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Die Bachelorette gibt Fersengeld

Aufatmen bei den Grünliberalen. Ein Problem weniger.

Aus kommunikativer Sicht macht die Bachelorette der Politik alles völlig richtig. Sie haut eine Provokation raus. Absichtlich und bewusst, lässt sich dabei fotografieren und postet es. Blöd gelaufen, der Shitstorm war dann doch etwas grösser als gedacht.

Im Nachhinein war es eine klare Fehlentscheidung der PR-Bude Farner, sie daraufhin zu feuern. Denn sie hat unbestreitbar Talent. Viel besser kann man einen solchen Fehler danach nicht abfedern.

Phase eins: Kopf runter, schweigen. Nur düstere Andeutungen machen, wie einen das alles mitnimmt und wie furchtbar mit einem umgegangen wird. Dazu noch das Triggerwort Polizeischutz in den Raum stellen. Und dann abwarten und Tee trinken.

Schliesslich das tränenschwangere Exklusivinterview in der auflagenstärksten Wochenendzeitung der Schweiz. Wohl mit klaren Abmachungen, was gefragt werden darf und was nicht. Die Erinnerung an den toten Bruder, niedriger geht’s nimmer. Danach wieder das Wasser testen, wie schaut’s so aus? Ein paar markige Sätze sagen; in der Politik bleiben, grünliberal bleiben, sich nicht unterkriegen lassen. Präsident fordert Austritt, Parteiausschlussverfahren unterwegs, eine ganze Sektion von Operation Libero verabschiedet sich, weil sich die Bachelorette nicht verabschieden will? Aussitzen, wieder schweigen.

Sich mal kurz im Gemeinderat der Halböffentlichkeit zeigen, mutige Sünderin spielen, die zum Opfer wurde. Perfekt.

Wieder die Wassertemperatur messen. Und feststellen: die kommende Anhörung beim Parteiausschlussverfahren würde nicht genügend positive News kreieren. Also nächster PR-Coup: fast zeitgleich die eigenen Partei und die Medien  informieren, dass die Bachelorette so nicht weiter bei der GLP politisieren kann.

Schliesslich sei sie in die Politik gegangen, um liberale und demokratische Werte, mitgestalten, Blabla. Aber: «Dies ist bei der GLP nicht mehr möglich». Ui, was für eine Partei. Nicht etwa die Bachelorette, nein, die Partei hat liberale und demokratische Werte aufgegeben. Also nehmt das.

Wunderbar auch, dass ausser dieser Medienmitteilung wieder mal «kein Kommentar» gilt. Was ist mit ihrem Posten als Gemeinderätin? Kann sie auch dort keine liberale und demokratische Werte mehr verteidigen? Oder aufrecht als Einzelkämpferin weitermachen? Woanders unterkriechen? Bleibt zurzeit ihr Geheimnis. Ach, und Operation Libero? Auf der lastet sie immer noch; als Co-Präsidentin zusammen mit Stefan Manser-Egli. Ihre grossartig angekündigte «Europa-Initiative» hängt in den Seilen, der ganze Verein hat deutlich an Wirkung und Schlagkraft eingebüsst, seitdem sie am Gerät ist.

Aber hier hat sie Solidarität erfahren, was anderen Mitgliedern der Operation so sauer aufstiess, dass sie gleich den Verein en bloc verliessen.

Aber auch diese Taktik ist PR-mässig erste Liga. Einen raushauen, Fragen offenlassen, wieder abtauchen. Um dann mit entsprechender Verzögerung nachlegen zu können. Denn der Kampf um Aufmerksamkeit ist heute mörderisch. Aber wer schafft es denn sonst mit einer Null-Message auf über 120 Treffer in der Mediendatenbank?

Da müsste Farner über den eigenen Schatten springen und dieses PR-Talent wieder einstellen. Vielleicht mit ein paar Guidelines im neuen Arbeitsvertrag.

Bester Boulevard

CH Media zeigt es dem «Blick», wie das geht.

Wer mit uns «im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit uns im Aufzug nach unten», erklärte schon vor vielen Jahren der Könner Mathias Döpfner das Prinzip des Boulevard von «Bild». CH Media exerziert das gerade beispielhaft mit der Bachelorette der Politik durch.

Vergangenes Wochenende das tränentriefende «jetzt rede ich»-Interview, mitsamt («unfassbar») der unglaublichen Story, dass die Dame wegen einer Schmerzattacke über den Jahrzehnte zurückliegenden Tod des Bruders sich nicht anders zu helfen gewusst hätte, als ab ins Internet damit. Die Story ist löchriger als das Marienbild, auf das sie ballerte. Dafür, dass sie gar nicht gesehen haben will, worauf sie schoss, hat sie den Kopf der Gottesmutter und von Jesus aber gut perforiert.

