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Dunkles, raunendes Blatt

Die Besorgnis weicht der Sorge.

«Der Wohlstand des Landes beruht auf Pragmatismus, also dem Lavieren in der Grauzone zwischen Ethik und Erträgen, Anstand und Abgrund. Ein Zwerg wie die Schweiz setzt in der Aussenwirtschaft keine Agenda, sondern nickt wie der Türsteher beim Juwelier opportunistisch seinen Kunden zu. Mit vorauseilendem Gehorsam alle internationalen Regelwerke möglichst perfekt und schnell umzusetzen, stört da nur.»

Hingeknüttelte Alliterationen, dann sei die Schweiz aussenwirtschaftlich ein Zwerg (weltweit sechstgrösster Investor in den USA). Der Scheinzwerg setze keine Agenda (was ist denn das?), er sei vielmehr wie ein nickender Türsteher beim Juwelier. Hä? Und der – die Türsteher werden sich bedanken – nickte «opportunistisch seinen» Kunden zu. Sollte der Türsteher denn den Kunden prinzipientreu die Türe vor der Nase zuschlagen? Und sind das nicht die Kunden des Juweliers?

Völlig aus der Kurve trägt es den Leser des jüngsten Editorials von Beat Balzli, wenn dann plötzlich noch vorauseilender Gehorsam gegenüber internationalen Regelwerken angeflanscht wird. Dessen befleissigt sich zwar die Schweiz (OECD-Mindeststeuer), das störe aber nur. Wen?

In einem einzigen Absatz gelingt es dem Chefredaktor der NZZaS, grösstmögliche Verwirrung beim Leser anzurichten. Wenn’s Absicht ist, ist’s unbegreiflich. Ist’s keine, ebenfalls.

Gleich daneben wird auf einer Doppelseite die Frage des Blattmachers beantwortet: Und was machen wir zum Klimagipfel in Brasilien? Da kommt ja eh nix raus, also? Hingeknüppelte Antwort:

Da gibt es den Klimaforscher Knutti und den SVP-Nationalrat Knutti. Nicht verwandt, nicht verschwägert. Aber he, ein Aufhänger, Doppelseite gefüllt.

Dann schliesst sich die NZZaS der grossen Fraktion der Journalisten an, die nach dem Prinzip leben: Wünsche können wahr werden, wenn der Schreiber es nur will:

Beweisführung: Republikanische Senatoren sprechen sich gegen die Abschaffung des Filibusters aus, mit dem die Demokraten die Verabschiedung des Staatshaushalts verhindern. Das sei dann bereits ein Zwergenaufstand. Während sich Trump ansonsten der bedingungslosen Unterstützung aller republikanischen Parlamentarier erfreut. «You dreamer, you», würde eine Schweizer Unternehmerin dazu sagen.

Im ewigen Bemühen, Orte zu finden, an denen angebliche weitere russische Angriffe auf den Westen stattfinden könnten, hat die Journaille ein eisiges Beispiel gefunden. Schon oft beschrieben, aber doch kein Grund für die NZZaS, nicht nachzuschreiben:

John le Carré würde sich gegen diese Verballhornung seines Titels verwahren, lebte er noch. Stattdessen rotiert er wohl etwas im Grab.

Dann der ewige Krach in der Regierungskoalition in Deutschland, wo auseinander strebt, was nicht zusammen gehört. Auch dem ist ein neuer Aspekt schwierig abzugewinnen, also wieso nicht ein uralter:

Man nehme den grundsätzlich schlecht gelaunten SPD-Politiker Ralf Stegner, einen Politikwissenschaftler, der sonst gerne in der taz (die deutsche tägliche WoZ) oder im «Freitag» (das Hobbyblatt eines Augstein-Sohns und Erben) publiziert. Bringt die SPD die AfD an die Macht, ist die bange Frage im Lead. Leider geht die Antwort dann im Geholper des Artikels verloren oder vergessen.

Dann endlich das, was man einen Aufreger nennt. Wobei dieser etwa so aufregend ist wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen:

ZACKBUM hätte einen Alternativtitel anzubieten: Hilfe, wir schreiben uns ins Verderben.

Dann, aber wir sind schon auf Seite 39, endlich was Lesenswertes über die stinkreiche Gewerkschaft Unia:

Aber nach dieser Anstrengung sinkt die NZZaS wieder erschöpft ins Seichte:

Liebe, Psychologin, Interview. Fertig ist die Stimulierung des Gähnreflexes.

Dann vollbringt Peer Teuwsen das Kunststück, sich über die Vermarktung des eigenen Elends durch Künstler zu echauffieren:

Indem er es selbst für einen Artikel ausschlachtet, dessen Erkenntnisgewinn man eigentlich in diesem Titel und Lead prima zusammenfassen könnte.

Dann noch die Beschreibung eines weiteren «Tabubruchs» (Kannibalismus auf der Bühne!), gefolgt von der guten Nachricht: damit ist auch diese NZZaS am Ende. Das sie allerdings schon längst zuvor erreichte.

 

Lest mal wieder

Längere Texte nennt man Buch. Tut nicht weh, bildet ungemein.

Bei trübem Herbstwetter hilft kaum etwas mehr als ein gutes Buch. Oder zwei.

Nur sehr bildungsferne Schichten erfreuten sich nicht mal in der Jugend an Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums». Sozusagen Homer light, plus alles Weitere.

Da ging es ziemlich blutig zu und her. Allerdings wurde ein Thema jugendfreundlich weitgehend ausgespart: Sex. Und die Sprache altertümelte dann schon auch. Kein Wunder, der Autor lebte von 1792 bis 1850, war Pfarrer, Gymnasiallehrer und Schriftsteller.

Eigentlich überfällig war eine entstaubte, modernisierte und genauere Darstellung. Et voilà:

Die klassische Philologin Sarah Johnston hat aus ihrem Hobby, der Erforschung antiker Mythen, ein Buch gemacht. Kenntnisreich und in moderner Sprache erzählt sie das nach, was ja eigentlich bei jedem, der etwas Bildung hat, auch im täglichen Sprachgebrauch herumschwirrt. Die Titanen, Zeus, Athene, Hepheistos, Hermes, Apollo und Aphrodite. Und natürlich die viel betrogene Gattin von Zeus, Hera.

Dann die Menschen und die Götter, die wunderschöne Geschichte von Philemon und Baukis. Wie die Götter mit den Menschen ihre üblen Spiele treiben, aber auch sich selbst betrügen, intrigieren, Pläne vereiteln und durchführen.

Und schliesslich die Heldensagen, Perseus, Iason und die Argonauten, Herakles, Orpheus, Theseus, der tragische Ödipus, natürlich der trojanische Krieg und die Irrfahrten des Odysseus.

