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Ex-Press XXXV

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

«Tages-Anzeiger» ausser Rand und Band

Man sollte annehmen dürfen, dass sich leitende Mitarbeiter des Tagi auch in ihren Rülpsern in den sozialen Medien eines gewissen Anstands befleissigen. Man sollte annehmen dürfen, dass ein bereits mehrfach einschlägig aufgefallener Amok mal von einem Vorgesetzten beiseite genommen wird und ernsthaft ermahnt, dass er seinen Ton mässigen solle (Duftmarke zum Bundesrat: «jetzt sind sie komplett übergeschnappt.»)

Das alles könnte man vermuten, wenn es sich nicht um den Tagi handeln würde, der ausser Rand und Band geraten ist:

Diesmal zielt er auf den Bundesrat – und etwas tiefer.

Der Kandidat für Ritalin – wenn es nicht Stärkeres braucht – stampft kurz die Zürcher Regierungsratspräsidentin in den Boden. Weil Marc Brupbacher in seiner röhrenförmig verengten Weltsicht eigentlich alles egal ist, ausser der Furcht vor dem Virus, ist Silvia Steiner für ihn ein trauriger Clown in einem «anti-wissenschaftlichen Polit-Zirkus». Zudem möchte er ihr ein«Flat-Earth-Award» überreichen, den Bundesrat Maurer «als lebenslanger Ehrenanwärter» auch verdient habe.

Mit solchen dummen Sprüchen machte schon Sandro Brotz vom Schweizer Farbfernsehen gemischte Erfahrungen. Brupbacher hingegen ist zwar «Leiter Interaktiv-Team», aber kein Vorbild. Sondern das Musterexemplar eines verantwortungslosen Journalisten, der im Gegensatz zu gewählten Regierenden keinerlei Entscheidungsbefugnis hat, null Verantwortung übernehmen müsste, wenn seinen bescheuerten Ratschlägen gefolgt würde.

Also belfert er aus der sicheren Kuhle seines Home-Office in die Welt hinaus – und profitiert davon, dass er so unbedeutend ist, dass es nicht mal zu einem Shitstürmchen reicht.

Wie man in die Hetze gegen einen verdienten Journalisten einstimmt

Das langjährige Aushängeschild des Westschweizer Fernsehens, Darius Rochebin, ist gerade durch eine externe Untersuchung von allen anonymen Beschuldigungen gereinigt worden. Keine sexuellen Übergriffe, kein Fehlverhalten. Gereinigt? Ach was, der Sinn solcher anonymer, öffentlicher Denunziationen ist, dass auf jeden Fall etwas hängenbleibt.

Genau aus diesem Grund liegen die angeblichen Vorfälle meist Jahre zurück, wurde nie intern Beschwerde erhoben, wurde auch nie Anzeige erstattet. Das hätte die Gefahr einer Konfrontation mit dem Angeschuldigten bedeutet. Das hätte ihm Gegenwehr ermöglicht, das hätte bedeutet, dass Rochebin nicht seine Unschuld beweisen soll (was unmöglich ist), sondern dass die Anschuldigung untersucht worden wäre, auf den juristischen Prüfstand gelegt, verifiziert oder falsifiziert würde. In diesem Fall drohten dann auch noch Gegenanklagen.

Das alles kann man vermeiden, wenn man heutzutage ein Presseorgan anonym anfüttert. «Le Temps» liess sich dann die Gelegenheit einer saftigen Skandalstory nicht entgehen. Das ist schon grenzwertig. Aber die Quelle von Qualitätsjournalismus Tamedia legte noch einen drauf. Im Duett verlasen dort Philippe Reichen und Claudia Blumer das Urteil. Bereits am zweiten Tag nach der anonymen Dreckschleuder von «Le Temps». Es war noch nicht einmal mit einer Untersuchung begonnen worden, aber schon zeigten die Daumen der beiden Rachegötter nach unten. Die Kollegen hätten «recherchiert», behauptet Reichen, daraus sei der Vorwurf entstanden: «Rochebin soll während Jahren Frauen und junge Männer sexuell belästigt haben.»

Das Lieblingsverb aller Denunzianten

Schön abgefedert mit dem Lieblings-Modalverb aller Denunzianten: «sollen». Reichen kennt nicht die Grundregeln des verantwortlichen Journalismus? Das könnte heikel werden. Reichen soll sie nicht kennen, das geht.

Das war also Reichen am 2. November 2020. Am 16. April kommentiert er das Ergebnis der Untersuchungen. «Marchands Fehler werden zu Unrecht marginalisiert». Das ist innerhalb der Meinungsfreiheit erlaubt. Aber vielleicht ein entschuldigendes Wort zu Reichens eigenen Fehlern in Sachen Vorverurteilung? Aber nein, die werden nicht mal marginalisiert. Die werden einfach ignoriert. Genau wie bei Blumer. Ein wertvoller Beitrag zum Vertrauen des Lesers in solche Journalisten.