Die Reaktion des Publikums war, gelinde gesagt, durchwachsen. Aber immerhin, die Dame hat sich wieder ins Gespräch gebracht. Nun gibt es neuerdings wieder an einem Tag fast 100 Treffer in der Mediendatenbank für ihren Namen.

Allerdings diesmal nicht unbedingt so, wie sie es gerne hätte. Ausser, sie ist abgebrüht genug, um sich zu sagen: any news are good news. Denn diesmal rauscht durch den Blätterwald: «Der «saudumme» Post hat ein juristisches Nachspiel». Nach dem einfühlsamen Gspüri-Interview folgt nun der Blattschuss aus dem Hause CH Media: «Nach den Schüssen auf ein Jesusbild führt die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Störung der Glaubensfreiheit», schreibt Kari Kälin im Kopfblattsalat des Wanner-Imperiums.

Denn er hat schlichtweg mal nachgefragt: «Die Staatsanwaltschaft Zürich hat gegen sie Ende Oktober ein Strafverfahren eröffnet wegen Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit, wie ihr Sprecher Erich Wenzinger auf Anfrage mitteilt. Bis zu einem rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens gelte die Unschuldsvermutung.»

Schon kurz nach der Ballerei wurde bekannt, dass verschiedene Strafanzeigen gegen die Pistolenschützin eingegangen waren. Aber Strafanzeige einreichen, das ist einfach und kostenlos. In vielen Fällen beantwortet das dann die Strafverfolgungsbehörde mit einer sogenannten Nichtanhandnahmeverfügung. Kein ausreichender Anfangsverdacht vorhanden, um den Justizapparat in Bewegung zu setzen. Hier aber wurde offenbar ein Strafverfahren eröffnet.

Verstösse gegen diesen Artikel werden normalerweise mit einer Geldbusse erledigt, ohne Gerichtsverfahren. Ausser, die beschuldigte Person wehrt sich dagegen, was der Dame durchaus zuzutrauen wäre.

Auf jeden Fall ist die Erinnerung daran, dass ihre gezielte Provokation ein juristisches Nachspiel hat, nicht unbedingt karriere- und imagefördernd. Kommt erschwerend hinzu, dass die sorgfältig gedrechselte und gewundene Erklärung, in welchem angeblichen Ausnahmezustand sie die Schiessübung gepostet hätte, vor Widersprüchlichkeiten nur so strotzt. Alleine die Tatsache, dass ja nicht sie selbst die Fotos schoss, lässt das Märchen aus 1001 Nacht zusammenfallen.

Grossartig läuft es aber für CH Media. Zuerst der Dame die Spalten öffnen, exklusiv, sie bricht ihr Schweigen. Dann die Resonanz und Wirkung abwarten, Schonfrist für beendet erklären, und wumms, eine über die Rübe ziehen. Da würde selbst Döpfner anerkennend eine Augenbraue nach oben ziehen und sagen: genau so macht man das, bravo.

 

«Unfassbar»

Die Bachelorette is back.

Patrik Müller, der ansonsten zurechnungsfähige Oberchefredaktor bei CH Media, hat es in ein gültiges Wort gefasst: «unfassbar». Allerdings meinte er es leider nicht so, wie es angebracht gewesen wäre.

Die Bachelorette der Politik hat es geschafft, wieder von null auf hundert zu kommen. Oder auf fast 90 Treffer in der Mediendatenbank seit Samstag. Obwohl sich die Sonntagspresse vornehm zurückhält; abgesehen von einem etwas verunglückten Beitrag von Alain Zucker in der NZZaS: «Was Sanija Ameti von Donald Trump lernen könnte». Was das genau wäre, enthüllt Zucker allerdings nicht. Und in der Reihe seiner Beispiele von gefallenen Politikern fehlt der wohl allergrösste Heuchler der Schweiz: der stramm katholische («heilige Werte der Ehe») Ex-CVP-Präsident Christophe Darbellay.

Der kam sogar mit einem Seitensprung mit Nachwuchs und einer nicht wirklich gut auf ihn zu sprechenden Seitensprungmutter davon. Damit sei er im katholischen Wallis wohl erledigt, vermuteten wir. Völlig falsch, er wurde problemlos zum Staatsrat gewählt.

