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Schlagwortarchiv für: Bärtschi

René Zeyer

Das gähnende Sommerloch

2. Juli 2026/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Oder Hitzschlag im Glashaus an der Werdstrasse?

Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann, die einzig sinnvolle Ergänzung zu ZACKBUM, vermutet, dass die Zuger Richter die Berechnung der Höhe der Gewinnherausgabe im Fall Spiess-Hegglin beeinflusst durch einen Hitzschlag getätigt hätten. Da ist was dran; wenn man bedenkt, dass auf dieser Berechnungsgrundlage Ringier alleine mit dem «Blick» online eine satte Milliarde verdienen müsste. Das wäre ein absurder Lachschlager, wenn es nicht brandgefährlich für alle Schweizer Medien wäre.

Denn damit wurde zum ersten Mal eine Benchmark gesetzt, die dann auch andere Organe treffen kann. Wäre eigentlich ein Grund für einen kollektiven Aufschrei in den Massenmedien.

I wo.

Das Blödelblatt «Tages-Anzeiger» will hingegen das Sommerloch mit einer Uralt-Topik füllen:

Meine Güte. Gleich 8 (!) Fachkräfte des Ressorts «Leben» (mit so grossartigen Unterrubriken wie «Essen & Trinken» oder «Wir sind Zukunft») haben sich der wirklich gähnlangweiligen Frage angenommen, was denn Deutsche an Schweizern putzig oder kurlig finden.

Genau, schnarch, die Augenlider fallen von selbst nach unten. Erschwerend kommt noch hinzu: diese kompetenten Acht liefern einfach einen Zitatesalat ab. Keine Analyse, Interpretation, kein Hirnschmalz. Unkommentiert geben sie das wieder, was sie bei Befragungen von «Kollegen» zu hören kriegten. Sicherlich haben sie dabei die häufigste Antwort weggelassen: fällt euch denn nichts Besseres als diese olle Kamelle ein?

Gibt es wenigstens gewisse Höhepunkte, Neues, Absonderliches? Aber nein:

«Es fehlen Saftschorlen in Restaurants (mit Ausnahme von Apfelsaft) und Spezi. Auch echtes deutsches Brot und leckere Kuchen sucht man in Bäckereien oft vergebens, es gibt keine wirkliche Kaffee-und-Kuchen-Kultur.»

Die Wahrheit ist: eine Schorle ist das gleiche wie ein Apfelsaft, ein Spezi kann der, der die abartige Mischung von Cola und Orangenlimonade will, seit Kurzem auch in der Schweiz kaufen. Im Coop, zum Beispiel. Oder bei Otto’s. Usw. Immer mehr Bäckereien bieten Sauerteig- und andere deutsche Brote an; wer keinen leckeren Kuchen findet, ist bescheuert. Aber he, wir sind hier doch nicht in einer aktuellen Rechercheredaktion.

Auch nicht in einer, die die Mundart beherrscht:

«Eine sprachliche Wendung lässt einen nach wie vor staunen: ‹I gang go hole› oder ‹I gang go laufe›. Wieso dieses ‹go›? Diese Doppelung ist grammatikalisch einfach nicht nachzuvollziehen – jedenfalls konnte es mir in meiner Schweizer Verwandtschaft niemand erklären.»

Kommt von der alten Präposition gen und verbindet zwei Tätigkeiten. Aber wer nicht richtig Deutsch kann, wieso soll der Mundart beherrschen?

Wer keine der beiden Sprachen richtig beherrscht, dem fällt auch der Widerspruch hier nicht auf:

«Eine tolle, nachhaltige Schweizer Praxis geht leider vermehrt verloren: die geteilten Waschmaschinen und Trockner im Keller von Mehrfamilienhäusern. Das gibts in Deutschland gar nicht, stirbt aber auch hier trotz des Trends zu Single- und DINK-Wohnungen mit eigener Maschine im Bad leider immer mehr aus.»

Trotz?

Es steht zu vermuten, dass im Rahmen der Sparmassnahmen bei Tamedia ausserhalb der Chefbüros die Klimaanlage deutlich gedrosselt wird. Was wohl auch hier zu akuter Hitzschlaggefahr führt.

