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Zahlenzauber in der WeWo

Aus 32 Toten werden Tausende Kubaner. Rechnen mit Alex Baur.

Haue eine These raus und renne ihr hinterher. Nicht die beste Spielart von Journalismus, die «Weltwoche»-Mitarbeiter Alex Baur betreibt. Seine These: «Maduros Repressions- und Sicherheitsapparat wurde schon vor der US-Intervention vom Ausland aus kontrolliert».

Zunächst zur Richtigstellung des Vokabulars: diese «Intervention» war der Beginn eines Raubüberfalls, ein klarer Bruch des Völkerrechts und soll den Zugriff auf die grössten Ölreserven der Welt sichern.

Welche Beweise führt Baur für seine steile These an? Venezuela beliefere Kuba «praktisch gratis» mit Öl, was die Kubaner (also doch nicht gratis) mit der Entsendung von «zehntausenden von Ärzten, Sanitätern und «Beratern» nach Venezuela» bezahlten. «In Tat und Wahrheit handelt es sich dabei oft um Agenten und Milizionäre, die zahlreiche Schlüsselstellen in der Verwaltung besetzen und die nach den Methoden und der Doktrin des sowjetischen KGB ausgebildet wurden

Blöd nur: das fast bankrotte Venezuela schickte immer weniger Öl nach Kuba; inzwischen ist Mexiko eingesprungen. Blöd nur: im Rahmen der venezolanisch-kubanischen Sozialprogramme wie Misión Barrio Adentro und andere Kooperationen waren zeitweise tatsächlich Zehntausende kubanische Ärzte und Gesundheitspersonal in Venezuela tätig.

Was durchaus segensreich war, aber was nicht in Baurs Gesinnungsblase passt, wird ausgeblendet.

Und die «Agenten, Milizionäre, ausgebildet nach der Doktrin des KGB»? Abgesehen davon, dass der KGB schon längst verblichen ist und nur noch in alten Bond-Filmen sein Unwesen treibt: Beweise, Belege, dass Kuba CIA-Methoden verwendet?

Via zeitlich begrenzte Missionen fantasiert Baur von insgesamt «Zehntausenden» Kubanern, unter ihnen Agenten und Milizionäre, die natürlich «Schlüsselstellen» besetzen. Quellen? US-Geheimdienste. Es darf gelacht werden.

Wahrscheinlich ging es deswegen mit Venezuela wirtschaftlich den Bach runter. Aber im Ernst: auch seine Behauptung, dass kubanische Sicherheitsleute um Maduro genauso wenig wie US-Truppen etwas in Venezuela zu suchen hätten, bringt wenigstens Spass und Belustigung in diese trüben Zeiten.

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Leider weigerte sich die WeWo («unabhängig, kritisch, gut gelaunt»), diese Kritik am Alles-besser-Wisser Baur zu publizieren. Zeugt nicht von guter Laune oder grosser Souveränität.

Sowjetische Mythologie

Dass meine Gegenüberstellung von russischer und amerikanischer Geopolitik dem Sowjet-Nostalgiker René Zeyer nicht gefällt, versteht sich von selbst.

Von Alex Baur

Im Wesentlichen postuliere ich, dass Russland seit den Zeiten der beiden Iwans – dem grossen und dem schrecklichen – stets und meistens erfolgreich darum bestrebt war, seine Nachbarn entweder zu schlucken, zu beherrschen oder wenigstens zu schwächen. Die Sowjetunion stand voll und ganz in dieser Tradition aggressiver Expansion, wenngleich sie uns mit den bewährten Tricks marxistischer Dialektik das Gegenteil weismachen will. Auch die USA haben eine expansionistische Komponente in ihrer DNA, doch diese ist getragen von einer antikolonialistischen und aufklärerischen Mission, welche in der amerikanischen Verfassung ihren Ausdruck findet. Das ist notabene keine moralische Wertung. Auch die Amerikaner haben mit ihren Interventionen bisweilen fürchterlichen Schaden angerichtet. Den Frieden wollten sie beide – die einen durch Unterwerfung, die anderen durch Befreiung.

Gemäss Zeyer ist eigentlich alles falsch an meinen Argumenten. Eine umfassende Replik wäre uferlos. Ich beschränke mich daher auf das, was Zeyer als «Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren» bezeichnet. Es geht um meine Feststellung: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Zeyer dazu: «Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.»

Revisionismus hin oder her: Selbstverständlich waren Hitlers «Präventivschläge» gegen Polen und Russland plumpe Propagandalügen. All jene, die «Mein Kampf» nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben, mussten es wissen. So wie Stalins «Präventivschlag» als Rechtfertigung für seinen Überfall auf Polen eine dreiste Propagandalüge war. Ich behaupte ja nicht, Stalin hätte den Krieg alleine losgetreten, die Sowjets taten dies in perfekter Komplizenschaft mit den Nazis. Tatsächlich waren der nationalistische Sozialist Stalin und der nationalsozialistische Hitler aus demselben Holz geschnitzt – nicht nur in ihrer Persönlichkeit, auch in ihrer Ideologie. Doch diese Vorstellung ist für den Deutschen René Zeyer, der in seiner Wohnung jahrelang mit einer unübersehbaren sowjetischen Fahne geschmückt hat, natürlich unerträglich. Ja, sorry – es hätte auch ein Hakenkreuz sein können.

Die historischen Fakten sprechen für sich. Am 24. August 1939 unterzeichneten Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow in Anwesenheit Josef Stalin in Moskau den deutsch-sowjetischen Neutralitäts-Pakt. Das Abkommen garantierte den Nazis die sowjetische Neutralität für den vorbereiteten Angriff auf Polen und den Fall eines möglichen Kriegseintritts der Westmächte. Doch entscheiden ist in dieser Hinsicht ein damals noch geheimes, heute allgemein bekanntes Zusatzprotokoll „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“. Dort wird gut die Hälfte Polens sowie Litauen den Deutschen zugesprochen, die Sowjets rissen sich dafür Ostpolen, Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien (heute Moldawien) unter den Nagel. Und by the way: Sie haben Ostpolen, das bis heute Teil von Weissrussland und der Ukraine ist, nie wieder hergegeben.

Alles bloss präventiv, zum Schutz dieser Länder? Aber sicher doch. Die Sowjets wollten immer nur das Beste für die Völker, die sie abschlachteten, aushungerten und unterjochten.

Eine Woche später, am 1. September 1939, marschierten Zeyers Landsleute in Polen ein. Hitler drängte die Sowjetunion mehrfach dazu, mit ihrem angeblichen Präventivschlag gegen Polen endlich vorwärtszumachen. Nachdem Frankreich und das Vereinigte Königreich am 3. September dem dritten Reich den Krieg erklärt hatten, forderte der deutsche Außenminister Ribbentrop die sowjetische Regierung am gleichen Tag auf, Ostpolen zu besetzen, um deutsche Truppen an die entblößte Westgrenze verlegen zu können. Stalin wartete noch eine Anstandsfrist, bis sein Bündnispartner Warschau belagerte, um am 17. September, gut zwei Wochen nach dem deutschen Überfall, den russischen Überfall auf Polen zu vollziehen – als „Friedensmacht“. Aber sicher doch.

