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Verstörte Tamedia-Journis

Brutal-verbal auf Polizisten eindreschen, dann kleinlaut werden.

Der «Bund» hatte am 12. Juni 2021 über einen «verstörenden» Polizeieinsatz zu berichten. Ein marokkanischer Asylbewerber sei brutal überwältigt und «wie ein Sack» in einen Polizeiwagen gestossen worden.

Das wollten ganze 11 Journalisten von «Bund» und «Berner Zeitung» beobachtet haben. Das gab natürlich einen medialen Aufschrei, die beteiligten Polizisten (und ihre Familien) gerieten in mediales Dauerfeuer und Shitstorms.

Die Medienmenschen berichteten Schreckliches: «Wir hörten, wie sein Kopf auf dem Kabinenboden aufschlägt.» Es habe eine Blutlache auf dem Boden gegeben, der Misshandelte habe um Gnade gewinselt. Furchtbar.

Die Staatsanwaltschaft klagte an, ein beteiligter Polizist wurde erstinstanzliche verurteilt, dann vom Obergericht freigesprochen. Es stellte sich heraus: es waren nicht 11, sondern nur 4 Augenzeugen. Die zudem nachweislich und kräftig flunkerten. Es gab keine Blutlache, niemand ausser einer Journalistin hörte den Marokkaner um Gnade bitten.

Der war zudem völlig zugedröhnt. Alkohol, Kokain, Cannabis und Benzodiazepine wurden in seinem Blut gefunden.

Nach der scharfen Medienschelte des Obergerichts in der schriftlichen Begründung hatte ZACKBUM ein paar Fragen an Tamedia:

  1. Wurden oder werden disziplinarische Massnahmen gegen diese Journalisten ergriffen, wenn ja, welche?
  2. Der Berner Sicherheitsdirektor wirft Tamedia eine eigentliche Medienkampagne vor. Teilt Tamedia im Nachhinein diese Auffassung?
  3. Wird Tamedia über dieses Urteil berichten, nachdem die NZZ das bereits ausführlich getan hat?
  4. Welche Konsequenzen zieht Tamedia aus diesem Vorfall?

Die Antwort: «Das Urteil des Berner Obergerichts, auf das Sie Bezug nehmen, datiert vom Februar 2025. Sowohl der «Bund» wie auch die Berner Zeitung haben damals mit mehreren Beiträgen ausführlich darüber berichtet, darunter sowohl eine Vorschau als auch die Berichterstattung zum Freispruch des Polizisten.»

Ausführlich? Zum Freispruch quetschte sich die Redaktion ein Artikelchen von 2000 A ab: «Nach einer umstrittenen Festnahme wurde ein Polizist wegen Amtsmissbrauchs und Tätlichkeiten angeklagt. Nun spricht ihn das Obergericht in allen Anklagepunkten frei. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.»

Umstritten war die Festnahme wohlgemerkt nur innerhalb von Tamedia. Die mit knapp 6000 A über diesen angeblichen Skandal berichtet hatte.

Und was ist nun mit den richterlichen Vorwürfen gegen diese Journalisten? Der Entscheid umfasse «62 Seiten und wird derzeit redaktionell geprüft und eingeordnet». Was der NZZ schon längst gelungen ist.

Und wird es Konsequenzen haben, wenn Journalisten offensichtlich flunkern, Blutlachen erfinden und die Festnahme eines schwer zugedröhnten Mannes zu einer «verstörenden Aktion» hochzwirbeln?

Gibt es ein Wort des Mitgefühls mit den Polizistenfamilien, eine Entschuldigung gar?

«Zu allfälligen disziplinarischen Massnahmen gegen Journalistinnen oder Journalisten äussern wir uns grundsätzlich nicht.»

Dann tut das ZACKBUM: Der Sicherheitsdirektor Berns hat völlig recht: «Das Verhalten der Journalisten von Bund/BZ: schockierend.»

Wenn 4 oder gar 11 Journalisten sich offenkundig untereinander absprechen, Falschaussagen machen, unverhältnismässige Polizeigewalt unterstellen und eine regelrechte Kampagne auslösen, dann dürfen die nicht damit davonkommen.

Vor allem, wenn ihnen das gerichtsfest nachgewiesen wurde.

Andere an den Pranger stellen, das konnten die Autoren Naomi Jones, Dölf Barben und Raphael Moser. Die beiden Journalisten und der Fotograf Moser arbeiten weiterhin in der fusionierten Redaktion von «Bund» und «Berner Zeitung».

Von ihnen hat man kein Sterbenswörtchen der Einsicht, der Korrektur, gar der Entschuldigung gehört. «Wir finden übereinstimmend, dass diese Verhaftung teilweise brutal abgelaufen ist», fabulierten sie damals. Aber ach, war doch nur so eine Empfindung. Darauf kann man diese Zierden ihres Berufs doch nicht behaften.

Selbstkritik?

Ein Fremdwort für Tamedia-Journalisten.

Papers und Leaks, Corona, #metoo, die Liste liesse sich beliebig verlängern, wo flächendeckend Falschberichterstattung, Denunziation ohne Beweise, Bevormundung und moralische Unfehlbarkeit stattfand.

Aufarbeitung dieses wiederholten und gravierenden Fehlverhaltens? Niemals, in keinem einzigen Fall.

Deshalb ist das hier auch kein Einzelfall:

So berichtete der «Bund» vom 12. Juni 2021. Ganze 11 zufällig anwesende Journalisten von «Berner Zeitung» und «Bund» wollten einen klaren Fall von Polizeibrutalität beobachtet haben. Ein marokkanischer Asylbewerber sei gewalttätig überwältigt worden, er bekam ein Knie in den Bauch und in den Hals gerammt und schliesslich sei er «wie ein Sack» in einen Polizeikastenwagen gestossen oder geworfen worden.

