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Oh je, Münger

Schon wieder hat die Qualitätskontrolle bei Tamedia versagt.

Kaum lobt man den Mann, rastet der Auslandchef ohne Ausland Christof Münger wieder völlig aus. Der Titel kommt noch harmlos daher. Münger meint, nach ihrem Erdrutschsieg solle die AfD in Sachsen-Anhalt regieren.

Das macht noch Sinn, aber dann kommt nur Unsinn.

Ein erstes Müsterchen. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sei die logische Partnerin: «Endlich kann zusammenwachsen, was zusammengehört: Die Hitler-Verharmloser um Alice Weidel und die Alt-Stalinistin Sahra Wagenknecht – das passt

Zwei demagogisch aufgeladene Beschimpfungen, höchstens im äussersten Streubereich der Wahrheit. In der AfD gibt es tatsächlich einzelne Vertreter, die die Untaten der Nationalsozialisten relativeren wollen. Weidel gehört nicht dazu, und als Hitler-Verharmloser kann man nicht mal Björn Höcke bezeichnen.

Wagenknecht war früher Mitglied in der Kommunistischen Plattform innerhalb der PDS und verteidigte Errungenschaften der DDR. Dabei war sie weder Jung-, noch heute Alt-Stalinistin. Beiden Exponenten das zu unterstellen, grenzt an Rufmord.

Aber Münger kann noch mehr: «Und das nur kurz nach dem Jahrestag der totalitären Traumhochzeit der Weltgeschichte, dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939.»

Er meint damit den Molotov-Ribbentrop-Pakt, die geheime Neuordnung Osteuropas. Für Hitler war es eine taktische Zwischenlösung vor seinem Überfall auf die Sowjetunion, Stalin wollte Zeit gewinnen, bis dann am 22. Juni 1941 das Unternehmen Barbarossa begann, der faschistische Angriff. Das als «Traumhochzeit» zu bezeichnen, zeugt von einer erschütternden Unkenntnis der Geschichte.

Aber Münger in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. «Die AfD wie das BSW sehen im russischen Imperialismus einen Segen und in Wladimir Putin einen valablen Partner, bei dem sie wieder billiges Öl und Gas einkaufen wollen.» Zusammen mit Persönlichkeiten wie Alice Schwarzer hat Wagenknecht ein Friedensmanifest lanciert, das inzwischen von fast einer Million Deutschen unterzeichnet wurde. Weder sie noch die AfD kämen auf die abstruse Idee, im russischen Imperialismus einen Segen zu sehen.

Dazu käme ein «nationalistisch unterfütterter Hass auf die EU und vor allem auf die Militärallianz», plus ein «tiefsitzender Antiamerikanismus», dem allerdings auch Münger frönt, wenn er über Trump herzieht.

Nun erreicht er erst seine Betriebstemperatur: «Wenn eine extremistische Partei, im konkreten Fall der «gesichert rechtsextreme» AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt, an die Macht kommt, könnten die Folgen fatal sein.» Offenbar so fatal, dass sich Münger gar nicht traut, auch nur eine Folge auszumalen.

Nach dem Erreichen der Betriebstemperatur gibt er noch mehr Dampf, bis der Kessel platzt: «Allerdings würde einer Koalition von Sonnyboy Siegmund mit dem linksradikalen BSW von Wagenknecht das Gütesiegel einer demokratischen, bürgerlichen Partei fehlen.»

Nun ist Siegmund plötzlich kein angebräunter Rechtsnationaler mehr, und Wagenknecht plötzlich eine Linksradikale.

Gut, es ist mal wieder nur eine «Meinung». Die Meinung eines verirrten und verwirrten Geistes. Eines Weltbetrachters, dem die Ehrlichkeit fehlt, einfach zu schreiben: ich habe keine Ahnung, was hier passiert, möchte raunen und warnen, zwei Parteien ungehemmt beschimpfen und fasle dafür am Schluss noch von einem «Gütesiegel» einer demokratisch-bürgerlichen Partei.

Das hingegen ist echt lustig. Denn wenn man im Gegensatz zu Münger Logik anwendet, bedeutet das, dass in der Schweiz der SP, den Grünen und allen Alternativen dieses Gütesiegel auch fehlt.

Allerdings nur in der Parallelwelt, in der sich Münger rettungslos verschreibt und verliert. Ohne dass ihn jemand daran hindert, sich öffentlich zum Deppen zu machen. Aber damit ist er bei Tamedia nicht alleine.

 

Brandmauer im Kopf

Eine legale Partei fährt einen Erdrutschsieg ein. Es folgt Japsen und Zetern.

«Gesichert rechtsextremistisch, Bedrohung demokratischer Institutionen, Angriff auf unabhängige Medien, ausländer- und emigrationsfeindliche Politik, Ausgrenzung und Rassismus, EU- und Eurofeindlichkeit, mangelnde Regierungsfähigkeit, radikales Personal, Spaltung der Gesellschaft …»

Die Aufreihung von Verbalinjurien liesse sich beliebig fortsetzen.

Fakt ist, dass bei sensationeller Wahlbeteiligung die AfD im Winzbundesland Sachsen-Anhalt die Wahlen gewonnen hat. Mit 43,8 Prozent, eine Steigerung um 23 Prozent. Während die CDU mit minus 19,9 Prozent mehr als halbiert wurde, die SPD immerhin die Fünf-Prozent-Hürde locker übersprang und die FDP wohl endgültig im Orkus verschwindet.

576’000 Stimmen bekam die AfD, 100’000 mehr als CDU, SPD und Grüne zusammen. Die ehemalige Regierungspartei FDP bekam noch ganze 34’000 Stimmen oder 2,58 Prozent.

Bei einem solchen Resultat wäre eigentlich klar: Regierungsauftrag für die AfD, während die CDU auf den Weg der SPD einbiegt, die sich von einer Volkspartei zu einer Kleinpartei verzwergt.

Nun fehlen der AfD drei Stimmen zur absoluten Mehrheit im Parlament, was eigentlich auch kein Hindernis sein sollte, bei diesem glasklaren Wählerauftrag.

Stattdessen keift der «Spiegel»: «Neonazi-Gastgeber, Urkundenfälscher, Stasi-Offizier. Unter den 39 künftigen AfD-Abgeordneten im Magdeburger Landtag sind einige Männer mit bedenklichem Hintergrund – darunter zwei, die einem verbotenen Neonazi-Verein nahestehen sollen.»