Fünf Tage später, am 22. September 1939, nahmen General der Panzertruppe Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein die erste gemeinsame deutsch-sowjetische Militärparade in Polen ab, tauschten feierlich Hakenkreuz gegen Rote Fahne, verwundete und von sowjetischen Ärzten versorgte versprengte Soldaten der Wehrmacht wurden übergeben. Während der Parade an der Demarkationslinie in der Stadt Brest-Litowsk, die zwischen den zwei verbündeten Aggressoren geteilt wurde, gratulierte Kriwoschein im Namen der sowjetischen Führung den Nazis zu ihren Kriegserfolgen und erklärte, die Deutschen nach ihrem bevorstehenden Sieg über Großbritannien in Moskau begrüßen zu wollen. Alles nur gespielt? Aber sicher doch.

Doch dabei blieb es nicht. Am 28. September 1939 wurde der Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet, welcher eine längerfristige Zusammenarbeit der beiden Staaten vereinbarte. In teils geheimen (heute aber sauber dokumentierten) Abkommen besiegelten sie die Aufteilung Polens. In den kommenden zwei Jahren, bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, lieferten die Russen Deutschland gewaltige Mengen an kriegswichtigem Öl und andren Rohstoffen. Ohne diese Lieferungen aus Russland wäre Hitlers Feldzüge nach der Seeblockade der Briten kaum zu bewältigen gewesen. Deutschland lieferte den Russen im Gegenzug Maschinen und Waffen. Der letzte Kesselwagen mit russischem Erdöl rollte noch Stunden vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Es braucht schon eine gehörige Portion an marxistischer Dialektik, um aus einer derart engen Kooperation eine Feindschaft abzuleiten.

Und leider waren die Sowjets gegenüber ihren Opfern auch kaum freundlicher als die Nazis. Allein im April 1940 richteten sie 22 000 bis 25 000 polnische Offiziere, Polizisten, Geistliche und Intellektuelle hin, notabene nachdem sich diese längst ergeben hatten. Die Massenerschießungen von Katyn sollten als erste Verbrechen gegen die Menschlichkeit dieser Art in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges eingehen. Die Familien der Opfer wurden nach Kasachstan in die Sklaverei verschleppt.

Wenige Monate nach dem Deutschen Einmarsch stand die Sowjetunion Ende 1941 kurz vor dem ökonomischen Kollaps. Väterchen Winter hatte das Land gleichsam in letzter Minute vor dem Untergang bewahrt. Die wichtigsten Industrie- und Landwirtschaftszentren des Landes, der „Brotkorb“ Ukraine und große Teile des Zentrums der Schwerindustrie, des Donezbeckens, wurden von den Deutschen kontrollier. Zwar wurden viele Industrieanlagen Ende 1941 nach Osten evakuiert und so dem Zugriff der Wehrmacht entzogen, doch erst gingen Monate ins Land, bis die Produktion hinter dem Ural richtig anlief. Die Russen hungerten, einmal mehr. Die Zufuhr von Eisenerz, Kohle und Stahl fiel um 75 Prozent und die Versorgung mit kriegswichtigen Rohstoffen, wie Aluminium, Mangan oder Kupfer, um mehr als zwei Drittel. Vom einstmaligen Rohstoffreichtum verblieben nur noch Holz, Öl und Blei.

Bis zu diesem Zeitpunkt hielten sich die USA aus dem Krieg in Europa heraus. Die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg waren noch wach, nur wenige verspürten Lust, für den Frieden in Europa zu sterben. Die Amerikaner waren sich sehr wohl bewusst, was gespielt wurde. Doch sie waren zum Schluss gekommen, dass es am besten wäre, wenn sich die Tyranneien der Nazis und der Sowjets gegenseitig ausbluteten. Erst als klar wurde, dass Hitler eine reale Chance hatte, Russland zu unterwerfen, griffen sie ein. Dann aber gleich mit der ganz grossen Kelle.

Unter dem so genannten «Lend and Lease Act» überliessen die Amis den Sowjets zwischen 1941 und 1945 unter anderem 14 795 Flugzeuge, 7 056 Panzer, 8218 Flakgeschütze, 131 633 Maschinengewehre, 15,417 Millionen Paar Stiefel, 4 Millionen Tonnen Lebensmittel, 2,54 Millionen Tonnen Stahl, 728 000 Tonnen Nichteisenmetalle, 764 000 Tonnen Chemikalien, 77 900 Geländewagen Willys MB („Jeep“), 151 000 leichte Transportfahrzeuge, 200 000 Studebaker US6-Lkw, 1900 Lokomotiven, 1,5 Millionen Kilometer Telefonkabel, 35 000 Funkstationen, 380 000 Feldtelefone, 30 % aller Reifen, 56 % aller Schienen und 1/3 aller Sprengstoffe. Die Amerikaner lieferten den Russen 90 Prozent des gesamten hochoktanigen Flugbenzins, ohne das ihre Flieger am Boden geblieben wären. Die wichtigste Zufuhrroute verlief übrigens durch den Iran. Inflationsbereinigt verfrachteten die Amerikaner Waren im Wert von über 100 Milliarden Dollar in die Sowjetunion, welche ohne die US-Hilfe gegen die Deutschen kaum hätte standhalte können

Am 7. Dezember 1941 zwang Japan die USA mit dem Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg. Wenige Tage später, am 11. Dezember 1941, erklärte Hitler den USA den Krieg (und nicht umgekehrt). Das mag aus heutiger Sicht verwegen erscheinen. Doch damals befanden sich die Deutschen noch an allen Fronten auf dem Vormarsch, sie wähnten sich unbesiegbar (Hitlers Rede vor dem Reichstag, in der er die Kriegserklärung gegen die USA begründet, kann auf Youtube abgerufen werden; der Aufwand lohnt sich). Bis zur Schlacht in Stalingrad (November 42 bis Februar 43), die allgemein als Anfang des deutschen Untergangs gilt, sollte noch ein Jahr vergehen.

Doch die Sowjets dachten nicht daran, die USA im Krieg gegen Japan zu unterstützen. Im Gegenteil. Am 13. April 1941 hatten sie einen Neutralitätspakt mit Japan unterzeichnet, den beide Seiten bis ganz am Ende des Krieges einhielten. Die Sowjets zogen erst am 9. August 1945 gegen Japan in den Krieg. Es war der Tag, als die Atombombe über Nagasaki gezündet wurde, drei Tage nach der Zerstörung von Hiroshima. Zu diesem Zeitpunkt war allen klar, dass Japan kapitulieren würde. Doch Stalin nutzte die Gunst der Stunde, um noch schnell die Mandschurei, Teile Koreas und die Kurilen zu besetzen. Die Kurilen wurden definitiv annketiert, deren Bevölkerung vertrieben, mehrere Hunderttausend Japaner verschwanden als Zwangsarbeiter in russischer Kriegsgefangenschaft, die meisten kehrten nie mehr in ihre Heimat zurück.