«Strategie Kniefall», nennt das Zucker. Verblüffend ist hingegen, dass niemand, wirklich keiner auf die vielen Widersprüche in der tränen- und rührseligen Geschichte der Dame hinweist – ausser ZACKBUM. Wir tun’s gerne nochmal und erläutern die Bestandteile dieser Räuberpistole.

  • Nicht die Dame selbst hat die Fotos geknipst. Also kann sie sie auch nicht von Schmerz überwältigt selbst beim Hinausstürzen gepostet haben.
  • «Ich konnte den Schmerz nicht alleine tragen und wollte ihn abschalten. Und wusste offenbar nicht anderswo hin damit, als es zu posten.» Den Schmerz? Der sie bei Schiessübungen plötzlich überfallen hat? Weg damit ins Internet? Wie lachhaft ist das denn? Wie kann man dem widerspruchslos lauschen?
  • «Aber ich schwamm da in einem Meer des Schmerzes, der Kopf war … nicht mehr da. Ich war nicht fähig, irgendetwas zu überlegen, ich konnte nur noch tun. Das Handy war da, und so tat ich, was ich mit etwas Überlegen nie getan hätte.» Und derjenige, der die Fotos geknipst hatte, war nicht in der Lage, mit dem Handy in der Hand die Dame davon abzuhalten?
  • Der Tod des Bruders: «Ich habe es ein Leben lang verdrängt. Im Nachgang zu jenem Abend begriff ich, welche Dimension das hat. Ich habe mir dann professionelle Begleitung geholt.» Die Dimension tauchte bei Schiessübungen auf ein Marienbildnis auf, echt jetzt? Und wenn sie das schon als unglaubwürdige Entschuldigung (oder «Kontextualisierung») nimmt, dann möchte man auf die Frage «wann geschah der tragische Tod ihres Bruders?» schon eine genauere Antwort als «in den 90er-Jahren, aber ich möchte nicht darüber sprechen». Die Dame wurde 1992 geboren …
  • «Ich bezeichnete mich in den Medien mehrfach als Atheistin, wenn ich danach gefragt wurde. Ich habe eine muslimische Herkunft, aber ich bin Atheistin.» Sie bezeichnete sich in den Medien auch schon als Muslima. Als ZACKBUM sie fragte, was es denn nun sein dürfe, schwieg sie.
  • Sie machte auch schon mit der Behauptung Schlagzeilen, dass sie bis zu 100 Hassmails am Tag bekomme. Als ZACKBUM bat, doch eine anonymsierte Auswahl zu zeigen, schwieg sie.
  • Sie stellt munter weiter wilde Behauptungen auf: «Ich solle «verschwinden», hiess es öffentlich. Das war eine orchestrierte Hetze, die einem Manual der Identitären Bewegung folgte.» Wow, ein Manual der «Identitären Bewegung». Ob sie das zufällig zur Hand hat?
  • «Sich allein zu fühlen, bricht einen Menschen. Ich hätte all das nicht durchgehalten, wenn mir nicht meine Freunde, Verbündete in der Partei und bei der Operation Libero – und so unglaublich viele Fremde – geschrieben und mich unterstützt hätten. Und wenn nicht Tausende diese Petition unterschrieben hätten. Ich las jeden einzelnen Namen. Meine Familie und mein Umfeld liessen nicht zu, dass ich mich allein fühlte.» Ob die Dame wohl bereit wäre, eine kleine Auswahl dieser Unterstützungsschreiben anonymisiert zur Verfügung zu stellen?
  • «Noch bevor es Medienberichte gab, löschte ich meinen Post, entschuldigte mich und bat um Vergebung.» Das ist im Streubereich der Wahrheit; der Post war auf jeden Fall stundenlang online, bis ZACKBUM anfragte, was es damit auf sich habe – und keine Antwort erhielt.
  • «Beim Anblick des Bildes an der Wand sah ich gar nichts. Ich fühlte nur einen Schmerz. Einen Schmerz, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Nach dem Schiessen rannte ich raus. Der Schmerz war immer noch da, irgendwie war er unterbewusst immer da, stärker seit dem Ukraine-Krieg.» Wie können zwei erwachsene Journalisten ohne Gegenwehr einen solchen Stuss anhören? Niemand formuliert so aus dem Stegreif. Das sind alles wohlvorbereitete, überlegte, auf ihre Wirkung hin abgeklopfte Narrative.

Was auch immer mit der Bachelorette der Politik geschehen wird, sie hat die Medien mal wieder um den Finger gewickelt. Tamedia hat sich sogar nicht entblödet, alte, peinlich gestellte Fotos zwecks Illustration seiner Nacherzählung wieder aus dem Archiv zu holen.

