Blick in den «Blick»
Das wiederbelebte Boulevardblatt sucht nach Sinn und Zweck.
Das waren noch Zeiten. Im Jahr 2000 betrug die Printauflage des «Blick» rund 300’000 Exemplare. Bis zu 72 Seiten wochentags bekam man für Fr. 1.50. Die Reichweite betrug 740’000 Leser, das liegt heute im Print bei 290’000. Die Printauflage ist auf 62’629 geschrumpft, für 3 Franken bekommt man noch 24 bis maximal 40 Seiten.
Also 80 Prozent Rückgang, verdoppelter Preis und gewaltig geschrumpfter Inhalt. Denn bis 2005 erschien der «Blick» noch im klassischen Broadsheet-Format. Dann wurde er absurderweise auf Tabloid umgestellt, was 2009 wieder leicht vergrössert wurde. Von den unsäglichen und missglückten Übungen am Logo (und am Inhalt) ganz zu schweigen.
Die mit der wohl peinlichsten Werbekampagne («plussen») nach deutschen Vorbild eingeführte Paywall «Blick+» wäre ein anderes Kapitel.
Inzwischen sind die schlimmsten Eingriffe der Dame mit der extrabreiten Visitenkarte mühsam geflickt; der «Blick» versucht, sich wieder als das zu positionieren, was er eigentlich schon immer war: eine Boulevardzeitung. Nicht mehr rein «Busen, Blut, Büsis», aber schon, wenn’s passt. Wobei der Verzicht auf einen Sex-Ratgeber immer noch ein bedauerlicher Fehler ist. Also sieht das Blatt heute so aus:

Man kann sagen: runde Mischung. Die unersetzliche Studie («Land der Draufgänger, Land der Angsthasen»), eine Prise Erotik (Bianca Sissing), natürlich Fussball, Firmenkritisches («Massive Kritik an Zalando-Partner»), sogar eine Spur Kultur («Seraina Kobler liest um die Wette»), ein toter Bub für die Abteilung Herzschmerz, die Hitze als Aufmacherfoto und die grossen Buchstaben für einen Aufreger «Jeder siebte Parkplatz ist in Gefahr». Das lässt das Adrenalin des Autofahrers brodeln.
Allerdings: die Schuld wird dann den Autofahrern selbst in die Schuhe geschoben: «Autos werden immer länger und breiter». Das wäre unter Übersax nicht passiert.
Ansonsten haben die Seiten zwei und drei doch ein Übermass an Buchstaben für ein Boulevardblatt, das schliesslich als USP die Titelbrüller und die Knallbilder haben sollte. Ein paar grosse Autos und ein paar Symbolbilder für die Zalando-Story – nun ja.
Dann gähnt auch beim «Blick» etwas das Sommerloch: «Die Klimaanlage soll auch hierzulande salonfähig werden». Ach was, sagt da ZACKBUM, das mithilfe einer AC (aber ohne AI) hergestellt wird.
Darunter ein zwar unappetitliches, aber sehr boulevardeskes Thema: «Fäkalien im Schwimmbecken von Degersheim SG». Der Gemeindepräsident kommt zu Wort, dazu Vreni, Christina und Monika. Hier kann man höchstens meckern: gendermässig ziemlich einseitig. Eine kleine Bildlegende gibt dann auch Entwarnung: «Mittlerweile ist das Bad wieder gereinigt».
Aber insgesamt eine hübsche Doppelseite zum Thema «Schwitzschweiz», was als Slogan nicht taufrisch ist, aber immer wieder gut.
Dann präsentiert «Blick» die einzige Teilnehmerin am Ingeborg-Bachmann-Preis; eine Kulturberichterstattung, von der sich der Tagi eine Scheibe abschneiden könnte. Das macht bei der SDA, sogar bei nau.ch Schlagzeilen, nur beim Kopfblattsalat nicht.
Nun, dann das:

Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten kennt ZACKBUM seine Grenzen: ausser «Sport ist Mord» fällt uns dazu nichts ein.
Der Aufmacher bei «Leute» ist dann allerdings etwas am Nachthemd herbeigezogen:

Aber gönnen wir es Bianca («Ex-Miss Schweiz», 2003, räusper) Sissing, dass sie noch nicht ganz vergessen ist.
Und das war’s dann auch schon, bei Seite 22 ist Schluss. Vorher erfreut einen der «Blick» noch mit dem Horoskop und den TV-Tipps, was heutzutage wohl das Überflüssigste neben einem Hitzschlag ist.
ZACKBUM fasst zusammen: Nach schweren Zeiten rappelt sich der «Blick» langsam wieder auf. Vernunft hat Einzug gehalten, vor allem online scheint das auch durchaus einzuschenken. Aber auch dieses Blatt leidet darunter, dass es viel weniger Inhalt für massiv höhere Preise anbietet. Wenn auch die Front recht munter daherkommt, hängt es dann streckenweise in den Seilen. Besonders schmerzlich ist der anhaltende Verzicht auf Busen. Ein Sexratgeber ist einfach im Boulevard unverzichtbar. Die Wiedereinführung des Seite-3-Girls hingegen ist heutzutage nicht mehr machbar.
Auch hier gilt: massiv weniger Angebot, dafür viel teurer? Ein absurdes Geschäftsmodell. Oder wie das «Blick» formulieren würde: Leserverarschung.
