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Schlagwortarchiv für: Andrea Bornhauser

René Zeyer

Das zweite Magazin des Grauens

8. Juni 2026/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Fotofinish zwischen dem «Magazin» von Tamedia und dem der NZZaS.

Während das derangierte Tagi-Produkt einen Journalisten über das Abhandenkommen seiner Hand lamentieren lässt, perseveriert die NZZamSonntag über «Das Paradies der Greise»: «Nirgends leben mehr Alte als in Monte Carlo». Wahnsinn, und wir dachten, das sei in Altersheimen so.

Die erste redaktionelle Seite drängt einen Kalauer förmlich auf:

Links Käse, rechts Käse. Links im Bild, rechts im Buchstaben. Links spürt man den Geruch, rechts riecht man ihn: «Am Pfingstwochenende kam nicht nur der Hochsommer in die Stadt, plötzlich waren da auch Horden von Teenagern.» Ach was. «Fakt ist: Teenie-Hormone brachten die ersten Sommernächte des Jahres zusätzlich zum Vibrieren!» Hä?

Ach so: «Ganz anders in Monaco, wo die Alterspyramide unterdessen auf dem Kopf steht. Im Fürstentum wollen Rentner möglichst lange leben und Mittelalte nicht altern.» Das nennt man ohne Zwischengas krachend geschaltet. Von Andrea Bornhauser, «stv. Teamleitung». Titel gibt’s.

Schlimmer geht immer, sagt sich (und dem Leser) dann Nelio Biedermann. Das ist sozusagen der neue Kim de l’Horizon (by the way: wo ist der eigentlich abgeblieben?). Biedermann ist 22 Jahre alt, hat einen Roman über eine ungarische Adelsfamilie geschrieben, der von einem enthemmten Feuilleton gelobt, von Peer Teuwsen in der NZZ hingegen als «Kitsch-Porno» abgeledert wurde.

Auf jeden Fall darf Biedermann im Wechsel mit Raphaela Roth und Christoph Zürcher eine Kolumne bedienen. Fremdschämen inklusive: «Ich klingle an der Haustür von Patti Smith, als wären wir befreundete Kinder … Während wir an ihrem Schreibtisch nebeneinander Widmungen in unsere Bücher schreiben … Als ich am Abend im Flieger zurück nach Zürich sitze und den Flugmodus einschalte, sehe ich, dass sie mir noch geschrieben hat. Have a safe flight. I’m so happy we met.»

Auch Patti Smith hat so ihre schwachen Momente.

Das gilt eigentlich kontinuierlich für Sacha Batthayany (Interviewreihe «Radikale Liebe», radikal grauenhaft). Der durfte einen der langweiligsten Orte dieser Welt besuchen: Monte Carlo. Üppig und schlecht bebildert darf er die Erkenntnis auswalzen, dass dort viele Alte leben: «In Wirklichkeit hat sich dieser Ort in den vergangenen zwanzig Jahren in ein exklusives Altersheim unter Palmen verwandelt.»

18’500 A, die die Lebenserwartung des Lesers nicht unbedingt steigern, wenn er sich tatsächlich durchquält. Am Schluss noch die Frechheit, Bob Dylans Hymne «Forever Young» als «Soundtrack zu dieser Geschichte» zu missbrauchen.

Schon mit 35 hingegen ist man alt genug für das «Wein-und-Käse-Alter». Ein «neuer Trend», was denn sonst. Richtig peinlich wird es, wenn der Autor nassforsch auf frech macht: «Dabei war Wein für mich immer das prätentiöse Arschloch unter den Getränken. Das fing schon beim Einkauf an. Wie oft stand ich vor Regalen und fragte mich, ob ich den Wein mit der schönen Etikette, den unter 10 Franken oder den biologischen nehmen sollte?» Geschrieben wie von einem prätentiösen, ähm, Stinker.

Dann behauptet einer: «Warum plötzlich alle Emily Sundberg lesen». ZACKBUM behauptet: tut niemand. Ausser ein paar Zehntausend New Yorker, die hip und dabei sein wollen.