Das Personal ist umfangreich, vieles kommt einem bekannt vor, anderes nicht. Auffällig ist gegenüber der altbackenen Version von Schwab, welch ungeheuerliche Rolle der Sex bei all diesen Sagen spielt. Alleine Zeus, aber nicht nur er, ist ständig spitz und lässt keine Gelegenheit aus, sich zu paaren und fortzupflanzen.

Wobei erstaunlich häufig Weiblein wie Männlein vergewaltigt werden, als sei es ein Vorrecht von Männern (und natürlich Göttern), sich das zu nehmen, wonach es ihnen gelüstet.

Eine überfällige Entstaubung vieler Mythen und Geschichten, die offenbar so unsterblich sind wie die griechischen Götter.

Ein ganz anderes Kaliber, überhaupt nicht mythisch, sondern beklemmend aktuell ist das neuste Werk des Politikwissenschaftlers Götz Aly:

Ein Trumm von Buch, 768 Seiten. Der 78-Jährige hat sich sein ganzes akademisches Leben lang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts beschäftigt.

Wie war es möglich, dass die Deutschen (diese Generalisierung ist leider zulässig) nicht nur so etwas wie Adolf Hitler zu ihrem Führer machten, sondern ihm willig bis in den Untergang folgten? Aly räumt mit der billigen Lüge auf, dass nur wenige fanatische Nazis schuld an diesem Zivilisationsbruch und Jahrhundertverbrechen waren, während die breite Masse entweder von nichts etwas wusste, oder im Befehlsnotstand mitmachen musste.

Gleichzeitig legt er überzeugend dar, dass die These, der deutsche Faschismus sei vom verängstigten Kleinbürgertum ausgegangen, das Pauperisierung und Verelendung befürchtete, während das Grosskapital sich ungehemmte Gewinne versprach, deutlich zu kurz greift.

Soziale Massnahmen, das neue «Wir»-Gefühl, mit neu erschlossenen Quellen und manchmal etwas ausufernden, aber doch interessanten Einzelstudien bietet Aly als sein abschliessendes Alterswerk eine Gesamtdeutung.

Beklemmend wird die Lektüre durch die auf der Hand liegenden Parallelitäten mit aktuellen Entwicklungen. In Trump oder der AfD einen Faschismus in modernem Gewand zu sehen, wäre natürlich viel zu platt und blöd.

Aber autokratische Tendenzen, die Entideologisierung der politischen Debatte, die Entkernung von Begriffen mit demagogisch geschickter Propaganda, die wirklichen oder behaupteten sozialen Fortschritte, die Kritik an überkommenen und nicht zu Lösungen fähigen Politstrukturen, da ergeben sich aus der Analyse der Vergangenheit durchaus Rückschlüsse auf die Gegenwart.

Wer beide Bücher parallel liest, findet ein gutes Gleichgewicht zwischen Unterhaltung, Bildung und Erkenntnis.

Was sieht der «andere Blick»?

God Almighty und Chefredaktor Eric Gujer ordnet die Welt.

Roger Köppel scheitert regelmässig am staatstragenden Ton und dem Habitus eines Helmut Schmidt. Sich über die Fähigkeiten der Tamedia-Chefredaktorin Raphaela Birrer zu äussern, wäre ohne strengen Sexismus-Verdacht nicht möglich. Das gilt auch für die abservierte «Blick»-Chefin.

Aber da gibt es noch Eric Gujer. Multimedial präsent, feine Klinge, Kommentare mit Sachverstand, Hintergrundwissen und Esprit. Auch geschäftlich ist der Mann gut unterwegs. Während sein indirekter Vorgänger als CEO Veit Dengler als Heimweh-Österreicher eine Expansion dorthin in den Sand setzte, ist Gujer mit der Eroberung des deutschen Markts gut unterwegs.

Während Tamedia jämmerlich Berichterstattung aus München einkauft, baut die NZZ eine Filiale in Berlin auf, die immer bedeutender in der deutschen Medienlandschaft wird, seit die FAZ schwächelt.

Mit dem «anderen Blick» liest Gujer regelmässig der deutschen Politik die Leviten. Da greift er für NZZ-Verhältnisse gerne auch zum Zweihänder: «Die Politik versagt, und der Staat ist überfordert. Deutschland hat ein echtes Problem».

Auf wenigen Zeilen bringt er die Misere der aktuellen Politik auf den Punkt:

«Wähler und Gewählte in Deutschland teilen eine Erfahrung: Ohnmacht. Die Politiker fühlen sich verfolgt von einer undankbaren Öffentlichkeit und gefesselt von Sachzwängen. Das Volk hingegen hält die Politik für abgehoben und unfähig, selbst einfache Probleme zu lösen.»

Zerfallende Infrastruktur, marode Schulhäuser, eine dysfunktionale Deutsche Bahn, früher Leuchtturm an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Zehn Jahre «wir schaffen das», also eine gescheiterte Asylpolitik. Turmhohe Schulden, auf die – getarnt mit dem demagogisch-genialen Begriff «Sondervermögen» – Multimilliardenschulden draufgesattelt werden. Dennoch reicht’s nicht, und es ist wieder die Rede von Steuererhöhungen.

Gujer skizziert die Etappen dieser Entfremdung zwischen Gewählten und Wählern: «Zugleich begannen die Gewählten, die Wähler zu beschimpfen. Der politisch-publizistische Komplex denunzierte konträre Meinungen als «Wutbürgertum». Später als «Schwurbler» und «Verschwörungstheoretiker»

Bildungsmisere, Euro-Krisen, Flüchtlingskrise, Pandemie. Klare Schlussfolgerung: «Die Mehrheiten lassen nur Stillstand zu, solange ein Bündnis mit der AfD ausgeschlossen bleibt.» Oder wenn man als einzige Antwort auf die laut Umfragen inzwischen wählerstärkste Partei Deutschlands mit einem Verbot liebäugelt, wie es die Winzpartei SPD inzwischen tut.

Da inzwischen mehr als die Hälfte aller Deutschen in der einen oder anderen Form von Sozialleistungen profitiert und jede Partei, die gegenwärtigen und zukünftigen Rentnern klaren Wein einschenkt – die Renten sind so nicht mehr finanzierbar – sich gleich auflösen könnte, sind sowohl Gewählte wie Wähler an der Situation schuld.

Soweit eine richtige Diagnose. Es ist nun nicht die Aufgabe des Wegweisers, zum Ziel zu gehen. Allerdings wäre der Leser doch verbunden, wenn Grossanalyst Gujer auch ein paar Therapieansätze auf Lager hätte. Denn so schön der Analysebogen auch ist, die Landung gelingt ihm nicht wirklich elegant: «So wächst der Frust weiter, und alles bleibt beim Alten, im Grossen wie im Kleinen

Man erinnert sich unwillkürlich an das grossartige Bonmot von Lampedusa im «Gattopardo»: «Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.» Was passiert aber, wenn sich einiges ändern müsste, aber dennoch alles bleibt, wie es ist? Da ist die AfD nicht Ursache des Übels, sondern höchstens Symptom. Ihr Wirtschaftsprogramm ist lachhaft und unterscheidet sich kaum von den Parteiprogrammen der anderen. Ihre Lösungsvorschläge müssen keinen Realitätstest fürchten, ihr Personal ist teilweise zum Fürchten und so angebräunt, dass es sie eigentlich unwählbar macht.