Winston Churchill hatte schon früh erkannt, dass sich die Sowjets nicht nur Polen, für dessen Befreiung die Briten einst in den Krieg gezogen waren, sondern ganz Osteuropa unter den Nagel reissen würden. Nach der deutschen Kapitulation, im Mai 1945, liess Churchill hoch geheime Pläne für die «Operation Unthinkable» (Unternehmen Undenkbar) entwerfen: Zusammen mit den soeben besiegten Deutschen sollten die Alliierten die Sowjets wieder aus Europa vertreiben. Der Plan wurde als unrealistisch verworfen. Mittlerweile ist er auch dieser Plan nicht mehr geheim. Die Unterlagen zur «Operation Unthinkable» sind seit 1998 beim britische Nationalarchiv in London öffentlich einsehbar.

Wie wir heute wissen, waren dem sowjetische Geheimdienst NKWD dank seinen Agenten in der britischen Verwaltung bereits in der Eruierungsphase über Churchills Planspiele im Bilde. Die Sowjets ihrerseits hatten schon 1944 Überlegungen angestellt, nach einem Sieg über Nazi-Deutschland mit ihrer numerisch überlegenen Armee bis nach Frankreich und Italien weiterzumarschieren und parallel dazu Norwegen und Dänemark zu erobern, um die Ostsee zu sichern. Als bekannt wurde, dass die Amerikaner über Atomwaffen verfügten, wurde die Idee archiviert.

Was ich hier anführe, sind nicht irgendwelche Theorien, sondern gesicherte Fakten, die von ernstzunehmenden Historikern auch nicht bestritten werden. Dass es den Sowjets, die ganz Osteuropa und einen grossen Teil von Deutschland fünfundvierzig Jahre lang mit roher Gewalt unterjochten, trotzdem gelang, sich als Befreier zu etablieren, ist die vielleicht dreisteste Propagandalüge des 20. Jahrhunderts. Nun kann man die Russen als Opfer Stalins sehen (was viele tun). Fairerweise müsste man den Deutschen denselben Opferstatus bezüglich Hitler zubilligen. Und dafür wäre René Zeyer wohl kaum zu begeistern. Tatsächlich gibt es einen grossen Unterschied: Die Nationalsozialisten mussten sich ihren Verbrechen stellen, den Kommunisten blieb diese Mühsal leider erspart.

Baurs selektive Wahrnehmung

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.

Alex Baurs Replik

Ganz oder gar nicht sei sie zu publizieren, verlangt Freund Baur. Bitte sehr.

Von Alex Baur

Wenn Kollega Zeyer nichts besseres mehr einfällt, als mich persönlich zu beschimpfen, fehlen ihm offenbar die Argumente. Doch wenn ich seine etwas wirre Argumentationslinie richtig verstehe, baut seine Definition von Kriegsverbrechen primär auf der Zahl der zivilen Opfer. Als liesse sich das Problem mit einer mathematischen Formel lösen. Und das ist vom Ansatz her schon falsch.
Es gehört zu den grossen Errungenschaften der Aufklärung, dass nicht das Resultat eines Verbrechens (Erfolgsprinzip), sondern der Vorsatz dahinter (Verschuldensprinzip) bei der Einordnung einer Straftat und deren Schweregrad entscheidend ist. Um ein Beispiel zu nennen: Wer fahrlässig die Explosion eines mit Brennstoff beladenen Eisenbahnzuges verursacht, die hunderte von Toten fordert, kann mit einer milden Strafe rechnen; wer jedoch mit Tötungsabsicht gezielt auf einen Menschen schiesst, muss mit der Höchststrafe rechnen, unbesehen davon, ob das Opfer die Attacke überlebt. Kriegsverbrechen sind von diesem Prinzip nicht ausgenommen.
Nun ist der Vorsatz ein innerer Vorgang, den wir aufgrund äusserer Indizien und Verhaltensweisen nur deuten können. Und diese Deutung ist, wie es der Begriff schon verrät, keine präzise Wissenschaft. Eine mathematische Formel gibt es nicht, auch wenn uns Zeyer dies mit populistischen Verkürzungen vorgaukeln will.
Die Frage nach dem Verlauf eines Konfliktes und dessen Motivation ist daher wichtig: Wer hat den Krieg provoziert? Wer verfolgt welche Interessen und Ziele? Wer hat welche Möglichkeiten? Was wären die Alternativen?  Es geht dabei ebene gerade nicht um die Frage einer allfälligen moralischen Rechtfertigung, wie Zeyer insinuiert. Ob die Anliegen der Palästinenser oder jene der Zionisten im Kern gerechtfertigt sind, spielt bei dieser Auslegeordnung keine Rolle.
Fakt ist: Die Israeli hatten sich vor einem Jahr, als die Terror-Milizen des Irans ohne jeglichen Anlass die Grenze überquerten, um in der Nachbarschaft ein Blutbad anrichten bzw. Geiseln nahmen, längst aus Gaza und aus dem Südlibanon zurückgezogen; Israel erhebt keinen Anspruch auf diese Gebiete; und wenn es einem Juden in den Sinn käme, sich dort anzusiedeln, er würde nicht lange überleben; Netanjahu mag der Konflikt gelegen kommen oder auch nicht (man wird es nach den nächsten Wahlen sehen), doch Israel hat kein Interesse an diesem Krieg, der allein durch die Araber bzw. den Iran ausgelöst wurde.
Über 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind Araber, Drusen oder Beduinen, die meisten von ihnen Muslime, rund 2 Millionen an der Zahl, die alle Bürgerrechte geniessen und heute sogar in der Armee dienen; wenn ein Palästinenser in der Westbank ein ernsthaftes gesundheitliches Problem hat, lässt er sich in Israel behandeln, gratis notabene;  vor den Terror-Angriffen auf Israel vom Oktober 2023 galt das auch für die Bevölkerung von Gaza; Israel versorgt Gaza nicht nur mit einem grossen Teil seines Wasserbedarfes, sondern auch mit Energie. Israel hat 2006 israelische Siedler gezwungen, Gaza zu verlassen. Es war gleichsam der Test für die famose «Zweistaaten-Lösung». Wäre die Entvölkerung oder die Annexion von Gaza das Ziel, würde sich Israel ganz anders verhalten. Die militärischen Mittel, um die Bevölkerung von Gaza auszulöschen, hätte die israelische Armee auf jeden Fall.
Zum Glück haben Israels Gegner diese militärischen Mittel nicht (an denen sie sie Jahren fieberhaft arbeiten). Das erklärte Ziel von Iran und seinen Vasallen (Hamas, Hisbollah) ist die Vernichtung von Israel und die Vertreibung der Juden, from the river to the sea. Die israelische Armee hat daher nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, seine Bevölkerung, ob jüdisch, muslimisch oder christlich, zu schützen und die Angreifer aus der Nachbarschaft unschädlich zu machen. Da weder die Bevölkerung von Gaza noch jene vom Libanon Willens oder in der Lage ist, die Terror-Milizen des Iran von ihrem Land fernzuhalten, muss es die israelische Armee an ihrer Stelle tun. Eine vernünftige Alternative gibt es nicht. Konzessionen gegenüber Terroristen, das hat die Erfahrung gezeigt – nicht nur im Nahen Osten, sondern auch etwa in Südamerika, wo der Autor dieser Zeilen lebt – verlängern das Blutvergiessen und das Leiden bloss. Das Ziel von Terror-Milizen ist niemals ein Frieden, und wenn sie dies vorgeben, meinen sie die ungeteilte Macht.
Iran und seine Vasallen verschanzen sich systematisch und gezielt hinter menschlichen Schutzschildern und zivilen Institutionen, ein klarer Verstoss gegen das Kriegsrecht. Sie sind daher die Hauptverantwortlichen für die zivilen Opfer und Verwüstungen. Das entbindet Israel zwar nicht von der Pflicht, zivile Opfer nach Möglichkeit zu vermeiden oder so tief wie möglich zu halten. Doch der Schutz der eigenen Bevölkerung vor den Angriffen aus der Nachbarschaft und die Vernichtung der Angreifer hat für die israelische Armee Priorität.
Selbstverständlich kann man die israelische Strategie kritisieren. Ob die israelische Armee wirklich alles tut, um zivile Opfer nach Möglichkeit zu vermeiden, ob ihre Strategie wirklich die klügste ist, wage ich als militärischer Laie allerdings nicht zu beurteilen. Das kann auch der Deutsche René Zeyer nicht. Doch hier geht es um die Frage, ob die israelische Armee Kriegsverbrechen oder gar einen Genozid zu verantworten hat. Und das ist nach dem aktuellen Stand des Wissens bzw. nach dem oben gesagten ganz klar nicht der Fall.
Was der Altmarxist René Zeyer hier durchexerziert, ist die verlogenene klassenkämpferische Taktik von Lenin und Konsorten: Man provoziert einen bewaffneten Konflikt, beschwört Menschenrechte und Demokratie, doch gemeint ist Unterdrückung und Parteidiktatur.
P.S.: Ich wage übrigens an dieser Stelle noch die Prognose, dass es dem in Israel äusserst unbeliebten Benjamin Netanjahu ergeht wie weiland Winston Churchill: Er wird den Krieg gegen die Barbarei gewinnen und danach vom eigenen Volk demokratisch abgewählt. Die meisten Israeli wollen keinen Krieg, doch wenn man ihnen einen solchen aufzwingt, dann ziehen sie die Sache durch bis zum bitteren Ende.

Zum Nachschlagen und Nachlesen:
Baurs Replik in der «Weltwoche»
Zeyers Duplik auf ZACKBUM

Wumms: Alex Baur

Peinlich, wenn ein guter Journalist sich öffentlich lächerlich macht.

ZACKBUM-Autor René Zeyer hatte ein Kurzfassung seiner Abhandlung über Kriegsverbrechen in der «Weltwoche» veröffentlicht. Daraufhin sah sich Baur genötigt (wieso eigentlich?), darauf zu replizieren. Daraus ist ein Dokument der Selbstverzwergung geworden. Wer’s nachlesen mag, bitte sehr.

Dafür wird Baur schon vom WeWo-Leser kräftig geprügelt, dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ausser dem hier:

Baur hat keine Ahnung, aber viel Meinung. Das ist eine üble Mischung, wenn es um Kriegsverbrechen oder Massaker und die Schuldfrage geht. Aber jeder hat das Recht, sich öffentlich zum Deppen zu machen.

Zeyer würde «die Leier von angeblichen israelischen Kriegsverbrechen nachbeten», behauptet Baur. Zeyer betet nicht, und «nach» schon gar nicht. Dann schwirrt Baur in ein Paralleluniversum ab, indem er hinzufügt, dass Israel keinen Krieg gegen den Libanon oder die Palästinenser führe, sondern gegen den Iran. Das wüsste man allerdings, wenn Beirut, Libanon oder der Gazastreifen neuerlich zum Iran gehörten.

Der Höhepunkt der Realitätsverweigerung: «Der Iran und seine Vasallen hätten es in der Hand, das Blutvergiessen sofort zu beenden. Sie allein tragen die Verantwortung für das Elend.» Wie sollten sie das tun? Indem sich die Führung freiwillig selbst in die Luft sprengt?

Dabei wäre es doch so einfach. Wer Kriegsverbrechen begeht, trägt dafür die Verantwortung. Ob er das in Reaktion auf andere Kriegsverbrechen tut oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Jeder, auch Baur, kann nachlesen, was ein Kriegsverbrechen ist. Darüber kann es unter vernunftbegabten Menschen keine Meinungsverschiedenheit geben.

Alleine der Bericht von 99 US-Ärzten, den auch ZACKBUM zitiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass die israelische Armee nicht vereinzelt, sondern systematisch, systemisch und institutionell Kriegsverbrechen begeht. Womit erstellt ist, dass das keine Einzeltaten einer unkontrollierten Soldateska sind, sondern den Oberbefehlshabern bekannt und von ihnen geduldet.

Es gibt inzwischen eine neue Spielart von Realitätsverweigerern.

Nach den Holocaust-Leugnern gibt es nun die Kriegsverbrechen-Leugner.

Schade, dass Baur seine Reputation als ernstzunehmender Journalist so leichtfertig, ohne Not und ohne Kenntnisse beschädigt.

PS: Kommentator Müller empfiehlt einen Besuch im Ziv Medical Center, das regelmässig von Hezbollah-Raketen beschossen werde.

Nun, das hier ist ein aktuelles Foto des Spitals:

Und das hier ist ein aktuelles Foto des al-Ahli Spitals in Gaza City, nachdem es von der israelischen Armee bombardiert wurde:

Wenn Angegriffene zurückschlagen

Klagen kann eigentlich jeder. Nur sollte er auch?

Der «Spiegel» macht darauf aufmerksam, dass die Mitglieder der deutschen Bundesregierung schon über 1500 Strafanzeigen gestellt haben. Wegen Beleidigung oder gar Morddrohungen. Einsame Rekordhalter sind die beiden Grünen Robert Habeck und Annalena Baerbock. Der selten unfähige (ist erlaubt) Wirtschaftsminister stellte ganze 805 Anzeigen, die selten unfähige (auch erlaubt, trotz Frauenbonus) Aussenministerin 513. Dahinter kommen andere Minister mit lediglich 30 oder 20 Strafanzeigen.

Nun ist der schöne Satz «ich klag‘ dich ein» oder «ich zeig dich an» dem Deutschen im Blut, in der DNA verwurzelt. Niemand hält sich so sklavisch an Verbotsschilder (Betreten des Rasens verboten), niemand denunziert mit solcher Lust den Mitmenschen, der sich nicht daran hält – wie der Deutsche.

Vor allem dank der vermeintlichen Anonymität des Internets gibt es immer mehr Wutbürger, die ihren Trieben freien Lauf lassen und hemmungslos beschimpfen, beleidigen, gar bedrohen. Verbrecher, Krimineller, das geht leicht von der Hand, «dich sollte man erschiessen, ich weiss, wo du wohnst, ich kenne den Schulweg deiner Kinder», das ist dann schon weniger lustig.