Die Journalisten sind verstört und gehen ins Detail: «Wir hören, wie sein Kopf auf dem Kabinenboden aufschlägt.»

Das löste natürlich ein grosses Medienecho aus, schnell wurden Parallelen zum Fall George Floyd in den USA gezogen. Denn hier passt alles ins Framing und ins Narrativ. Ein dunkelhäutiger Asylbewerber, brutale, rassistische, unverhältnismässig und mit massiver Gewalt agierende Polizisten.

11 der Objektivität und Wahrheit verpflichtete Journalisten können sich doch nicht irren.

Der Berner Polizeidirektor Philippe Müller wehrte sich von Anfang an gegen die seiner Meinung nach «voreingenommene und unvollständige» Berichterstattung. Natürlich, wurde gehöhnt, das muss er ja auch, sich schützend vor seine Schlägerbullen stellen.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen zwei an der Aktion beteiligte Polizisten, auch der Marokkaner stellte Strafantrag. 2023 wurde einer der Gesetzeshüter freigesprochen, der zweite erstinstanzlich verurteilt. Das wurde nun vom Obergericht aufgehoben.

Es sah keinen Hinweis darauf, dass der Mann übermässige Gewalt angewendet oder den Marokkaner absichtlich oder mit übermässiger Gewalt ins Fahrzeug gestossen habe. Vielmehr sei davon auszugehen, dass der gestolpert und hingefallen sei. Der Grund liegt auf der Hand:

«Ein forensisch-toxikologischer Bericht zeige, dass er zur Tatzeit erheblich alkoholisiert gewesen sei und zusätzlich Kokain, Cannabis und Benzodiazepine im Blut gehabt habe. Dieser Umstand sei für die Beurteilung seines Verhaltens und der polizeilichen Reaktion relevant; in der medialen Berichterstattung habe er jedoch kaum eine Rolle gespielt», schreibt die NZZ in einem ausführlichen Artikel über dieses Urteil: «Das Berner Obergericht spricht einen Polizisten frei – und kritisiert die Medien scharf».

Das Obergericht holte zudem zu einer eigentlichen Medienschelte aus. Es vermutet gegenseitige Absprachen, zudem hätten nicht etwa 11, sondern lediglich 4 Journalisten den Vorfall beobachtet. Ihre Beschreibungen seien zudem voller Widersprüche gewesen, eine Journalistin habe sogar Aussagen gemacht, die «offensichtlich falsch» seien.

Nochmal die NZZ: «Doch damit nicht genug. Nach Ansicht des Gerichts hat die Medienschaffende auch Dinge erfunden. Für eine von ihr geschilderte «Blutlache» am Boden habe sich kein weiterer Zeuge finden lassen, zudem finde sich in keiner fotografischen Dokumentation ein Flecken auf dem Boden. Auch habe ausser ihr niemand gehört, dass der Marokkaner um Gnade gebeten habe («per favore!»).»

Der freisinnige Sicherheitsdirektor Müller warf Tamedia schon damals vor, eine wahre «Medienkampagne» gegen die Polizei betrieben zu haben.

Im Licht des Gerichtsurteils ist klar: er hat völlig recht, wenn er in einer Medienmitteilung knapp zusammenfasst:

««Bund» und «Berner Zeitung» lösten mit irreführenden und vorverurteilenden Berichten zu Unrecht viel Empörung und – bei den betroffenen Polizisten und ihren Familien – viel Leid aus.

Nun hat das Obergericht des Kantons Bern sein schriftlich begründetes Urteil publiziert und zum Teil bis heute Unbekanntes zu Tage gefördert. Fazit:

  • Das Verhalten der Polizisten: Korrekt.
  • Das Verhalten der Journalisten von Bund/BZ: Schockierend

Es ist allerdings noch schlimmer. Nicht nur, dass sich Tamedia mal wieder völlig vergaloppiert hatte. Wenn ein Obergericht seinen Journalisten mögliche Absprachen, widersprüchliche Aussagen, Erfindungen und offensichtlich falsche Angaben vorwirft, dann müsste das eigentlich disziplinarische Folgen haben.

Denn es widerspricht diametral den Aufgaben eines Journalisten, so wirklichkeitsgetreu wie möglich zu berichten.

Aber was kann man auch von einem Medienhaus erwarten, dass auch in diesem Fall bislang zu diesem vernichtenden Urteil verkniffen schweigt. Mal schauen, ob es auf eine Anfrage von ZACKBUM zu reagieren geruht  …

Staatskanzlei Bern schlägt zurück

Selten, aber nötig: eine Gegendarstellung der Berner Regierung.

Unter dem Titel «Medienberichterstattung zu Polizeieinsatz war irreführend und vorverurteilend»

topft die Staatskanzlei des Kantons Bern den «Bund» und die «Berner Zeitung» ein. Beide Blätter erscheinen im Kopfblattsalat von Tamedia.