Aber natürlich werden auch die Wähler beschimpft: «Sie haben richtig was kaputt gemacht», hält ihnen Christian Bangel in der «Zeit» vor, sie seien Menschen in ihrer Umgebung gar «mit Anlauf in den Rücken gesprungen». Dabei meint der unbeteiligte Zuschauer, dass hier einfach gewählt wurde. Demokratisch und legal.

Die «Süddeutsche Zeitung» keift: «Die deutsche Demokratie ist von rechts außen herausgefordert wie niemals seit 1949.» Laut der «Tagesschau» der ARD hätten die Wähler für einen Kandidaten gestimmt, «der keine Antworten auf kritische Fragen hat. Außer ein Lächeln, das manchmal ins Auslachen kippt». Der «Deutschlandfunk» warnt gar AfD-Gegner vor «Rachefantasien von Teilen der AfD-Anhängerschaft».

Selbst die «New York Times» verliert die Contenance und befürchtet, «dass die extreme Rechte zum ersten Mal seit dem Ende der Nazizeit in einem Teil des Landes die Macht übernehmen könnte».

Stefan Reinhart von SRF behauptet gar, dass viele Positionen der extremen Rechten gesetzeswidrig seien, «doch das ist vielen AfD-Wählern egal». Judith Wittwer sekundiert: „Die AfD verspricht ein Deutschland, das es nie gab“.

Natürlich verrutschen der «Republik» sämtliche Begriffe: «Kommt es zur AfD-Machtergereifung?» Dass eine demokratische Partei mit 43,8 Prozent aller Stimmen einen klaren Wählerauftrag zur Regierungsbildung hat, denaturiert in diesem Demagogie-Blättchen zur möglichen, historisch vorbelasteten «Machtergreifung». Zum Fremdschämen.

Maximilian Steinbeis will gar «unverhohlenen Ankündigungen von Deportation, Entrechtung und Gewalt» hören.

Bloss der «Blick» mahnt zur Vernunft; Chefredaktor Rolf Cavalli schreibt:

«Dämonisieren ist kontraproduktiv».

Als wollten viele Massenmedien alle Vorurteile über Lücken- und Lügenpresse bestätigen, wird ganz allgemein verneint, dass ein Wahlsieger das Recht habe, im Wählerauftrag zu regieren.

Das darf offenbar nur dann der Fall sein, wenn es sich um eine Partei handelt, die die Sympathien dieser Schmierfinken geniesst.

Dass sie mit genau dieser Berichterstattung einen hübschen Beitrag zum Erstarken der AfD geleistet haben, ist ihnen in ihrer Raserei nicht mal bewusst.

Hätte man keine «Brandmauer» errichtet, sondern spätestens, nachdem die AfD die Zehn-Prozent-Hürde übersprang, ihr Regierungsbeteiligung angeboten, dann wäre sie höchstwahrscheinlich genauso wie die anderen Parteien auch an der Bewältigung der komplizierten Situation in Deutschland gescheitert und hätte ihren Nimbus als «wir machen dann alles anders und besser» verloren.

Aber um zu dieser banalen Erkenntnis zu gelangen, dafür braucht es einen Restbestand von Hirnzellen.

Wumms: Mike Müller

Der gar nicht komische Brachial-Komiker hat wieder zugeschlagen.

Der Bestatter jeglichen Humors ist schon mehrfach verhaltensauffällig geworden. So beschimpfte Müller schon mal ein «ungeimpftes Arschloch», als die Covid-Hysterie ihren Höhepunkt erreichte.

«Oh je, Sybille», keifte er paternalistisch, als seine vermeintliche Bundesgenossin Sybille Berg es wagte, sich gegen das Covid-Gesetz auszusprechen.

Schwer zu unterbieten ist seine Geschmacklosigkeit gegen Christoph Mörgeli: «Und Sie? Fahren Sie zusammen mit Roger Köppel zu einer Gruppenvergewaltigung im Dombas

Nach kurzer Sprachlosigkeit über das Wahlresultat in Sachsen-Anhalt bemüht sich Müller, alle Vorurteile über einen ausgebrannten Humoristen zu bestätigen, dem ständig die Galle hochkommt.

Das muss man im Original anschauen, sonst glaubt man’s vielleicht nicht:

Weil man das Gestammel nicht auf Anhieb versteht, ein paar Erläuterungsversuche. Das 80-Mio-Land soll offenbar die BRD sein, die allerdings 83,5 Millionen Einwohner hat.

Der gescheiterte Gliedstaat soll offenbar das Bundesland Sachsen-Anhalt sein, dem allerdings nicht bekannt ist, dass es in irgend einer Form so gescheitert ist wie Müller.

Während auch nicht unbedingt des Rechtsradikalismus verdächtigte Blätter wie der «Spiegel» meinen, dass Bundeskanzler Merz der falsche Mann am falschen Platz sei (so der Leitartikel des Chefredaktors), will Müller nicht verstehen, wieso der zurücktreten solle.

Aber das alles verblasst neben dem absoluten Gefrierpunkt einer verpeilten Unverschämtheit.

In diesem Bundesland gebe es laut Müller «eine knappe Million Nazis». Allerdings haben insgesamt bloss etwas mehr als 1,3 Millionen Staatsbürger abgestimmt. Von denen haben 582’000 mit ihrer Erststimme die AfD gewählt. Die übrigen 418’000 dürften konsterniert und befremdet zur Kenntnis nehmen, dass ein amoklaufender dicker Schweizer sie ebenfalls als Nazis beschimpft, obwohl sie CDU, SPD, Grüne oder andere Parteien gewählt haben.

Noch absurder ist die darin enthaltene Behauptung, jeder, der die AfD wähle, sei ein Nazi.

Das ist ein weiterer unsäglicher Missbrauch des Begriffs, geäussert von einem, der offensichtlich keine Ahnung hat, was ein Nazi war oder ist. Der einfach nach einer billigen Alternative zu seinem Lieblingsschimpfwort Arschloch gesucht hat.

Physische Inkontinenz äussert sich farblich in Gelb- oder Brauntönen. Müllers geistige Inkontinenz ebenfalls.

Flachzange Binswanger

Die schreibende Schmachtlocke unterbietet sich selbst.

Es gibt gute Gründe, nicht nur wegen Björn Höcke die AfD für unwählbar zu halten.