Apropos, wer in der «Konsumkultur» mit Sonja Siegenthaler hip und dabei sein will, muss sich unbedingt die neue Baignoire-Sonnebrille von Cartier zulegen. Gibt’s zwar nur als Limited-Edition in 800 Exemplaren.

Dabei gäbe es doch Alternativen:

Schlappe 33’485 Franken, dafür mit MWSt. Allerdings portemonnaieschonend online nicht erhältlich.

Will man noch Antworten auf Fragen, die man niemals stellen würde? Bitte sehr, dafür ist Henriette Kuhrt zuständig:

«Darf ich mich über Stadttauben ärgern?»

Man muss sich allerdings über die abschliessende Serie von aussagelosen, schlecht fotografierten Bildern der «Fotokünstlerin» Lisa Sorgini ärgern. Diesmal: «Auf dem Bild ist mein ältester Sohn bei einem Besuch in einem abgelegenen kleinen Dorf mitten in Australien zu sehen. Gleich nach unserer Ankunft entdeckte er den Esel – es war Liebe auf den ersten Blick.»

Früher, ja früher einmal waren solche Magazine dafür gedacht, den Werbekunden Hochglanzumgebung auf edlerem Papier zu offerieren. Inzwischen sind die grösstenteils geflüchtet. In den Orkus ist ebenfalls der Inhalt geflüchtet; der letzte Leser macht dann mal das Licht aus.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/06/Bildschirmfoto-2026-06-02-um-13.23.01.png 551 1144 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-06-08 05:00:322026-06-05 08:16:18Das zweite Magazin des Grauens
René Zeyer

Für Kleinformatigere

4. November 2024/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Machen wir einen NZZ-Montag draus. Womit unterhält uns das «Magazin»?

Die schlechte Nachricht ist: trotz allen Sparmassnahmen ist das «NZZ am Sonntag Magazin» immer noch nicht eingestellt. Daher muss sich die Medienkontrolle mal wieder damit beschäftigen.

Diesmal ziert das Cover eine kühne Behauptung:

Chloë Savigny werde 50. Das ist ein Anlass, aber wer ist Chloë?

Offenbar braucht es neben der Leiterin Lifestyle und überhaupt auch noch eine «Chefredaktorin Magazin», denn auch magere 32 Seiten (mit Umschlag) wollen geleitet sein. Über die Schreibfähigkeiten von Paula Scheidt hat sich ZACKBUM bereits geäussert; wir wollen ja nicht sexistisch sein und das wiederholen. Vor allem, da die Dame offensichtlich ein Glaskinn hat und nicht mit jedem spricht.

Und was tut Scheidt schon wieder? Richtig, sie betrachtet den eigenen Bauchnabel, was denn sonst. Sie versucht ein Aperçu über Vorbilder, kann sich aber nicht enthalten, mal wieder sich in den Vordergrund zu schieben. Schliesslich war sie schon mal im Reich der Mitte: «In China – wo sonst – wurde mir einmal freundlich erklärt, Nachahmung sei als Ehrung des Erfinders zu verstehen». Ach, der Chinese, immer bezieht er seine Sachen von – Überraschung – Konfuzius. Auch da kennt sich Scheidt aus; «dessen philosophisches Werk ja tatsächlich die zwischenmenschliche Verbindung betont». Ach was. Nur Scheidt schafft es dann, mit einem kühnen Satz noch die Gebrüder Grimm mit ins Boot, also ins Editorial zu holen. Die sind halt alle tot und können sich nicht mehr wehren.

Wehrhaft ist hingegen ein Sacha Wenk, denn der sei «ausgezogen, im Shaolin-Kloster von Kunming das Kämpfen zu lernen». Das ist schön für ihn, aber wieso muss Benimm-Tante Henriette Kuhrt den Leser damit belästigen?

Dann kommen wir zum eingekauften Sozialporno. Diese Story wurde schon oft erzählt, also wieso nicht nochmal?