«Eine polizeiliche Anhaltung in der Stadt Bern schlug im Sommer 2021 hohe Wellen. Die Zeitungen «Der Bund» und «Berner Zeitung» hatten die Geschehnisse mit der Tötung von George Floyd in den USA verglichen. Sie hatten die Anhaltung damit wider besseres Wissen wesentlich gefährlicher dargestellt, als sie es tatsächlich gewesen ist. Zu diesem Ergebnis kommt der Regierungsrat in einem Bericht an den Grossen Rat.
Der Bericht des Regierungsrates wurde in Umsetzung der vom Grossen Rat überwiesenen Motion «Machtmissbrauch durch Medien-Konzern: Kantonsangestellte schützen» erstellt. Um ein vollständiges Bild zeichnen zu können, hatte der Regierungsrat eine Stellungnahme der Redaktion von «Der Bund» und «Berner Zeitung» eingeholt. Ebenso die Einschätzung eines unabhängigen Experten, um die Berichterstattung über die polizeiliche Anhaltung vor der Heiliggeistkirche in Bern sowohl aus medienrechtlicher wie auch aus medienethischer Optik zu analysieren. In seinem Bericht kommt der Regierungsrat wie der unabhängige Experte zum Ergebnis, dass die Berichterstattung der beiden Tamedia-Titel «Der Bund» und «Berner Zeitung» in weiten Teilen angemessen, in wichtigen Punkten jedoch irreführend und vorverurteilend gewesen ist. Der Bericht wird dem Grossen Rat in der Sommersession 2025 vorgelegt.
Vergleich zum Fall George Floyd deplatziert
Am 11. Juni 2021 wurde vor der Heiliggeistkirche in Bern ein verletzter Mann durch einen Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin der Kantonspolizei angehalten. Die Anhaltung gestaltete sich wegen der erheblichen Gegenwehr des Mannes schwierig. Bei der Fixierung am Boden und dem Anlegen der Handschellen rutschte dem Polizisten das Schienbein unbeabsichtigt für kurze Zeit auf den Hals des Mannes. Mehrere zufällig anwesende Journalistinnen und Journalisten der Tamedia-Zeitungen «Der Bund» und «Berner Zeitung» beobachteten die Anhaltung und machten Fotoaufnahmen. In ihrer darauffolgenden Berichterstattung vom 12. Juni 2021 stellte die Zeitung «Der Bund» durch ein Archivzitat eines Rechtsmediziners einen Vergleich zum Fall George Floyd in den USA her. George Floyd war im Mai 2020 durch massive Gewaltanwendung eines Polizisten bei einer Fixierung am Boden ums Leben gekommen. Der zitierte Rechtsmediziner intervenierte gleichentags schriftlich bei der Zeitung, weil sein Zitat im falschen Zusammenhang verwendet worden sei und die Fälle nicht vergleichbar seien.

Eine Woche nach dem ersten Bericht klärte «Der Bund» die Leserschaft schliesslich in einer «Analyse» darüber auf, dass der Berner Fall nicht mit dem Fall George Floyd vergleichbar sei und die Dimensionen zu wahren seien. Die Klarstellung erfolgte damit zu spät. Sie enthielt nichts, das der Redaktion nicht schon eine Woche vorher bekannt war. Das Regionalgericht Bern-Mittelland sprach den Polizisten am 5. September 2023 von allen strafrechtlichen Anschuldigungen rechtskräftig frei.

Der Regierungsrat ist sich bewusst, dass Kritik an der Berichterstattung eines Mediums in Form eines Berichts an das Parlament ungewöhnlich ist. Er hält jedoch fest, dass es dem Grossen Rat freisteht, zu welchen Themen er Abklärungen einholen möchte.»

Also eine veritable Klatsche, ein Sittenbild eines verludernden Journalismus, der um der Schlagzeile willen journalistische Anstandsregeln über Bord wirft. Ein Desaster für das Haus Tamedia, das doch behauptet, verantwortungsbewussten Qualitätsjournalismus zu betreiben.

Verschlimmbessert

Die «Berner Zeitung» klappert nach.

Nachdem eine «erfahrene» Journalistin unbelegte Vorwürfe über Diskriminierung und Rassismus am Gurtenfestival kolportiert hat, wofür sie vom Kommentarschreiber kräftig kritisiert wurde, will sich die «Berner Zeitung» weiter lächerlich machen.

Die Kommentarfunktion klemmte sie zunächst kommentarlos ab und spülte auch alle bereits publizierten Meinungsäusserungen der Leser. Das sei leider «aus technischen Gründen» nicht anders möglich. Aber immerhin wurde versprochen, dass man dem Thema Rassismusvorwürfe weiter nachgehe. Da denkt der Leser an eine Recherche, an den Versuch, endlich den Mitgliedern des Kollektivs «Café Révolution» eine Aussage zu entlocken, was denn genau passiert sei.

Auch ZACKBUM hat sich mit dieser Frage an die dort versammelten Frauen gewendet – keine Antwort. Beim erfolgreichen Crowdfunding über 30’000 Franken hatte das Kollektiv noch getönt: «Ist die letzte Etappe erreicht, können wir Dir im café révolution ein umfangreiches kulturelles Programm anbieten: Lesungen, Schreibworkshops, Yogasessions, Filmabende, Konzerte, Kunstaustellungen – the sky is the limit! Die Events sollen sozialkritische Themen aufgreifen und das Bewusstsein für diese Themen schärfen. Damit kommen wir unserer gesellschaftlichen Verpflichtung nach und bauen Brücken.»

Ein Blick auf die angepriesenen «Events» ist aber ernüchternd; es herrscht weitgehend – wenn der Begriff nicht rassistisch konnotiert gelesen werden kann – tote Hose:

Aber die BZ macht’s noch schlimmer, denn Ane Hebeisen ergreift dort das Wort. Pardon, er schreibt ein «Essay». Auch so ein Begriff, der völlig verludert ist. Das war mal ein brillanter Versuch, intellektuell hochstehend zu einem bedeutenden Thema etwas Wichtiges, Erkenntnisförderndes zu sagen.