Vielleicht war es wirklich ein Fehler von Farner, die Dame zu entlassen. Sie ist ein Naturtalent, eine Wiedergängerin von Tartuffe im 21. Jahrhundert. Um ihre Kunstfertigkeit zu beschreiben, bräuchte es wahrlich einen Molière.

Unerträglich

Patrik Müller lotet schamfrei Tief- und Sumpfgebiete aus.

Die Bachelorette der Politik hat’s mal wieder geschafft. Alleine auf Deutsch verzeichnet die Mediendatenbank SMD an einem Tag 66 Treffer. «Exklusiv-Interview», trompeten Patrik Müller und Thomas Wegmann und verschwenden fast 19’000 Anschläge, um einem politischen Leichtgewicht Bedeutungsschwere zu verleihen.

Natürlich hat sich die Dame, deren Namen wir hier nie mehr nennen wollen, sorgfältig überlegt und ausgesucht, wo sie ihren Rückweg ins Scheinwerferlicht und die Öffentlichkeit antreten wird. Mit ihrer eigenen Partei, mit ihrem Parteichef spricht sie kein Wort und lässt sich verleugnen. Aber da ihr die mediale Aufmerksamkeit wie dem Gummibaum die Büroluft fehlte, konnte sie nicht länger an sich halten. War sie vorher krank, sei sie nun wieder gesund geworden.

Und CH Media bietet ihr willig die grosse Bühne. Riesen-Aufmacherfoto auf der Front der «Schweiz am Wochenende», immerhin das auflagenstärkste Wochenendblatt. Dann eine Doppelseite (!) Interview, geschickt getimt in der Adventszeit, mit einem Titelzitat, das vor schleimiger Scheinheiligkeit nur so tropft:

«Ich fühlte einen Schmerz, der kein Anfang und kein Ende kennt».

Die «GlücksPost» muss grün und blau vor Neid sein, so ein Geheuchel kriegt nicht mal die Herz-Schmerz-Postille hin. Auch die Fragen bewegen sich auf diesem Niveau:

«Wie geht es Ihnen? Wie haben Sie die letzten Wochen verbracht? Wie reagierten die Menschen, denen Sie begegneten?» Ein Therapeut hätte nicht einfühlsamer fragen können. Und die Antworten? Sorgfältig gescriptet; die Dame hatte ja genug Zeit, sich alle passenden Worthüslen bereitzulegen, hat sie sicherlich auf ihre Wirksamkeit hin professionell abklopfen lassen, hat da und dort noch etwas Schleim draufgeschmiert oder weggenommen.

Der Kotau geht bis an den Boden: «... Fehler gemacht, einen groben und dummen Fehler … schäme mich … Verantwortung übernehmen …» Blabla. Ein US-TV-Prediger, dem man einen Seitensprung mit Fruchtfolge vorwirft, könnte keine bessere Show hinlegen. Selbst Christophe Darbellay, als katholischer Familienvater genau dabei ertappt, war ein Waisenknabe dagegen.

Richtig dünn wird es allerdings, wenn die Dame zu erklären versucht, wie es denn zu diesem dummen Vorfall gekommen ist, dass sie ein Foto von sich in Kampfmontur mit Pistole und das zerschossene Marienbild mit Kind postete. Das hat nun schon fast literarische Qualitäten, hätte Molière seinem Tartuffe problemlos in den Mund legen können. Es hat etwas Genialisches, muss man zugeben. Und es sich auf der Zunge zergehen lassen:

«Ich war an jenem Freitagabend überarbeitet, nach mehreren Nachtschichten völlig übermüdet. Ich hatte eine Frist. Mein Kopf war so voll und laut, ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. In solchen Situationen hilft mir Sportschiessen. Man fokussiert sich auf einen kleinen Punkt und hat dann seinen Kopf wieder zusammen. Also ging ich an jenem Abend in den Keller. Vor der Tür war ein Stapel Altpapier, zuoberst der Katalog des Auktionshauses Koller. Ich riss irgendeine Seite heraus, steckte sie an die Wand, ohne etwas zu überlegen, es hätte auch eine andere Seite sein können …»

Welche Komposition. Ein überarbeiteter Mensch, übermüdet, Nachtschichten. Jö. Will den Kopf freikriegen, aber ja. Da liegt ein Katalog herum, natürlich, man reisst irgend eine Seite heraus, klar doch. Aber das ist nur die Einleitung zu einer oscarreifen Nummer:

«Ich machte meine Schiessübungen. Beim Schiessen passierte etwas in meinem Kopf. Etwas, was mich aus der Bahn warf. Ich musste an meine Mutter und an meinen Bruder denken. (Sie pausiert.) Mein Bruder wurde umgebracht, bevor wir geflüchtet sind.(Sie kann nicht weitersprechen.)»