Die Frage, vor deren Beantwortung der anders blickende Gujer zurückschreckt, ist: ist nach 80 Jahren der moderne, demokratische Sozialstaat am Ende seiner Laufzeit angelangt? Ausser in Teilen Europas und im angelsächsischen Raum hat er sowieso nie existiert. Und wenn ja, wodurch wird er ersetzt?

Durch eine Autokratie, wie sie Trump anstrebt und wie sie in China, Russland, weitgehend auch Indien und Indonesien bereits existiert? Das wäre doch mal ein Thema für einen besseren Blick …

Grenzen

Ist es schlimm, wenn die offene Debatte stirbt?

Israelische Kriegsverbrechen. Heikel, von Antisemitismuskeulen umstellt.

Klimawandel. Heikel, schnell ist man ein Klimaleugner, obwohl das ein selten bescheuerter Ausdruck ist.

Alles, was mit rund 165 verschiedenen Gendern zu tun hat. Schnell ist man ein Sexist und Gegner der Inklusion.

AfD in  Deutschland. Wenn die CDU ihre Programmpunkte übernimmt, ist das gut. Wer das Original dafür lobt, ist ein rechtsradikaler, angebräunter Hetzer.

Und die Grünen. Ist das nicht die opportunistischste, wendehalsigste, für Posten und Machterhalt alle Prinzipien aufgebende Partei, seit dem Zweiten Weltkrieg? Aber immer der moralische Zeigefinger in der Luft.

Asylanten und Immigranten. Wer darauf hinweist, dass sich Europa (und die Schweiz) damit gröbere Probleme geschaffen haben, ist ein Fremdenfeind, ach was, ein Rassist.

Ausufernder Sozialstaat, nicht länger bezahlbare Renten. Sozialdarwinist, hat kein Verständnis für die Armen und Bedürftigen. Wobei doch die Armut, trotz allen Anstrengungen, immer weiter zunimmt, gerade in der reichen Schweiz.

Wer zwischen Trump und Putin nur graduelle Unterschiede sieht, setzt sich gleich zwischen alle Stühle.

Unbezahlbare Schuldentürme der wichtigsten industrialisierten Länder, der geniale Täuschungsbegriff vom Sondervermögen. Schwarzseher, das wird alles durch ein gesteigertes BIP weggeputzt. Oder durch Zölle.

Die Corona-Krise, an der sich dank unfähigen Regierungen Pharmakonzerne und sogar zwei Maskenkids in der Schweiz dumm und krumm verdienten. Allgemeine Aufrüstung, Waffenhersteller auf der ganzen Welt können ihr Glück nicht fassen. Wohl ein Systemkritiker, der so was sagt, hat doch keine Ahnung.

Der Iran wird angeführt von fundamentalistischen Ayatollen; der Bevölkerung kann man nur wünschen, dass die hinweggefegt werden. Saudi-Arabien wird angeführt von einem fundamentalistischen Wahnsinnigen, der auch mal einen Oppositionellen in Einzelteile zerlegen lässt und seit Jahren einen schmutzigen Krieg im Jemen führt.

Moment, Iran ist Bestandteil der Achse des Bösen und der Terrorunterstützer, Saudi-Arabien ist ein Verbündeter des Westens.

Russland ist korrupt und wird autoritär regiert, eine einigermassen freie Presse gibt es nicht. Die Ukraine ist korrupt, wird autoritär regiert und eine einigermassen freie Presse gibt es nicht. Moment, die Russkis sind die Bösen, die Ukrainer die Guten.

Deutschland kennt Informationsfreiheit, aber Sender wie Russia Today oder Sputnik dürfen dort, wie in der ganzen EU, nicht empfangen werden. Will das völlig legale Internetradio Kontrafunk einen Bootsausflug auf dem Bodensee machen, können das linksradikale, gewaltbereite Chaoten verhindern. Keiner protestiert, niemand nimmt Notiz.

Man könnte die Beispiele ad libitum fortsetzen.

Was haben sie alle gemeinsam? Offensichtlich hat das dank Internet unendlich ausufernde Angebot an Informationen nicht dazu geführt, dass die breite Masse, die öffentliche Meinung qualitativ zugelegt hätte. Sich aufgrund leicht und für jeden erhältlicher Fakten, Analysen, Darstellungen eine eigen Meinung bilden möchte.

Im Gegenteil. Es wird immer einfacher, Etiketten anzukleben und durch ständige Wiederholung in die Köpfe zu hämmern. Statt den Kopf dazu zu benützen, wozu er eigentlich da ist, geben sich die meisten damit zufrieden, auf solch einfache und übersichtliche Art die Welt ordnen zu können.

Dass sich immer wieder herausstellt, dass es so einfach eben nicht ist, das vermag keinen Irrgläubigen zu irritieren, der zu wissen meint.

Ist die israelische Armee vielleicht doch nicht ein Hort von guten Friedensbringern? Sind die Werte der USA vielleicht doch nicht segensreich für die ganze Welt? Könnte es wirklich sein, dass die überwältigende Mehrheit aller Staaten die Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt? Sind afrikanische Staaten nicht Opfer der Kolonialzeit und postkolonialer Ausbeutung? Sondern werden von ihren eigenen korrupten Diktatorenclans ausgebeutet?

Ging es dem durchschnittlichen Libyer unter Gaddafi, dem durchschnittlichen Iraker unter Hussein, nicht etwa besser als heute, nach der Befreiung von diesen grausamen Diktatoren?

Wer all das liest und ein wenig über diese Fragen nachdenkt, gehört heute bereits zu den happy few, die unter Umständen tatsächlich bereit sind, sich auf die anstrengende Tätigkeit einzulassen, die Welt und die Wirklichkeit verstehen zu wollen.

Ist Polen verloren?

Die ganz objektive Berichterstattung über die Wahlen.

Das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» ist erschüttert: «Das liberale Europa steht der Herausforderung durch Populisten planlos gegenüber. So erschütternd wie der Wahlsieg des nationalkonservativen Präsidentschaftskandidaten Karol Nawrocki ist die Hilflosigkeit seiner Gegner.»

Bis knapp vor Schluss sah es noch gut aus für Rafał Trzaskowski. Der erklärte sich bereits nach den ersten Hochrechnungen zum Sieger und stimmte Triumphgesänge an. Aber dann, oh je, schwang Karol Nawrocki obenaus. Und erklärte sich zu Recht zum Sieger der polnischen Präsidentschaftswahlen.

