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Schlagwortarchiv für: Abschaffung

René Zeyer

Kritzeleien an der Klowand

16. März 2026/20 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Blütenlese in eigener Sache. Ein Plädoyer für die Abschaffung der Kommentarfunktion.

Roger Köppel ergriff in der «Weltwoche» das Wort und liess es länger nicht los. «Narrenschiff» Europa» nannte er seine Titelgeschichte (hinter der Bezahlschranke). Es ehrt ihn und macht ihn und sein Blatt einzigartig, dass er mir die Möglichkeit zur Replik einräumte. Nein, noch toller, die WeWo fragte an, ob sie meinen Artikel hier auf ZACKBUM übernehmen dürfe.

Selbstverständlich.

Es ist klar, dass die meisten Leser der WeWo leider auch in einer Gesinnungsblase schweben, was bei vielen zu Schnappatmung und Hirnstarre führt, wenn es jemand wagt, ihrem Vordenker zu widersprechen. So weit, so gut, sinnvoll und richtig.

Allerdings überkommt einen das kalte Grausen, wenn man versucht, aus inzwischen 93 Kommentaren den durchschnittlichen IQ des WeWo-Lesers abzuleiten. Zunächst einmal beflügelt fast alle, dass feige Anonymität mutig macht. Obwohl die Trottel nicht wissen, dass man sie über ihre IP-Adresse dingfest machen könnte. Aber wozu die Mühe, in diesen Abfallhaufen zu steigen.

Bei der kleinen Auswahl von Höhepunkten ist zu verstehen, dass dabei null persönliche Betroffenheit mitschwingt. Wer seit Jahren mit eher kantigen Meinungen in der Öffentlichkeit steht, hat schon ziemlich alles gesehen. Und im Gegensatz zu den Wecheiern, die nach dem Kadi rufen, weil sie sich von uns beleidigt fühlen, kämen wir nie auf die Idee, das zu tun.

Was die folgende Aufzählung eigentlich will: man sollte selbst die moderierte Aufschaltung von Kommentaren seinlassen. Es gibt Organe, die eine Verifizierung der Kommentarschreiber verlangen. Nun, Peter Müller mit der E-Mail p.müller789@gmail.com ist ganz sicher eine real existierende Person.

Für Kommentare spräche höchstens noch, dass es eine möglicherweise therapeutisch nützliche Triebabfuhr für Gestörte, Zu-kurz-Gekommene und vom Leben und sich selbst Enttäuschte ist. Aber vielleicht gäbe es andere Möglichkeiten der Müllabfuhr als den Kommentar …

Der erste kann immerhin noch einen Hauch von Idee für sich in Anspruch nehmen:

«Wenn in einer Firma McKinsey auftaucht ist ihr Untergang besiegelt. Das selbe gilt bei Zeitungen wenn Zeyer auftaucht. Aktuell ist die WW und IP in freiem Fall.»

Das Pseudonym «wadlbeisser» spricht hier für sich selbst: «Wer schützt uns vor Zeyee?» (Alles immer in Originalorthografie) Der hier findet, alles sei schon gesagt, aber noch nicht von ihm: «Da die übergrosse Mehrheit der Kommentatoren hier bereits festgestellt hat, dass dieser Artikel nur als absoluter Nosens zu bezeichen ist, spare ich mir alles Weitere und kann nur zustimmen.
Erschreckend finde ich, dass es Menschen gibt, die solch einen Müll von sich geben. Ich kann einfach nicht glauben, dass das ihre eigene Meinung sein kann.»

«Sicher einer der schlechtesten Artikel, die Zeyer jemals geschrieben hat.» Langsam merkt es der geneigte Leser: ein argumentationsfreier Raum, dieses Gewäffel. «Ihr Text schafft nicht mal die Einstufung als gehobener Blödsinn.»

«René Zeyer, auch Gastautor bei der «Achse des Guten». Das sagt uns doch alles! Einer der Gutmenschen, wie sie überall hocken.» Dieser Trottel weiss nicht mal, welche politische Ausrichtung diese Plattform hat. «Zeyers Text ist das hilflose Moralgeschwafel eines Wichtigtuers», schwafelt einer hilflos.

Hier bringt einer einen leicht rassistischen Oberton ins Spiel: «Deutsche bleiben vom Geiste her leider immer Deutsche.» Aber eine «Heidi V.» zeigt immerhin einen Funken Humor: «Herr Zeyer, ich denke Sie brauchen ein starkes Pferd, um sich nicht zu (ver)irren.»

Hier hat ein Anonymus blitzschnell seine Meinung gebildet: «Schon beim Lesen der ersten Zeile wusste ich, wer da schreibt: ein Neidhammel!» Und auch der hier weiss es genau: «Mit diesem Text haben Sie sich als ernst zu nehmenden Journalisten komplett disqualifiziert.»

Wie kann man diesen Schrotthaufen zusammenfassen? Null Argument, lediglich Verbalinjurien aus der Deckung des verbalen Heckenschützen, der nicht mal in der Lage ist, mit seinem Namen zu seiner Herabwürdigung zu stehen. Stammtischniveau wäre eine Beleidigung dieser ehrwürdigen Veranstaltung; Kneipenschlägerei kurz vor Sperrstunde trifft es besser.

Natürlich gab es auch ein paar wenige Kommentare, die wenigstens versuchten, zu argumentieren. Aber bei 88 Stück doch erschreckend wenige.

Ach, und wie steht es mit den Kommentaren bei ZACKBUM? Gute Frage, liebe Kommentarschreiber, gute Frage. Etwas über 18’000 hat es seit Beginn gegeben. Dank strengen Erziehungsmassnahmen mussten nur eine Handvoll in den Papierkorb geschmissen werden.

Allerdings ist auch hier manchmal sehr störend zu bemerken, dass sich Kommentatoren ineinander verbeissen, statt, wie es sich gehört, auf den Inhalt des Artikels einzugehen.

Also Jungs (und Mädels und everybody beyond), das ist ein ordnungspolitischer Zwischenruf, wie das die NZZ nennen würde.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/03/Bildschirmfoto-2026-03-15-um-16.25.52.png 646 1316 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-03-16 05:00:152026-03-15 16:43:05Kritzeleien an der Klowand
René Zeyer

«Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht»

7. Januar 2022/0 Kommentare/in Allgemein, Meinung/von René Zeyer

So endet «Der Prozess» von Franz Kafka. So können die Medien enden.

Seit es das Internet und das Digitale gibt, ist der Satz «lügt wie gedruckt» leicht veraltet. Aber nur technologisch, nicht inhaltlich.

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Seit dem Aufkommen der Presse, was auch noch nicht so lange her ist – weder Ägypter noch Griechen kannten das –, wogt die gleiche Debatte. Wer entscheidet wonach, was es wert ist, publiziert zu werden?

Ein Genie verfilmte Kafka mit einem genialen Anthony Perkins.

Wer entscheidet wonach, wie es kommentiert, gefärbt, beurteilt wird, moderndeutsch «geframt»? Haben sich die Medien das Schmähwort von der «Lügenpresse» redlich verdient oder ist das ein dümmlicher Kampfbegriff von Marginalisierten und Verpeilten?

Gedrucktes ist normalerweise schwarz auf weiss, seltener weiss auf schwarz. Die Wirklichkeit ist aber mindestens grau, häufig bunt, scheckig und kompliziert.

Wo fängt unzulässige Beeinflussung an, wo hört die redaktionelle Unabhängigkeit auf? Ist es eine Karikatur aus dem Bilderbuch des Antikapitalisten, dass der Besitzer der Produktionsmittel, hier des Verlags, befiehlt, wo’s langgeht? Oder geben die Schweizer Medienclans die grossen Linien vor? Lesen wir also im Wesentlichen, was Coninx-Supino, Ringier-Walder , Wanner-Wanner oder Lebrument-Lebrument genehm ist?

In Krisen und Kriegen stirbt die Wahrheit zuerst

Fangen wir mit den Basics an. Erinnert sich irgend jemand, in deren Hausorganen einen kritischen Bericht über diese Clans gelesen zu haben? Ist doch auch logisch, wenn mir «Tages-Anzeiger» oder «Blick» gehören würden, fände ich es auch nicht lustig, von meinem eigenen Blatt in die Pfanne gehauen zu werden.

In Krisenzeiten scharen sich Massenmedien gerne um die Regierenden. In den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts wurde Unsägliches auf allen Seiten publiziert. Gelogen, gehämt, gekeift, gehetzt, ganze Weltbilder auf Lügen und Verzerrungen aufgebaut.

Vor dem Gerichtshof der Massenmedien.

Auch im Kalten Krieg gab es unschöne Auswüchse. Unvergessen die Hetze der NZZ gegen den Kommunisten und Kunsthistoriker Konrad Farner Mitte der Fünfzigerjahre. Unvergessen der Inserateboykott der Autolobby gegen den «Tages-Anzeiger». Unvergessen das Schreibverbot gegen Niklaus Meienberg, das damals Otto Coninx unverblümt als persönliche Abneigung verteidigte: «Daneben aber hat sich ein ungutes Gefühl bei mir verdichtet, ich verspürte einen Aberwillen gegen M.s Schreibart, seine Einseitigkeit, seine Verzerrungen, sein Verhältnis zur Schweiz, seine Animosität, seine Manipulation, der ich mich persönlich als Leser ausgesetzt sah.»

Beziehung Medien – Masse: es ist kompliziert

Einzelfälle, dagegen steht eine lange und strahlende Geschichte von durch die Medien aufgedeckten Skandalen? Muss man dann nicht auch die Glanztat eines Hansjörg Abt erwähnen, der hartnäckig den Hasardeur und Betrüger Werner K. Rey zur Strecke brachte? Auch hier könnte man eine lange Latte von Beispielen aufführen.

Aber sind das alles Gross- und Schandtaten aus der Vergangenheit, weil es an Beispielen aus der Gegenwart mangelt? Durchaus nicht. Das Internet ermöglicht ganz neue Formen der Recherche und Aufdeckung. Was früher mühsam in Archiven oder vor Ort zusammengesucht werden musste, ist heutzutage mit etwas Gelenkigkeit am Bildschirm möglich. Allerdings sind die ewigen «Leaks» und «Papers» kein Glanzlicht dieser neuen, schönen Welt. Sondern verantwortungslose Verwertung von Hehlerware, die von anonymen Quellen zugesteckt wird, ohne dass man deren Motive kennen würde.

Blick in einen Newsroom …

Zudem sind die Medien in einen fast perfekten Sturm geraten. Einbrechende Inserate im Print, im Web nehmen ihnen Internet-Giganten wie Google, Facebook oder Amazon die Butter vom Brot. Inhaltliches und im Umfang dramatisch Geschrumpftes wird hartnäckig zu den gleichen Preisen wie früher angeboten.

Die Personaldecke wird dünn und dünner; drei der vier überlebenden Tageszeitungskonzerne verdienen ihr Geld längst mit journalismusfremden Tätigkeiten. Um für wegfallende Einnahmen kompensiert zu werden, fahren sie zudem einen erkennbaren Schmusekurs gegenüber Staat und Regierung.

Grenzenlose Vermischung von Bezahltem und Berichtetem

Auch die Pandemie ist Anlass, staatstragende Geräusche von sich zu geben. Das ist nicht verboten, aber da es inzwischen faktisch Tageszeitungsmonopole gibt, wäre es schön gewesen, wenn die Behauptung, