Schlagwortarchiv für: Alain Delon

Alain Delon †

Wie man mit einem Gesichtsausdruck das ganze volle Leben zeigen kann.

Luchino Visconti, René Clément, vor allem aber der grosse Jean-Pierre Melville wussten diesen Jahrhundert-Schauspieler richtig einzusetzen. «Der eiskalte Engel», «Vier im roten Kreis», das ist episch-kühles Kino über die Einsamkeit, über Existenzialismus, über Verrat und Treue, über Verbrechen als normaler Bestandteil der Welt.

«Rocco und seine Brüder», ganz grosses Kino in Schwarzweiss, «Der Leopard», noch grösseres Kino in opulenten Farben, wo Delon neben Burt Lancaster besteht und den grossartigen Satz sagen darf, dass sich alles ändern muss, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.

Schön, unnahbar, verletzlich, eiskalt, neben Jean-Paul Belmondo glänzte er noch in «Borsalino», ein Gangsterepos über die Dreissiger Jahre in Marseille. «Monsieur Klein» ist ein stiller, intensiver und grossartiger Film, vielleicht seine beste Rolle, auch wenn er nicht den gleichen Anklang beim Publikum wie seine grossen Erfolge fand.

Schon seit den 80er-Jahren verschwand Delon dann langsam, aber unaufhörlich von der Leinwand, wobei er sich auch nicht zu schade war, sich für Asterix-Klamaukfilme herzugeben. Obwohl Delon politisch eher rechts stand und im zunehmenden Alter etwas eigen wurde, spielte er auch die Hauptrolle (neben Jean Gabin) im filmischen Plädoyer gegen die Todesstrafe «Endstation Schafott», den er auch produzierte.

Delon (1935 – 18. August 2024) hatte kein wirklich schönes Alter. Lange Jahre lebte er zurückgezogen mit seinen Haustieren in Douchy und in der Schweiz. 2019 erlitt er einen Schlaganfall. Die danach eingestellte Betreuerin verkrachte sich mit seinen Kindern, von denen sie wegen seelischer Misshandlung angeklagt wurde. Die allerletzten Jahre verbrachte er unter der Aufsicht eines Betreuers, damit sein ansehnliches Vermögen von geschätzten 300 Millionen Euro nicht verschleudert wurde.

Aber Filme halten jung und machen unsterblich. Wer ihn nicht als einsamen Samurai in Paris gesehen hat, als eiskalten Gangster, der dennoch Ehre und Anstand auch als Killer aufrecht hält, aber von einer Welt getötet wird, die noch kälter als er selbst ist, hat ein grosses Kinoerlebnis vor sich.

Es ist eine existenzielle Ballade, die mit einem (erfundenen) japanischen Zitat beginnt: «Es gibt keine größere Einsamkeit als die eines Samurai, außer vielleicht die eines Tigers im Dschungel.» Einen solchen Film zu machen, ohne in kitschiges Pathos oder Unmenschlichkeit abzugleiten, dafür brauchte es ein Genie wie Jean-Pierre Melville und einen genialen Schauspieler wie Alain Delon.

Alleine die erste Szene. Delon, der Samurai, liegt auf dem Bett in seinem unmenschlich kahl eingerichteten Zimmer, kleidet sich mit unbewegter Miene an, setzt seinen Hut auf und verabschiedet sich von seinem einzigen Begleiter, einem Dompfaff in seinem Käfig. Der ist gefangen wie Delon, der seinen nächsten Auftrag fasst und einen Nachtclubbesitzer erschiesst.

Aber seine Auftraggeber beginnen, ihm zu misstrauen, und wollen ihn beseitigen lassen. Er überlebt verletzt, aber als er merkt, wer ihn verraten hat, erledigt er zuerst diesen Auftraggeber und geht dann in einen Nachtclub. Dort gibt er seinen Hut an der Garderobe ab, ohne die Marke mitzunehmen. Er weiss, dass die Polizei ihn längst überwacht, also geht er mit gezückter Pistole auf die Nachtclubpianistin zu, die er gerettet und die ihn verraten hat. Die Polizei erschiesst ihn und findet heraus, dass seine Pistole nicht geladen war.

Eine Nacherzählung kann nur wenig von dieser lakonischen Melancholie des Films einfangen, gedreht in fahlen Farben im Grossstadtdschungel, wie er zuvor nur in Schwarzweiss in Filmen der amerikanischen Serie Noir gezeigt wurde. Getragen wird dieses Epos durch das Gesicht Delons, der wie kein zweiter wusste, wie man mit völlig kontrollierter Mimik durch kleinste Veränderungen des Gesichtsausdrucks gewaltige Wirkung erzielen kann.