Tamedia gratulierte ihm so zum Wahlsieg: «Er prügelte sich als Hooligan, kennt Neonazis – und ist jetzt Polens Präsident». Oder so: «Die Wahl des PiS-Kandidaten zum polnischen Präsidenten ist ein Bekenntnis zu hemmungslosem Rechtspopulismus.»

Eine Viktoria Grossmann ordnet ein, einer der Lieblingsausdrücke für hemmungslosen Gesinnungsjournalismus:

«Alle Anzeichen stehen dafür, dass die PiS-Partei mit ihren teils rechtsextremen Ansichten, ihren nationalistischen Parolen, ihren blanken Lügen über die EU oder auch Leute, die sich gern eine Regenbogenflagge an die Kleidung heften, noch weiter nach rechts rückt. Dass sie nun, zusätzlich zu ihrer verrohten Sprache, auch noch jegliche bürgerlichen Sitten fahren lässt.»

Sie sieht eine so grosse Gefahr durch den demokratisch gewählten Präsidenten Polens, dass sie gleich an höchster Stelle eine Forderung deponiert: «Die europäischen Partner können und sollten der polnischen Regierung helfen, wenn sie an einem verlässlichen Partner interessiert sind.»

Früher nannte man das Einmischung in innere Angelegenheiten.

Vielleicht wäre es der Mühe wert gewesen, dem Leser zu erklären, wieso eigentlich eine knappe Mehrheit der polnischen Stimmbürger diesen Kandidaten gewählt hat. Da wird es dann sehr, sehr dünn bei Grossmann: «Seine Wähler hat das nicht abgeschreckt – nein, es hat sie regelrecht angezogen.»

Stattdessen widmet sie sich sorgenvoll der Fehler, die die Regierung Tusk begangen haben soll. Und gibt auch ihr einen guten Rat mit auf den Weg, das wäre doch einen Versuch wert: «einen Plan haben und selbstbewusst auch umsetzen, ohne auf die nächsten Wahlen und den Angstgegner zu schielen. Tusk und seiner Regierung bleiben dafür jetzt etwas mehr als zwei Jahre Zeit.»

Die aktuelle Berichterstattung überlässt das Haus der Qualitätsmedien dann wieder den Newstickern wie dpa.

Grossmann ist Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» in Warschau. Mangels eigener Kompetenz übernimmt der Kopfblattsalat an der Werdstrasse ihre Meinung ungefiltert. Obwohl sich alleine aus historischer Sicht der deutsche Blickwinkel auf Polen vom schweizerischen durchaus unterscheidet.

Wie tief der Graben ist, belegt der Kommentar, den der Chef des deutschen Politik-Magazins «Monitor» absonderte. Der gebührenfinanzierte und zu Objektivität verpflichtete Georg Restle schnödete auf X: „Das Wahlergebnis in Polen ist eine Katastrophe: Für Demokratie und Rechtsstaat in Polen.» Als ihm ein Kommentator Kontra gab, das sei das Ergebnis einer demokratischen Wahl, legte er gleich noch die Nazikeule drauf: «Auch der Sieg der Nazis in Deutschland war das Ergebnis einer Wahl und deren Folgen. Demokratie ist mehr als nur ein Verfahren.»

Demokratie ist für Restle offensichtlich ein «Verfahren», das nur ordnungsgemäss abläuft, wenn es ihm genehme Resultate zeitigt.

Aber was soll’s, der zahlende Leser (der Artikel ist hinter der Abo-Schranke verstaut) wird’s schon schlucken. Könnte aber ein Irrtum sein.

Denn vielleicht interessiert den, eine geldwerte Gegenleistung zu kriegen. Zum Beispiel einen Erklärungsversuch, wieso mehr als die Hälfte der Polen diesen Präsidenten gewählt hat – obwohl doch der andere viel besser gewesen wäre, laut fast einhelliger Meinung der Massenmedien.

Nun hat sich also eine Mehrheit der Polen zu «hemmungslosem Rechtspopulismus» bekannt, mit diesem erschütternden Wahlsieg. Warum? Nun, vielleicht weil sie so sind, oder schlichtweg doof. Halt wie die Amis, die auch aus Blödheit Trump gewählt haben, die Italiener mit ihrer Meloni, die Ungarn mit Orban, die Niederländer mit Wilders, die Franzosen mit Le Pen, die Deutschen mit der AfD.

Ach, und wohl auch die Schweizer mit der SVP, aber die ist dann nicht ganz so hemmungslos rechtspopulistisch, oder nur manchmal.

Früher, ja früher, gab es mal das journalistische Prinzip, dass Berichterstattung von Meinung so gut wie möglich getrennt sein sollte. Berichterstattung setzt allerdings Kompetenz voraus, Sachkenntnis, die Fähigkeit, zu analysieren, dem Leser Erkenntnisgewinn zu verschaffen.

Daran mangelt es immer mehr, umso hemmungsloser werden diese Lücken durch Meinung, Besserwisserei und arrogantes Erteilen von unverlangten Ratschlägen ersetzt.

Das ist natürlich erlaubt. Aber dafür noch Geld zu verlangen, das hat auch etwas Hemmungsloses, ja Zügelloses. Eigentlich Sinnloses. Denn wer will solchen Journalisten schon gegen Bezahlung bei der Bauchnabelschau und dem Äussern ihres Unwohlseins zuschauen. Populistisch ist es allerdings nicht, denn solchen Medien laufen die Leute in Scharen weg.

Turbo-Lesen

Absurdes aus dem Departement Cassis.

Wie lange dauert es, um 1800 Seiten zu lesen? So umfangreich ist nämlich der Vertragsentwurf zum neuen EU-Deal. Den sollen nun ausgewählte Parlamentarier in einem sogenannten Reading-Room anschauen dürfen. Keine Handys, keine Kopien erlaubt, nur handschriftliche Notizen möglich.

Ein Stück wie aus Kafkas «Prozess». Lassen wir ausser Acht, dass es sich um ein hochkomplexes Schriftstück handelt. Bei normaler Lesegeschwindigkeit wären das 60 Stunden. Wenn man maximal 12 Stunden Lesen pro Tag annimmt, sind das fünf Tage. Pro Leser. Da es sich um insgesamt sechs handeln soll, wären das also insgesamt 30 Tage.

Also reicht die Lesezeit nicht einmal, um vor der offiziellen Behandlung im Parlament damit fertigzuwerden. Das ist ein Witz, aber ein schlechter. Zudem ist es völlig unklar, was die Auserwählten aus ihren Notizen anderen Parlamentariern oder gar der Öffentlichkeit bekannt geben dürfen.

Ganz abgesehen davon, dass es völlig unklar ist, ob diese Versuche einer Zusammenfassung überhaupt dem Inhalt des Monsterwerks entsprechen.