Anders lässt sich ein solches Gemeinschaftswerk tatsächlich nicht erklären. Es ist aber geradezu unverschämt, das hinter der Bezahlschranke dem Leser reinzudrücken. Der bekommt davon dann Wallungen, Bluthochdruck und einen Blutrausch, der ohne Weiteres in der Kündigung des Abos enden kann.

Liebe Frau Birrer, lieber Herr Bärtschi, wo bleibt hier die mindeste Qualitätskontrolle? Oder schon längst in den unverdienten Ferien?

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/06/Bildschirmfoto-2026-06-28-um-17.32.05.png 597 1197 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-07-02 05:00:022026-06-30 10:28:02Das gähnende Sommerloch
René Zeyer

Der Tamedia-Leser als solcher

25. März 2025/2 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

verfault gerne kommod in seiner Blubberblase.

Jedes Organ hat die Leser, die es verdient. ZACKBUM ist natürlich begeistert über seine, vor allem, wenn sie so des Lobes voll sind.

Der WeWo-Leser droht mit Kündigung des Abos, wenn er nicht ausschliesslich «Trump ist ein stabiles Genie»-Artikel serviert bekommt.

So weit geht der Tamedia-Leser nicht. Aber wenn Alexandra Kedves sich nicht etwa enthüllende Gedanken über Nacktheit macht, dann übt sie sogar gelegentlich ihren Beruf aus. Zum Beispiel mit einem Interview mit der streitbaren US-Schriftstellerin Lionel Shriver. Die hat eine Dystopie entlang der lustigen These veröffentlicht, dass alle für gleich intelligent erklärt werden und daher Können oder Kompetenz als Kriterien verboten sind.

Was daran allerdings «rasant» sein soll, erschliesst sich nicht ganz. Die Fragen von Kedves sind es nicht: «Wirklich? Warum nicht? Nun ja. Bitte. Wieso?»

Im Interview sagt Shriver trotzdem ein paar freche Sachen. Zum Beispiel, dass die gescheiterte Präsidentschaftskandidaten Kamala Harris «dumm» sei, «eine wandelnde Bügelfalte, ihre öffentlichen Auftritte waren peinlich. Unwählbar». Zusammen mit dem Zitattitel ist es klar, dass das den kommunen Tamedia-Leser schwer in Wallungen bringt. Immerhin 69 (Zwischenstand) haben zum Griffel gegriffen und geben ihrer Empörung über diese Störung ihres geistigen Wohlbefindens in wackeliger Orthografie und verstolpertem Inhalt Ausdruck.

Ein Einziger wagt es, das Gespräch immerhin anregend zu finden. Sonst herrscht erbitterte Gegenwehr, oberlehrerhafte Zurechtweisung: «Es scheint, dass Sie den Hauptzweck der Gründung der EU nie erfasst hat.» Ein wandelndes Fragezeichen: «Frage mich gerade, was den gut ist, was Donalt Trump macht. Mann nenne mir nur 1.» Harsche Verurteilung des neuen US-Gesundheitsministers Kennedy: «Er ist mitschuldig am Tod des Jungen.» Was Shriver sage, «zeigt ihre ressentimentgeladene Ahnungslosigkeit». Im Gegensatz zu der des Kommentators. Ein anderer kommt zum Fazit: «Ein peinliches Interview.» Dazu passt dann ja ein peinlicher Kommentar.

Ein anderer hat den Durchblick: «Über gewisse strecken entlarvt sich Frau Shriver etwas in ihrer Einfältigkeit.» Einer geht noch weiter: «Hysterisches Geschwätz!» Klarer Sexismusverdacht. Einer will mit feiner Klinge arbeiten, fällt aber auf die Schnauze, weil er nicht zwischen legaler und illegaler Immigration zu unterscheiden vermag: «Man kann natürlich als US-Staatsbürger Jahrzehnte lang im UK und dann in Portugal leben, und gleichzeitig gegen Immigranten sein. Besonders Glaubwürdig ist das aber nicht.»

Einer gesteht völliges Unwissen ein und ist noch stolz darauf: «Wer ist Lionel Shriver ? Noch nie gehört. Offenbar hat sie Bücher geschrieben. Ich denke nicht, dass ich je ein Buch von ihr (ihm ? Lionel ist doch ein männlicher Vorname ? Item) zur Hand nehmen werde. Nach diesem Interview möchte ich jedenfalls lieber nie mehr etwas hören von dieser Person.» Ein etwas höheres, wenn auch inhaltsleeres Niveau: «Eine geschwätzige, sprunghafte und selbstreferenzielle Frau.» Selbstreferenziell, wow.