Heute ist ein Essay in der BZ ein «ich mein‘ halt auch mal was und holpere das schriftlich vor mich hin». Hebeisen ist einschlägig bekannt, er rumpelte schon gegen das Rammstein-Konzert in Bern: «Die kruden Fakten zuerst: Die beiden Rammstein-Konzerte in Bern am Samstag, 17., und Sonntag, 18. Juni, werden – Stand heute – stattfinden … Aber auch auf ganz praktische Fragen gibt es bislang keine Antwort. Etwa auf jene, ob man sich sein Ticket zurückerstatten lassen kann, wenn man jetzt keine Lust mehr auf ein solches Konzert hat.»

Aber nun gar ein «Essay». Woran überhebt sich Hebeisen? Zunächst beschreibt er liebevoll die Tätigkeit dieses Kollektivs: «Die Einnahmen dieser Spenden kamen heuer dem Café Révolution zu, einem Begegnungsraum, in dem sich People of Color zum Thema Rassismus austauschen können, wo Lesungen oder Diskussionen stattfinden.»

Aber auch ihm wollte das Kollektiv nicht mal «auf mehrmaliges Nachfragen weitere Erklärungen abgeben». Es bleibt also dabei: leere Behauptungen von Diskriminierungen und Rassismus. Ein Hohn für alle wirklichen Opfer, die es natürlich gibt. Aber statt ein Essay über diesen eklatanten Missbrauch zu schreiben, behauptet Hebeisen: «Aus dessen Umfeld war später zu erfahren, dass wiederholt das N-Wort gefallen sei, dass Becher vor die Füsse der Einsammlerinnen geworfen wurden, mit der Aufforderung, sie sollten sich die Spende verdienen. Es sind Teller gegen den Stand geflogen, und mindestens eine Person soll angespuckt worden sein.»

Beweise, Belege, Videos gebe es allerdings nicht. räumt der Essayist ein. Keine Videos an einem Musikfestival, wo es mindestens so viele Handys wie Besucher gibt? Aus dieser Nicht-Tatsache macht Hebeisen dann flugs ihr Gegenteil: «Tatsache ist: Es muss eine Stimmung geherrscht haben, welche die Frauen dazu bewog, lieber auf Einnahmen des Standes zu verzichten, als länger an diesem Festival zu bleiben.»

Das ist keine Tatsache, sondern eine Beschreibung der unverständlichen und unbegründeten Reaktion des Kollektivs. Dass sie auf die Einnahmen verzichteten, stimmt auch nicht, sie mussten nur nicht mehr selbst sammeln.

Dann macht Hebeisen genau das Gleiche wie das Kollektiv. Er behauptet. Er behauptet, in der Kommentarspalte habe «die Stimmung begonnen hochzukochen». Leider kann das der Leser nicht nachprüfen, und auch Hebeisen – in bester Tradition – bringt keinen Beleg. Er behauptet: «Der Grundtenor in der Diskussion: Gegen Rassismus zu sein, sei eine linksextreme, politische Einstellung. Das seien alles Mimosen. Rassismus gäbe es bei uns nicht. Und wenn doch, seien die Betroffenen selber daran schuld

Das mag vielleicht eine fragwürdige, sogar falsche Ansicht sein, angesichts der haltlosen Vorwürfe zudem verständlich, aber Hochgekochtes ist hier nicht zu erkennen. Dennoch behauptet Hebeiesen weiterhin belegfrei: «Herrschte auf der Redaktion zunächst die Haltung, das Café Révolution schade sich selber, wenn es seine Vorwürfe nicht weiter ausführe, kippte die Stimmung bald. In einem derartig feindlichen, gehässigen und polemischen Umfeld würden selbst wir niemandem raten, sich mit Gesicht und Namen zu exponieren

Mit Gesicht und Namen exponieren? Wieso das? Es wurde doch nur verlangt, dass das Kollektiv ein paar Beispiele für seine Behauptung liefere; niemand verlangt, dass das mit «Gesicht und Namen» zu erfolgen habe.

Aber nun wird’s fatal, denn Hebeisen legt sich in die Kurve zu seinem eigentlich Anliegen: «In der Summe gibt es aber eine Ahnung davon, in welch unangenehmem Kraftfeld man sich als Person anderer Hautfarbe in diesem Land immer noch bewegt. In einem Land notabene, in dem die grösste politische Partei gerade beschlossen hat, die Migration als Quell allen Übels zu definieren, und damit zusätzlich einer ausländerskeptischen Enthemmung Bahn brechen dürfte

Enthemmung? Was heisst hier Enthemmung Bahn brechen? Natürlich muss man nicht lange auf das abgelutschte Allerheilwort warten: «struktureller Rassismus». Aber dann will Hebeisen «Klartext» schreiben: «Ja, die Schweiz hat ein Rassismusproblem, weil hier Menschen wegen ihrer Herkunft, wegen ihres Aussehens oder auch schon nur wegen ihres Namens nicht nur von vielen als «störend» empfunden werden, sondern auch tagtäglich Nachteile erfahren

Das mag nun so sein, aber was hat das mit dem Problem zu tun, dass hier ein Kollektiv für medialen Aufruhr sorgt, indem es wilde Behauptungen ausstösst und bislang den wirklichen Opfern von Rassismus damit einen Bärendienst erweist?

Dann wird’s noch einen Moment persönlich-peinlich: «Ich bin seit bald 20 Jahren mit einer afrobrasilianischen Frau verheiratet, die kein grosser Fan ist von sogenannten Safer Spaces für People of Color.»