Lino Ventura, Jean Gabin, Jean-Paul Belmondo, nun auch Alain Delon. Bleibt nur noch Gérard Depardieu, aber der ist leider kein vollwertiger Ersatz und ersetzt ehemalige schauspielerische Grösse immer mehr durch Körpergrösse und -umfang.

Aber in seinem Fach, obwohl Delon das Image des eiskalten Gangsters zu hassen begann, war er einmalig, vielleicht höchstens noch von Lino Ventura erreicht, der ebenfalls mit seinen Augen kalte Verzweiflung und fatalistische Melancholie ausdrücken konnte, die keinen Zuschauer kalt liess.

Nun spielen sie alle hoffentlich in einem grösseren Theater weiter.

So viel Licht, so wenig Schatten

Der grosse Schauspieler Jean-Paul Belmondo ist tot. Ach, Bébel.

Er spielte auch, das muss gesagt werden, richtig blöde Blödelrollen. Aber was kann man einem Schauspieler nicht verzeihen, der aus einem so hässlichen Gesicht mit einer vom Boxen verunstalteten Nase so ein Lächeln aufblitzen lassen konnte?

Jean-Paul Belmondo (1933 – 2021)  spielte den jugendliche Filou, den Kleinkriminellen in «À bout de souffle», das stilprägend für die ganze «Nouvelle Vague» war. Er spielte an der Seite von Lino Ventura in «Classe tous risques», einem der dunkelsten Serie-Noir-Filme Frankreichs. Er spielte auch unter der Regie von Jean-Pierre MelvilleDer eiskalte Engel»), dem Grossmeister des existenzialistischen Kriminalfilms. Der war über Bébel begeistert: «Der kann alles.»

«Borsalino», der Ausstattungsfilm über das Gangstermilieu in Marseille an der Seite von Alain Delon, ein Traumpaar des Films war geboren. «Stavisky» über den gleichnamigen Betrüger, «Angst über der Stadt», Belmondo etablierte sich als Charakter- und als Action-Schauspieler auf anspruchsvollem Niveau.

Als man ihn im Kino nicht mehr so wirklich wollte, kehrte er zu seiner ewigen Liebe zurück: dem Theater. Dafür kaufte er sich sogar 1992 das Théatre des Varietés in Paris. «Un homme et son chien» war 2008 sein Abschied vom Kino. 2001 hatte er einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich mit grosser Energie und Disziplin erholte und allen nochmals beweisen wollte, welch ein gigantischer Schauspieler er eigentlich war.

Seine Rollen als Kraftprotz, sein sehr französisches Beziehungsleben standen vielleicht im Wege, damit er als das respektiert wurde, was er eigentlich war: neben Lino Ventura und Alain Delon der wohl grösste Schauspieler seiner Generation. Er war kein Naturtalent, sondern erarbeitete sich seine Fähigkeiten:

«Schauspielen muss man lernen», meinte er. «Es ist nicht allzu schwer, aber man muss es lernen.»

Was man nicht lernen kann, ist in diese Klasse von Schauspielergesichtern zu gehören, die eine Grossaufnahme vertragen und dominieren. Wie alle wirklich Grossen hatte es Belmondo nicht nötig, seine Rollen zu überspielen. Zumindest in seinen vielen guten Filmen. In seinen vielen schlechten war er sich aber nicht zu schade, bis zum Slapstick zu sinken.

Aber wie er in «Stavisky» den ganzen Film trägt, aus diesem durchtriebenen Betrüger eine sympathische, fast tragische Gestalt macht, wie er in seinen Kriminalfilmen den abgebrühten Gangster, aber mit Herz gibt, wie er zusammen mit Alain Delon in «Borsalino» einen Kultfilm prägt, wie er bei Melville durch zart angedeutete Gefühle komplettere Rollen abliefert als Delon, der in «Le Samuraï» zwar das wohl kälteste Porträt eines Gangsters spielte, das aber nur regungs- und gefühlslos, das war schon grosse Schauspielkunst von Belmondo.

Daher kam es auch nur zu zwei gemeinsamen Auftritten der beiden Stars; da sich Delon nie in drittklassigen Rollen verausgabt hatte, war sein Ruf zwar grösser, aber Belmondo dominierte in «Borsalino» sicherlich bis zur Eifersucht seines Kollegen den Film.

20 Jahre nach einem Schlaganfall sind eine lange Zeit, in der Belmondo wie in einem langen Fade-out am Schluss eines grossartigen Films aus dem Leben verschwand. Aber dennoch in so vielen guten und erinnerungswerten Rollen erhalten bleibt. Mit einem Lächeln, das einen ganzen, dunklen Kinosaal erhellen konnte. Kann.