Zudem hat der Bundesrat in seiner unendlichen Weisheit beschlossen, die nötige Abstimmung nur dem Volksmehr zu unterstellen. In weiser Voraussicht, denn am Ständemehr wäre schon der letzte EU-Vertrag gescheitert. Weswegen er nur dem fakultativen Referendum unterstellt und vom Volk knapp angenommen wurde. Hätten die Kantone mitgezählt, wäre er haushoch abgelehnt worden.

In der Politik ist vieles erlaubt, um seine Ziele zu erreichen. Propaganda, umschwatzen von Unangenehmen, Verdrehung von Tatsachen, repetitive Wiederholung von Schlagworten, um sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit einzubrennen.

In der Demokratie ist einiges nicht erlaubt, wenn man sie nicht beschädigen will. Die Glaubwürdigkeit von Entscheidungsprozessen, die Sicherheit der Stimmbürger, dass ihre Volksvertreter im Parlament tatsächlich seriös und verantwortlich ihrem Auftrag, eben der Volksvertretung, nachleben, das darf nicht leichtfertig ausgehebelt werden, um sein Ziel zu erreichen.

Zurzeit erleben wir eine ganze Reihe solcher Anschläge auf das Vertrauen des Souveräns. In Deutschland wird die grösste Oppositionspartei vom deutschen Verfassungsschutz als «gesichert rechtsradikal» stigmatisiert. Der mehr als 1000 Seite umfassende Bericht ist geheim, nur seine Ergebnisse wurden veröffentlicht. Damit hat die AfD gar nicht die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Schlimmer noch: der Verfassungsschutz, der weltweit nur in Deutschland solche Befugnisse wie die Überwachung von demokratischem Parteien hat, soll etwas schützen, das es gar nicht gibt. Denn Deutschland hat keine Verfassung. Das Grundgesetz wurde von den Alliierten diktiert. Mit der Vorgabe, dass nach einer Wiedervereinigung eine entsprechende Körperschaft eine Verfassung ausarbeitet, die dann einer Volksabstimmung unterstellt werden muss.

Die Wiedervereinigung fand 1990 statt, von einem Verfassungsentwurf ist bis heute keine Rede.

Schlimmer noch: mit diesem Aufkleber stehen die AfD und ihre Mitglieder nicht mehr auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wie das in Deutschland heisst. Und wer dort nicht steht, darf nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Früher, als das gegen Linke ging, nannte man das Berufsverbot. Nun fordert die selbe Linke sogar ein Verbot der AfD. Die zudem  als stärkste Oppositionsfraktion, von der Einsitznahme in wichtige Kommissionen ausgeschlossen werden soll. Zudem wird der CDU/CSU jede Zusammenarbeit auf Gebieten, wo man einer Meinung ist, verunmöglicht.

In den USA legt sich Amok Trump Mal für Mal mit der Justiz und der unabhängigen Notenbank FED an, nachdem seine absurdes Zollschlamassel bewirkt, dass in den USA die Preise steigen, die Wirtschaft abschlafft und eine Rezession vor der Türe steht. Er will ungestört mit «executive orders» durchregieren und foutiert sich selbst um Entscheidungen des Obersten Bundesgerichts.

Und nun werden selbst im Mutterland der direkten Demokratie Buebetrickli angewendet, um einen Vertragsentwurf durchzuboxen, der schwere Beeinträchtigungen der Schweizer Souveränität zur Folge hätte.

Natürlich sind das nicht nordkoreanische, russische oder chinesische Verhältnisse. Aber wie im Geschäftsleben ist es in der Politik so: ist das Vertrauen erst mal verspielt, strebt der Kunde zum Ausgang. Bei der Credit Suisse führte das zum Untergang der Bank. In der Politik sind die kurzfristigen Auswirkungen nicht so dramatisch. Aber es steigert den Politikverdruss ungemein, ist Wasser auf die Mühlen von allen, die überzeugt sind, dass die da oben in Bern sowieso machen, was sie wollen.

Das gilt verschärft für Deutschland und für die USA.

Das Fatale daran ist, dass man Vertrauen sehr schnell verspielen kann. Es wieder aufzubauen, das dauert und dauert.

Die völlig unfähige und bonusgierige Spitze der CS wurde von ihrem Wahlvolk, den Aktionären, nicht zum Teufel gejagt. Die Chancen, dass das verantwortungslosen Politikern passiert, sind leider auch nicht viel grösser.

Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man für eine institutionelle Anbindung an die EU ist oder nicht. Hier ist ein Schaden entstanden, der durch die Unterwerfung unter EU-Recht nur unerheblich gesteigert werden könnte. Aber solange das nicht passiert, besteht noch Hoffnung.

 

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Der Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz».

Brandmauern

Die Mauer zum Brandschutz ist in vielen Köpfen verbaut.

«Notfalls müssen X oder TikTok gesperrt werden», verkündet die ins Parlament gerutschte Grüne-Nationalrätin Meret Schneider in der «SonntagsZeitung». In Deutschland ist «Brandmauer» das politische Schlagwort des Wahlkampfs.

Der Grüne Abwrack-Minister Robert Habeck (bitte nicht einklagen) und Kanzlerkandidat weigerte sich, mit der Kanzlerkandidatin Alice Weidel zu debattieren. Dafür durfte der Noch-Kanzler Olaf Scholz gegen den CDU-Kandidaten Friedrich Merz antreten. Obwohl seine SPD etwas oberhalb der Grünen dahindümpelt und die AfD laut Umfragen nach der CDU mit 22 Prozent die wählerstärkste Partei ist.

Asylanten begehen Attentate in Deutschland, Brandmauer. US-Aussenminister Vance hält in München eine Rede. Brandmauer. Bundesrätin Karin Keller-Sutter vermag seinem Aufruf zu Demokratie und freier Rede etwas abgewinnen. Grosse Brandmauer. Der SP-Berufspolitiker und Funktionär Cédric Wermuth übertrifft sich wieder mal selbst: «Anbiederung an den Neofaschismus». Da fehlen die Worte vor so viel dumpfer Demagogie.

In den USA werden Auswüchse des Genderwahns zurückgeschnitten, es gibt wieder nur zwei Geschlechter. Grosse Firmen stellen ihre absurden Diversity-Programme ein. Ganz grosse Brandmauer.

Ursprünglich wurde der Begriff geprägt, um klarzustellen, dass keine der anderen Parteien etwas mit der AfD zu tun haben will. Als der CDU-Vorsitzende Merz im deutschen Bundestag mit den Stimmen der AfD einen Vorschlag zur Verbesserung des Asylchaos erfolgreich einbrachte, stürzten unzählige Brandmauern über ihm ein. Der Vorschlag sei zwar durchaus vernünftig, aber vergiftet und falsch, weil ihm die Bösen zustimmten.