Ein anderer proletet am Stammtisch:

«Irgendwie peinlich dieses Interview. Voller Widersprüche und Stammtischparolen.»

Man habe Nachsicht mit ZACKBUM, dass wir hier die Lektüre aufgegeben haben; zu viel duschen ist auch ungesund, wenn man durch solchen Gedankenschlamm waten muss.

Für den Medienkrtitiker ist das ein Ausflug in die Katakomben der angeblich so mündigen und kritischen Leser der Qualitätsorgane von Tamedia. Aber Hand aufs Herz, Frau Peppel-Schulz, Frau Birrer, Herr Bärtschi, mit Einsparungen ewig auf der Suche nach Qualitätssteigerung: können Sie wirklich verantworten, täglich einen Beitrag zu solcher Volksverdummung zu leisten? Denn diese unreflektierte Dummschwätzer-Blase haben Sie doch aufgepumpt mit ihrer woken Generallinie und seitenweise Ratschlägen zur inkludierenden, gendergerechten und mit Sternchen durchbohrten Sprache mit hohem Wohlfühlfaktor für alle, garantiert diskriminierungs- und hirnschmalzfrei.

Sticht da jemand hinein, dann entweicht übler, fauliger Geruch. Auf diese Leistung können sie sicherlich stolz sein. Solange es sie samt ihren Organen noch gibt.

 

 

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/03/Bildschirmfoto-2025-03-24-um-09.02.36.png 644 1798 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-03-25 05:00:122025-03-25 04:07:01Der Tamedia-Leser als solcher
René Zeyer

Verkäufer saurer Milch

25. September 2024/5 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Nur im Journalismus möglich: dem zahlenden Konsumenten eins über die Rübe.

Stellen wir uns vor: Migros (kann auch Coop, Aldi oder Lidl sein) schreibt sich auf die Fahne, dass man der Kundschaft saure Milch verkaufen möchte.

Viele Jahre lang war sich der Konsument gewöhnt, dass es frische, schmackhafte Milch gibt, zu zwar sanft steigenden, aber erträglichen Preisen. Plötzlich kommt aber Migros auf die Idee, in einer schrumpfenden Packung immer weniger Milch zu verkaufen. Wobei der Preis aber der gleiche bleibt.

In der Managerkaste des Detailhändlers wundert man sich leicht, wieso der Verkauf von Milch deutlich zurückgeht. Das sei den allgemeinen Marktbedingungen geschuldet, sagt man sich, schliesslich sei der Absatz auch bei Coop rückläufig, ganz allgemein erlebe der Milchverkauf eine Strukturkrise, wird getönt. Und leider gebe es da noch ein zusätzliches Problem. Denn die Manager der Migros waren in ihrer unendlichen Weisheit auf die Idee gekommen, Milch im Laden weiterhin kostenpflichtig anzubieten. Wer aber Milch im Internet bestellt, bekommt sie gratis nach Hause geliefert. Auch diese weise Entscheidung trug nicht gerade zur Steigerung des Verkaufs bei.

Also wurde sie langsam wieder rückgängig gemacht; Milch gibt es nur ab und an noch gratis im Internet, immer häufiger muss auch dort dafür bezahlt werden. Was allerdings – zur grossen Verwunderung der Teppichetage – ebenfalls zu Einbrüchen im Verkauf führt.

Aber damit waren die Manager noch nicht am Ende mit ihrem Latein. Statt gewohnter Frischmilch liessen sie saure Milch abfüllen. Mit der Absicht, den Konsumenten zu erziehen. Umzuerziehen. Frische Milch sei ungesund. Ein verantwortungsbewusster Konsument liebt saure Milch. Alles eine Frage der Einstellung, und die könne, ja müsse geändert werden. Der Umwelt zuliebe. Den Kühen zuliebe. Noch besser als saure Milch sei daher Sojamilch. Hafermilch. Milchersatz. Teurer, aber noch nachhaltiger.

