlebt. Tat er. Nun ist es aber von der Zeitachse her so, dass dieser Artikel von Hossli, sollte es ihn denn geben, in dieser Zeit entstand. Mitte September hatte Mörgeli in der «Weltwoche» die erste Bombe platzen lassen: «Frau, von Bersets Truppe plattgewalzt».

Nach einer Schreck- und Schweigesekunde sprangen die Mainstreammedien dem Gesundheitsminister zur Seite, da funktionierten Seilschaften, auch nicht zuletzt im Hinblick auf das Mediengesetz, gegen das erfolgreich das Referendum ergriffen worden war.

Klare Diagnose: Projer, der Bremser. Oder Fehldiagnose?

Wenn nun die NZZaS mit weiteren Skandalen nachgelegt hätte, nicht nur mit einer Autofahrt, wäre das Schicksal von Berset wohl besiegelt gewesen. Also klare Diagnose: Vielleicht schon in der Zeit des Vorgängers Luzi Bernet, sicherlich aber während der Amtszeit der Reichsverweserin Nicole Althaus recherchierte Hossli wie wild, schrieb einen saftigen Zweiteiler, und als eine seiner ersten Amtshandlungen trat Projer auf die Bremse.

Daraufhin kündigte der Reporter und der Ressortleiter ebenfalls. Skandal, wieso will Projer diesen Bundesrat schützen? Er hat doch politisch nicht mal das Heu auf der gleichen Bühne.

Soweit die Aussensicht. Bei näherer Betrachtung gibt es aber ein paar Probleme. Die Öffentlichkeit kennt logischerweise den Inhalt des Artikels nicht. Seine Brisanz – und die seriöse Unterfütterung durch Fakten, Gespräche, Aussagen, Indizien – wird lediglich von Zimmermann behauptet. Über dessen Seriosität als Recherchierjournalist kann man durchaus geteilter Meinung sein.

So behauptete er schon mal, Christoph Blochers Kolumnen würden auch im «Tagblatt der Stadt Zürich» erscheinen, das zu dessen kleinem Medienimperium gehört. Eine Ente. Schon zum Antritt Projers widmete Zimmermann dem Ereignis eine ganze Kolumne, die aber vor Falschaussagen nur so tropfte. Patrik Müller und Christian Dorer hätten schon vor Projer die Chefredaktion angeboten bekommen. Blöd, dass die nichts davon wussten.

Schlimmer noch: während die loyal zu ihren Verlagshäusern stünden, hätte Projer «kein Problem mit Illoyalität». Zack. Bei Ringier habe der TV-Mann gehen müssen, weil er in «eine charakterliche Sackgasse» geraten sei. Bum. Zimi wollte wissen: «Am Schluss war der nicht teamfähige Projer im Newsroom des «Blick» völlig isoliert.»

Seine Erkenntnisse stammten – Überraschung – vom Hörensagen, aus nicht genannten Quellen. Auch ZACKBUM wurde damals dieser heisse Scheiss angeboten – wir forderten eine zweite Bestätigung mit Namensnennung – als die zugesagt wurde, aber ausblieb, lehnten wir ab.

Skrupellose Leberwurst

Zimi hatte weniger Skrupel, und als wir das damals kritisierten, spielte er beleidigte Leberwurst. Vorher hatte er noch getönt, dass er mal eine Kolumne über ZACKBUM schreiben wolle. Gestrichen.

Man kann also durchaus sagen: Zimi als Quelle seriöser, harter Fakten – kann man so oder so sehen. Zimi wollte Projer schon ganz am Anfang wegschreiben, ist ihm nicht gelungen. Da Zimi offensichtlich nachtragend ist, probiert er es nochmal.

Nur einige Wenige kennen den Inhalt der Reportage von Hossli. Wir sind also auf Informationen aus zweiter, dritter Hand angewiesen. Aus Quellen, die eher trübe sind. Es gibt allerdings ein Detail, das ZACKBUM tatsächlich von zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt bekam.

Zimmermann behauptet in seiner Kolumne, «die Rechtsabteilung des Hauses NZZ checkte, wie üblich, den Text auf juristische Risiken ab». Was er nicht schreibt, und was ZACKBUM glaubhaft versichert wurde: der Text bestand diesen Check nicht.

Wir haben also eine eher irre Siutuation. Projer wird Zensur vorgeworfen, Zimis Fazit: «Die Bilanz von Chefredaktor Projer im Zeitraffer: Eine kritische Geschichte ist gestoppt. Zwei kritische Journalisten sind gegangen. Ein Bundesrat ist zufrieden

Was ist die gesicherte Faktenlage?

