Tamedia im Tiefschlaf
Angriff Israels und der USA auf den Iran: ist da was?
Die NZZ, der «Blick», «20Minuten», CH Media, «blue news», auch «nau.ch» vermelden am frühen Samstagmorgen: «Israel greift Iran an». Das ist möglicherweise der Anfang eines neuen Krieges.
Für den Qualitätsblattkopfsalat Tamedia kein Grund, aus dem wohlverdienten Tiefschlaf zu erwachen. So sah die Homepage noch vor 8.06 h aus:

Eine dreiteilige Serie, gut abgehangen, damit machen die Blätter an der Werdstrasse auf. Am Samstag ruht die normale Redaktion; da arbeitet nur die Rumpfmannschaft der «SonntagsZeitung», insofern das Blatt nicht schon im Verlauf der Woche vorproduziert wurde.
Aber dann, lass niemals eine breaking news ein stolzes, selbstgebasteltes Stück verdrängen, hängt auch Tamedia um 8.07 h die Neuigkeit rein, belässt die Serie aber weiterhin zuoberst:

Tamedia schreibt – wie die anderen auch – Tickermeldungen von DPA, Reuters, AFP und so weiter ab. CNN hat schon längst Live-Aufnahmen auf seiner Webseite, natürlich auch die grossen angelsächsischen Zeitungen.
Sogar die alte Tante nimmt eine Sonderfarbe aus dem Regal und traut sich für ihre Verhältnisse ein Riesenbild zuoberst:

Nun ist «Der Arzt, der sich zu Tode arbeitete» ein Rührstück, auf das Catherine Boss und Thomas Knellwolf offensichtlich furchtbar stolz sind.
Allerdings ist der Angriff wieder mal ein Ereignis, das die gestern Nacht abgeschlossenen Printausgaben alt aussehen lässt, wenn sie noch druckfrisch in den Briefkästen lagern.
So sieht zum Beispiel das aus, das der Kopfblattsalat seinen Print-Lesern am Samstagmorgen servierte:

Die Studie über Instagram-Werbung staubt so richtig vor sich hin, und das angeblich künstlerisch bearbeitete Patina-Foto des Arztes verleiht der Frontpage den Groove von alter Möbelpolitur.
Dafür kann natürlich keiner was, das ist halt die Tragik einer eigentlich obsolet gewordenen Methode, Nachrichten zu distribuieren.
Die NZZ hingegen landet einen Glückstreffer, denn selbst God Almighty Eric Gujer konnte nicht ahnen, als er seinen grossen Welterklärungskommentar schrieb, dass er mit seiner Prognose genau richtig liegt:

Die NZZ nimmt sogar den sich anbahnenden Krieg zwischen Pakistan und den Taliban gross mit, womit die These widerlegt wäre, dass Zeitungen normalerweise nur einen Kriegs aufs Mal auf die Reihe kriegen.
Da hat es schon etwas Verschmocktes, wenn der Tagi unerschütterlich an seiner Eigenproduktion festhält; nochmals in aller Schönheit:

Allerdings bedient auch die «Berner Zeitung» aus dem gleichen Hause einige Vorurteile, die man gegen die Bewohner dieses Kantons hat:

Und natürlich, der Fluch des Verschiebebahnhofs einer Zentralredaktion, wo Artikel wie Legosteine zusammengestöpselt werden, muss auch die «Basler Zeitung» zuoberst etwas Lokales abfeiern:

Während aber ansonsten CH Media dem Lokalen frönt, hat man hier die Bedeutung des Ereignisses richtig eingeschätzt:

Wahrscheinlich war Qualitätspapst Simon Bärtschi, die publizistische Leiter nach unten bei Tamedia, nach seiner Qualitätssteigerung bei der Behandlung der SRG-Initiative so erschöpft, dass er hier nicht schon wieder eingreifen konnte. Dass dieser Konzern immer noch ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Meinungsbildung ist, Zürich, Bern und Basel beschallt, dabei immer deutlicher zu erkennen gibt, dass ihm journalistische Professionalität schnurzegal ist, ein Trauerspiel. Oder sagten wir das schon.