Auf der anderen Seite ist sie laut allen Meinungsumfragen mit Abstand die beliebteste Partei Deutschlands. Also erhebt sich ein anschwellender Bocksgesang von Westentaschen-Intellellen, die ihr Mütchen an dieser Partei kühlen. Obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre, den Gründen nachzuspüren, wieso weder Brandmauer noch andere Abwehrmassnahmen ihren Siegeszug aufhalten können.

Oder schlicht die Frage zu beantworten, wieso sie in Scharen Wähler findet. Oberhalb von Erklärungen wie die, dass die halt blöd, braun, verpeilt, verbittert, Prekariatsmitglieder, Arbeitslose und/oder Rassisten und Nationalisten sind.

Das ganze Elend dieser unfähigen Weltdeuter verkörpert Daniel Binswanger geradezu idealtypisch. Der Co-Chefredaktor des Hobby-Organs zweier reicher Erben greift wöchentlich zum Griffel, um der Welt zu erklären, wie sie sei und wie sie sein sollte.

Aber weder die Sprache noch das Denken gehören zu seinen Kernkompetenzen. So beginnt er seine jüngste Kolumne schon mal sehr holprig:

«Der Zufall des politischen Kalenders produziert eine seltsame Engführung: In Deutschland finden die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt statt und ein AfD-Landesverband, der vom Verfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» eingestuft worden ist, könnte dieses Wochenende die absolute Mehrheit der Landtagssitze erobern und die Regierung stellen. Die Schweiz ist derweil mit dem Abstimmungskampf über die Neutralitätsinitiative beschäftigt.»

Hä? Der krampfhafte Versuch, aus denunziatorischer Absicht die AfD in Sachsen-Anhalt und die Neutralitätsinitiative in einer «Engführung» zusammenzuschustern, produziert einen kleinen Sprachmüllberg.

Unweigerlich muss nun die Nazikeule kommen, das ist bei diesem liefergelegten Niveau gar nicht anders denkbar: «Gut 80 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft würde in Deutschland erstmals eine Partei die Macht in einem deutschen Bundesland übernehmen, die man nicht unmittelbar mit der NSDAP vergleichen kann, die aber vom sogenannten völkischen Flügel dominiert wird und deren Wahlprogramm massiv von rechtsradikaler Ideologie geprägt ist.»

Das ist diese typische kleinintellektuelle Verkrampfung, sich mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr zu kratzen. Könnte man auch einfacher haben, aber dann käme es nicht so geschwollen daher und stünde in aller Erbärmlichkeit nackt und hässlich da: natürlich will Binswanger die AfD ganz nahe an die NSDAP rücken.

Und was passiert laut Binswanger, wenn der deutsche Stimmbürger in Ausübung seiner demokratischen Rechte eine rechte Partei wählt? «Das ist nicht nur eine demokratiepolitische Katastrophe, sondern auch eine verheerende Niederlage der deutschen Erinnerungspolitik

Nimm das, du dämlicher Sachse und Anhalter. Aber die schreibende Schmachtlocke befürchtet noch Schlimmeres: «Eine nicht bewältigte Geschichte der politischen Gewalt droht wiederzukehren.» Im fistelnden Diskant des Grauens hackt er mit scheckgeweiteten Augen völlig Unverständliches in die Tastatur. Man stelle sich das bildlich vor: wie wohl die Wiederkehr einer nicht bewältigten Geschichte aussieht? Wir wissen nur: so liest sich nicht bewältigte Sprache.

Aber genug des Ausflugs in braune deutsche Gauen des Grauens, eigentlich will sich Binswanger doch die Neutralitätsinitiative zur Brust nehmen: «Die Schweizer Auseinandersetzung um die richtige Neutralitätspolitik ist im Vergleich zur deutschen Schicksalswahl schon beinahe harmlos. Aber auch die Schweiz bleibt die Gefangene ihrer Geschichte.»

Binswanger hingegen ist weitgehend frei von Geschichtskenntnissen. Sonst wüsste er, dass der Begriff «Schicksalswahl» zum Lieblingsvokabular – der NSDAP gehörte. Ups.

Aber auch Sprachbilder sind nicht so seins: «Die Schweiz sitzt heute wie die Made im Speck in der Schutzzone der sie umgebenden EU-Staaten.» Also sie lebt angenehm auf Kosten anderer. Wie das? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.

Genug der blassen Gedanken und schrägen Sprachbilder, nun muss die Lieblingsbeschäftigung aller dieser Denkzwerge mit fuchtelndem Zeigefinger her. Genau, die knallharten Forderungen: «Sie muss der Nato nicht beitreten. Aber sie muss offensichtlich die Möglichkeit haben …» Muss sie? Binswanger hat noch ein Donnerwort gegen die Initiative auf Lager: «Das ist weltfremd.» Stattdessen muss sie müssen:  «Wenn die Schweiz ihre Luftverteidigung in Zusammenarbeit mit der Nato aufbauen will – wozu es technologisch kaum eine Alternative gibt –, muss sie über Jahre gemeinsame Systeme, Waffenarsenale und Kommandostrukturen schaffen.»

Überhaupt muss gemusst werden: «Europa muss sich so schnell als möglich … die Schweiz muss ihren Beitrag leisten … gemeinsam in die Hand nehmen müssen …»

Fehlt noch was? Aber sicher, die schwurbelige Verwendung  von Fremdwörtern: «jener voraussichtlich minoritäre Teil der Wählerinnen … Das vermeintliche Kernelement des ewigen Schweizer Sonderfalls will von der SVP affirmiert und gefeiert werden … Das Einzige, was solche Identitätspolitik erzeugt, ist exzessive Polarisierung … Diese neue Pirouette beweist lediglich …»

Nach diesem Feuerwerk der sinn- und zwecklosen Verwendung von Schwulstwörtern will Binswanger der Initiative den Todesstoss versetzen, mit einem ganz originellen Argument: «Eine Annahme der Neutralitätsinitiative ist im Interesse Putins.» Wer hätte gedacht, dass nicht etwa Linke, sondern die SVP und Blocher das Geschäft des Kreml-Herrschers verrichten.

Nun der krönende Aufgalopp am Schluss, vielmehr die Steigerung der Absurdität, als wär’s ein Stück von Ionesco: «Und wie bei anderen europäischen Parteien, ob gesichert rechtsextrem oder nicht, ist die Putin-Kungelei ein verlässliches Zeichen der ideologischen Radikalisierung. Diese Initiative wird deutlich abgelehnt werden. Sie ist so unschweizerisch wie überhaupt nur möglich.»