Der Zeitraffer der Faktenlage: Kein Kritiker kennt den Inhalt des Artikels. Vielleicht nicht einmal Zimmermann. Die direkt Beteiligten schweigen sich aus. Projer weist den Vorwurf der Zensur zurück und deutet an, dass es Qualitätsprobleme gegeben habe. Zimi führt seinen Feldzug gegen Projer weiter.

Dabei gerät als Kollateralschaden auch die «Weltwoche» in sein friendly fire. Denn er schreibt ja, dass Hossli auch recherchiert habe, wie denn Autor Mörgeli an seine Unterlagen gekommen sei. Das würde das Publikum natürlich lebhaft interessieren.

Aber die Chance, dass der Text doch noch publiziert wird, ist klein. Will Hossli nicht schon vor Amtsantritt die Auflösungsvereinbarung seines Arbeitsvertrags bei Ringier im Briefkasten finden, wird er selbst sicherlich nicht Hand dazu bieten. Höchstens der Heckenschütze aus der NZZaS wäre vielleicht in der Lage, nachzulegen.

Letztlich wieder ein Fall, bei dem zu schnelles «Zensur»-, «Skandal»-Geschrei in peinliches Schweigen münden könnte.

 

 

 

 

Der «Blick» erfindet «undercover» neu

Man denkt an Günter Wallraff. An Scoops der Mediengeschichte. «Undercover»: Das klingt gefährlich und leidenschaftlich. Nur leider nicht im «Blick».

Von Stefan Millius

«Blick TV Undercover» heisst eine kleine Serie von Videobeiträgen, bei denen die «Szene» der Coronamassnahmenkritiker unter die Lupe genommen wird.

Das macht neugierig. Hat sich da ein unerschrockener Reporter auf der Ringier-Lohnliste unter Einsatz des eigenen Lebens und mit falscher Identität in eine gewaltbereite Gruppe reingeschmuggelt? Und liefert nun die mit versteckter Kamera gefilmten Ergebnisse, Sprengstoff im Hinterzimmer einer muffigen Landbar inklusive.

Undercover mit offener Kamera

 Schön wär’s. Drei der vier Teile der kleinen Serie von Reporterin Rebecca Spring sind banale Interviewsituationen oder aber verfilmte Erklärstücke mit Archivaufnahmen. Spring spaziert bei Demonstrationen mit, Spring spricht mit Massnahmengegnern. Alles sehr klassisch: Wir setzen uns irgendwohin und plaudern. Professionell gefilmt von einer Kamera, die vieles ist, aber sicher nicht «undercover».

Wenigstens m Auftaktvideo sollte der grossspurige Begriff wohl seine Berechtigung erhalten. Wir sehen dort im Umfeld von Coronakundgebungen Leute, die heimlich von unten gefilmt werden – wir sehen also vor allem viele Taillen und Hüften –, während sie zum Teil banale, zum Teil eher abenteuerliche Thesen rund um Corona preisgeben. Ausserdem hat sich die Reporterin, die sicher bald im «Schweizer Journalist» in der Rubrik «30 unter 30» als Talent abgefeiert wird, brav in relevante Telegram-Gruppen eingetragen und liest mit, was da so geht.

Wenn das «undercover» ist, dann ist das Tagesmenü im «Ochsen» in Schlieren  für 17.90 Franken inklusive Salat und Softgetränk ein Stern der internationalen Spitzenküche.

Verdeckt ist gar nichts

In erster Linie möchten die Leser bei einer so richtig schön verdeckten Recherche Dinge erfahren, die sie sonst nie zu sehen bekommen würden. Weil sie einfach selbst nicht rankommen.  An einer Coronakundgebung teilnehmen kann jeder, mit den Leuten dort reden auch, und dass dabei die Videofunktion des Smartphone mitläuft: auch nicht unbedingt grosses Kino. Gruppen in Telegram mögen ein bisschen verschlüsselter sein als beim Giganten der Messenger, aber mitlesen in ihnen kann so gut wie jeder, der Lust hat.

Kurz und gut: «Blick TV» hat den Begriff «undercover» nicht verstanden. Oder aber hat ihn sehr wohl verstanden und dann entschieden, ihn dennoch einzusetzen, weil er einfach verdammt gut klingt.