Müller und Wegmann heulen sich hier gegenseitig ins Hemd und wischen tapfer die Tränen ab: «Ihr Bruder wurde erschossen?»
(Nickt.)
Unfassbar.
(Fährt nach längerer Pause fort.) Ich habe lange und immer wieder versucht, dieser Erinnerung aus dem Weg zu gehen. Beim Anblick des Bildes an der Wand sah ich gar nichts. Ich fühlte nur einen Schmerz. Einen Schmerz, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Nach dem Schiessen rannte ich raus. Der Schmerz war immer noch da, irgendwie war er unterbewusst immer da, stärker seit dem Ukraine-Krieg. Ich hatte all das verdrängt, und in dem Moment brach es aus, wie ein Vulkan. Ich konnte den Schmerz nicht alleine tragen und wollte ihn abschalten. Und wusste offenbar nicht anderswo hin damit, als es zu posten. Das war impulsiv und unüberlegt.»

ZACKBUM ist hin und weg. Ist das gut, ist das grossartig. Ist das widerwärtig, heuchlerisch, so echt wie ein angeblich blinder Bettler, der heimlich in die Schüssel blinzelt, wenn jemand etwas hineinwirft.

Aber die Nummer ist noch nicht zu Ende gespielt:

«Dass Sie das durchlöcherte Bild auf Instagram stellten: Das war ein Teilen des Schmerzes mit anderen?
An einem normalen Tag hätte ich mit jemandem darüber gesprochen oder ich hätte mich eingeschlossen und den Schmerz vorbeigehen lassen. Aber ich schwamm da in einem Meer des Schmerzes, der Kopf war … nicht mehr da. Ich war nicht fähig, irgendetwas zu überlegen, ich konnte nur noch tun. Das Handy war da, und so tat ich, was ich mit etwas Überlegen nie getan hätte.
Ist das eine Rechtfertigung?
Nein. Es ist eine Kontextualisierung von dem, was vorgefallen ist, keine Rechtfertigung. Es tut mir nach wie vor unendlich leid, was ich getan und damit ausgelöst habe.»
Kontextualisierung, einfach grossartig. Wir nähern uns unaufhaltsam dem Finale, sozusagen dem Gipfel des Schleimbergs:
«Darf ich fragen: Wann geschah der tragische Tod Ihres Bruders?
In den 90er-Jahren, aber ich möchte nicht darüber sprechen.»

Wow. Das ist mindestens so ergreifend, wie wenn auf der Opernbühne der Held gemeuchelt wird und liegend zu seiner Todesarie ansetzt, während die Umstehenden ihr Haupt verhüllen. Das Publikum greift gerührt zu den Taschentüchern und tupft sich die Tränen ab; nur ein ganz Unsensibler schneuzt sich vernehmlich.

Dann lässt das Interview emotional schwer nach, der Dame werden die üblichen Fragen souffliert, wie’s denn so weitergehen soll politisch. Aber welch eine Show, was für eine begnadete Schauspielerin und Manipulatorin, diese Dame. Dämlich nur, dass zwei gestandenen Journalisten nicht die einzig richtige Frage einfällt, die diese Show wie einen Luftballon platzen lassen würde:

Die Dame hat bekanntlich die Fotos nicht selbst gemacht, sondern machen lassen. Also war das keine spontane, schmerzerfüllte Aktion, Trauerarbeit für den erschossenen Bruder, (schluchz, heul). Also rannte sie auch nicht hinaus, griff auch nicht spontan zum Handy, das ja jemand anders bediente. Sondern es war wie alles zuvor eine eiskalt geplante Provokation, bei der sicherlich aus verschiedenen Schnappschüssen die richtigen ausgewählt wurden, von denen sich die Beteiligten die grösste Wirkung versprachen. Dass die dann übergross wurde, Künstlerpech.

Die beiden betroffenen und ergriffenen Interviewer («unfassbar») vergessen auch, Ameti nach dem angeblichen Polizeischutz zu fragen, mit dem sie hausieren ging, von dem man aber nicht weiss, ob er wirklich stattfand. Schliesslich bestätigte die Polizei ZACKBUM nur, dass man mit der Dame in Kontakt sei.