Zudem wurde die saure Milch noch eingefärbt. In Pink, in Grün, sogar der Regenbogen konnte hineingemecht werden. Damit sei die Milch aus der alten Geschlechterrolle befreit worden. Es gebe nun inklusive Milch, die auch die Bedürfnisse von nonbinären, hybriden, transsexuellen und überhaupt Transgender-Personen berücksichtigt.

Schliesslich versuchte es das Management, unterstützt von den Milchproduzenten, noch mit Warnhinweisen auf der schrumpfenden Packung. Denken Sie an die vielen Kinder auf der Welt, die keine Milch trinken können. Nicht nur schlucken, auch spenden. Seien Sie achtsam mit der Milch. Trinken Sie nur handgemolkene Milch.

Das Ziel wurde dann erreicht, als jeder Milchtrinker bei jedem Schluck ein schlechtes Gewissen hatte. Allerdings wurde immer weniger geschluckt, denn immer weniger Konsumenten waren bereit, für immer weniger saure Milch mit Belehrungen und Beschimpfungen immer mehr Geld auszugeben.

Da jammerte die Migros aber laut (und Coop, Lidl und Aldi schlossen sich an), die Nahrungsmittelverteilung sei schliesslich unabdingbar in einer funktionierenden demokratischen Gesellschaftsordnung. Das sei sozusagen ein Service Public, seine Einstellung würde zu schwersten Schäden führen. Daher müsse die sinnvolle Tätigkeit der Detailhänder unbedingt mit Subventionen unterstützt werden.

Dass Coop und Migros gleichzeitig eine gemeinsame Verkaufsplattform aus der Taufe hoben und damit Sondergewinne in Milliardenhöhe einfuhren, nun, das ändere ja nichts daran, dass der Milchverkauf schwer ins Stocken gekommen sei – und daher unbedingt subventioniert werden müsse.

Wegen mangelnder Nachfrage müssten in regelmässigen Abständen Kühe geschlachtet werden, und obwohl das eine Weichenstellung für qualitativ höhenwertige Milch sei, müsste der Konsument halt die Augen schliessen und zustimmende Geräusche machen, während er saure Milch hinunterwürgte, wobei ihm eigentlich kotzübel wurde.

Würde ein Manager bei der Migros – die ja auch vor Fehlern nicht gefeit ist – ein solches Zukunftsszenario bezüglich Milchverkäufe entwickeln, er würde nicht mal gefeuert. Sondern man würde unauffällig nach der Ambulanz schicken, eine Beruhigungsspritze setzen, vorsichtig die Zwangsjacke überstülpen und den Irren in eine gepolsterte Zelle verfrachten, deren Türe innen keine Klinke hat.

Keine dieser Massnahmen würde auch nur ernsthaft angedacht werden, geschweige denn, umgesetzt. Schon die Idee, für weniger Inhalt mehr Geld zu verlangen, würde mit ungläubigem Kopfschütteln und schallendem Gelächter beantwortet. Die Vorstellung, das Publikum, die Konsumenten erziehen zu müssen, würde als geschäftsschädigend vom Tisch gewischt.

Wenn Verkäufer die Konsumenten mit langfädigen Beschreibungen des eigenen Gemütszustands langweilen würden, den potenziellen Käufer mit Ratschlägen für eine bessere Lebensführung überschütteten, sie würden abgemahnt und anschliessend entlassen werden.

Aber bei Tamedia ist das alles Gang und Gebe. CH Media tut’s nicht ganz so aufdringlich. Dafür ist der «Blick» völlig enteiert, hat zwar noch grosse Buchstaben und bunte Bilder, aber scheut den Boulevard wie der Teufel das Weihwasser. Er macht keine Kampagnen mehr, gibt nicht mehr Volkes Stimme, lockt kaum noch mit absonderlichen Sexgeschichten; blutrot ist nur noch das Logo, und Ratgeber gibt es für alle Lebenslagen, bloss nicht mehr für Sex.

Schon der Sozialismus musste bitter erkennen: wer am Konsumenten vorbeiproduziert, seine Wünsche ignoriert, eine absurde Preispolitik betreibt – der ist zum Untergang verurteilt.