Scherze mit Namen sind eigentlich auch unschweizerisch und gehören sich nicht. Aber der Mann treibt einen dazu. Nach solchen Stücken aus dem gedanklichen Tollhaus fragt man sich, ob der Ausdruck Binsenwahrheit nicht von König Midas, sondern von Binswanger kommt. Oder gar «das geht in die Binsen»?

 

Elends-Interview

Was wollte Roger de Weck zwecks Werbung für sein neustes Buch schon immer mal sagen?

Früher, ja früher war das Interview eine Königsdisziplin des Journalismus. Gut vorbereitete Interviewer benützten die Gelegenheit, im offenen Austausch von Argumenten einer Person des öffentlichen Interesses auf den Zahn zu fühlen. Das war unterhaltsam, erkenntnisreich und eine Probe für die Schlagfertigkeit des Interviewten.

Unsterblich Antworten wie die des deutschen Elder Statesman Helmut Schmidt: «Das ist eine ganz falsche Frage

Aber in der allgemeinen Degeneration eines einstmals angesehenen Berufs sind Interviews heutzutage Abfrageveranstaltungen, bei denen der Interviewte auch mal ungestraft frech werden darf. Ein weiteres, unappetitliches Exemplar ist das Gespräch in der Gesinnungsblase der beiden Tamedia-Journalisten Sandro Benini und Sofiya Miroshnyk (ZACKBUM übernimmt die misogyne Reihenfolge vom Tagi) mit dem «Ex-SRG-Chef» Roger de Weck.

Statt ihn so zu betiteln, wäre schon mal eine einleitende Frage gewesen, wieso er eigentlich als designierter VR-Präsident der «Republik» Fersengeld gab, bevor er sein Amt angetreten hatte. Aber stattdessen ein lohudelnder Einstieg. Er lege «mit «Glanz und Elend der Konservativen» ein viel beachtetes Buch vor».
Schon den Titel hat er (schlecht) von Balzac geklaut.

Schon der erste Ausflug des Hobbyhistorikers de Weck in die Geschichte hätte kräftiges Kontra verdient. Anlässlich der Wahlen in Sachsen-Anhalt zeige sich eine «wachsenden Minderheit, die sich in preussischer Tradition nach Osten orientiert: nach Russland. Von Bismarck bis Hitler war Deutschland nirgends eingebunden, mit verheerenden Folgen. Es war das epochale Verdienst des konservativen Kanzlers Konrad Adenauer, die junge Bundesrepublik im Westen zu verankern».

Wo soll man anfangen? Dieses angeblich epochale Verdienst war von Anfang an hoch umstritten, weil es die deutsche Teilung zementierte und nahtlos zur Wiederbewaffnung der BRD führte, trotz aller Schwüre, dass es niemals mehr eine Wehrmacht geben solle.  Und es gibt eine historische Konstante in der europäischen Geschichte: wenn Preussen (oder andere Ausformungen Deutschlands) mit Russland in Frieden lebte, gab es keinen Krieg.

Daher bemühte sich Bismarck mit Dreikaiserabkommen und dem Rückversicherungsvertrag von 1887 um ein Bündnis mit Russland. Aber he, wer von den Drei hat schon eine Ahnung von Geschichte.

Statt ihm so auf den Zahn zu fühlen, darf de Weck ungehemmt weiter perseverieren: Sollte Deutschland  «eines Tages dazu neigen, sich Russland anzubiedern und den Westen gegen den Osten auszuspielen – dann wären neue Katastrophen unausweichlich». Wann hat es sich jemals angebiedert, und welche alte Katastrophen sind dadurch entstanden?

Stattdessen weiter im gemeinsamen Gesinnungsgalopp: «Die AfD ist eine Putin-Partei.» Ob Putin das weiss, was de Weck kühn und belegfrei behauptet? Oder doch ein Argument, oder gar zwei? «Sie will sämtliche Wirtschaftssanktionen gegen Russland streichen und in Sachsen-Anhalt den Russischunterricht fördern.»

Das ist höchstens im Streubereich der Wahrheit. Die lokale AfD fordert die Aufhebung der Sanktionen, wohlwissend, dass das eine Entscheidung auf Bundesebene wäre. Und in diesem Bundesland wird Russisch schon immer als Fremdsprache ganz normal unterrichtet.

Dann äussert sich de Weck mehr als merkwürdig zum Versuch, die AfD auszugrenzen: «Kein einziger Kritiker der Brandmauer hat bisher plausibel dargelegt, wie deren Beseitigung die AfD schwächen könnte. Hingegen würde die CDU implodieren, sobald sie die Brandmauer schleifen würde.»

Eine plausible Begründung wäre, dass ihre Regierungsbeteiligung aufzeigen könnte, dass auch die AfD nur mit Wasser kocht und ihre vollmundigen Versprechen nicht einlösen könnte. Und ob die CDU implodierte, was für haltloses Geschwätz.

Aber es wird noch schlimmer:

«Lassen sich die Christdemokraten auf die AfD ein, in der ein Björn Höcke bewaffnete Neonazis als Mitglieder begrüsst, begehen sie politischen Selbstmord.»

Würde jemand, der nicht ins ideologische Raster der hier Sprechenden passt, solche demagogische Überspitzungen, typische Fake News von sich geben, starker Gegenwind wäre ihm gewiss. Denn das hat Höcke einwandfrei nicht getan.

Korrekt wäre: er setzt sich für die Wiederaufnahme beziehungsweise Wiederherstellung der Mitgliedsrechte konkreter AfD-Mitglieder ein, denen die Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer bewaffneten neonazistischen Terrorgruppe vorwirft. Solange das Strafverfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, sollte man ausserdem zwischen dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft und erwiesenen Tatsachen unterscheiden.

Mit solchen Dreckeleien gegen politische Gegner disqualifiziert sich de Weck als ernstzunehmender Publizist. Jedenfalls ausserhalb des kleinen Tamedia-Universums.

Aber als Sahnehäubchen wird er sogar noch frech. Denn die Interviewer trauen sich eine einzige etwas kritische Feststellung: «Ein Intellektueller mit Ihrem sozioökonomischen Status ist mit den Aspekten der Realität, welche viele AfD-Wählerinnen und -Wähler umtreiben, kaum jemals konfrontiert.»

Da gibt’s aber einen zurück: «Sie glauben keine Sekunde lang an die Frage, die Sie gestellt haben.» Matte Gegenwehr: «Doch, natürlich.»