Die Dame hat zum Start ihres Comebacks alles richtig gemacht. Sie ist und bleibt zwar peinlich, hat nun aber darin zwei Bundesgenossen gewonnen. Einer ist immerhin der Oberchefredaktor von CH Media.

Das löst mehr als fremdschämen aus. Diesen Text zu lesen, das ist so, wie wenn man eine Büchse öffnet ohne auf das Ablaufdatum zu achten, und der Inhalt explodiert einem ins Gesicht.

Wendehälse bei der NZZ

Etwas mehr Selbstkritik würde auch dem Weltblatt nicht schaden.

Lange Zeit konnte sich die NZZ nicht einkriegen. Die Bachelorette der Politik posierte, hüpfte und liess blutrote Lippen aus einem edelblassen Gesicht leuchten.

Schon im September 2023 schrieb ZACKBUM: Man muss hier von einer Obsession für ein Politiker-Pin-up sprechen. Samuel Tanner, David Birner, Gina Bachmann, Andrea Kucera, Nadine A. Brügger, so viele schwärmten die «Meisterin der Selbstinszenierung» an.

Den Vogel schoss aber die ehemalige Moderedaktorin der «Annabelle», Andrea Bornhauser, im Magazin der NZZaS ab. Schwüle Tonlage, schwüle Fotos, Schwärmen wie ein Backfisch:

«Sie sieht sich als eine Art moderner Laokoon, der einst die Trojaner vor dem Untergang retten wollte. «Ich möchte die Leute aufklären. Wer soll es sonst tun?»»

Aber inzwischen gilt auch für das Qualitätsblatt NZZ, was im Boulevard schon seit vielen Jahren Gesetz ist. «Wer mit uns im Lift nach oben fährt, fährt auch mit uns nach unten», wie das ein ehemaliger «Bild»-Chef auf den Punkt brachte.

Tempi passati, wie der Lateiner in der NZZ sagt. Fertig geschwärmt. Schluss mit Anhimmeln. Keine Modestrecke mehr. Kein gestelltes Lustig-Foto mehr. Oder wenn schon, als Illustration für eine vernichtende Bildlegende:

«Sie liebt es, ihre politischen Gegner zu reizen – doch nun stolpert Sanija Ameti wegen eines Instagram-Posts.» Keine Groupies mehr auf der Redaktion, Michael von Ledebur wird ganz streng: «Sanija Ameti sieht sich als Meisterin der Provokation – doch mit ihren Schüssen auf die Gottesmutter ruiniert sie ihre Karriere».

Seine Schlusspointe: «Ameti sagte in einem Radio-Interview einmal: «Ich liebe das Spiel mit den Medien einfach.» Womöglich hat sie dieses Spiel zu weit getrieben. So weit, dass sie verkannte, was das Bild der durchlöcherten Gottesmutter auslösen würde.»

Vielleicht wäre hier Platz und Gelegenheit gewesen, so nebenbei kurz und kritisch die Rolle der NZZ in diesem Spiel zu reflektieren, die wie kaum ein anderes Organ der Selbstdarstellerin eine Plattform bot. Aber dazu ist die alte Tante nicht in der Lage. Im Gegenteil, geradezu eine Hinrichtung ist der Kommentar von Zeno Geisseler.

Noch im Februar gab Geisseler unkritisch die üblich provokanten Aussagen von Ameti wieder. Aber jetzt ist das Tischtuch zerschnitten:

«Kopfschüsse für Jesus und Maria: Sanija Ameti kann mit ihrer moralischen Überlegenheit einpacken», 

wummert er schon im Titel.

Mit einer Spiegelung fährt er wie mit einer Dampfwalze über den gefallenen Star: «Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, mit welchem heiligen Zorn Ameti sofort gnadenlos auf einen Politiker wie Andreas Glarner eingedroschen hätte, wenn dieser eine ähnliche stupide Aktion gewagt hätte, etwa ein paar Salven aus einer Armeewaffe auf eine Kalligrafie des islamischen Glaubensbekenntnisses abzufeuern. Glarner hätte Polizeischutz gebraucht, Ameti hätte derweil ergriffen von moralischer Überlegenheit zu mehr Toleranz aufgerufen und die SVP in die rassistische Ecke gestellt.»

Es sieht mehr so aus, als hätte sich Geisseler ergriffen, besser angefasst in einen heiligen Zorn geschrieben. Denn er lässt das Fallbeil immer wieder niedersausen: «Jetzt bekommt Ameti ein paar Schlücke ihrer eigenen Medizin verabreicht.»