Schon längst sind solche Brandmauern in den Köpfen vieler Journalisten angekommen. Wer ein Widerwort gegen ihre immer verzweifelteren Versuche wagt, mit wokem Geschwafel und der Sprachvergewaltigung Korrekt-Deutsch an den Lesern vorbeizuschieben, wird ausgegrenzt. Debatte war gestern, heute ist Brandmauer.

In der Mediendatenbank SMD gibt es alleine im letzten Monat 1415 Treffer dafür. «Kontoverse Debatte» hingegen kommt 209 mal vor. Sagt einer was, Brandmauer. Was hat er eigentlich gesagt? Völlig egal, er ist Teil der dunklen Seite der Macht.

Aus Verantwortung, weil es in der Schweiz nur zwei grosse Medienkonzerne mit einem wahren Kopfblattsalat gibt, die die öffentliche Debatte beherrschen (und noch ein wenig «Blick»), sie wenigstens als Podiumsorgane zu führen – vergiss es. Das wurde beim grossen Aufräumen und dem Ergiessen von Einheitssosse in alle Organe mit heiligen Eiden beschworen – es findet nicht statt.

Sexismus ist nach wie vor das Lieblingshobby von Tamedia. Dem «Fall Travis» wird online bereits eine eigene Rubrik gewidmet, ständig ausgebaut. «Was den Spitzenfussball so anfällig macht für sexuelle Gewalt», «Der FCZ holt sich mit Benjamin Wendy ein gewaltiges Problem ins Haus», «Unser Dokfilm zeigt, wie ein Zürcher Party.Influencer Frauen sexuell ausnützt». Aber natürlich gilt die Unschuldsvermutung, kicher.

Jenseits jeder Brandmauer ist auch alles, was mit einem Wort zu tun hat: Trump. «Wird die Schweizer Politlandschaft «trumpisiert»?», «Es wächst die Sorge vor einem perfiden Plan des US-Präsidenten». Eine gleichhohe Brandmauer wird um den zweiten Gottseibeiuns aufgezogen: Elon Musk.

Der Ton wird im Allgemeinen keifiger; immer vorne dabei Jacqueline Badran:

«Weshalb schreiben Journalisten lieber Schüleraufsätzchen über die vierte Staffel der Trump-Show, statt über dessen krasse Inkompetenz zu berichten

Berechtigter wäre die Frage: wieso schreiben Journalisten Schüleraufsätzen gegen alles vermeintliche Übel in der Welt, statt sich ihrer eigenen Inkompetenz bewusst zu werden?

Natürlich ist es für Flachköpfe hilfreich, die Welt in ein einfaches Raster zu pressen. Was auch immer Trump, Musk (von Putin ganz zu schweigen) tun, ist übel. Falsch. Gefährlich. Wenn die AfD irgend etwas zustimmt, dann wird das dadurch falsch, auch wenn es vorher vielleicht richtig war. Das macht die Navigation in einer unübersichtlichen Welt einfach. Überall schwimmen Heulbojen im Meer des Nicht-Verstehens, die vor Untiefen und Ungeheuern warnen.

Herausragend ist und bleibt der «Spiegel». «Chaos ist das neue Normal», ««Die Europäer sind feige»», «Eure Empörung hilft nur der AfD», «US-Regierung will gefeuerte Beamte wieder einstellen – hat aber keine Kontaktdaten mehr», «Die Kotzbrocken-Doktrin» (muss jemand raten, wer gemeint ist?), «Erleben wir gerade einen Staatsstreich, orchestriert aus dem Weissen Haus?», «Trumps Feldzug gegen die Wahrheit», «Warum Trumps Vize der AfD hilft», «Wer kann Donald Trump noch stoppen?»

Wie der Schwimmer, der mehrfach Hilfe schreit, und dann absäuft, weil ihn niemand mehr retten will, schreien diese modernen Grossinquisitoren «Faschist, Rechtspopulist, Rassist» bei jeder Gelegenheit, bis sich die Begriffe so abgenützt haben wie ein Reifen ohne Profil. Beliebt sind auch «instrumentalisieren, skrupellos» und «Hass schüren».

Es wird nicht mehr informiert, sondern vergeblich indoktriniert. Nach der alten Propagandamethode: wiederhole das ewig Gleiche immer wieder, und dann nochmal. Es bleibt hoffentlich in den Köpfen stecken.

Gegenseitiges Schulterklopfen in der Journaille ist die einzige Resonanz, die sie bekommen. Wer einem Beruf beim Verelenden zuschauen will, hier wird’s öffentlich aufgeführt.

 

Nieder mit Merz!

Ein wenig Statistik zur Illustration des Tamedia-Wahnsinns.

Manche, vor allem in den Verrichtungsboxen der Zentralredaktion des Tagi, mag das überraschen: Ein Bezahlmedium sollte dafür seinen Lesern etwas Wertiges bieten. Nachricht, Analyse, Einordnung, Aufbereitung. Statt Gerülpse und Meinung satt.

Schauen wir uns alles an, was in der vergangenen Woche unter dem Stichwort Friedrich Merz erschienen ist.

Es sind, Stand Montagmorgen, bei Tamedia 27 Artikel. Natürlich viele Doubletten dabei, da das Ganze in den Kopfblattsalat gespült wird. Einige Mütterchen: «Wie Friedrich Merz sich selbst eine Fall stellte, Merz scheitert überraschend mit Asylgesetz – trotz erneuter Hilfe der AfD, Merkel kritisiert Merz, Friedrich Merz macht einen kolossalen Fehler, Für ein strengeres Grenzregime nahm Friedrich Merz Stimmen der AfD in Kauf».

Fügen wir noch Alice Weidel, die Co-Chefin der AfD, hinzu: «Ex-AfD-Chefin Frauke Petry im Interview: «Wenn AfDler reden, geht es früher oder später immer um Hitler», «Die AfD ist sexbessen», «Noch problematischer ist der obsessive Fokus einiger Schweizer Medien auf Weidels «menschliche» Seiten – wie ihre kulinarischen Präferenzen oder ihre Naturliebe: Damit wird verschleiert, dass sie als Aushängeschild einer in Teilen rechtsextremen Partei fungiert.»

Wer sich das angetan hat, kann nicht ernsthaft behaupten, umfassend informiert worden zu sein. Gut, schlimmer geht immer. «Der Spiegel»: «Ein Mann sieht blau, Die Geister, die Merz rief, Der Mann darf nicht Kanzler werden, Zerreisst Merz die Union?, Er kann es nicht, Friedrich Merz fällt auf einen Psychotrick der AfD rein, Ein beschädigter Kandidat in einem beschädigten Land, Rechtsabbieger im toten Winkel, Maximaler Schaden für die Demokratie, Das Fiasko des Friedrich Merz, Blufft Friedrich Merz nur? Wie Friedrich Merz der AfD die Tür zur Macht öffnete, So darf Merz nicht weitermachen».

