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Geeiertes zum Migrationshintergrund

Was schreibt man, wenn Ausländer Feuerwehr und Polizei attackieren?

Der «Blick» brauchte drei Anläufe, um von «Jung, männlich, Migranten» zur politischen Korrektheit zurückzufinden: «Böller auf Polizisten geschossen, Rettungskräfte mit Feuerlöscher angegriffen. Silvester-Mob sorgte für Randale in Deutschland».

Aus den Ereignissen der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte haben die Medien offensichtlich nichts gelernt. Als damals ein Mob von Ausländern durchrastete, ignorierten die Massenmedien den Vorfall zunächst, danach wurde er kleingeschrieben, schliesslich wurden Übergriffe eingestanden, aber sogleich mit gewundenen Erklärungen versehen.

Offensichtlich in dieser Tradition sieht sich der Tagi heute noch. Zunächst titelt das Blatt: «Was habe ich euch getan? Ich weiss nicht, woher dieser Hass kommt». Es habe da «Gewalt gegen Rettungskräfte» gegeben. In diesem Artikel wird ausführlich über brutale Angriffe auf Beamte und Rettungskräfte geschrieben. Ohne mit einem Wort die Herkunft der Krawallanten zu erwähnen.

Zwischen diesem Artikel um 6.56 Uhr und einem zweiten um 18.11 Uhr liegen nicht nur rund 11 Stunden. Inzwischen musste der Berlin-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», den aus Sparsamkeit auch Tamedia benutzt, offensichtlich widerwillig zur Kenntnis nehmen, dass sich die Indizien, Anzeichen, Belege verdichteten, dass es sich nicht einfach um eine buntgemischte Truppe von Idioten gehandelt hatte. Sondern fast ausschliesslich um, seien wir korrekt, Menschen mit Migrationshintergrund. Genauer: Männer aus fremden Weltgegenden.

Man spürt förmlich die langen Finger, mit denen sich der um Gutmenschentum bemühte Journalist diese Unterzeile abringt:

«Nach Ausschreitungen in der Neujahrsnacht wird über die Herkunft der Täter diskutiert. Denn nach Aussagen vieler Einsatzkräfte wurden sie vor allem von jungen Männern mit Migrationshintergrund attackiert

Es wird darüber diskutiert? Nein, ausserhalb der SZ (und von Tamedia) ist man in Deutschland konsterniert und entsetzt, in welchem Ausmass diesmal die Lage ausser Kontrolle geraten ist – und welches Gewaltpotenzial in Idioten stecken muss, die ausgerechnet auf Retter und Helfer losgehen. Gerne auf Sanitäter und Feuerwehrleute, weil die unbewaffnet sind.

Wie kommt’s? Nun, da gibt es natürlich Oppositionspolitiker der CDU, für die das Wasser auf die Mühlen sei: «Und sofort wieder kam die Frage auf, ob diese brutalen Attacken auf Vertreter des Staats ihren Ursprung nicht auch in einer gescheiterten Integrationspolitik der Stadt hätten.»

Kam die Frage auf? Nein, wurde konstatiert. Oder vielmehr polemisiert, denn Heidtmann will weiterhin das Offenkundige leugnen: «Das deutsche Innenministerium jedoch verwies darauf, dass es noch keine Übersicht zu den Verdächtigen gebe

Allerdings muss auch er einräumen: «Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter, die in der vergangenen Silvesternacht Einsätze hatten, berichten, vor allem von arabischstämmigen jungen Männern angegriffen worden zu sein.»

Aber vielleicht sind das ja alles Rassisten, zumindest scheinen sie nicht in der Lage zu sein, die Gesamtumstände, sozusagen mildernde Umstände, zu berücksichtigen. Auch der Bezirksbürgermeister des besonders gewalttätigen Quartiers um die Sonnenallee in Berlin räumt ein, dass auch er «beobachtet» habe, dass die Täter zum allergrössten Teil einen Migrationshintergrund hätten. «Doch ein Grossteil der Menschen in der Gegend, die ebenfalls familiäre Bindungen in andere Länder hätten, seien über den Gewaltausbruch zum Jahreswechsel genauso entsetzt wie alle anderen. «Man hat sich da gewissermassen selbst angegriffen. Das sind einige Idioten, die alle in Sippenhaft nehmen.» Viel wichtiger sei daher der Aspekt, «dass es sich um soziale Brennpunkte handelt», meint Hikel. Da sei es wichtig hinzuschauen.»

In Berlin ist mal wieder Wahlkampf, weil es die Behörden nicht geschafft haben, die letzte Wahl ordentlich durchzuführen. Schon das ist peinlich genug. Das wird aber von Aussagen wie dieser noch übertroffen: «Die nächste Generation, die in Berlin aufwächst, hat zu einem grossen Teil Migrationshintergrund, das sind unsere Jugendlichen. Ich werde die nicht aus der Gesellschaft herausdrängen.» Das Problem sei vielmehr eine zunehmende Verrohung insgesamt, zitiert Heidtmann die Spitzenkandidatin der Grünen für das Amt des Berliner Bürgermeisters.

Wer also einen Zusammenhang herstellt zwischen brutaler Gewalt, nicht integrierbaren ausländischen Jugendlichen und Rettungskräften, die sich von der Politik im Stich gelassen und verarscht fühlen, steht für Heidtmann schon mal unter latentem Verdacht, ein Ausländerhasser zu sein. Die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge nicht zu sehen. Zu eindimensional einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Gewaltbereitschaft sehen zu wollen. Ohne die psychosoziale Komponente genügend zu würdigen.

Dass solches Geschwurbel in Deutschland zunehmend auf Unverständnis auslöst, der Protestpartei AfD in Massen Wähler zutreibt, ist die eine Sache. Dass sich damit deutsche Medien immer mehr disqualifizieren und unglaubwürdig machen, die andere. Dass ein angebliches Qualitätsmedienhaus wie Tamedia diesen Unsinn ungefiltert und umkommentiert übernimmt, ist ein weiteres Armutszeugnis.

Vielleicht sollte sich Tamedia wirklich auf eine «News-Pause», Fitness-Tipps und die Kritik an Zitronenlikör konzentrieren. Da kann man den überlebenden Journalisten eine gewisse Kompetenz nicht absprechen. Aber sonst …

Und nein, das kann man sich weder politisch, noch journalistisch, noch sonstwie schönsaufen. Solche Berichterstattung ist einfach ein weiterer Sargnagel auf dem Weg der Medien in die Bedeutungslosigkeit und Irrelevanz, für die niemand mehr etwas bezahlen will.