Bekanntlich gibt es zwischen Kolumbien und Panama eine Lücke der Panamericana, dieser Strasse, die von Alaska bis Feuerland den ganzen Kontinent durchquert. Das liegt daran, dass die USA den Kunststaat Panama Kolumbien abknipsten, um völlige Kontrolle über die Umgebung des Panamakanals zu haben. Und da Kolumbien bis heute sauer darüber ist, gibt es hier ein unwegsames Dschungelgebiet, das Flüchtlinge durchqueren müssen, wenn sie von Südamerika über Zentralamerika bis ins gelobte Land USA ziehen.

Dabei kommt es ständig zu tragischen Ereignissen. Seit vielen Jahren, vielfach beschrieben. Nun auch von Caitlin Dickerson in «The Atlantic». Auch dieses ansonsten herausragende Magazin hat manchmal einen Schwächeanfall. Der dann reich bebildert auf 8 Seiten dem NZZaS-Magazinleser serviert wird.

Dann schliesslich das It-Girl. Da muss Andrea Bornhauser – Überraschung – über ihren eigenen Bauchnabel schreiben. Denn sie hat eine bedeutende Ähnlichkeit zwischen sich und Chloë who entdeckt: «Jetzt wird die Schauspielerin 50. Unsere Autorin ist mit ihr alt geworden.»

Aber wohl nicht weise, denn wie schwärmte Bornhauser wie ein Backfisch über die Bachelorette der Politik, bevor die sich in Ungnade schoss? «Sie sieht sich als eine Art moderner Laokoon, der einst die Trojaner vor dem Untergang retten wollte. «Ich möchte die Leute aufklären. Wer soll es sonst tun?»»

Aber zurück zu Bornhauser aktuellem Unfall. Hallo? ist 50 inzwischen schon alt? Ist das nicht diskriminierend? Geradezu sexistisch? Und wieso durfte Bornhauser dieses Thema «alt werden» Nicole Althaus wegnehmen? So viele Fragen schon am Anfang. Aber der Texteinstieg ist dann gleich der Ausstieg für viele:

«Ich war 20, als ich Chloë Sevigny 1995 im Film «Kids» zum ersten Mal beim Coolsein zuschaute». Au weia.

Wir wollen auch unsere Lieblingswimmelseite «Bellevue» nicht ganz mit Verachtung strafen. Denn es will uns deuchen, dass hier (unfreiwillig) ein perfektes Symbolfoto des Lesers gelang:

Ist das nicht cool? Der Gesichtsausdruck des Köters, dem einfach ein Foulard draufgeschmissen wurde, so zwischen Resignation (mit mir kann man’s ja machen), würdevoller Distanzierung (ich kann nichts dafür) und hoffnungsvoller Aufmerksamkeit (gespitzte Ohren, gibt’s dann wenigstens Fresschen?), genial.

Nach ihrem Ausflug ins Shaolin-Kloster ist Henriette Kuhrt dann wieder in ihrem Element; sie beantwortet alle Fragen rund um den Stil. Wirklich alle: «Wer darf wo wildpinkeln (oder auch nicht)?» Seit ihr Vorgänger die Frage beantwortete, ob man furzen darf, wenn man gemeinsam im Badezimmer steht, ist das der absolute Tiefpunkt.

Aber es gibt noch ein Absackerchen, die «Fotokünstlerin» Lisa (who?) Sorgini. Die hat schon mehrfach mit verunglückten Aufnahmen für Furore gesorgt. Hier flunkert sie herzerweichend:

Das ist ein erklärendes Bildzitat.

Sie behauptet, ihr Sohn sei auf den Tisch geklettert, «um sich ein paar Früchte zu schnappen. Das Licht war perfekt». Sie tut also so, als wäre das ein spontan entstandener Schnappschuss. Dabei ist es offenkundig, dass das arme Kind posieren musste und die schweren Trauben genau richtig in die Kamera halten, nachdem Mama noch die Fruchtschale richtig drapiert hatte.