Den langen Rest des Essays macht sich Hebeisen noch Gedanken, wo denn nun Rassismus beginne, wie man ihm begegnen könne und was es für Lösungsmöglichkeiten gäbe. Auf welchem Niveau? Na, auf dem hier: «Ich zitiere wieder meine Gemahlin: Schwingen wir nicht gleich bei jedem Anfangsverdacht die Rassismus-Keule

Da ist der Leser dann wirklich erschlagen. Ist das in der Gesamtwirkung peinlich. Kommentar kann Tamedia nicht. Reportage auch nicht. Essay ebenfalls nicht. Wofür will dann das Medienhaus überhaupt noch Geld verlangen? Für einkopierte Artikel aus München?

Rassismus ohne Inhalt

Das Gurtenfestival hat’s nun auch erwischt.

Es gab in den Berner Tamedia-Gazetten Schreckliches zu vermelden:

Diese Behauptung machte schon die Runde, auch der «Blick» kolportierte diesen neuerlichen Ausbruch von Diskriminierung und Rassenhass. Worum geht es eigentlich?

«Kollektiv schliesst Stand. Das Ausmass an Diskriminierung, mit dem er konfrontiert war, sei nicht zumutbar gewesen, sagt der Verein Café Révolution». Und berichtet Jessica King, «Redaktorin im Ressort Kultur&Gesellschaft». Sie sei «Journalistin mit langjähriger redaktioneller Erfahrung», behauptet sie auf LinkedIn.

Das erstaunt sehr. Denn eine solche Erfahrung sollte sie eigentlich davon abhalten, unbelegte, unspezifische und dadurch unglaubwürdige Behauptungen einfach zu publizieren. Stattdessen schreibt King: «So berichtet das Kollektiv von Café Révolution von Rassismus und Gewalterfahrungen am Festival, die die Grenze des Zumutbaren überschritten hätten.»

Das habe den Verein dazu veranlasst, seinen Stand bereits nach der Hälfte des Festivals zu räumen. Damit verzichtete das Kollektiv theoretisch auf weitere Einnahmen durch das Depot auf Bechern und Geschirr, das die Besucher ihnen überlassen konnten. Eine nette Geste der Veranstalter.

Das abrupte Ende der Geldsammlung erstaunt etwas an einem Festival, dass sich «Respect, Diversity, Love» auf die Fahnen geschrieben hat. Was ist denn passiert, was das Kollektiv zu dieser bitteren Aussage verleitete: Es habe schon mit übergriffigem und diskriminierendem Verhalten gerechnet, aber: «Wir können es nicht mit gutem Gewissen verantworten, ein Team von schwarzen und schwarz gelesenen Menschen dem auszusetzen, und haben uns deshalb entschieden, keinen Stand mehr zu haben.»

Wem oder was auszusetzen? Was genau ist denn passiert? Da scheiterte die erfahrene Lokaljournalistin King: «Mehr zu den Vorfällen wollen auf Anfrage weder das Kollektiv noch das Gurtenfestival sagen.» Sie kriegte nur noch heraus: «Bei der Kantonspolizei Bern seien bisher im Zusammenhang mit dem Gurtenfestival keine Meldungen zu mutmasslichen rassistischen Vorkommnissen eingegangen, so die Medienstelle.»

Es gibt also null, nix und nada an konkreten Vorfällen zu berichten. Wie heute üblich, windet sich und winselt die Organisation: «Die Geschehnisse hätten das Gurtenfestival-Team «zutiefst» erschüttert. «Wir müssen feststellen, dass wir als Gesellschaft nicht dort sind, wo wir sein sollten»», berichtet King anteilnehmend.

Das mag ja alles sein, nur: WELCHE Geschehnisse? Imaginierte, erfundene, reale? Wer solch schwere Anschuldigungen erhebt, sollte doch vielleicht ein einziges konkretes Beispiel nennen können, oder nicht? Tut er das nicht, müsste er (oder auch sie oder wie immer man das «lesen» will) sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er (oder sie oder es) fahrlässig mit gravierenden Vorwürfen hantiert und wirkliche Opfer von Rassismus damit desavouiert.

Es geht aber in der Absurdität noch weiter, wie die erfahrene Journalistin schreibt: «Zwei Menschen haben die mutmasslichen Übergriffe am Gurtenfestival bereits «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus» (Gggfon) im Kanton Bern gemeldet – das Informationsund Beratungsangebot führt unter anderem eine Meldestelle für rassistische Vorfälle. Mehr darüber, was geschehen ist, weiss auch Leiter Giorgio Andreoli nicht.» Ob sich zwei Schneeflocken hier irgendwie «unwohl» gefühlt haben? Wer waren die «zwei Menschen»? Mitglieder des Kollektivs? Zeugen, die nicht eingegriffen haben?

Bislang war es zumindest Brauch, nicht nur Rassismus zu krähen, sondern dafür wenigstens ein konkretes Beispiel zu benennen. Scheint nicht mehr nötig zu sein, irritiert die Autorin keinesfalls. Ihre Schlusspointe ist dann an Peinlichkeit (für das Café Révolution) nicht zu überbieten: «Bis zum Schluss des Festivals konnte weiterhin bei den offiziellen Rücknahmestellen Becher und Geschirr für Café Revolution gespendet werden.»

Ist man Rassist, wenn man sagt, dass sich dieses feine Kollektiv damit die Mühe gespart hat, Becher und Geschirr höchstpersönlich entgegenzunehmen?

Aber es geht ja noch weiter, sonst wäre es nicht Tamedia. Unter dem Artikel sammelten sich schnell ein paar Dutzend Kommentare an, in denen durchaus kritische Fragen zum Verhalten des Kollektivs und des Organisations-Teams gestellt wurden und man gerne gewusst hätte, was denn genau vorgefallen sei. Aber oh Wunder: schon am Nachmittag waren alle gelöscht, die Kommentarfunktion geschlossen.

Auf Nachfrage eines Abonnenten erklärt Chefredaktor Simon Bärtschi: «Die Kommentarfunktion abschalten ist nie gut. Aber in diesem Fall die bessere Option. Artikel über Rassismus lösen immer problematische weitere Kommentare aus, die der Einordnung nicht dienlich sind. Die Redaktion ist für sämtliche Kommentare zuständig und kann belangt werden, deshalb ist dieser Schritt manchmal nötig.»

Die «Chefredaktorin Bund» fügte noch hinzu: «Doch spätabends artete die Diskussion dann leider aus. Unser Newsdesker entschied sich deshalb, die Kommentarfunktion auszuschalten. Leider ging unsere Best Practice vergessen, in einer Fussnote den Notstop zu begründen.» Zudem wäre es toll, bereits publizierte Kommentare stehenlassen zu können. «Leider ist das aus technischen Gründen nicht möglich

ZACKBUM fasst zusammen. Richtig ist, dass das Publikationsorgan (auch ZACKBUM) für den Inhalt von Kommentaren haftbar ist. Daher werden sie heutzutage (auch bei ZACKBUM) vor dem Freischalten kontrolliert. Dass es bei Tamedia nicht möglich ist, auch spätabends gegen Gesetzesnormen verstossende Kommentare auszuscheiden, akzeptable hingegen zu publizieren, ist ein weiteres Armutszeugnis.

Dann geht was vergessen, und aus «technischen Gründen» sei es nicht möglich, bereits publizierte Kommentare stehen zu lassen, wenn man einen «Notstop» macht? Ja was ist das denn für ein Spar-CMS? Verwendet Tamedia etwa eine Gratis-Lösung aus dem Internet, die nur beschränkte Möglichkeiten bietet? Wird tatsächlich nicht nur an Umfang, Inhalt, Work Force und Redaktionsbudget gespart, bis es quietscht, sondern auch an der Infrastruktur?

Das ist kein Armutszeugnis mehr, das ist zutiefst beunruhigend. Die «Berner Zeitung» kostet happige 555 Franken im Jahr, der «Bund» gar 579 Franken. Bei weitgehend identischem, von der Zentralredaktion in Zürich übernommenem und grösstenteils in München hergestelltem Inhalt.

Und dafür soll es zwei Zeitungsredaktionen in Bern, soll es den zentralen Diensten in Zürich nicht möglich sein, Kommentare zu moderieren? Kann man sich kein CMS leisten, dass es erlauben würde, alle publizierten Kommentare stehenzulassen?

Ein oberflächlicher, unvollständiger, mehr Fragen als Antworten liefernder Artikel. Als es kritische Kommentare prasselt, ein Notstop. Mit erst am nächsten Tag nachgeschobener, dürftiger Erklärung. Die erst auf Nachfrage etwas ausführlicher ausfällt. Und dafür wollt Ihr ernsthaft noch Geld?

 

 

Qualität à la Berner Zeitung

Synergie, Verstärkung, Qualität. Das ist die «Berner Zeitung».

Als zahlender Leser darf man von seiner Qualitätszeitung einiges erwarten. Besonders im Lokalen. Also dort, wo nicht der Einheitsbrei aus der Zentralredaktion in Zürich von Tamedia abgefüllt wird.

Hier kann auch heute noch eine Zeitung ihre Muskeln spielen lassen, gut recherchierte eigene Artikelperlen vor die Leser werfen. Zum Beispiel:

Der Artikel ist zudem gut bebildert:

Allerdings wird hier der aufmerksame, zahlende Leser etwas stutzig: Das Foto ist zvg. So heisst nicht etwa das Kürzel des Fotografen, sondern das steht für «zur Verfügung gestellt». Also gratis.

Nun gut, aber dafür ist der Inhalt des Artikels sicher das Produkt einer tiefschürfenden Reportage und Recherche. Nicht ganz:

Der geneigte Leser fragt sich, ob er dafür wirklich 539 Franken für das «Classic Jahresabo» ausgeben sollte. Damit ihm Gratis-Behördenartikel mit Gratis-Fotos serviert werden? Wirklich?

Nicht ohne Ironie steht dann noch dieser Button unter dem Artikel. Zu melden wäre: das Ganze hier ist ein Fehler.

 

 

Nasse Hose

Redaktoren haben’s nicht leicht. Darunter leiden die Leser.

Reportage, Denkstück, vertiefte Analyse? Das war gestern. Heute ist klickgetriebenes Raushauen eines Stücks nach dem anderen. Massstab ist die Einschaltquote, nichts anderes zählt.

Als einziges Ventil darf der Redaktor aus dem eigenen Leben plaudern und den Leser mit unerwünschten Einblicken in sein Privatleben schrecken. Michael Feller ist «stellvertretender Leiter Kultur» bei der «Berner Zeitung/Der Bund». Viel Kultur ist da allerdings nicht, auch nicht viel Stellvertretung.

Also hebt er zu einem launigen Stück an:

Ist das die schlechteste Kolumne in Bern?

Darin berichtet er, sprachlich nicht ganz sattelfest, über ein früheres Malheur: «Der Kellner touchierte beim Hinstellen des Bierglases dergestalt den Tisch, dass sich die ganze Stange über meine Hose ergoss. Ich sah aus, als hätte ich grossumfänglich in ebendiese uriniert.»

Schrecklich, wie entkam der Stellvertreter dieser unangenehmen Situation? Ganz einfach, er liess seine Hose in den damaligen sommerlichen Temperaturen trocknen, der Kellner wünschte «mit einem schiefen Lächeln einen schönen Abend», die Rechnung ging damals aufs Haus.