Natürlich sind die überwiegende Mehrzahl dieser Amoks Maulhelden, die solche Tiraden als Triebabfuhr brauchen. Hier kann man dem Internet eine gewisse psychohygienische Funktion nicht absprechen. Nur selten werden solche Verbalinjurien als tatsächlich gefährlich eingestuft. Polizeischutz wird äusserst selten gewährt, denn das ist aufwendig und teuer. Das versuchte Messerattentat von Solingen, bei dem ein Polizist starb, beweist allerdings, dass vor allem in Kreisen fundamentalistischer Wahnsinniger eine erhöhte Gewaltbereitschaft vorhanden ist.

Der Schweizer Satiriker Andreas Thiel, der sich kritisch mit dem Koran auseinander gesetzt hatte, stand nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» eine ganze Weile unter Personenschutz, weil ernstzunehmende Morddrohungen gegen ihn ausgesprochen wurden.

Allerdings ist die Situation in der Schweiz offenbar entschieden entspannter als in Deutschland. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) registrierte 2023 ganze 290 Drohungsmeldungen. Das waren sogar 238 weniger als 2022; während der Corona-Panik waren es hingegen 1215 Meldungen gewesen.

Natürlich irren sich die üblen Gesellen häufig, wenn  sie meinen, das Internet biete ihnen vollständige Anonymität. Das Gegenteil ist der Fall, es braucht schon eine gewisse Geschicklichkeit, um den Absender zu verschleiern. Und da die meisten Amoks nicht gerade Genies sind …

Das Fedpol ergriff auch Massnahmen: «In 62 Fällen stufte die Behörde die Drohungen als so gravierend ein, dass sie Massnahmen ergriff. Dazu zählten die Ermahnung von Gefährdern, Strafanzeigen oder sogenannte Grenzziehungsbriefe, in denen die Behörden Personen verdeutlichen, dass sie sich an der Schwelle zur Strafbarkeit bewegen», schrieb «watson», und dann stimmt es hoffentlich auch.

Wirkliche Übergriffe gibt es in der Schweiz tatsächlich sehr selten. Das Massaker im Zuger Kantonsparlament vom Jahr 2001 mit 14 Toten und 15 zum Teil Schwerverletzten ist bis heute die unselige Ausnahme. 2011 wurde der damalige SVP-Nationalrat Hans Fehr auf dem Weg zur Albisgüetlitagung von mehreren schwarz vermummten Mitgliedern der linksradikalen Szene mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert. Der Journalist Alex Baur wurde am 1.-Mai-Fest in Zürich ebenfalls von Linksradikalen attackiert, der Essstand seiner peruanischen Frau verwüstet.

Aber das sind Ausnahmen. Die meisten Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, nicht nur Politiker, sind die Zielscheibe von üblen verbalen Attacken, inklusive Drohungen. Das erlebt jeder, der vor allem eine kantige Meinung äussert. Auch ZACKBUM-Redaktor René Zeyer hat eine kleine Sammlung von Drohschreiben und Beschimpfungen; Linksautonome beklebten einmal sein halbes Wohnquartier mit einem Schmähflugblatt, in dem sie die Nachbarschaft darauf aufmerksam machen wollten, welch Unmensch, welch krimineller Rassist hier ihr bislang unerkannter Nachbar sei.

Das sind die üblichen Kleckereien aus den Sumpfgebieten des Fanatismus, über die man normalerweise kommentarlos hinweggeht. Ausser, man will daraus Kapital schlagen und Mitleid erregen. Darauf spezialisiert ist ein Politik-Pin-up, das schon mal behauptete, es bekomme bis zu 100 (an deren Stellen bis zu 20) Hassmails jeden Tag. Dazu aufgefordert, vielleicht ein paar Beispiele vorzuzeigen, sendete es das Pausenzeichen. Inzwischen versucht es sich schon wieder mit dieser Mitleidsnummer.

Noch schlimmer als das Wüten solcher Idioten ist der Versuch, ihre verbalen Blutgrätschen zu missbrauchen, um Mitleid zu erregen.

«Weltwoche» eiert

In den Seilen hängend, wuschig, schlecht gelaunt.

So kann’s gehen. In der heilen Werbewelt preist sich die «Weltwoche» als «unabhängig, kritisch, gut gelaunt» an. Dabei greift sie in die Harfe: «Oberstes Ziel der Weltwoche bleibt es, die Intelligenz ihrer Leserinnen und Leser anzusprechen mit möglichst brillant geschriebenen Artikeln.»

So viel zur Theorie. Die die WeWo durchaus immer wieder und häufiger als die Mainstream-Medien einlöst. Ausser, es geht um Russland. Oder China. Oder das Christentum. Oder Sanija Ameti.

Angesichts eher beschränkten Platzes ist auch Auswahl und Gewichtung ein Thema. Da gibt es aktuell wichtige und unwichtige Ereignisse. Ein wichtiges ist zum Beispiel, dass der russische Präsident Putin die mögliche Lieferung von Mittelstreckenraketen an die Ukraine als direkte Kriegshandlung der NATO gegen sein Land bezeichnet.

Und selbst die Kriegsgurgeln von der «Süddeutschen Zeitung» einen Moment innehalten, ob eine solche Eskalation eine gute Idee wäre oder uns einem Atomkrieg einen guten Schritt näher brächte.

Wenn aber die Titelstory lautet «Free Sanija Ameti» und von Daniel Ryser geschrieben wird, dann ist ein seltener Tiefpunkt höheren Schwachsinns erreicht. Wäre das Cover der aktuellen Ausgabe eine Referenz an «Titanic», das grossartige Satiremagazin, könnte man es noch knapp goutieren. Aber ein Wendehals, der wegen unmöglichen Verhaltens gefeuert wurde, schreibt über eine dummdreiste Provokateurin, die wegen unmöglichen Verhaltens gefeuert wurde? In einem Organ, das er noch kurz zuvor als Hort von Verschwörungstheoretikern, angeführt von einem Jünger Bannons, beschimpfte?

Und ist jemand, der für eine sich in aller herrlichen Freiheit befindende Person «Befreiung» fordert, noch ganz dicht? Ist ein Organ ganz dicht, das das zur Titelgeschichte macht? Damit insinuiert, Ameti sitze im Knast, sei politische Gefangene, müsse befreit werden, so à la Julian Assange? Wie bescheuert ist das denn?

Nebenbei: «Swatch ist unterbewertet», das zeugt wieder einmal von der grossen Wirtschaftskompetenz des Blatts. Sollte eigentlich schadenersatzpflichtig sein, so ein Unsinn.