Die Einleitung für einen klaren Befehl: «Eine Grünliberale, die als schiessfreudige Muslimin die Gefühle von Christen beleidigt, ist das Letzte, was die GLP brauchen kann. Dass die GLP Schweiz nun ihren Parteiausschluss fordert, ist darum konsequent. Ameti sollte dem Entscheid zuvorkommen und von selber gehen.»

Das ist so massiv geholzt, dass man unwillkürlich zu psychologisieren beginnt und über die Motive von Geisseler nachdenkt.

Wieso nun auch noch die NZZ, mit gravitätischer Verspätung, nachtreten muss? Aber unbenommen, Ameti hat es am Schluss ihrer kurzen Karriere geschafft: sie ist Schlagzeilenproduzentin Nummer eins. Vor Ukraine, Trump/Harris, vor allem anderen. Aber diese Sternschnuppe wird sehr schnell verglühen.

Es wäre aber der NZZ wenigstens gut angestanden, um es in diesem staatstragenden Tremolo zu sagen, anlässlich des unrühmlichen Abgangs von Ameti – sozusagen Operation misslungen, Patient weg – über ihre eigene Rolle zu reflektieren. Sind da nicht etwas die Massstäbe verrutscht? Brauchte es so viele Pin-up-Auftritte, Foto- und Modestrecken mit einem politischen Leichtgewicht? Mit einer Bachelorette der Politik, die mit Äusserem plus provokanten Sprüchen ein Nichts umhüllte.

Der Abgang von Ameti ist peinlich, aber folgerichtig. Provokation als Prinzip unterliegt der Notwendigkeit der stetigen Steigerung. Und das explodiert immer, früher oder später. Aber die NZZ ist wohl da, um zu bleiben. Also sollte sie vielleicht öffentlich bekanntgeben, was ihr da passiert ist, wie sehr Hormone eine Rolle gespielt haben, falsch verstandener Feminismus – und was sie tut, um solche Ausflüge in die Niederungen zukünftig zu vermeiden.

Depp des Monats August

Immer wieder verblüffend, wie verpeilt Politiker sind.

Man muss nicht glattgefönt, kantenlos und glitschig wie ein Aal sein, um in der Politik seine Interessen zu vertreten und Karriere zu machen. Ausser, man ist Grüner.

Andererseits sollte man sie nicht so hirnlos wie Rimoldi, die Bachelorette der Politik, der Depp des Jahres Voegtli oder Campax vertreten. Nun haben sie Gesellschaft bekommen. Nein, es ist nicht SVP-Glarner.

Sondern Mathilde Mottet. Mathilde who? Bis vor Kurzem war sie eine recht unauffällige Gemeinderätin und Juso-Politikerin im Wallis. Bis sie zu Ehren des 1. August ein Selfie postete. Im Hintergrund eine Schweizer Berglandschaft samt Fahne. Im Vordergrund ein Stinkefinger der Dame.

Damit keine Zweifel aufkommen, schrieb sie darunter: «Bei all diesen Schweizer Fahnen muss ich kotzen.» Was löst denn den Brechreiz aus? Irgend etwas Unverdautes von Hierarchien, Ausgrenzung und so.

Dazu das übliche Gedöns: «Die Schweizer Flagge ist auch das Symbol eines Landes, das lieber in Panzer und Maschinengewehre investiert als in Gesundheit und das Recht auf Wohnraum.» Vielleicht sollte sie sich mal kundig machen, wofür der Staat mit Abstand am meisten Geld ausgibt …

Nach der Aktion und der Reaktion – vor allem aus SVP-Kreisen – gab es den üblichen Shitstorm. Mottet will Strafanzeigen einreichen und bleibt standhaft: «Provokation ist ein akzeptables Mittel, um auf die menschenverachtende Migrationspolitik der Schweiz aufmerksam zu machen.»

Das dachten sich sicherlich auch Rimoldi, die Bachelorette oder Voegtli. Oder Campax. Nur: Provokation will gekonnt sein. Aufmerksamkeit in der reizüberfluteten Gesellschaft ist schwer zu erregen. Aber wenn man das schafft, indem einen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung für ein Riesena…  hält, ist es wohl etwas in die Hose gegangen.

Sich in Braunau am Inn zeigen, die «feige» Neutralität abschaffen wollen, sich am Gotthard vor den Verkehr setzen, SVP und FDP «Fuck Nazis» zurufen – und nun der Schweizerfahne den Stinkefinger zeigen und sie zum Kotzen finden – das erzürnt die Öffentlichkeit, bringt ausser in der überschaubaren eigenen Gesinnungsbubble keine Punkte.

Donald Trump, aber auch Sarah Wagenknecht oder Alice Schwarzer, die können’s. Bevor’s hier einen Shitstorm gibt: damit ist nicht der IQ oder die Sinnhaftigkeit des politischen Tuns qualifiziert. Einzig die Fähigkeit, mit relativ bescheidenen Mitteln (bei Trump in jeder Beziehung) grosse Aufmerksamkeit zu erzielen.

Apropos: Das «Manifest für den Frieden» von Wagenknecht und Schwarzer ist seit Februar dieses Jahres von 850’000 Menschen unterzeichnet worden. Darunter auch von ZACKBUM. So macht man das.

Hirnlos

Wacken und Mass-voll: viele Gemeinsamkeiten.

Das Heavy-Metal-Festival in Deutschland ist mal wieder im Schlamm versunken. Dennoch haben die Teilnehmer Spass, obwohl ihre Anzahl beschränkt wurde. Viele Gemeinsamkeiten mit «Mass-voll» und ihrem Chefprovokateur Nicolas Rimoldi.

Auch bei diesem Haufen kam es schon zu einem wahren Exodus von Mitgliedern und führenden Figuren, im Dezember 2021. Seine Daseinsberechtigung sieht der Präsident, der sich gerne im Che-Guevara-Jesus-Look präsentiert, in der hirnlosen Provokation.

Das Thema Covid hat er inzwischen zu Tode geritten und sich eine dritte Klatsche an der Urne eingefangen. Damals keifte er: «Die Schweiz ist auf dem Weg in eine dystopische Hölle. Die freie Schweiz ist am Sterben. Wir sind die letzte Chance, um den weltweiten ‹grossen Reset› zu verhindern.» Wenn das so wäre, müsste man wirklich das Ende der Welt herbeiwünschen. Aber das ist glücklicherweise nur dummes Gequatsche.

Im verzweifelten Bemühen, in den Schlagzeilen zu bleiben, ist ihm jede Hirnlosigkeit recht; so zum Beispiel die Forderung, dass man auch in der Schweiz verdeckt Waffen tragen dürfe. Aber selbst auf diesem Gebiet gehen ihm langsam die Ideen aus.

Also begab er sich nach Wien, um dort an einer Demonstration teilzunehmen, die unter anderem von den sogenannten Identitären veranstalten worden war. Grundthema ist ein angeblicher Masterplan, die (weisse) europäische Gesellschaft durch Masseneinwanderung «auszutauschen». So kann man ein tatsächliches Problem desavouieren.

Eigentlich sollte Rimoldi mit der Bachelorette der Politik ein Traumpaar bilden. Die entblödet sich nicht, in Pristina ein Wahlplakat für ihre Kandidatur in den Nationalrat (Schweiz) aufzuhängen und die Abschaffung der Schweizer Neutralität zu fordern. Alles Erregungsbewirtschaftung, mit der sie es in den «Blick» schafft, aber sicher nicht zu einem Erfolg an der Wahlurne.

Auch Rimoldi überlegte sich, dass ein Selfie aus Wien vielleicht doch nicht genug Aufmerksamkeit erregen könnte. Also machte er einen Zwischenstopp in Braunau am Inn. Und behauptete dann tatsächlich, es sei ihm nicht bekannt gewesen, dass das die Geburtsstadt von Adolf Hitler sei.

Wie hirnlos ist das denn? Offenbar nicht hirnlos genug für einige Kantonalparteien der SVP, die mit diesem Irrwisch tatsächlich Listenverbindungen eingehen wollen. Dabei gilt für ihn wie für die Bachelorette das, was man im TV als Publikumsgift bezeichnet. Nur ist das in der Glotze manchmal ungerecht; auch begabte Menschen treiben das Publikum dazu, sofort die Fernbedienung zu betätigen, tauchen sie auf dem Bildschirm auf.

Bei diesen zwei ist es aber wohlverdient, dass man sie eigentlich nur dem schärfsten politischen Gegner an den Hals wünschen kann. Während die Bachelorette ihr Werk bei den Grünliberalen und der «Operation Libero» verrichtet, schlägt Rimoldi eine Schneise der Zerstörung in rechtskonservativen Kreisen.

Da sieht man mal wieder, dass sowohl links wie rechts einige Politiker einen ganz kleinen Löffel dabei hatten, als Gott Hirn vom Himmel regnen liess.