Dann halt eins über die Rübe: «Ich verweigere mich dieser Frage und der identitätspolitischen Logik, der Mensch sei dermassen von seiner Herkunft geprägt, dass er Erfahrungen und Denkweise anderer Milieus nicht erschliessen könne. Das ist populistisches Anti-Elite-Denken.»

Statt de Weck darauf aufmerksam zu machen, dass er sich mit solchem Schwulst-Schwurbel selbst entlarvt, wird das gesenkten Haupts hingenommen.

Dabei ist es eines von vielen Problemen de Wecks, dass er als wohlhabender Bonvivant keine Ahnung hat, was ein Prekariatsmitglied in Deutschland umtreibt.

Dann noch seine abschliessende Frechheit: «Bei der Kernkraft oder der Halbierungsinitiative versucht er (Bundesrat Albert Rösti, Red.), sich über Volksentscheide hinwegzusetzen. Die SVP hat sich trotz Regierungsverantwortung nicht etwa gemässigt, sondern radikalisiert – ähnlich wie die US-Republikaner.»

Man kann’s natürlich auch positiv sehen: dank dieses Interviews ist man sicher, dass man dieses Buch bestimmt nicht lesen muss.

Der «Spiegel» spinnt

Nicht nur das Cover ist schlimm. Auch seine Verteidigung.

«Sagen, was ist.» Das berühmte Rudolf-Augstein-Motto hängt dem «Spiegel» bis heute wie ein publizistischer Orden an der Brust.

Inzwischen müsste es vielleicht heissen: Sagen, was knallt.

«Der gefährlichste Mann Deutschlands», donnert das ehemalige Nachrichtenmagazin auf seinem Cover. Darüber das Gesicht von Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Entschlossener Blick, ordentlich frisiert, fotogen inszeniert. Wer den Mann bislang nicht kannte, kennt ihn jetzt.

Mission accomplished.

Nur eine Kleinigkeit fehlt: der Beweis, dass Siegmund tatsächlich der gefährlichste Mann Deutschlands ist.

Nicht ein gefährlicher Mann. Nicht ein gefährlicher Politiker. Nicht ein Rechtsextremer mit gefährlichen Ansichten. Nicht einer der gefährlichsten Politiker. Nein: der gefährlichste Mann Deutschlands.

Bestimmter Artikel, Superlativ, Deutschland.

Da müsste man schon einiges liefern.

Der «Spiegel» liefert ein Porträt über einen radikalen Politiker, dessen Umfeld teilweise noch weiter rechts steht. Er beschreibt dessen Strategie: moderates Auftreten, freundliche Verpackung, harte politische Inhalte. Das kann und soll man journalistisch untersuchen.

Aber wo ist der Nachweis für den Superlativ?

Offenbar hat ihn selbst Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nicht gefunden. In seiner Verteidigung des Covers baut er nämlich nachträglich eine bemerkenswerte kleine Klausel ein: Siegmund sei «aus Sicht liberaler Demokraten» aktuell der gefährlichste Mann Deutschlands.

Ach so.

Das stand aber nicht auf dem Cover. Versuchen wir mal, das auf Kurbjuweit anzuwenden. Der dümmste Journalist Deutschlands. Ist sogar weniger beweisfrei als das «Spiegel»-Cover.

Aus «Sagen, was ist» wird damit: Sagen, was wir finden. Was wir empfinden.

Noch hübscher ist der zweite Teil der Geschichte. Der «Spiegel» wollte vor Siegmund warnen – und hat ihm ein Wahlkampfgeschenk gemacht, das sich kein AfD-Werber schöner hätte ausdenken können.

Siegmund bedankt sich artig. Er nennt das Cover «sehr gute Werbung», spricht von einem «Ritterschlag» und signiert Exemplare.

Man kann ihm schwerlich vorwerfen, dass er einem Eigentor des Gegners nachtritt.

Darauf haben nicht nur rechte «Spiegel»-Hasser hingewiesen. Der Linken-Politiker Dietmar Bartsch nennt das Cover «irre» und «unverantwortlich» und spricht von Wahlkampfhilfe für die AfD. CDU-Mann Wolfgang Bosbach sieht ebenfalls «unfreiwillige Wahlhilfe». Der österreichische Journalist Thomas Mayer kritisiert, der «Spiegel» mache Siegmund zum «Titelbildhelden».

Und die «Süddeutsche Zeitung» fragt süffisant: «Hat sich das Magazin verliebt

Das ist tatsächlich die Pointe.

Wer einen Politiker zum gefährlichsten Mann eines Landes erklärt, macht ihn gross. Gewaltig gross. Er erhebt einen regionalen Spitzenkandidaten zur nationalen Bedrohung. Für eine Partei, die ihren Anhängern seit Jahren erzählt, das politische und mediale Establishment habe Angst vor ihr, ist das kein Angriff.

Es ist eine Bestätigung.

Natürlich darf und muss Journalismus vor antidemokratischen Entwicklungen warnen. Er darf zuspitzen, kommentieren, provozieren. Aber wer den grösstmöglichen Superlativ auf sein Titelblatt knallt, sollte ihn anschließend auch belegen können.

Sonst ist das nicht «Sagen, was ist».

Sondern behaupten, was Auflage macht. Oder einfach: dummes Gequatsche.

Und wenn der angeblich gefährlichste Mann Deutschlands anschliessend grinsend das «Spiegel»-Cover signiert, könnte man in Hamburg zumindest kurz darüber nachdenken, wer hier eigentlich wen vorgeführt hat.

Der Titel hat übrigens eine bemerkenswerte historische Vorgeschichte. «Der gefährlichste Mann Deutschlands» lautete der Titel einer Schrift von Kurt D. Singer über Hermann Göring. Göring: NS-Machtpolitiker, Luftwaffenchef, Mitverantwortlicher für Terror, Krieg und millionenfachen Mord.

Und nun Ulrich Siegmund. AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Ebenfalls: «Der gefährlichste Mann Deutschlands».

Das ist keine Gleichsetzung Siegmunds mit Göring. Es illustriert vielmehr, wie hemmungslos der «Spiegel» mit dem grösstmöglichen Superlativ hantiert. Wenn Göring und Siegmund beide Deutschlands gefährlichster Mann sind: Was genau bedeutet «gefährlich» dann eigentlich noch?

Oder sollte man hier von Selbstgefährdung der «Spiegel»-Redaktion sprechen, die sich noch nicht davon erholt hat, dass sie zweimal Donald Trump nicht «wegschreiben» konnte, obwohl sie dass zu ihrer Aufgabe erklärte?