Aber die gute Nachricht ist: das war’s.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/11/Bildschirmfoto-2024-11-03-um-16.29.46.png 373 875 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-11-04 05:30:442024-11-03 16:36:17Für Kleinformatigere
René Zeyer

Was ist denn hier los?

15. Januar 2024/2 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Das Magazin mit dem langen Namen schlingert vor sich hin.

Auf dem Cover tut das «NZZ am Sonntag Magazin» so, als sei es der kleine (oder grosse) Bruder vom Tamedia «Magazin». Die verschneite Foto einer Reportage über den CEO der Jungfraubahnen, als Beigemüse Fanny Ardant, «Ikone des französischen Kinos». Schwein gehabt, dass sie nicht Gérard Depardieu genommen hatten, die andere Ikone. Und Kate Moss wird 50, was ansonsten eher spurlos an uns vorüberging.

Ein Inhaltsverzeichnis mit der News, dass Frauen keine Röcke mehr tragen. Dafür Hosen. Strumpfhosen. Wow. Nach der Geistreichelei von Christoph Zürcher dann eine recht banale «Selbstbetrachtung» mit einer Kuratorin.

Das Herzstück, sieben Seiten über Urs Kessler. Eine unspektakuläre Abarbeitung einer etwas speziellen Karriere. Irgendwie so blass wie die Fotos, die den Text begleiten.

Dann eine Hammerstory, «Da fehlt doch was». Eben die Hose. Der Beweis: «Die Schauspielerin Paige deSorbo ohne Hosen an einem Event in Las Vegas». Paige who? An was für einem Event? Ach, und dann gibt es als Beweis noch ein Schwarzweissfoto von Edie Sedgwick. Edie who? Na, «bekannt als das Mädchen mit den Strumpfhosen». Devise: Trend, kommt heraus, du bist umzingelt.

Schliesslich weiss die französische Filmikone Fanny Ardant: «Sich als ältere Frau in einen jüngeren Mann zu verlieben, ist heute eines der letzten Tabus.» Wirklich wahr? Sagen wir mal so, sich so fotografieren zu lassen, das braucht tatsächlich Mut:

Was lässt sich zum Interview sagen? Die Autorin habe schon viele Stars getroffen. «Aber das Treffen mit Ardant war eines der unvergesslichsten.» Wahnsinn.

Und schon sind wir bei ZACKBUMs Lieblingsgefäss «Bellevue». Gratiswerbung für eine englische Bettwäsche- und Pyjama-Firma. Was man auf dem Bild sieht, kostet zusammen bloss rund 1000 Franken. Dann die Wimmelseite «was auf dem Schreibtisch landete und nicht in den Papierkorb wanderte». Darunter ein Toastständer aus Keramik. Wer um Himmels willen braucht einen Toastständer? Aus Keramik? Für 150 Franken?

Und wer braucht einen «Zitrusfrüchtesalat mit Fenchel und Oliven»? Und wer braucht eine «kleine oder grosse kulinarische Reise» für 255 oder 295 Franken auf dem Sonnenberg in Zürich? Ausser, er muss sie nicht selbst bezahlen. Braucht man Lebenshilfe beim Thema «Wie umgehen bei Büroklatsch»? Will man all die Möchtegerns bei der «Eröffnung des «Mandarin Oriental Savoy»» sehen?

Und will man die Gratulation von Andrea Bornhauser zum 50. des verblühten ehemaligen Topmodells Kate Moss lesen, dessen Heroin-Chick vielleicht in den 90ern shocking war, aber heute nicht mal mehr als Erinnerung taugt?

Nein, will man nicht. Daher stellt ZACKBUM die Lektüre ein und hofft, dass das Gleiche dem Magazin passiert.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-18.33.46.png 289 701 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-01-15 07:05:392024-01-15 08:10:47Was ist denn hier los?
René Zeyer

Strahlendes Porträt einer Geflopten

1. Juni 2022/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Schwärmen kann man bei der NZZaS. Immer wieder.

ZACKBUM gesteht: bei dieser Titelstory des aktuellen Magazins der NZZaS tippten wir als Autorin sofort auf Rafaela Roth. Und lagen daneben, es geht noch schlimmer.