Fügen wir noch Alice Weidel hinzu: «Alice im D-Mark-Wunderland, So viel Hass, Ein Eiszapfen für Deutschland, Wo die AfD, da kein Plan».

Der Leser hat wohl die Botschaft verstanden. Schlimm ist, dass nicht nur Tagi und «Spiegel» unermüdlich warnen, raunen, denunzieren. Auch die meisten anderen Mainstream-Medien schwimme mit im Malstrom. Und niemandem all dieser Koryphäen fallen drei einfache Tatsachen ein oder auf:

  1. In einer Demokratie kann keine Partei verhindern, von wem Vorschläge von ihr Stimmen bekommen.

  2. Wie kann es sein, dass ein harter Eingriff ins deutsche Asylchaos zwar dringlich nötig ist, und hätte die AfD nicht dafür gestimmt, sogar als sinnvoll erachtet worden wäre. Aber mit ihren Stimmen verwandelt sich der Vorschlag in etwas Böses.

  3. Es wäre der SPD und den Grünen unbenommen gewesen, für diesen Vorschlag zu stimmen. Aber sie brachten das Kunststück fertig, lieber gegen die CDU (und die AfD) zu stimmen, ohne einen Gegenvorschlag zu haben, obwohl auch sie einräumen, dass Handlungsbedarf besteht.

Also halt weiter im Chaos als zusammen mit CDU und AfD dagegen. Der Gipfel der Absurdität, und der ist mit der Ablehnung des Gesetzes erreicht: der braune Sumpf der AfD muss nur etwas kürzer treten und die Partei muss alle Knaller wegstecken, die der «Spiegel» (und die SZ) vor den Wahlen noch zünden werden, dann fährt sie im Schlafwagen zum Wahlsieg (with a little help from my enemies).

In turbulenten Zeiten verlieren viele Massenmedien ihren Kompass – und jammern beim unvermeidlichen Leserschwund über die Arglist der Zeiten, gegen die man nicht ankomme. Irgendwie ähnelt der Tagi der Migros zurzeit; kein schöner Anblick, so viel geballte Inkompetenz der Führungsetage.

Tagi schäumt

Dominique Eigenmann zeigt Friedrich Merz, wo der Hammer hängt.

Der Einstieg ist noch leicht staatstragend. Dass die CDU für einen vernünftigen Vorschlag zum Asylchaos die Stimmen der AfD im Parlament akzeptierte (wie sollte sie die eigentlich ablehnen?), sei eine «Zäsur».

Dass die anderen Parteien – ausser der FDP – diesen «5-Punkte-Plan» ablehnten, ist das nicht eigentlich das Kritikwürdige? Aber zu solch demokratisch-parlamentarischen Überlegungen ist Eigenmann in seiner dampfenden Empörung nicht in der Lage. Nach kurzem einleitendem Geplänkel holt er die Sprach-Bazooka raus: «Merz hat damit ein deutsches Tabu gebrochen.» Und stellt sie auf Dauerfeuer.

«Wegen der schrecklichen Erfahrung mit der nationalsozialistischen Diktatur galt in der politischen Mitte bisher die Übereinkunft, dass man mit rechtsnationalistischen oder rechtsextremistischen Parteien nicht zusammenarbeitet.»

Ignorieren, das hat bislang ja so viel genützt, dass die AfD nicht zuletzt deswegen in Meinungsumfragen die zweitgrösste politische Partei ist, aber das kann ja nur eine optische Täuschung sein.

Dann das Panoptikum des Schreckens, denn es ist ja nicht nur in Deutschland so. Mit Herbert Kickl bereite sich in Österreich «ein Radikaler gerade darauf vor neuer Kanzler zu werden». Hm, ob das daran liegen könnte, dass er die stärkste Partei vertritt? Ach, und in diesem Umzug darf natürlich eine weitere Partei nie fehlen: «oder der Schweiz, wo die SVP im Bundesrat mitregiert, obwohl manche ihrer Vertreter in der Asylpolitik ähnlich weitreichende Forderungen stellen wie die AfD». Vergessen hat er in seiner Erregung Le Pen in Frankreich und Meloni in Italien. da kommt leichter Sexismusverdacht auf.

NSDAP, AfD, FPÖ, SVP, welch bösartig-demagogische Aufreihung, an der vor allem die SVP grosse Freude haben wird, weil Eigenmann seine Warnrufe ja im Tagi ausstösst.

Aber zurück zum ungezogenen Knaben Friedrich Merz, der eine strenge Hand braucht. Obwohl: «Recht hat Merz mit der Überzeugung, dass Deutschland eine strengere Asyl- und Migrationspolitik braucht.» Tja, das sehen aber SPD, Grüne und Linke anders. Also haben die Unrecht? Während die FDP richtig sagt, dass man für einen vernünftigen Vorschlag stimme, egal, was darum herum geschieht. Und das BSW sich der Stimme enthielt.

Also auf jeden Fall hat Merz so was von unrecht, dass man das dem immer wieder vergeblich sagen muss, wann hört er denn endlich auf Eigenmann, bevor der an seiner Uneinsichtigkeit noch ganz verzweifelt? Denn es ist doch zweifellos so:

«Von einer staatstragenden Partei wie den Christdemokraten darf man aber bessere Vorschläge erwarten als den rechts- und menschenverachtenden Populismus der AfD.» Also sind diese Vorschläge nun auch rechts- und menschenverachtend? Oder werden sie es in dem Moment, wo sie die AfD unterstützt?

Was fällt diesem Merz und auch seiner ganzen CDU eigentlich ein? Recht haben ist ja gut und schön, aber hallo, Eigenmann erwartet da bessere Vorschläge und ist konsterniert, dass sie trotz seinen unermüdlichen Bemühungen nicht in staatstragender Manier erfolgen.

Hier darf man mal wieder einem Journalisten zuschauen, wie er in seiner Gesinnungsblase nach Luft schnappt und an der Dummheit und Unfähigkeit von Politikern wie Merz, ja von der ganzen CDU, hörbar verzweifelt. Was für ein brutal-lächerliches Weltbild.

Wenn die AfD etwas sagt oder fordert, dann ist das schon mal von Vornherein falsch und schädlich. Wenn die CDU Ähnliches sagt, gilt das auch dort. Wenn die AfD, wie es im Parlament halt so Brauch ist, einem Vorschlag der CDU zustimmt, weil sie den richtig findet, dann ist das der Beweis, dass die CDU damit falsch liegt. Nur wenn die AfD dagegen stimmt, kann es etwas Gutes sein.

Dass die Gegner der Vorlage damit in Kauf nehmen, dass es in Deutschland in Bezug auf die verfehlte Asylpolitik immer mehr brodelt – und der AfD weitere Stimmen zutreibt –, was soll’s, hier geht’s ums Prinzip.