Was kommt als Nächstes? «Blick TV» geht mit einem 15-köpfigen Kamerateam undercover ans WEF und interviewt Joe Biden? «Blick TV» schmuggelt sich undercover als Kunde getarnt in das Einkaufszentrum Glatt und filmt heimlich, wie eine Rolltreppe ausgefallen ist? «Blick TV» rapportiert undercover von der nächsten Medienkonferenz des Bundesamts für Gesundheit?

Günter Wallraff hat sich wenigstens einen Schnauz wachsen lassen, als er einen auf Ali machte und «Ganz unten» schrieb. Möglicherweise wäre das ein Anfang für Blick-Reporterin Rebecca Spring.

Eine Medienkritik und ihre Geschichte

Dritte Lieferung. Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Heute die Medienkritik in der «Weltwoche».

Medienkritik hat sich zu einem Gefäss für gelegentliche Ausfälle denaturiert. Gilt es, einen neuen, ungeliebten Konkurrenten fertigzumachen, okay. Aber sonst? Traut sich keiner, will keiner, kann keiner.

Logisch, ausser ZA … nein, kein Eigenlob. Sondern: sozusagen der letzte Mohikaner der regelmässigen Medienkritik ist Kurt. W. Zimmermann. Inzwischen viel länger bei der «Weltwoche» unterwegs als beim «Schweizer Journalist» (SJ).

Sympathisch macht ihn, dass er ohne Rücksichten auf Verluste oder eigene Flops gegen alle und alles austeilt. Dabei liefert er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Frank A. Meyer, wer von beiden mehr Millionen verröstet hat. Der eine bei Tamedia, der andere bei Ringier.

Eine weitere Ähnlichkeit ist: beide neigen dazu, aus eigenem Antrieb oder auch aus fremdem Fertigmacherjournalismus zu betreiben. Frank A. Meyer musste nach der Borer-Affäre wegen übertriebener Härte kurzzeitig auf die Strafbank.

Die Hintergründe zum Wechsel Projers, brühwarm serviert

Das ist Zimmermann noch nie passiert. Aktuell – logisch – nimmt er sich natürlich auch DER News im Medienkuchen an. Wie kann es nur sein, dass Jonas Projer von Blick-TV direkt in den Olymp der Chefredaktion der NZZaS einzieht?

Wofür sogar der dort amtierende und nichtsahnende Chefredaktor weggeräumt werden musste? Ideal für Zimmi, seine Muskeln spielen zu lassen und den bösartigen Insider zu geben. Allerdings mit Hygienemaske vor dem Mund, damit ihm keiner was kann. Weil’s durchaus raffiniert gemacht ist, eine kurze Obduktion.

Steht Zimi mehr auf Michael Mann und Al Pacino?

Der Einstieg muss schon alles klar machen. Projer habe sich mit seinem ersten Auftritt in einer Videobotschaft lächerlich gemacht. Er müsse noch viel lernen, habe er gesagt, seither werde er auf der NZZaS-Redaktion als Dilettant verspottet. Weiss Zimmermann. Weiss dort aber keiner. Ist halt immer so eine Sache mit anonymen Quellen.

Aber schliesslich stimme das auch, wetzt Zimmi das Messer. Projer habe in seinen 15 Jahren Journalismus keine Sekunde auf einer Zeitungsredaktion gearbeitet. Stimmt zwar nicht ganz, hört sich aber gut an.

Erste Zwischenbilanz: das sei so, wie wenn man einen Mann ins Cockpit setze, der vorher als Buschauffeur gearbeitet habe. Abgesehen davon, dass Christian Dorer immer noch als Buschauffeur arbeitet: diese Welten trennen die NZZaS von allen anderen Medien? Wow.

Nun noch die Frage: wieso denn eigentlich dieser Wechsel?

Also, Pfeife am Gerät. Nun zur Frage: warum bloss? Da war Zimmi offenbar das Mäuschen bei Gipfeltreffen in den Häusern NZZ und Ringier. Denn er weiss: die NZZ war angepisst, weil sich unter Luzi Bernet das Blatt immer mehr in ein «bunt-rot-grünes-Jekami» verwandelt habe. Weiss Zimmi, aber auch nur er.

Oder auf Gene Hackman und Francis Ford Coppola?

Auf diesem einsamen Weg geht er weiter durchs «soll doch einer das Gegenteil beweisen»-Gebüsch. Zunächst habe die NZZ Patrik Müller von CH Media und Christian Dorer vom «Blick» die Chefredaktion der NZZaS angeboten. Komisch, dass die beiden davon nichts wissen, und Dorer nun wirklich nicht in Frage gekommen wäre.

