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Nasse Hose

Redaktoren haben’s nicht leicht. Darunter leiden die Leser.

Reportage, Denkstück, vertiefte Analyse? Das war gestern. Heute ist klickgetriebenes Raushauen eines Stücks nach dem anderen. Massstab ist die Einschaltquote, nichts anderes zählt.

Als einziges Ventil darf der Redaktor aus dem eigenen Leben plaudern und den Leser mit unerwünschten Einblicken in sein Privatleben schrecken. Michael Feller ist «stellvertretender Leiter Kultur» bei der «Berner Zeitung/Der Bund». Viel Kultur ist da allerdings nicht, auch nicht viel Stellvertretung.

Also hebt er zu einem launigen Stück an:

Ist das die schlechteste Kolumne in Bern?

Darin berichtet er, sprachlich nicht ganz sattelfest, über ein früheres Malheur: «Der Kellner touchierte beim Hinstellen des Bierglases dergestalt den Tisch, dass sich die ganze Stange über meine Hose ergoss. Ich sah aus, als hätte ich grossumfänglich in ebendiese uriniert.»

Schrecklich, wie entkam der Stellvertreter dieser unangenehmen Situation? Ganz einfach, er liess seine Hose in den damaligen sommerlichen Temperaturen trocknen, der Kellner wünschte «mit einem schiefen Lächeln einen schönen Abend», die Rechnung ging damals aufs Haus.

Mit trockener Hose schreitet Feller nun zum Höhepunkt seiner Kolumne: «Jahre später trafen wir denselben Kellner wieder. Er arbeitete mittlerweile in einem Restaurant am anderen Ende der Stadt. Mein Bierglas war leer. Dann hörte ich zum ersten Mal diesen schlechtesten aller Sprüche: «Chani hie no chli Luft uselah?»»

Es erschliesst sich dem Leser allerdings nicht, was an diesem Spruch so schlecht sein soll; ein handelsüblicher Wink, ob das Bierglas wieder aufgefüllt werden sollte. Das kommt aber bei Feller ganz schlecht an: «Dort, wo Luft ist, im Bierglas, soll wieder Bier rein. Luft rauslassen. Kleines Quiz. Einmal um die Ecke gedacht, fertig ist der flotte Spruch. Wer ihn um ersten Mal hört, guckt dumm und bemüht dann den Mundwinkel. Wenn ich ihn höre, bin ich auf einen Schlag ausgenüchtert.»

Und dann denke Feller unwillkürlich an seine begossene Hose im Jahre 2016. Wie endet denn das ausgeleerte Bierglas? «Ich verstand den Spruch nicht. Mein ungläubiger Blick traf das schiefe Lächeln des Kellners, das auf eine Antwort wartete – und plötzlich einfror. In diesem Moment musste er mich erkannt haben. Das Bier-Opfer aus dem Sommer 16.»

Kommt da noch was, vielleicht eine Schlusspointe oder so? Das wäre aber zu viel Kunst: «Seither habe ich den Spruch einige Male wieder gehört. Ich könnte mich ärgern. Aber ich habe jedes Mal einfach nur Mitleid

Da ist der Leser weniger milde gestimmt …