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Wiederholungstäter

Ukrainerinnen wollen, dürfen aber nicht.

Der «Tages-Anzeiger» ist auf einem pädagogisch-didaktischen Feldzug. Denn es gibt doch tatsächlich Stimmen (allerdings vornehmlich aus dem rechtspopulistischen Nationalistenlager), die etwas gegen den Sonderstatus S der rund 70’000 in die Schweiz geflüchteten Ukrainer haben.

Von den 70’000 sind Tausende im wehrfähigen und 40’000 im erwerbsfähigen Alter. Allerdings drücken sich alle vor der Vaterlandsverteidigung, und lediglich rund 20 Prozent haben es geschafft, einen eigenen Beitrag zum Lebensunterhalt zu leisten und nicht dem Schweizer Steuerzahler auf der Tasche zu liegen.

Gegen übellaunige Kritik daran ist der Tagi auf dem Kriegspfad. Bereits hat er vier Erfolgsstorys veröffentlicht. Lustigerweise hat die Autorin nur Ukrainerinnen gefunden; ist das wohl eine implizite Kritik, dass Ukrainer arbeitsscheu sind?

Wie auch immer, was ist besser als ein Jubelartikel über arbeitswillige Ukrainerinnen? Genau, zwei Jubelartikel über arbeitswillige Ukrainerinnen.

Um das zu stemmen, hat Sascha Britsko sich der Hilfe von Charlotte Walser versichert, denn sonst wäre es wohl zu aufwendig geworden, zwei weitere Ukrainerinnen aufzutreiben. Was nach dem ersten Artikel noch ein blosser Verdacht war, verdichtet sich zur Gewissheit: ukrainische Männer sind arbeitsscheu, oder zumindest publizitätsscheu. Und Britsko samt Walser gehen langsam die Beispiele aus.

Diesmal porträtieren sie eine Ukrainerin, die bereits 250 Bewerbungen geschrieben habe – vergeblich. Aber sie «lässt den Kopf nicht hängen». Und sie ist nur ein Beispiel unter vielen: «So wie Zofia Koltun geht es vielen Ukrainerinnen und Ukrainern in der Schweiz. Zurzeit arbeiten nur knapp 24 Prozent der Geflüchteten mit S-Status im erwerbsfähigen Alter.» Ein einziges Beispiel, dann sofort der Aufschwung ins Allgemeine.

Dann sogleich das Gegenbeispiel:

«Viktoriya Plyeshakova muss sich darüber keine Gedanken machen. Sie muss auch keine Bewerbungen schreiben.
Ihr letzter Patient an diesem Tag ist ein Kind: ein Junge aus einem ukrainischen Waisenhaus, der an heftigen Zahnschmerzen leidet. Für das Wort «Waisenhaus» benötigt Plyeshakova die Übersetzungsapp – das einzige Mal in diesem Gespräch. Die 39-Jährige kann sich problemlos auf Deutsch verständigen. Und sie arbeitet in ihrem in der Ukraine erlernten Beruf als Zahnärztin.»

Auch hier sogleich die Verallgemeinerung: «Was Viktoriya Plyeshakova geschafft hat, wünschen sich viele ukrainische Geflüchtete. Die allermeisten wollten arbeiten, sagt sie. «Wir sitzen nicht gern herum.» Aber es sei sehr schwierig, in der Schweiz eine Stelle zu finden.»

Noch mal ganz langsam zum Mitschreiben. Wenn es der Tagi als seine Aufgabe ansehen würde, Expeditionen in die Wirklichkeit zu unternehmen, dann müsste er vielleicht ein Mü mehr über nicht-arbeitende Ukrainer schreiben als über arbeitstätige. Wenn zwei weibliche Autoren zur Kenntnis nehmen könnten, dass es auch viele männliche Ukrainer in der Schweiz gibt, die null in den Porträts vertreten sind, wäre die Berichterstattung auch wirklichkeitsnäher.

So aber ist es reiner Belehrung- und Erziehungsjournalismus, geschrieben aus einer luftdicht von der Realität abgeschotteten Gesinnungsblase. Hier soll der der Leser nicht informiert, sondern erzogen werden. Hier werden nebenbei noch die Kritiker an den 80 Prozent Arbeitsunwilligen abgewatscht, in erster Linie natürlich die SVP.

Wie an einer funktionierenden Qualitätskontrolle vorbei ein zweiter Artikel mit fast identischem Inhalt durchflutschen kann, ist völlig unverständlich.

Dass es mit der Restaurantkritik im Argen liegt, nun ja, muss ja nicht zur Kernkompetenz des Nutella-Tagi gehören. Aber so etwas?

Wieso sind die Redaktorinnen nicht einfach ehrlich und schreiben: lieber Leser, solltest Du zu den Wählern der grössten Partei der Schweiz gehören, solltest Du dummerweise etwas am Verhalten der Ukrainer in der Schweiz auszusetzen haben, dann nimm zur Kenntnis: Du liegst falsch. Du bist ein rechtspopulistischer Depp. Am besten verpisst Du Dich hier und lässt uns in Ruhe unseren Gesinnungsbrei anrühren.

Und da soll noch einer sagen, die Probleme der Medien seien nicht vorwiegend hausgemacht.