Exemplarisch führt das Tamedia vor. Das Management ist ideen- und hilflos und vergreift sich in der Wortwahl in einer Art, dass peinlich nur das Vorwort ist. Und die Mannschaft belehrt ungestüm die Kundschaft, haut ihr falsches Abstimmungsverhalten um die Ohren, kümmert sich angelegentlich um die Bedürfnisse sexueller Randgruppen und schreibt prinzipiell an den Interessen der Leserschaft vorbei.

Gleichzeitig sind die immer mutig mit dem Zeigefinger wackelnden Rechthaber feige und rückgratlos, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. 200 Drucker auf der Strasse? Geschähe das bei irgend einer Firma in der Schweiz, man sähe die Halszäpfchen der Journis, so laut würden sie protestieren und halsen. Aber im eigenen Haus? Kein kritisches Wort, kein einziges. Duckmäusertum und Schweigen.

Es werden 90, 55, 47, 112, wer weiss es schon – Mitarbeiter gefeuert, als besondere Folter wird über Wochen nicht bekannt gegeben, wen’s trifft – schweigende Schockstarre. Bloss nicht auffällig werden, alle schlurfen mit dem Blick nach unten durch die Hölle des Newsrooms. Keiner wagt es, Versagern wie Bärtschi, Birrer, Peppel-Schulz oder Supino die Meinung zu sagen.

Oder kurz: Mitleid null, verdient haben sie’s, selber schuld sind sie. Diese Verkäufer halbleerer Packungen saurer und eingefärbter Milch.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/09/Bildschirmfoto-2024-09-24-um-09.26.23.png 453 884 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-09-25 05:30:282024-09-24 09:34:05Verkäufer saurer Milch
René Zeyer

Gibt es Medienkritik ohne Medien?

22. September 2024/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Oder kann man im Nichtschwimmerbecken crawlen?

ZACKBUM widmet sich für einmal an einem geruhsamen Sonntag dem Lieblingsorgan der meisten Journalisten. Dem Bauchnabel.

Vor etwas mehr als vier Jahren, genauer am 25. Juli 2020, hat ZACKBUM begonnen. Geboren aus dem Bedürfnis heraus, der serbelnden Medienkritik eine neue Plattform zu geben. Damals gab es noch ein paar ernstzunehmende Mitbewerber, wie man so schön sagt. «Die Medienwoche», eine feste Medienseite in der NZZ mit einem erfahrenen Betreuer. Den «Schweizer Journalist», der dann zur «Schweizer Journalist:in» denaturierte, sich aber wieder gefangen hat. Auch Tamedia und CH Media frönten gelegentlich der Medienkritik.

Alles weg.

3630 Artikel, über 14’000 Kommentare. Befriedigende Einschaltquote, eine kleine Truppe von ZACKBUM-Fans, eine Truppe von Neugier-Lesern, eine grosse Truppe von ZACKBUM-Hassern. Besonders die machen ungemein Spass.

Das Problem eines Duopols im Tageszeitungsbereich mit einem zu Tode redesignten und entkernten «Blick», plus Planet NZZ: es gibt dort keine Medienkritik mehr. Denn der Tagi kann schlecht die BaZ kritisieren. Die «Aargauer Zeitung» nicht dem St. Galler «Tagblatt» die Leviten lesen. Der «Blick» kann sowieso fast nix. Und die NZZ probiert’s manchmal, haut dann alle anderen in die Pfanne, spart sich selbst aber unsouverän aus.

Und was soll da die letzte unabhängige Medienkritik, die keinerlei Verpflichtungen hat, keinerlei Hemmungen kennt (ausser vor teuren juristischen Auseinandersetzungen)? Ist ein manischer Schreibzwang Grund genug, gewisse repetitive Schlaufen zu übersehen? Ist es Verteidigungsargument genug zu sagen, wenn die Journaille immer wieder die gleichen Dummheiten macht, dass dann auch immer wieder das Gleiche daran kritisiert werden muss?

Oder soll sich ZACKBUM im Sonnenschein aalen, dass wir der Rächer der Stummen und Entmündigten sind? Es ist natürlich schön zu wissen, dass ZACKBUM fleissig gelesen wird. Es ist noch schöner, dass aufgeblasene Wichtigkeiten bei der Lektüre rot anlaufen und Verbalinjurien knirschen. Es ist beelendend mitzuerleben, wie Journalisten sich vertraulich melden und ihr Leid klagen. Das Leid einer sterbenden Berufsgattung.