Mit trockener Hose schreitet Feller nun zum Höhepunkt seiner Kolumne: «Jahre später trafen wir denselben Kellner wieder. Er arbeitete mittlerweile in einem Restaurant am anderen Ende der Stadt. Mein Bierglas war leer. Dann hörte ich zum ersten Mal diesen schlechtesten aller Sprüche: «Chani hie no chli Luft uselah?»»

Es erschliesst sich dem Leser allerdings nicht, was an diesem Spruch so schlecht sein soll; ein handelsüblicher Wink, ob das Bierglas wieder aufgefüllt werden sollte. Das kommt aber bei Feller ganz schlecht an: «Dort, wo Luft ist, im Bierglas, soll wieder Bier rein. Luft rauslassen. Kleines Quiz. Einmal um die Ecke gedacht, fertig ist der flotte Spruch. Wer ihn um ersten Mal hört, guckt dumm und bemüht dann den Mundwinkel. Wenn ich ihn höre, bin ich auf einen Schlag ausgenüchtert.»

Und dann denke Feller unwillkürlich an seine begossene Hose im Jahre 2016. Wie endet denn das ausgeleerte Bierglas? «Ich verstand den Spruch nicht. Mein ungläubiger Blick traf das schiefe Lächeln des Kellners, das auf eine Antwort wartete – und plötzlich einfror. In diesem Moment musste er mich erkannt haben. Das Bier-Opfer aus dem Sommer 16.»

Kommt da noch was, vielleicht eine Schlusspointe oder so? Das wäre aber zu viel Kunst: «Seither habe ich den Spruch einige Male wieder gehört. Ich könnte mich ärgern. Aber ich habe jedes Mal einfach nur Mitleid

Da ist der Leser weniger milde gestimmt …

 

 

 

 

 

 

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert: Altpapier

Die «Berner Zeitung/ Der Bund» probiert ein neues Rezykliermodell.

Eines ist bei Tamedia klar: wenn gespart wird, Redaktionen zusammengelegt werden, es dadurch bedauerlicherweise zu Kündigungen kommt, dann bewirkt all das nur, dass die Qualität steigt.

Die schöne Nebenwirkung ist, dass der Coninx-Clan sich über einen Supersondergewinn von über 800 Millionen Franken freuen kann. Für die Kunden der Produkte ist’s allerdings weniger profitabel. In Bern wird gerade vorgeführt, was so eine Steigerung der Qualität durch Fusion konkret bedeutet. Für das «Classic-Jahresabo» sind satte 539 Franken fällig.

Dafür gibt’s dann sicherlich wenigstens täglich frische News. Könnte man meinen. Nun ist aber Ostern gewesen. Selbst ZACKBUM hat die Gelegenheit genützt, drei Tage Pause einzulegen. Als mildernde Umstände können wir anführen, dass wir eine One-Man-Show sind. Und gratis.

Die «Berner Zeitung/Der Bund» bietet allerdings seinen Lesern dieses starke Stück:

Nomen est omen. Ein Artikel über Rezyklieren. Eine hübsche Lokalreportage: «Spätnachts, wenn alle schlafen, zieht ein Mann in Burgdorf seine Runden: Hansruedi Herrmann ist auf der Jagd nach Getränkedosen.» Das hiess natürlich für Cornelia Leuenberger (Text) und Beat Mathys (Fotos), zu nachtschlafener Zeit ihrem Beruf nachzugehen. Herausragend, so etwas will man im Lokalteil lesen.

Nur: Will man es auch immer wieder lesen?

«Über die Ostertage publizieren wir Texte der letzten Monate nochmals, die zu reden gaben. Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Februar 2022.»

ZACKBUM muss darauf hinweisen: Das ist keine Realsatire. Also schon, aber nicht von uns erfunden.

Selbst einer fusionierten Lokalredaktion sei’s gegönnt, über Ostern lieber im Stau zu stehen als zu arbeiten. Und die ewigen Ostereier-Artikel können tatsächlich auf genau diese gehen. Aber mal im Ernst: ein rezyklierter Artikel über Rezycling? Echt jetzt? Weil der «zu reden» gab? Wird das zur neuen Spar-Mode? Wieso nicht den Artikel über den Beginn der russischen Invasion in der Ukraine wiederholen? Der gab auch zu reden. Oder die schönsten Sportberichte über längst vergangene Wettbewerbe?

Auf dem Weg nach unten sieht der Journalismus offenbar keine Stoppschilder. Wir raten einzig von der Wiederholung eines Gefässes ab. Ernsthaft, auch wenn darüber wohl sehr viel geredet wird. Aber die schönsten Wetterberichte der vergangenen Monate, da sollte man die Finger von einer Wiederholung lassen.

Hingegen, man muss solche Sparmassnahmen zu Ende denken, wieso nicht diesen hier: «Heute bekommen Sie die Ausgabe vom 17. Januar 2021 zum zweiten Mal überreicht. Sie hat uns besonders gut gefallen, und geben Sie’s zu: Sie haben den Inhalt doch längst vergessen. Dafür gibt’s dann aber morgen eine nur teilweise rezyklierte Neuausgabe dieser Zeitung.»

Geeiertes aus Bern

Die zusammengelegte Berner Filiale von Tamedia dilettiert.

Es braucht Eier, mit einer solchen Position öffentlich aufzutreten: ««Es gibt keine Graubereiche mehr, es wird nur noch in Schwarz-Weiss berichtet.» Wer für eine differenzierte Sichtweise eintrete, werde in eine russlandfreundliche Ecke gedrängt. Diese Diskurskultur habe eindeutig «totalitäre Züge».