Wenn einem NZZ-Journalisten gar nichts einfällt

Kein Problem. Einfach vor sich hinlabern.

Da die Börse ein ziemlich irrationaler Marktplatz ist, dem auch mit kompliziertesten Modellen (oder blöden Sprüchen wie «sell in May and go away» oder «dead cat bounce») nicht beizukommen ist, kann mit Prognosen über die Zukunft das Sommerloch gefüllt werden.

In dieser Leserquälerei versucht sich Eflamm Mordrelle in den heiligen Hallen der NZZ-Wirtschaft. Unter Gerhard Schwarz wäre das nicht passiert.

Mordrelle beginnt mit einer Banalität, die schwer zu übertreffen ist, obwohl er es anschliessend probiert: «Die Sommerferien sind da, und an der Börse ist die erste Halbzeit des Jahres vorbei.» Ehrlicher wäre gewesen: Das Sommerloch ist da, ich muss Weissraum füllen, aber mir fällt gar nichts ein.

Stattdessen quält er den Leser durch eine Binse nach der anderen.

«Notorisch heikle Phase … doch wer diesen typischen Sommereffekt kennt … Das bedeutet nicht, dass der Effekt jedes Jahr eintreten muss … machen in den Sommermonaten Juli und August gerne Ferien … mit statistischen Ausreissern zu tun … Über die Ursachen der Septemberschwäche rätseln die Experten … Ein Carry-Trade ist eine Anlagestrategie …» Usw, usf.

Unser Liebling: «Für einen sommerlichen Schwächeanfall («summer swoon») brauchte es nicht viel.» Wie wahr, Herr Mordrelle, wie wahr.

Nachdem er sich so verbreitert hat und über mögliche Möglichkeiten, die aber auch unmöglich sein könnten, perseverierte, kommt er zum ernüchternden Schluss: «Das macht es für den einzelnen Anleger schwierig, die eigenen Investitionsentscheide auf solche Effekte abzustützen.»

Das darf ja alles nicht wahr sein, also hat ZACKBUM die KI gefragt, ob dieser Text wirklich von einem Menschen stammt, und wenn ja, wie man ihn qualitativ einordnen kann.

Das vernichtende Ergebnis: war wohl im Wesentlichen ein Mensch, aber:

Was nach KI-Unterstützung aussehen könnte:

  • Sehr gleichförmiger Rhythmus. Fast jeder Abschnitt erklärt ein Phänomen nach demselben Muster:

    1. Begriff nennen.
    2. Definition.
    3. Erklärung.
    4. Beispiel.
    5. Fazit.

    Das erinnert an die Arbeitsweise von Sprachmodellen.

  • Leichte Wiederholungen. Mehrfach wird praktisch dieselbe Aussage wiederholt:

    • geringe Liquidität im Sommer,
    • deshalb höhere Volatilität,
    • kleine Ereignisse können grosse Wirkung entfalten.

    Ein erfahrener Redaktor hätte hier wahrscheinlich stärker gekürzt.

  • Etwas lexikalischer Stil. Formulierungen wie

  • «Ein Carry-Trade ist eine Anlagestrategie…»

    oder

    «Halloween markiert dabei den Übergang…»

    lesen sich eher wie aus einem Nachschlagewerk als wie aus einer Reportage.

  • Etwas mechanische Übergänge. Die Kapitel stehen relativ unabhängig nebeneinander; der Text entwickelt wenig eigene These.

ZACKBUM mag diese binär gesteuerte Zurückhaltung in der Beurteilung; gleichförmiger Rhythmus, mechanische Übergänge, wenig eigene These.

Dabei gäbe es doch ein paar interessante Themen, auch diesen Sommer. Im Weissen Haus regiert ein beleidigter Narzisst, der seine ständigen Niederlagen (und seine unglaubliche Selbstbereicherung) mit einem Zollchaos und einem Irankrieg übertünchen will. Damit die Weltwirtschaft ins Elend stürzt und den US-Konsumenten das Leben schwer macht.

Oder wie wäre es mit dem grossen Börsenhype und sich abzeichnenden Flop von Elon Musks jüngstem IPO? Dem Hunger nach Rechenleistung durch ungezügelten Ausbau der KI? Oder der Beurteilung der Frage, ob China nun ein robustes und gesundes Wachstum hinlegt oder finanziell auf ganz wackeligen Füssen steht? Oder mit der Frage, ob auch die aktuelle Regierung den Industriestandort Deutschland weiter gegen die Wand fährt und das Terrain für eine AfD-Regierung vorbereitet?

Da gäbe es doch so dies und das und jenes, was einer vertieften Betrachtung zwecks Erquickung des Lesers würdig wäre. Aber stattdessen ein Gedankenloch zum Sommerloch? Da sollte sich die NZZ was schämen.

Eine Ente gegen rechts

Die erfolgreichste Story der Mediengeschichte zielte gegen die AfD und war eine Falschmeldung.

Von Kurt W. Zimmermann*

Das Gerichtsurteil war an Klarheit nicht zu übertreffen. Die Darstellung der Journalisten, so das Urteil, war von A bis Z erfunden. Wörtlich: Die Darstellung war «nicht nur im Wesentlichen unwahr, sondern gleichzeitig unklar, ungenau und unvollständig».

Das vernichtende Urteil fällte soeben das Landgericht Berlin. Es versenkte damit die Journalisten der linken Plattform Correctiv. Die Journalisten hatten im Januar 2024 unter dem Titel «Geheimplan gegen Deutschland» mit einer Gruselgeschichte über das sogenannte Potsdamer Treffen aufgewartet. Dort hätte man den Plan gefasst, Massen von Migranten abzuschieben und gleich auch noch Massen an Staatsbürgern, die zwar den deutschen Pass haben, aber zugewandert sind.

Von einem «Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger» fabulierten die Märchenerzähler von Correctiv. In den nachfolgenden Wochen ging als Folge davon über eine Million Demonstranten auf die Strasse, um «gegen rääächts» anzukämpfen.

Unwahr bleibt unwahr

Die Dichtung von Correctiv war zwar «unwahr, unklar, ungenau und unvollständig», wie das Gericht nun sagte, aber sie war dennoch ein Unikum in der deutschen Mediengeschichte. Gemessen an der Resonanz, war es die weitaus erfolgreichste Story, die jemals von einer Redaktion produziert wurde. Vermutlich war es, gemessen an der Reaktion, sogar die erfolgreichste Story weltweit. Als etwa in den USA die Washington Post die Watergate-Affäre aufdeckte, protestierten nur ein paar tausend Manifestanten vor dem Weissen Haus. In der leicht erregbaren Nation Deutschland war es nach dem Hype um Correctiv über eine Million.