Da ist das Wort Realsatire zu schwach dafür. Und abgesehen davon: seit dieser Swiss Miniature erschütternde Skandal ausbrach, also seit knapp einer Woche, hat die WeWo sagenhafte 18 Artikel auf dieses Null-Thema verbraten. Dabei hat sie eine Pirouette gedreht, bei der sie auf allzu dünnem Eis einbrach. Zuerst durften Christoph Mörgeli und Philipp Gut zubeissen. Dann bekamen sie einen Maulkorb, und Roger Köppel himself forderte «Gerechtigkeit für Sanija Ameti», obwohl er sich in seinen religiösen Gefühlen durchaus verletzt sah.

Dann griffen alle engelsgleich in die Harfe. Ein selten sanfter Mörgeli forderte «Milde» ein. Köppel gar «Gerechtigkeit». Alex Baur sprach sich gegen Männerfantasien aus: «Finger weg von Ameti».

Und dann die nächste Volte: «Opfer Ameti? Nach der Empörung nehmen die Medien Sanija Ameti allmählich wieder in Schutz. Bei allem Verständnis sollte man nicht vergessen, dass sie symbolisch auf das Fundament unserer Werte geschossen – und die Affäre selbst losgetreten hat».

Ist halt schon blöd, wenn man aus Prinzip immer gegen den Strom schwimmen will – und der Strom ständig seine Richtung ändert. Sie habe das alles selber losgetreten, schimpft Hubert Mooser, ganz ohne Milde oder christliche Nächstenliebe.

Ist das ein Thema, das der WeWo-Leser dermassen ausführlich ventiliert sehen möchte? Als Titelgeschichte? Aufregung um ein Politik-Pin-up-Girl? Die Berichterstattung über dies Bachelorette der Politik zieht sich selbst auf ihr Niveau herab.

Dagegen kann man nichts machen. Das widerfährt Kritikern, Bewunderern, Fans, Verteidigern und der überwältigenden Mehrheit, die überzeugt ist, dass der Primitiv-Provokateurin recht geschah. Die jetzt noch ihre letzte Karte ausspielt: das Drücken auf die Tränendrüse, die Mitleidsnummer. Frau mit Migrationshintergrund, gelegentlich Muslima, lasziv, posierend, immer eine vorbereitete Rempelei auf Lager. Aber sonst nichts. Und nun gehe es ihr ganz schlecht, wisse sie nicht, wie lange sie das noch aushalte. Und dann?

Aktion und Reaktion sind inzwischen gleichermassen widerlich geworden. Daher stellt ZACKBUM hiermit die Berichterstattung über dieses Sumpfgebiet ein. Und befreit sich selbst von Ameti, Rysers und allen anderem Gesocks.

Bock zum Bock gemacht

«Weltwoche» spinnt: Kampffeminist Ryser verteidigt Ameti.

Der Mann darf sich auf keiner linken Redaktion mehr blicken lassen. Wenn Daniel Ryser nicht ein Rückgrat aus Gummi und den Ehrbegriff eines Strassenköters hätte, dürfte er sich bei den von ihm noch im Solde der «Republik» bösartig denunzierten «Infokriegern» auch nicht blicken lassen.

Aber Roger Köppel hat nicht immer ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner Mitarbeiter. Kenneth Angst, Tom Kummer, Daniel Ryser, die Liste ist nicht kurz.

Dass die «Weltwoche» vom Ameti-Bashing zu «wir sind dagegen» umschwenkt, war so vorhersehbar wie der Furz nach der Zwiebel.

Leider scheint der in die Hose gegangene Provokations-Stunt einer offensichtlich dummen Frau bei der «Weltwoche» kollektive Hirnstarre ausgelöst zu haben. So ausser Rand und Band war das Blatt schon lange nicht mehr. Obwohl natürlich immer mehr sich hinter dem Chefredaktor einreihen und Ameti-Kritiker wie Philipp Gutdie Operation Libero hält an ihrem durchgeknallten Aushängeschild fest») und Christoph MörgeliAngesichts verschiedenster islamistischer Morde und Mordversuchen …») kurzfristig ein Schweigegelöbnis ablegen. Oder sie legen sich rasant in die Kurve und plädieren plötzlich «für Milde». His master’s voice, das gilt auch für Mörgeli.

Alex Baur versteht nicht den Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Haftungsfreiheit. Ameti konnte sich völlig unzensiert öffentlich zum Deppen machen. Sie konnte ihre primitive Provokation posten, sie konnte sie löschen, sie konnte ihre völlig verunglückte Entschuldigung hinterherschreiben, sie konnte sich nochmals weinerlich entschuldigen, nachdem sie gemerkt hatte, dass das Publikum ihre erste Verarsche («Auf den Inhalt der Bilder habe ich nicht geachtet») nicht goutiert hatte.

Köppel neigt schon seit einiger Zeit zum Frömmlertum, hier übertrifft er sich aber selbst: «Möglicherweise hat Ameti durch ihr Luftpistolentraining gegen Jesus und die Jungfrau Maria die selbstzerstörerischen Übertreibungen zur Kenntlichkeit entstellt, mit denen wir unser christliches Erbe in den letzten Jahren beschleunigt zugrunde reiten.» das ist nun mal ein hochtrabender Schwachsinn, wie man ihn nicht alle Tage liest.

Das kann der Mann in seinem Editorial allerdings noch steigern: «Ein neues Frömmlertum, ein religiöser Fanatismus scheinen die Schweiz elektrisch unter Strom zu setzen, und die Ameti-Kritiker schichten munter einen Scheiterhaufen nach dem andern auf. Offenbar hat die Junge SVP schon Strafanzeige eingereicht. Will man sie auch hinter Gitter bringen? Im alten Zürich unter Zwingli hätte man Ameti in der Limmat versenkt.»

Scheiterhaufen, Hexenjagd, Ersäufen, Existenzvernichtung? Wieso verrutschen all diesen Dampfschreibern ständig die Massstäbe, kennen sie keine Mässigung, Einbettung?

Es mag ja Zeitgenossen geben, die sich durch Ameti in ihrem religiösen Empfinden beleidigt fühlen. Aber die Mehrheit  ist verstimmt, weil die Provokation so durchschaubar-absichtlich war, die Entschuldigung so triefend vor Arroganz und verlogen. Erst mit ihrer absurden Behauptung, sie habe gar nicht gewusst, worauf sie da schiesst, obwohl sie das zuvor als Nahaufnahme gepostet hatte, trat sie den Shitstorm los.

Wenn etwas noch widerlicher ist als eine hirnlose Provokation, dann der Text des Berufsheuchlers und Wendehalses Ryser. Hoffentlich hat er nicht versucht, mit Ameti per SMS in Kontakt zu treten, das wäre dann wohl ausgeartet, wie das bei ihm üblich ist. Der Mann ist völlig schamfrei und keift nun gegen die «Gesetze des Mobs», «gegen den religiösen Eifer der Cancel-Culture», er fordert doch ernsthaft «Free Sanija Ameti». Der gleiche Ryser, der noch vor Kurzem demagogisch und völlig unjournalistisch – keiner der vielen Angepinkelten bekam von ihm Gelegenheit zur Stellungnahme – gegen seinen jetzigen Brötchengeber und dessen Umfeld polterte: ein «ganzes Netzwerk aus rechten etablierten Journalistinnen und verschwörungsideologischen Akteuren», auf Rysers «Reise ans Ende der Demokratie», das insbesondere von Köppel befördert würde: ««Flute den Raum mit Scheisse» gibt Steve Bannon aus den USA den Takt vor. Am extremsten führt diesen Kulturkampf in der Schweiz die «Weltwoche», wo sich inzwischen Verschwörungs­ideologen tummeln.» 