Nicht nur das Rauchen und Saufen ist aus dem Journalismus verschwunden. Sondern auch sonst das meiste, was Spass gemacht hat. Die Welt kennenlernen. An jede Türe klopfen dürfen, und mit der Begründung «bin Reporter» wird man (meistens) reingelassen. Die Entdeckerfreude. Die Neugier. Die Cleverness, Hindernisse zu umkurven, die Entdeckerfreude, der angenehme Adrenalinschub durch die Deadline. Der Stolz, ein rundes Stück abgeliefert zu haben, das garantiert die Welt verändern wird. Mindestens für Aufsehen sorgen. Allermindestens dafür geeignet ist, in fröhlicher Runde nacherzählt zu werden.

Die Zeiten, bevor der Chefredaktor fragte, wenn überhaupt noch so etwas geplant wird, was denn die These sei, bevor die Recherche überhaupt begonnen hat. Die Zeiten, bevor Bedenkenträger und Erbsenzähler an die Macht kamen. Technokraten mit grauen Gesichtern und grauen Hirnen und grauer Schreibe. Zeiten, bevor die Farbe aus dem Journalismus verschwand.

Zeiten, wo noch galt: Kisch, schreib das auf! Wo galt: hingehen, hinschauen, hinschreiben. Alles aufschreiben. Die Farbe der Tischdecke, der Geruch in der Küche, die abgetragenen Schuhe, der müde Blick. Nicht, dass man all die Details gebraucht hätte für die Story. Aber nur wer aus einer Überfülle auswählen kann, kommt der Wirklichkeit nahe. Nicht, wer aus drei Beobachtungen eine ganze Story bastelt, ein flaches Abziehbildchen, Fast Food, mit Fett oder Zucker zur schlechten Gewohnheit gemacht.

Schade, eigentlich. Bedauerlich einzig, dass noch nie eine ganze Branche an der Unfähigkeit des führenden Managements zugrunde gegangen ist. So wie der Journalismus. Denn es kann doch niemand im Ernst behaupten, dass all die alternativen Medien, die Newsschleudern auf den sozialen Plattformen, die ausweichenden Formen der Newsaufnahme entstanden wären, wenn die klassischen Medien ihrer Aufgabe gewachsen geblieben wären.

Wenn zwischen «das ist amtlich» und «das steht so in der Zeitung» kein grosser Unterschied wäre. Aber heutzutage kann man sich ja nicht mal mehr auf amtlich verlassen, siehe AHV.

Was soll dann noch ZACKBUM? Seinen Einzugsbereich vergrössern und all die unzähligen Newsgroups abklappern? Kä Luscht. Uns weiterhin mit Bärtschis, Binswangers und anderen Nullen herumärgern? Immer wieder das Klagelied über zunehmenden Analphabetismus, Kulturlosigkeit, Ungebildetheit, Unfähigkeit zu logischem Denken, zu Schlussfolgerungen anstimmen?

Immer wieder sprachartistische Girlanden auf einen Sumpf flechten?

Das muss man wohl pragmatisch sehen: ZACKBUM macht genauso lange weiter, wie’s noch Spass macht. Und dann wird der Stecker rausgezogen. Und vorher keine Bauchnabelschau mehr betrieben.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/01/Sonntag_Header.jpeg 313 683 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-09-22 05:00:002024-09-21 22:54:24Gibt es Medienkritik ohne Medien?
René Zeyer

Folterkammer Glashaus

21. September 2024/4 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

In jeder normalen Firma würde das zu Entlassungen führen.

Hoppla, bei Tamedia gibt es ja Entlassungen. Sogar massenhaft. Nur an der falschen Stelle. Nämlich im Maschinenraum statt auf der Kommandobrücke.

Denn die Unfähigkeit derjenigen, die hier die grossen Räder drehen, ist himmelschreiend. Ein Magazin wird einfach mal so eingestellt. Ohne Vorwarnung, nach der Devise: ach, ist uns gerade noch eingefallen, den «ZüriTipp» braucht’s nicht mehr.

Bei «ZürichStadtleben/Züritipp» arbeiten 12 Menschen, Claudia («Nutella») Schmid als Ressortleiterin, Isabel Hemmel als stv. Ressortleiterin und Leitung Züritipp. Plus zehn Indianer. Braucht’s die noch? Wer weiss. Braucht’s die Chefredaktoren der eingesparten Lokalblätter noch? Reden wir mal drüber. Braucht’s die Redaktionsleitung «SonntagsZeitung» noch? Schauen wir mal. Wozu braucht es Arthur Rutishauser als Chefredaktor ohne Redaktion genau? Ach, irgendwie.

Aber der Gipfel des Zynismus ist: Weder Jessica Peppel-Schulz noch Simon Bärtschi haben das Rückgrat, den Leuten in die Augen zu schauen und zu sagen «you’re fired». Denn zuerst 90, dann 55 eingesparte Stellen in den Raum zu stellen, das war der einfache Teil. 200 Drucker rauszuschmeissen, nun ja, da muss wenigstens nicht selektioniert werden. Sondern einfach alle müssen weg.

Aber Familienväter, Ü-50-Jährige, welche Lebensplanung wird nun vom unfähigen Management von TX (oder Tamedia oder «Tages-Anzeiger») über den Haufen geworfen? Niemand weiss nichts Genaues. Gerüchte besagen, dass vielleicht im Verlauf des Oktobers das grosse Schlachten beginnen soll, aber eher in der zweiten Hälfte. Damit sich die Betroffenen dann so richtig auf die Feiertage freuen können.

Schon Koryphäen wie Mathias Müller von Blumencron («Verkehrsmonitor») fiel mit geborgten Ideen auf die Schnauze. Laberte aber, wenn man ihn liess, von der neuen Digitalstrategie, so auf dem Niveau: «noch näher beim Leser».  Diese Worthülsen sind zurzeit verräumt, nun geht es um «Qualität». Ach, und «noch näher beim Leser».

In Wirklichkeit besteht aber die Tragödie darin: Weder Peppel-Schulz, noch Bärtschi, noch ein anderes Mitglied der GL oder gar des Verwaltungsrats hat auch nur die blasseste Idee, was man mit dem von Bigboss Pietro Supino wild zusammengekauften Tageszeitungsimperium eigentlich anstellen soll. Wozu es eigentlich noch Ableger in Bern und Basel braucht. Wozu es noch eine Sonntagszeitung braucht. Wieso es noch einen Ableger in der Romandie braucht.

Die bittere Wahrheit ist doch: an der Werdstrasse breitet sich langsam Verwesungsgeruch aus. Und der Aussenstehende wird den Verdacht nicht los, dass sich Supino mit solchen Flaschen umgibt, damit er nicht weiter auffällt. Denn im Vergleich zu einer Pasquale Bruderer, einer Peppel-Schulz, einem Bärtschi ist er doch geradezu ein visionärer Macher.

Es ist allerdings ein unwürdiges Ende, das der einst stolze «Tages-Anzeiger» nimmt. In seinen besten Zeiten war er eine ernstzunehmende Stimme mit Einfluss und Wirkung. Stiess er Themen an, beherrschte Diskurse, kam in seinen besten Momenten sogar an die NZZ heran.

Und jetzt? Würde man an der Eingangspforte zum Glashaus an der Werdstrasse ein Gedankenlesegerät aufstellen, wenn die motivierten, enthusiastischen, auf mehr Qualität brennenden Journalisten hineinströmen, man würde erbleichen und schamvoll Augen und Ohren schliessen.

Opferlämmer und Folterknechte. Leiter mit langer Leitung. Führungspersonal im gähnenden Vakuum der Ideenlosigkeit. Hektisches Holzen ohne Sinn und Verstand. Oder gar Plan. Wer erbarmt sich dieses Trümmerhaufens? Ringier? CH Media? Beide gesättigt und mit genug eigenen Problemen. NZZ? Kä Luscht. Ein ausländischer Investor? Schwierig, der Schweizer Markt ist klein und speziell.

Also gilt auch hier: der Letzte macht das Licht aus.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/09/Bildschirmfoto-2024-09-18-um-17.01.02.png 445 833 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-09-21 05:00:092024-09-18 17:20:22Folterkammer Glashaus

  • Kleines Vademecum für Kommentarschreiber27. August 2020 - 16:08
  • Wer wir sind und was wir wollen25. August 2020 - 15:07
  • ZACKBUM.ch startet: Die Rückkehr der Medienkritik25. Juli 2020 - 6:05
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