Geht’s noch blöder? Aber ja: «Merz hingegen gibt mit der Zusammenarbeit im Bundestag Weidel nun bei ihrem wichtigsten Wahlversprechen faktisch recht: «Eine echte Asylwende gibt es nur mit der AfD.» War das wirklich, was er wollte

Himmels willen, Merz, halte ein, bevor Eigenmann völlig durchdreht. Du machst einen «kolossalen Fehler», schreib dir das endlich hinter die Ohren, überzeugender als der im roten Bereich haspelnde Journalist kann man dir das doch nicht einlöffeln.

Wenn das nochmal passiert, dann ist Deutschland sicher wieder einen Schritt weiter in Richtung Weimarer Republik, dann braucht es nur noch einen neuen Führer, wie ihn ein SZ-Schmierfink schon Merz anhängte, und dann haben wir wieder den Salat. Und ich hab’s gesagt, wird dann Eigenmann jammern, aber niemand wollte auf mich hören. Tritt das nicht ein, nun, dann erinnert sich doch kein Mensch mehr an diesen Ausrutscher Eigenmanns.

 

NZZaS, ach herrje

ZACKBUM wollte sich mal wieder laben. Aber an solchem Gelaber?

Der schlechten Tradition folgen, als Aufmacher eine mittelmässige Illustration, die pseudo-beängstigende Frage: «Macht er uns ärmer?» Als ob das zurzeit jemand wissen könnte. Dann als neues grafisches Element ein Aufkleber auf den Zeitungskopf, was man eigentlich nicht mache sollte. Und erst noch zu was für einem Thema.

Nicole Althaus über Umea, «der schwedische Ort gilt als Welthauptstadt der Gleichberechtigung». Au weia. Aber dieses Grauen kommt erst weiter hinten.

Zunächst kommt das naheliegendere. Muss man das beschreiben? Ach, manchmal sagt ein Seitenbild wirklich mehr als tausend Worte:

Doch, der Versuch, die Cover-Illustration zu unterbieten, ist bravurös gelungen.

Um die vorangehende Leidensstrecke dem Leser zu ersparen, zitiert ZACKBUM nur den Schluss des Editorials von Beat Balzli, dem sich offenbar bis heute niemand traut zu sagen, dass er das doch einfach seinlassen sollte:

«Ein gestärkter Binnenmarkt plus die überfällige Kapitalmarktunion können Europa gar Luft für eine Entrümpelungsaktion verschaffen, Schlüssel für das Comeback sein – und auch für den Erhalt des Schweizer Wohlstands, was nicht allen klar ist. Denn der grosse Bruder findet Davos «ein schönes Dorf». Dass er die schöne Schweiz verschont, hat er nicht gesagt.»

Der letzte Satz ist wieder mal so ein Dunkeltext, den niemand versteht, ausser: Ende Gelände fürs Editorial. Der Satz davor ist brüllend falsch. Eine «Kapitalmarktunion»? Himmels willen, hat es denn nicht gereicht, was passiert, wenn Griechenland zu gleichen Zinsen Kredite aufnehmen kann wie Deutschland oder Norwegen? Eine immer dysfunktionaler werdende EU soll den Schweizer Wohlstand erhalten? Den die Schweiz dadurch errungen – und verteidigt hat –, dass sie eben so wenig wie möglich an dieses unfähige Monster angeflanscht ist?

Dann ein Interview mit Bundesrat Guy Parmelin; die USA drohten mit irgendwas, und schon das Titelzitat macht die Lektüre überflüssig: «Wir werden versuchen, diesen Entscheid umzustossen». Diesem Versuch sieht Trump sicher mit Bangen entgegen.

Dann wird Dennis Frasch wieder verhaltensauffällig. Welch ein Titel, welch ein Lead, welch ein Schwachsinn:

«Und schon tanzen sie auf den Trümmern. Mit der Brandmauer wollten die politische Mitte und die Linke in Deutschland die AfD ausgrenzen. Jetzt riskiert Friedrich Merz ihren Fall. Ein Nachruf.» Der Nachruf auf den Kanzlerkandidaten der CDU: «Merz nimmt in Kauf, dass es Mehrheiten mit der AfD geben könnte.»
Himmels willen, welches Verständnis hat Frasch denn von Demokratie? Die AfD ist zurzeit die grösste Oppositionspartei im Bundestag. Sie liegt nach Meinungsumfragen nur hinter der CDU, mit 20 Prozent weit vor SPD, Grüne und dem Rest. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es wohl mehr Überschneidungen zwischen AfD und CDU gibt als mit der SPD, dem BSW, der FDP oder gar der Linken. Die Grünen sind vielleicht eine Ausnahme, diese Partei der Opportunisten und Wendehälse kann sich überall einfinden.
Dann wird Frasch wirklich frech: «Die SVP ist zwar nur bedingt mit der AfD zu vergleichen, trotzdem bildet sie mit der SP regelmässig ihre «unheiligen Allianzen» – pragmatische Zweckbündnisse, die man achselzuckend zur Kenntnis nimmt. In Deutschland ist das anders.» Die SVP sei nur «bedingt», aber immerhin mit der AfD zu vergleichen. «Trotzdem», wieso trotzdem, bilde sie mit der SP «unheilige Allianzen». Was soll daran, ausser für einen gläubigen Kirchgänger des Gottesdiensts der einzig richtigen Gesinnung, unheilig sein?
In Deutschland sei durch den Hitlerfaschismus die Erkenntnis gereift, «dass die parlamentarische Zusammenarbeit mit Antidemokraten nicht nur deren Macht stärkt, sondern letztlich die Demokratie selbst zerstört». Also die bedingt vergleichbare SVP, dann die AfD als Antidemokraten und dahinter die NSDAP. Wie kann die NZZaS nur zulassen, dass so ein Unsinn publiziert wird?
Es folgt ein Titel, den gute Sitten und Anstand eigentlich auch verbieten würden: «Der talentierte Herr Ritter». Pech für ihn, dass sein Nachname die Verballhornung von «Der talentierte Mr. Ripley» von Patricia Highsmith anbietet. Ritter ist Bundesratskandidat, Ripley ein eiskalter Soziopath und Mörder. Wunderbar.
Kann man das noch steigern? Kaum, aber doch: «Verhindern Sexpuppen Gewalt?» Hm, die Idee, im Gazastreifen oder in der Ukraine es mal mit Sexpuppen zu probieren?
Dann noch eine schwüle Brise: das Kino entdecke, «was junge Männer längst fasziniert: die Anziehungskraft älterer Frauen, die ihr Begehren ausleben». Hui. Schliesslich  in dieser Reihe noch «Erben ist sehr schambehaftet», nichts erben hingegen ist scheisse.
Und damit ist’s mal wieder überstanden und die Frage offen, ob das jemals wieder besser wird.