Jetzt kommt ein raffinierter Doppelschlag. Wieso hätten die beiden abgelehnt? Aus Loyalität zu ihren Verlagshäusern. Projer, als «zweite Wahl», habe hingegen «kein Problem mit Illoyalität».

Eine interessante, neue Definition dieses Begriffs. Wer bleibt, ist loyal. Wer selber kündigt, ist illoyal. Aha, und wie kann man dann das Verhalten des Ringier-Konzerns bezeichnen, der alleine in den letzten 20 Jahren eine beeindruckende Latte von «Blick»-Chefredaktoren verschlissen hat? Die haben loyal alle nicht gekündigt, die wurden – offenbar bei einem Konzern keinesfalls Ausdruck von Illoyalität – allesamt gefeuert.

Illoyal war das, aber was ist der tiefere Grund für die Kündigung?

Projer ist schlichtweg die erste Führungsfigur beim «Blick», die es gewagt hat, selber zu gehen. Obwohl doch Marc Walder Blick-TV als sein Herzensprojekt, als seinen Liebling bezeichnet. Da kann man dann nicht nur von Illoyalität, sondern geradezu von Liebesentzug reden. Aus der Sicht von Ringier.

Aber wieso ist nun Projer gegangen, er war ja (noch) nicht loyal gefeuert worden beim «Blick». Auch dazu hat Zimmermann eine steile These: er musste gehen, weil er sich «in einer charakterlichen Sackgasse» befunden habe.

Was ist denn das? Nun, Zimmi habe bei Ringier mit Krethi und Plethi geredet; das Urteil sei «so einhellig negativ, dass einiges daran sein muss». Woran? «Egozentrische Drama-Queen», beratungsresistenter «permanenter Besserwisser». Kein Wunder, kam es «regelmässig zum Knall». Bis zum bitteren Ende: «Am Schluss war der nicht teamfähige Projer im Newsroom des «Blick» völlig isoliert.»

Meiner Treu, was man aus Gesprächen mit einem einzigen Informanten, der auch mir ganz heissen Scheiss gegen Projer anbot, herausmelken kann. Ich lehnte ab, weil ich keine ausschliesslich auf anonymen Beschimpfungen basierende Artikel schreibe. Zimmi ist da offenbar schmerzfrei.

Und in welcher Sackgasse befindet sich Zimmermann?

Bleibt nur die Frage, in welche charakterliche Sackgasse sich Zimmermann selbst manövriert hat. Als ehemaliger Angestellter findet er es tatsächlich illoyal, wenn jemand kündigt, weil er etwas Besseres in Aussicht hat? Loyal hingegen sei, solange auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, bis die Führungsetage der Besitzer beschliesst, dass da mal wieder eine Rübe runtermuss? Also wurde auch Zimmi loyal beim SJ gefeuert?

Was würde Zimmermann davon halten, wenn man über ihn eine solche Kloake aus nur anonymen Quellen geschöpft giessen würde? Wenn ich Zeit für so einen Quatsch hätte, könnte ich das locker zusammenfantasieren. Ich halte aber nichts von solchem Hinrichtungsstil. Weder bei Zimmermann, noch bei den erregten Tagi-Frauen, die schärfste Anschuldigungen öffentlich herumbieten – mit ausschliesslich unbelegten, anonymen, nicht verifizierten Beispielen.

Briefe und anonyme Zitate, zwei neue Hobbys der Journalisten

Leider stösst auch Michèle Binswanger ins gleiche Horn. Sie hat sich zwar tapfer vom Protestschreiben der 78 Tamedia-Mitarbeiterinnen distanziert, nimmt aber ein anonymes Schreiben, das in der NZZ herumgeistern soll, zum Anlass, auf den designierten Chefredaktor der NZZaS einzuprügeln. Unter Verwendung genauso anonymer, genauso abwertender Meinungszitate von einem angeblichen Headhunter, der Projer für das Allerletzte hält.

Gesprächspartner, die sich sehr positiv über Projer äusserten, lässt Binswanger unter den Tisch fallen, auch sie kennt den guten Satz: Lass dir nie von der Wahrheit eine gute Geschichte kaputtmachen. Auch die Tatsache, dass sie gegenüber Projer nun wirklich befangen ist, hindert sie nicht daran, über ihn herzufallen. Nun, dass Tamedia kein Frauenproblem hat, aber ein Qualitäts- und Qualitätskontrollproblem, das war schon vor diesem Artikel bekannt.