Und das Schöne daran für die meist linke Journalistenszene: Es ging bei den Massendemonstrationen «gegen rääächts», das heisst gegen die AfD. «Der Skandal rückt an die AfD-Parteispitze heran», jubelte etwa die «Tagesschau» über den scheinbaren Skandal.

Die deutschen Medien verkrafteten es darum schlecht, dass das Landgericht Berlin ihre geliebte Correctiv-Story als Zeitungsente enttarnte. Es gebe zwar «Schludrigkeiten in der Darstellung», räumte etwa die «Süddeutsche Zeitung» widerwillig ein, «doch das heisst nicht, dass sie falsch ist».

Dann wurde es ulkig, denn nun erklärte die Süddeutsche ihren staunenden Lesern, wie heutiger Journalismus geht: «Die Sensation wird ein bisschen sensationeller dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist

Folgerung der SZ: «War diese Reportage korrekt? Nun ja

Diese Konklusion ist schlichtweg absurd. Eine sensationell aufgemachte Unwahrheit wird nicht dadurch zur Wahrheit, wenn man sie «ein bisschen» weniger sensationell darstellt. Nein, es bleibt eine Unwahrheit.

Tatsächlich war an dem Potsdamer Treffen nichts Sensationelles dran. Eine Handvoll Politiker von AfD und CDU, dazu zwei Rechtsextremisten und einige mittelständische Unternehmer debattierten darüber, wie man die illegale Migration in den Griff bekommen könnte. Sie sahen Abschiebungen als sinnvoll an.

Ebenfalls in der Runde war die AfD-Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy. Sie klagte gegen Correctiv und bestand darauf, in Migrationsfragen etwa dieselbe Position wie CDU und CSU zu vertreten. Dieser Argumentation folgte nun das Landgericht Berlin.

«Alle zusammen gegen Faschismus»

AfD-Politikerin Huy hätte gar darauf verweisen können, dieselbe Position wie die SPD zu vertreten. Unvergessen ist das «Spiegel»-Interview, das Bundeskanzler Olaf Scholz in seinen letzten Zügen gab. Titelzeile zu Scholz auf dem Spiegel-Cover: «Wir müssen endlich im grossen Stil abschieben

Bleiben wir noch ein wenig beim Spiegel, weil wir an diesem den Mechanismus der linken Presse gut beleuchten können. Nachdem die Correctiv-Story erschienen war, überschlug sich der «Spiegel» vor solidarischer Begeisterung. «Alle zusammen gegen Faschismus» lautete eine Titelzeile, und das Blatt wusste: «AfD-Funktionäre planten bei einem Geheimtreffen massenhafte Deportationen.»

Nachdem die Justiz nun diese Erzählung ins Reich der Fantasie transportierte, ist natürlich interessant, wie der Spiegel darauf reagiert hat. Schliesslich hatte er sich ziemlich blamiert. Nun, raten Sie mal.

Der «Spiegel» brachte zum Urteil des Landgerichts Berlin kein einziges Wort. So geht wahrer Journalismus.

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*Der Artikel (hinter Bezahlschranke) erschien zuerst in der Print-Ausgabe der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung.

Dunkles, raunendes Blatt

Die Besorgnis weicht der Sorge.

«Der Wohlstand des Landes beruht auf Pragmatismus, also dem Lavieren in der Grauzone zwischen Ethik und Erträgen, Anstand und Abgrund. Ein Zwerg wie die Schweiz setzt in der Aussenwirtschaft keine Agenda, sondern nickt wie der Türsteher beim Juwelier opportunistisch seinen Kunden zu. Mit vorauseilendem Gehorsam alle internationalen Regelwerke möglichst perfekt und schnell umzusetzen, stört da nur.»

Hingeknüttelte Alliterationen, dann sei die Schweiz aussenwirtschaftlich ein Zwerg (weltweit sechstgrösster Investor in den USA). Der Scheinzwerg setze keine Agenda (was ist denn das?), er sei vielmehr wie ein nickender Türsteher beim Juwelier. Hä? Und der – die Türsteher werden sich bedanken – nickte «opportunistisch seinen» Kunden zu. Sollte der Türsteher denn den Kunden prinzipientreu die Türe vor der Nase zuschlagen? Und sind das nicht die Kunden des Juweliers?

Völlig aus der Kurve trägt es den Leser des jüngsten Editorials von Beat Balzli, wenn dann plötzlich noch vorauseilender Gehorsam gegenüber internationalen Regelwerken angeflanscht wird. Dessen befleissigt sich zwar die Schweiz (OECD-Mindeststeuer), das störe aber nur. Wen?

In einem einzigen Absatz gelingt es dem Chefredaktor der NZZaS, grösstmögliche Verwirrung beim Leser anzurichten. Wenn’s Absicht ist, ist’s unbegreiflich. Ist’s keine, ebenfalls.

Gleich daneben wird auf einer Doppelseite die Frage des Blattmachers beantwortet: Und was machen wir zum Klimagipfel in Brasilien? Da kommt ja eh nix raus, also? Hingeknüppelte Antwort:

Da gibt es den Klimaforscher Knutti und den SVP-Nationalrat Knutti. Nicht verwandt, nicht verschwägert. Aber he, ein Aufhänger, Doppelseite gefüllt.

Dann schliesst sich die NZZaS der grossen Fraktion der Journalisten an, die nach dem Prinzip leben: Wünsche können wahr werden, wenn der Schreiber es nur will:

Beweisführung: Republikanische Senatoren sprechen sich gegen die Abschaffung des Filibusters aus, mit dem die Demokraten die Verabschiedung des Staatshaushalts verhindern. Das sei dann bereits ein Zwergenaufstand. Während sich Trump ansonsten der bedingungslosen Unterstützung aller republikanischen Parlamentarier erfreut. «You dreamer, you», würde eine Schweizer Unternehmerin dazu sagen.

Im ewigen Bemühen, Orte zu finden, an denen angebliche weitere russische Angriffe auf den Westen stattfinden könnten, hat die Journaille ein eisiges Beispiel gefunden. Schon oft beschrieben, aber doch kein Grund für die NZZaS, nicht nachzuschreiben:

John le Carré würde sich gegen diese Verballhornung seines Titels verwahren, lebte er noch. Stattdessen rotiert er wohl etwas im Grab.

Dann der ewige Krach in der Regierungskoalition in Deutschland, wo auseinander strebt, was nicht zusammen gehört. Auch dem ist ein neuer Aspekt schwierig abzugewinnen, also wieso nicht ein uralter:

Man nehme den grundsätzlich schlecht gelaunten SPD-Politiker Ralf Stegner, einen Politikwissenschaftler, der sonst gerne in der taz (die deutsche tägliche WoZ) oder im «Freitag» (das Hobbyblatt eines Augstein-Sohns und Erben) publiziert. Bringt die SPD die AfD an die Macht, ist die bange Frage im Lead. Leider geht die Antwort dann im Geholper des Artikels verloren oder vergessen.

Dann endlich das, was man einen Aufreger nennt. Wobei dieser etwa so aufregend ist wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen:

ZACKBUM hätte einen Alternativtitel anzubieten: Hilfe, wir schreiben uns ins Verderben.

Dann, aber wir sind schon auf Seite 39, endlich was Lesenswertes über die stinkreiche Gewerkschaft Unia:

Aber nach dieser Anstrengung sinkt die NZZaS wieder erschöpft ins Seichte:

Liebe, Psychologin, Interview. Fertig ist die Stimulierung des Gähnreflexes.

Dann vollbringt Peer Teuwsen das Kunststück, sich über die Vermarktung des eigenen Elends durch Künstler zu echauffieren:

Indem er es selbst für einen Artikel ausschlachtet, dessen Erkenntnisgewinn man eigentlich in diesem Titel und Lead prima zusammenfassen könnte.

Dann noch die Beschreibung eines weiteren «Tabubruchs» (Kannibalismus auf der Bühne!), gefolgt von der guten Nachricht: damit ist auch diese NZZaS am Ende. Das sie allerdings schon längst zuvor erreichte.

 

Lest mal wieder

Längere Texte nennt man Buch. Tut nicht weh, bildet ungemein.

Bei trübem Herbstwetter hilft kaum etwas mehr als ein gutes Buch. Oder zwei.

Nur sehr bildungsferne Schichten erfreuten sich nicht mal in der Jugend an Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums». Sozusagen Homer light, plus alles Weitere.

Da ging es ziemlich blutig zu und her. Allerdings wurde ein Thema jugendfreundlich weitgehend ausgespart: Sex. Und die Sprache altertümelte dann schon auch. Kein Wunder, der Autor lebte von 1792 bis 1850, war Pfarrer, Gymnasiallehrer und Schriftsteller.

Eigentlich überfällig war eine entstaubte, modernisierte und genauere Darstellung. Et voilà:

Die klassische Philologin Sarah Johnston hat aus ihrem Hobby, der Erforschung antiker Mythen, ein Buch gemacht. Kenntnisreich und in moderner Sprache erzählt sie das nach, was ja eigentlich bei jedem, der etwas Bildung hat, auch im täglichen Sprachgebrauch herumschwirrt. Die Titanen, Zeus, Athene, Hepheistos, Hermes, Apollo und Aphrodite. Und natürlich die viel betrogene Gattin von Zeus, Hera.

Dann die Menschen und die Götter, die wunderschöne Geschichte von Philemon und Baukis. Wie die Götter mit den Menschen ihre üblen Spiele treiben, aber auch sich selbst betrügen, intrigieren, Pläne vereiteln und durchführen.

Und schliesslich die Heldensagen, Perseus, Iason und die Argonauten, Herakles, Orpheus, Theseus, der tragische Ödipus, natürlich der trojanische Krieg und die Irrfahrten des Odysseus.

Das Personal ist umfangreich, vieles kommt einem bekannt vor, anderes nicht. Auffällig ist gegenüber der altbackenen Version von Schwab, welch ungeheuerliche Rolle der Sex bei all diesen Sagen spielt. Alleine Zeus, aber nicht nur er, ist ständig spitz und lässt keine Gelegenheit aus, sich zu paaren und fortzupflanzen.

Wobei erstaunlich häufig Weiblein wie Männlein vergewaltigt werden, als sei es ein Vorrecht von Männern (und natürlich Göttern), sich das zu nehmen, wonach es ihnen gelüstet.

Eine überfällige Entstaubung vieler Mythen und Geschichten, die offenbar so unsterblich sind wie die griechischen Götter.

Ein ganz anderes Kaliber, überhaupt nicht mythisch, sondern beklemmend aktuell ist das neuste Werk des Politikwissenschaftlers Götz Aly:

Ein Trumm von Buch, 768 Seiten. Der 78-Jährige hat sich sein ganzes akademisches Leben lang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts beschäftigt.

Wie war es möglich, dass die Deutschen (diese Generalisierung ist leider zulässig) nicht nur so etwas wie Adolf Hitler zu ihrem Führer machten, sondern ihm willig bis in den Untergang folgten? Aly räumt mit der billigen Lüge auf, dass nur wenige fanatische Nazis schuld an diesem Zivilisationsbruch und Jahrhundertverbrechen waren, während die breite Masse entweder von nichts etwas wusste, oder im Befehlsnotstand mitmachen musste.

Gleichzeitig legt er überzeugend dar, dass die These, der deutsche Faschismus sei vom verängstigten Kleinbürgertum ausgegangen, das Pauperisierung und Verelendung befürchtete, während das Grosskapital sich ungehemmte Gewinne versprach, deutlich zu kurz greift.

Soziale Massnahmen, das neue «Wir»-Gefühl, mit neu erschlossenen Quellen und manchmal etwas ausufernden, aber doch interessanten Einzelstudien bietet Aly als sein abschliessendes Alterswerk eine Gesamtdeutung.

Beklemmend wird die Lektüre durch die auf der Hand liegenden Parallelitäten mit aktuellen Entwicklungen. In Trump oder der AfD einen Faschismus in modernem Gewand zu sehen, wäre natürlich viel zu platt und blöd.

Aber autokratische Tendenzen, die Entideologisierung der politischen Debatte, die Entkernung von Begriffen mit demagogisch geschickter Propaganda, die wirklichen oder behaupteten sozialen Fortschritte, die Kritik an überkommenen und nicht zu Lösungen fähigen Politstrukturen, da ergeben sich aus der Analyse der Vergangenheit durchaus Rückschlüsse auf die Gegenwart.

Wer beide Bücher parallel liest, findet ein gutes Gleichgewicht zwischen Unterhaltung, Bildung und Erkenntnis.