Und in dieser Scheisse schreibt nun Ryser seine eigene Scheisse, um es in seiner Fäkaliensprache auszudrücken. Was sagte er noch zuvor über seinen aktuellen Chef: «Roger Köppel und Daniel Stricker: wütende, monologisierende Männer auf den Platt­formen Youtube, Locals, Rumble.»

Gegen Ryser ist Kummer ein geradezu vorbildlicher, wahrheitsliebender, aufrechter Journalist. Ryser hingegen hat nicht einmal die Fakten im Griff: «Ein Blick-Reporter wird auf die Story aufmerksam – Ameti löscht den Beitrag umgehend, entschuldigt sich, sollte sie religiöse Gefühle verletzt haben.» Falsch, ZACKBUM wurde zuerst auf den Post aufmerksam und erkundigte sich. Ameti löschte ihn keineswegs «umgehend», sondern nach mehr als 10 Stunden.

Dann faselt Ryser von einer «Hexenjagd», die keine Grenzen kenne. Himmels willen, Ameti wollte doch provozieren, nur ist ihr das zu gut gelungen. Und «der Arbeitgeber Farner Consulting trennt sich von ihr». Tja, Ryser, wenn sich jemand unmöglich benimmt, dann trennt man sich von ihm, das sollten Sie doch nur zu gut kennen.

Dann wiederholt er die weinerliche Nummer Ametis, dass sie Polizeischutz brauche und es fast nicht mehr aushalte. Wobei sie wohlgemerkt keinen hat, sondern nur darum bettelt. Dabei bekommt jeder, der ein wenig in der Öffentlichkeit steht, von Feiglingen, die versteckt hinter der Anonymität des Internets randalieren, Drohmails und andere Bösartigkeiten. Nur hängt das (fast) niemand an die grosse Glocke.

Dann macht Ryser noch die langweilige Täter-Opfer-Umkehr, Ameti sei nun zum Opfer geworden. Jeder, der einen Fehler mache, «verliert in unserer heutigen Social-Media-Gesellschaft alle Rechte und wird zum Freiwild, darf grenzenlos an den Pranger gestellt werden, muss Hetze aushalten und soll verschwinden, weg aus der Gesellschaft, weg aus der Arbeitswelt. Aus den Augen, aus dem Sinn, gecancelt eben

Da spricht Ryser eindeutig aus eigenem Erleben, obwohl er selbst gar nicht an den Pranger gestellt wurde. Im Schlussgalopp fantasiert Ryser sogar davon, dass «es diese moralische, fehlerfreie, perfekte, ja, eigentlich ganz grauenhafte Social-Media-Gesellschaft liebt, Hexen zu verbrennen, Sauen durchs Dorf zu jagen, reinzutreten, wenn jemand am Boden liegt. Es sind Gesetze des Mobs, wo Entschuldigungen niemanden interessieren, und schon gar nicht die Frage, ob Menschen aus Fehlern lernen».

What a bullshit, um es vornehm zu formulieren. Hätte sich Ameti authentisch entschuldigt und nicht durchschaubar verlogen, dann hätte sie vielleicht noch eine Chance gehabt, aus der selbstverschuldeten Kloake herauszukommen.

Vielleicht hätte sich Ryser bei seinem vorletzten Arbeitgeber das auch gewünscht:

«Bleibt zu hoffen, dass, wenn der Sturm vorbei ist und damit die Angst, vom Shitstorm miterfasst zu werden, wenigstens der Arbeitgeber Ameti Gehör gewährt und die Entlassung rückgängig macht.»

Er empfiehlt also ernsthaft einer PR-Firma, jemanden wie Ameti wieder einzustellen, die nicht nur als dummdreiste Provokateurin stigmatisiert ist, sondern vor allem als absolut unfähige Kommunikatorin. Und die soll dann im Namen von Farner-PR auf Kunden losgelassen werden, um die zu beraten?

Man fragt sich, ob in der Redaktion der «Weltwoche» etwas Ansteckendes herumschwirrt oder die meisten heissen Shit geraucht haben. Oder ob man wirklich so vielen ins Hirn gehustet hat, dass ein solcher Stuss zusammengeschrieben wird.

Ein Ryser verteidigt eine Ameti in der «Weltwoche». Wer dem Wort Realsatire einen tiefen Sinn geben will, denkt sich dieses Beispiel aus. In völliger Sicherheit, dass seine Fantasie mal wieder weit, weit weg von der Realität schwebt.

Seit «la crise n’existe pas», seit Putin, «Der Unverstandene», hat sich die WeWo keinen solchen Ausrutscher mehr geleistet.

Hier wird der Bock zum Bock gemacht, eine primitive Provokateurin geadelt, sie gegen einen selbstverschuldeten Shitstorm verteidigt. Oder um den religiösen Eiferer Köppel an ein Bibelzitat zu erinnern:

«Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten
Hosea, Kapitel 8, Vers 7.

 

 

Nostalgie, Nostalga, Nostalgaha

Das wippt wie bei «Ob-La-Di, Ob-La-Da» von den Beatles.

Ein Cover wie aus alten Zeiten, treffend illustriert mit einem Uralt-Handy. Aber «Ueli Maurers geheime Mission», dazu «Kinofilm und Doku-Serie, basierend auf Recherchen der SonntagsZeitung», was will der Leser am Sonntag mehr.

Nun ja, eine ganze Seite mit der opportunistischen Grinsbacke Bastien Girod, der sich nun endgültig mehr dem Geldverdienen als der Politik widmet: hätte auch eine Meldung sein können. Und dass man ihn mit einer windelweichen Antwort auf die Frage nach seiner zwielichtigen Tätigkeit für South Pole (verkaufte wertlose CO2-Zertifikate) davonkommen lässt, ist kein Glanzlicht: «In den sechs Jahren bei South Pole konnte ich trotz allem Gutes fürs Klima bewirken.» Nein, lediglich Gutes für sein Portemonnaie.

Dann darf sich der «Politgeograf» Michael Hermann mal wieder mit einer Umfrage in der Öffentlichkeit suhlen:

Ob das Symbolbild einer jungen Frau alle Woke-Tests der Sensibel-Fraktion besteht?

Einen fernen, aber hübschen Knaller hat dann Rico Bandle: «Ex-Präsident Guatemalas verklagt Genfer Staatsanwalt». Hintergrund: der verfolgte über jedes Mass hinweg den früheren Polizeichef Guatemalas Erwin Spereisen, der ebenfalls Schweizer Staatsbürger ist. Über Jahre hinweg hatte Alex Baur immer wieder auf diesen Skandal aufmerksam gemacht.