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Die ehemalige Mode- und Fashionredaktorin der «Annabelle» Andrea Bornhauser spürt dort nicht mehr neusten Trends nach, sondern versucht sich im ernsten Fach des Porträts. Nun ja.

Objekt der Anschmachtung ist Sanija Ameti, die Co-Präsidentin der «Operation Libero». Eine Frau, die ganz sicher nicht auf ihr Äusseres reduziert werden will. Bornhauser will sie aber liebend gerne auf eine Erfolgsstory reduzieren. Dabei macht sie den gleichen Fehler wie weiland Roth in ihrem völlig einseitigen und somit verunglückten Porträt einer angeblich unglaublich erfolgreichen Medienanwältin. Die aber dummerweise um die Publikation des Jubel- und Schmachtartikels herum eine Klatsche nach der anderen vor Gericht einfing. Sozusagen als Serienverliererin.

Alle Bildzitate aus «NZZ am Sonntag Magazin».

Das muss sich Bornhauser als Vorbild genommen haben, denn Pleiten, Pech und Pannen, die kommen in ihrem Porträt nicht vor. Schon gleich zum Stellenantritt bei «Libero» meldete sich Ameti mit der menschenfreundlichen Frage  zu Wort, ob wir als Mehrheit «in Kauf nehmen müssen, dass Menschen, die sich einer Impfung verweigern, ihre Mitmenschen gefährden, das Gesundheitssystem an den Anschlag bringen, Burn-outs beim Pflegepersonal und Schulschliessungen verursachen oder gar in einen Lockdown führen, welcher die Freiheit aller einschränkt». Nach dem Verursacherprinzip müssten diese Leute die wirtschaftlichen Schäden tragen. 

Dass sie damit zeigte, dass sie das Solidaritätsprinzip einer obligatorischen Gesundheitsversicherung nicht kapiert hat, was soll’s. Es gab sogar mehr Gesprächsstoff ab als ihre selbstverliebte Inszenierung in der SI. Lasziv mit rotgeschminkten Lippen und dicker Zigarre in der Hand. Aber bitte, liebe männlichen Leser, nicht zum Schwein werden und die Frau als Sexobjekt missverstehen.

Auch in der SI gab sie Vollgas mit der Selbstdarstellung.

Von ähnlich schwüler Tonlage sind auch die Fotos im Magazin der NZZaS. Besonders putzig ist die Bildlegende, dass sich Ameti auf Inszenierung verstehen würde – in einer mehr als inszenierten Fotoserie ausgedrückt.

Bei der Inszenierung stört der Kopf nur …

Aber bitte, es geht doch nicht etwa um Äusserliches, auf die Inhalte kommt es an. Also, da wäre mal die Forderung nach Selbstbezahlen von angeblich Selbstverschuldetem.

Im Jubelartikel geht’s ganz anders zur Sache: «Die Schweizer Politik hat Sanija Ameti ein romantisches Wochenende in Rom vermiest.» Schon der Einstieg gibt die Stimmlage des anhimmelnden hohen C vor.

«Die politische Aktivistin mit dem Inszenierungswillen einer Influencerin ist in der Presse kaum zu übersehen. Sanija Ameti provokant mit Zigarre im Mund, im Coca-Cola-T-Shirt, wie sie sich auf ihrem Designersofa räkelt.»

Hoppla, jetzt sind wir doch schon wieder in der Beschreibung von Äusserlichkeiten gelandet. Worum geht es ihr denn nun? «Sie sieht sich als eine Art moderner Laokoon, der einst die Trojaner vor dem Untergang retten wollte. «Ich möchte die Leute aufklären. Wer soll es sonst tun?»»

Vorne Ameti, hinten Laocoon.