Der Über-Lacher ist aber: Während diese beiden sich über babylonische Sitten im Westschweizer TV erregten, wo unglaubliche Zustände herrschen sollen (!), die Vorgesetzten das alles ignorieren – gleichzeitig muss ja schon bei Tamedia selbst der «strukturelle Sexismus» getobt haben, die Arbeit für Frauen ein Spiessrutenlaufen durch übergriffige Männer, anzügliche Bemerkungen, Diskriminierung in jeder Form gewesen sein. Schliesslich hat auch Blumer den veröffentlichten Protestbrief mitunterzeichnet.

Das nennt man wohl immer noch abgründige Heuchelei, das dürfte (!) beide Journalisten für lange Zeit unglaubwürdig machen.

 

Blue news: Wir machen blau

Regelmässig wird von angeblichen Kennern der Sachlage eines der meistbesuchten Newsportale der Schweiz übersehen. Das hat nicht zuletzt den Grund, dass sich «blue news» bis heute hinter bluewin.ch/de/news schamhaft versteckt. An einem Samstag ist das vielleicht auch keine schlechte Idee. Denn ganze 31 Nasen weist das Impressum von «blue news» aus, das sind mehr als mancher zum Skelett runtergesparten Zeitungsredaktion.

Am Samstagvormittag beglückt diese Redation voller geballter Fachkraft die Leser mit 8 neuen Artikeln. Das ist einerseits beruhigend; die Welt steht eigentlich still, nichts los, wir geniessen ein ruhiges Wochenende.

So könnte man das vielleicht sehen. Allerdings: Alle 8 News sind von Agenturen übernommen. Also das Wirken des Redaktors (generisches Maskulin, noch bekannt?) bestand darin, sich den Ticker von sda und dpa vorbeiflimmern zu lassen und gelegentlich copy/paste zu machen. Als Höhepunkt das Meisterstück «Das Wichtigste in Kürze». Hier wurden tatsächlich Meldungen verschiedener Agenturen gut gemixt und ins Gefäss geschüttet.

Kein Wunder, dass nach diesem Energieausbruch am Morgen anschliessend blau gemacht wird. Wir schreiten zum Vorschlag eines Slogans, das braucht jede Marke: «blue news – wir sind gleich zurück.»

 

nau.ch macht schlau

Okay, ist ein wenig hingewürgt, aber der «neue» Slogan für den Regenrohr-«Blick» ist auch nicht wirklich originell. Und man muss im Nahvergleich festhalten: Zum gleichen Zeitpunkt hatte nau.ch bereits fast 100 Meldungen über seine Leser rieseln lassen. Darunter sogar Eigenleistungen. Und Meldungen nicht nur aus der Schweiz oder Europa, sondern der ganzen Welt.

Selbst dass der 89-jährige Raúl Castro, der ewige kleine Bruder von Fidel, beim Parteitag der KP Kubas von seinen letzten Ämtern zurückgetreten ist, vermeldet nau.ch. Das war ein rechter Marathonlauf; Fidel Castro war ununterbrochen von 1959 bis 2006 an der Macht, dann übernahm Raúl bis 2021.

Das waren noch Zeiten. Raúl und Fidel Castro.

Weil nau.ch diese Meldung von AFP übernimmt, vermeidet es sogar den Fehler von anderen Agenturen, die schreiben, dass die KP Kubas 1965 gegründet wurde. Typische Fake News, sie wurde 1925 gegründet. Nach 1959 dann ins Abseits gedrängt, weil sie die Guerilla von Castro nicht unterstützt hatte. Als sich der Comandante en Jefe dann der UdSSR in die Arme warf, musste natürlich wieder eine KP her.

Ebenfalls eine Eigenleistung ist diese gute Nachricht – zumindest für Männer im Aargau: «Erotikbetriebe ab Montag im Aargau wieder offen». Bitte nicht weisse Socken und die Lederkrawatte vergessen.

Und während wir in diesem News-See herumrudern, wurden schon wieder neue News aufgeschaltet; 102 ganz genau. Wir rudern ans Ufer zurück.

 

Klein, aber fein

Wir haben die Schaffhauser AZ als ein Organ kennengerlernt, das dem Dinosaurier Tamedia (kleines Hirn, grosser – nein, das wäre sexistisch) vormacht, wie man anständig recherchiert. Unter der Leitung von Bernhard Ott geben hier 8 Journalisten ihr Bestes, einmal wöchentlich die Spalten der letzten überlebenden Arbeiterzeitung zu füllen. Damit erreichen sie rund 16’000 Leser. Ein Klacks gegen die runde Million von Tamedia.

In der nicht unrichtigen Ansicht, dass journalistische Leistung etwas wert ist, versorgt die AZ fast den gesamten Inhalt hinter einer Bezahlschranke. Von jeder Ausgabe bietet sie im Internet jeweils nur ein Guetzli an. Aber schon die zeigen, dass hier ziemlich gegen den Strom geschwommen wird.

Das gallische Dorf, umgeben von den Heerscharen Tamedias.

So würdigte sie vor Kurzem den 40. Todestag des grossen Schaffhauser Politikers und der «Urgewalt» Walther Bringolf. In der aktuellen Ausgabe geht die Wochenzeitung dem Thema auf den Grund, bis wann die Waffenschmiede SIG noch Sturmgewehre nach Chile lieferte. Obwohl immer mehr Beweise auftauchten, dass Diktator Pinochet mit eiserner Faust und rücksichtslos die Opposition dezimierte.