Der Strafprozess gegen Spereisen in Genf endete mit einem Desaster. Noch 2015 war Spereisen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden, aufgrund  absurder Indizienbeweise. Der Europäische Gerichtshof hob das Urteil auf, Spereisen kam frei –nachdem er neun Jahre im Knast geschmort hatte, davon fünf in Isolationshaft.

Nun behauptet der unterlegen Staatsanwalt Yves Bertossa unverdrossen weiterhin, Spereisen habe zu einer «kriminellen Vereinigung» gehört. Das wollen guatemaltekische Politiker nicht auf sich sitzen lassen. Bananenrepublik einmal umgekehrt …

Ebenfalls von Bandle stammt das «Fokus»-Interview mit dem Migrations-Experten Ruud Koopmann, bei dem den stolzen Besitzern einer Regenbogen- und einer Ukraine-Flagge unter den Lesern das vegane Müsli mit Sojamilch hochkommt: «Wir haben ein zutiefst ungerechtes und tödliches Asylsystem». Aber eben anders gemeint: «Der Soziologe warnt schon lange: Steigende Kriminalität, Sexualverbrechen und Terrorgefahr seien direkte Folgen einer fehlgeleiteten Politik.»

Auch die Reportage ist vergnüglich; einmal eine Bauchnabelschau, die Spass macht:

Gut, Jacqueline Badran und Markus Somm bilden dann ein Kontrastprogramm, aber man kann überblättern.

Das lohnt sich auch:

Dann darf der abgehalfterte Wirtschaftschef Peter Burkhardt nochmal sein Steckenpferd reiten; «haut den Sawiris»:

Gut, man kann ein  hohes Niveau nicht immer halten.

«Leben & Kultur»? Nun, Dumbphones, Ketamin, Oasis, Restaurant-Empfehlungen, Leinen, und wie immer als Höhepunkt die Autoseite:

Vier Exemplare der Riesenkarre, die mit Chauffeur gefahren werden sollte, wurden in der Schweiz bislang verkauft. Also ein Massenmarkt, massgeschneidert für den SoZ-Leser. Über so Details wie den Preis lässt man sich dabei doch nicht aus.

Und zum Schluss freut sich der unverzagte «Travel Book Shop» am Zürcher Rindermarkt über eine Seite Gratiswerbung. Wieso nicht.

 

Moritat über eine Richterin

Wenn sich viele Vorurteile bestätigen.

Ein vollgefressener Richter im Ornat sagt zur abgehärmten und spindeldürren Angeklagten, die mit einem Kleinkind währen der Weltwirtschaftskrise vor ihm steht: Wenn ich Hunger habe, gehe ich doch auch nicht ein Brot stehlen.

Es gibt dicke Richter, schreckliche Richter, Blutrichter, Nazirichter und herrische Richter. Ihre Ausbildung ist oftmals mangelhaft, ihre Gesetzeskenntnis ebenfalls. Es ist bekannt, dass in Bundesstaatsanwaltschaft und ins Bundesgericht die Mitglieder hinbefördert und nicht etwa nach Kompetenz ausgesucht werden.

Die Prozessfarce gegen den gefallenen Raiffeisen-Star. Die Prozess-Farce gegen die Verantwortlichen für das Swissair-Debakel. Die absolut unfähige Carla Del Ponte. Was in Schweizer Gerichtssälen von selbstherrlichen, arroganten, überlasteten Richtern angerichtet wird, geht auf keine Kuhhaut. Dass sie nach Parteienproporz gewählt werden und dafür eine Obolus zu entrichten haben, ist ein Skandal.

Apropos, eine Richterin und ein ganzes Gericht zeigen gerade, wie man das noch toppen kann. Es geht darum, dass es ein Kläger illegalerweise gewagt hat, ein Aufnahmegerät laufen zu lassen, während sich sein Gericht über seinen Fall beriet. In der irrigen Annahme, dass es hinter verschlossenen Türen die Sau rauslassen könne.

Was hier gesprochen wurde – und was nicht zitiert werden darf, weil die Aufnahme und ihre Wiedergabe natürlich einen Straftatbestand darstellt –, ist eine üble Karikatur all dessen, was sich der Bürger unter seriöser, anständiger, gesetzesfürchtiger Richterarbeit vorstellt. Da werden Invektiven geäussert, dazu gekichert und gegiggelt, dass es eine Unart hat. Jede Richterin mit etwas Ehre im Leib würde sich in Grund und Boden schämen, den Kopf einziehen und hoffen, dass diese Geschichte so schnell wie möglich aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Aber weit gefehlt. Obwohl die Story sich in Windeseile verbreitete und beispielsweise auf X bis heute auffindbar bleibt, überzog Gericht und Richterin die «Weltwoche» mit Androhungen und schliesslich mit superprovisorischen Verfügungen. Obwohl das Magazin zunächst freiwillig den Namen der Richterin und ihre Zitate durch xxx ersetzt hatte.

Aber das genügte nicht, die Richterin wendet sich an eine andere Richterin und verlangt die vollständige Löschung des Artikels – was auch so angeordnet wird ohne die Gegenseite zu hören, was in solchen Fällen leider möglich ist.

Der erste Witz besteht darin, dass sich das gesamte Bezirksgericht Zürich ebenfalls als Antragsteller aufführte. Und sich darüber belehren lassen musste, dass es – mangels Rechtspersönlichkeit – gar nicht dazu berechtigt ist. Kann man sich die Peinlichkeit vorstellen, dass einem Gericht erklärt werden muss, was Recht ist und was nicht? Richterin, Gericht, deren Anwalt, was für eine (teuer bezahlte) Gurkentruppe.

Der zweite Witz besteht darin, dass die WeWo nun die Verfügung im Faksimile publiziert hat – mitsamt Namensnennung der Richterin als Antragstellerin. Mit ihrem Vorgehen hat sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich wollte. Sanktionen hat sie keine zu befürchten, weil gegen sie aufgrund einer illegalen Gesprächsaufzeichnung natürlich nicht ermittelt werden kann.

Nach den Buchstaben des Gesetzes haben sich derjenige, der aufzeichnete und alle, die das verwenden, strafbar gemacht. Üble Nachrede, Beleidigung, Persönlichkeitsverletzung, unwürdiges Verhalten, ob diese Tatbestände auf die Richterin zutreffen, kann nicht beurteilt werden.

Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie Treu und Glauben, wie Anstand, wie Würde des Amtes (das im Übrigen mit bis zu 250’000 Franken Jahreseinkommen fürstlich entlöhnt ist). Die WeWo hatte der Richterin angeboten, in einem Interview oder sonstwie zu dem Vorfall Stellung nehmen zu können. Keine Reaktion.

«Qui s’excuse s’accuse.» Offenbar ist die Richterin dieser Auffassung. Das könnte sie doch zu einem Chanson verarbeiten und dieses zweite Standbein ihrer Karriere – sie tritt im kleinen Schwarzen mit Liedern auf – ausbauen. Dem Vertrauen der Staatsbürger in die Justiz, dem Ansehen des Bezirksgerichts Zürich im Speziellen und des Richterstands im Allgemeinen wäre damit ein grosser Dienst erwiesen.