Das sagt die Berner Stadträtin der Grünalternativen Partei (GaP) Simone Machado. Und fügt hinzu: ««Man muss sich fragen, was der russische Präsident Wladimir Putin eigentlich will», sagt Machado. Und um dies herauszufinden, brauche es Verhandlungen.»» So zitiert sie die «Berner Zeitung».

Um ihr zu widersprechen und gleichzeitig Recht zu geben, titelte das Tamediablatt:

«Berner Linksgrüne können Putins Forderungen nachvollziehen»

Das war nun doch recht verwegen, inhaltlich falsch und überhaupt daneben. Aber gedruckt. Also benützte Bern die Möglichkeiten des Internets und verschlimmbesserte dort:

Man kann nun von der Position der Berner Politikerin halten, was man will. Man kann sie verurteilen, ihr unterstellen, sie sei von Moskau bezahlt, wie das schäumende Leserbriefschreiber tun. Früher wurde noch  der Ruf angestimmt: «Moskau einfach!»

Heutzutage wird man schnell vom Berner Linksgrünen zum «linksgrünen Aussenseiter». Während die Berner Insider der Lokalredaktion nicht mal im zweiten Anlauf einen anständigen Titel über den Artikel hinkriegen.

Dass der aalglatte Präsident der Grünen Schweiz sich lautstark davon distanziert, ist verständlich: «Frau Machados Verständnis des russischen Krieges gegen die Ukraine passt zur Haltung der Grünen wie die Faust aufs Auge», lässt sich Balthasar Glättli zitieren. Er, die Schweizer und die europäischen Grünen verurteilten die völkerrechtswidrige Invasion der Ukraine «in aller Schärfe». Dabei entgeht ihm allerdings, dass das Machado auch tut.

Während Glättli aber darauf hofft, dass Präsident Putin durch diese scharfe Verurteilung ein Einsehen hat, sich entschuldigt und verspricht, zuerst aufzuräumen und sich dann aus der Ukraine zurückzuziehen, sucht Machado nach Möglichkeiten, wie man beispielsweise mit Verhandlungen einem Ende des Krieges näherkommen könnte.

Aber solche Differenzierungen sind – wie Machado selbst beklagt – nicht mehr möglich. Die Reaktion der Grünen, der «Berner Zeitung» und der Kommentarschreiber beweist das.

 

Wumms: Mark Balsiger

Pole Position erobert. Das hilft der Eigen-PR ungemein.

Auf jedem Gebiet braucht es den Experten. Den Kenner der Sachlage. Denn der überforderte Kindersoldat im Newsroom weiss, dass er eigentlich auf keinem Gebiet sattelfest ist. Also googelt und schreibt er sich was zusammen.

Dann zeigt er’s dem Chef (wenn überhaupt). Der sagt dann: super. Aber wie wär’s, wenn wir da noch einen Experten hinzunähmen? Gibt dem Ganzen doch viel mehr Gewicht.

Richtig, denkt der Redaktor, mein Chef hat immer die guten Ideen. Nun muss ein solcher Experte zwei Eigenschaften erfüllen: andere müssen ihn auch schon zitiert haben. Und er muss rund um die Uhr erreichbar sein. Bei Corona zum Beispiel eroberte sich Marcel Salathé so aus dem Nichts heraus den Status des Oberexperten, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Wenn’s um Kinderfragen geht, verteidigt Allan Guggenbühl seit vielen Jahren die Pole Position. Er ist sozusagen die Mutter (und der Vater) aller Experten. Fast schon unheimlich, wie lange und wie präsent er das durchhält.

Als ZACKBUM für den «Stern» arbeitete, gab es in der Schweiz einen Fall, der den fachmännischen Kommentar eines Jugendpsychologen brauchte. Guggenbühls Ruhm hatte sich bis nach Hamburg durchgesprochen, obwohl man verlangte, einen «Guggenbichler oder so» zu interviewen. Der ging auch sofort ans Telefon, meinte aber, dass er diese Woche leider keine Zeit habe. Als erwähnt wurde, dass das ein «Stern»-Interview werde, stand er sofort am nächsten Nachmittag zur Verfügung.

Mehr eine lokale Grösse ist Mark Balsiger. Allerdings hat er sich einen festen Platz im Wanner-TV erobert, was schon mal gut ist.

Auch die «Berner Zeitung» hat seine Nummer auf Kurzwahl gespeichert. Knatsch um eine SVP-Politikerin? Balsiger fragen. Politknatsch in Könitz: «Es ist wie beim Schach», «Politikanalyst» Balsiger weiss Rat. Vorschau auf die kantonalen Wahlen? Da darf «Politikanalyst Mark Balsigers Meinung» nicht fehlen. Natürlich kennt er sich auch bei Impfskeptikern aus, der «Berner Politanalyst Mark Balsiger». Geht’s um «Courage Civil», wird er gleich zum «Berner Politikberater und Buchautor Mark Balsiger» geadelt.

Wer derart ständig von der «Berner Zeitung» abgeknutscht wird, kommt natürlich auch sonst vor; auf bluewin.ch ist er «Politologe», bei «20 Minuten» ebenso, srf.ch spricht mit dem «Politik-Analysten».

Allerdings sind seine Inhalte ungefähr so interessant wie die Leier des «Verschwörungstheoretiker-Spezialisten und Soziologen» Marko Kovic. Schale Lüftchen, Allgemeinplätze, Brei. Aber sicher gut für die «Kommunikationsagentur Border Crossing».

Merkwürdige Selbstdarstellung von «Border Crossing» …