Nun ja, mit oberflächlichen Kenntnissen der griechischen Sagen mag man das so formulieren. Gut ist auch immer die Frage nach Idolen. Die ist originell und die Befragte antwortet ganz spontan, als wäre es das erste Mal: «Sanija Ameti nennt alt Bundesrätin Elisabeth Kopp, weil sie für ihre Überzeugung eingestanden sei, auch wenn es nicht der Meinung ihrer Partei entsprach. Und Winston Churchill. Mit dem britischen Premierminister verbindet die Politikerin nicht nur die Vorliebe für Romeo-y-Julieta-Zigarren, die sie sich einmal im Monat und nicht nur fürs Foto gönnt, sondern auch die Vision eines vereinigten Europas.»

Wir laufen in die Zielgerade ein

Dann hätten wir’s ja fast, es fehlt nur noch der szenische Ausstieg. Es ist Zeit aufzubrechen, die Wahlfeier der Zürcher Grünliberalen beginnt gleich. Im Tram auf dem Weg ins «Terrasse» am Bellevue gesteht Ameti, dass sie Events nicht besonders mag.

Ein überraschendes Geständnis, wie süss. Als die beiden bei der Wahlfeier ankommen, macht sich Bornhauser noch so ihre tiefen Gedanken: «Inmitten der Parteikollegen wirkt sie fast ein wenig verloren. Während sie auf dem politischen Parkett regelmässig in den beast mode schaltet, scheint sie sich zurück in ihre Badewanne zu wünschen.»

Der Lohn der ganzen Mühe

411 Treffer verzeichnet die Mediendatenbank SMD in den letzten sechs Monaten für Ameti. Das ist zwar noch nicht in der Liga Molina (1658), Glättli (1665) oder Wermuth (2803). Aber sie ist gut unterwegs.

Allerdings neigt sie doch, wie bei ihren markigen Aussagen zur Pandemie und einem «differenzierten Impfzwang», auch sonst dazu, etwas viel Gas zu geben. Eine Todesanzeige zum «Gedenken an das Rahmenabkommen»? Kam angesichts der Ukraine nicht wirklich gut an. Die «Europa-Initiative»? Mit grossem Tamtam angekündigt, dabei gibt es weder Text noch Verbündete. Mitinitiator Balthasar Glättli hat inzwischen Besseres zu tun, selbst ihre eigene grünliberale Partei steht nicht mehr hinter diesem Flop.

Aber all das hat in einem Jubelporträt einer Moderedaktorin natürlich ungefähr so viel Platz wie die Erwähnung seines Verhältnisses zu Kindern in einer Würdigung auf Michael Jackson. Allerdings: die NZZaS hat nun doch ein Problem. Denn ihre Leser erwarten schon, dass es im Niveau, in der Darstellung und in der Qualität spürbare Unterschiede zu «Bravo», «Annabelle» oder SI gibt. Womit nichts gegen diese Zeitschriften gesagt sein soll.

Das Zielpublikum ist einfach etwas verschieden. Es gibt das Jubel-Hudel-Porträt der intellektuell etwas tiefergelegten Organe. Wie das mal visuell am Beispiel der «Schweizer Illustrierten» auf den Punkt gebracht wurde. Deren Porträtexte seien so wie die dazugestellten Fotos. Und die sähen so aus: Vorne hell, hinten hell, und in der Mitte lacht’s. Auch wenn hier in der Mitte ein leuchtend rot geschminkter Mund nicht lacht: das Prinzip ist das gleiche.

Leider auch das Prinzip, dass ein Porträt nicht mit einer Darstellung der Komplexität einer Person überladen werden sollte. Rückschläge, Flops, Niederlagen, Fragwürdiges, Widersprüchliches neben Strahlendem und Erfolgreichem? Das macht eigentlich jeden Menschen aus, macht ihn für den Leser fassbar, verständlich. Unkritische Lobhudelei und Oberflächenkosmetik hingegen wird von Fans goutiert, aber eigentlich weniger von erwachsenen Lesern. Die auf Wiederholungen zunehmend irritiert reagieren.

 

 

 

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/05/Ameti2.jpeg 378 878 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-06-01 05:00:292022-06-01 09:49:38Strahlendes Porträt einer Geflopten

  • Kleines Vademecum für Kommentarschreiber27. August 2020 - 16:08
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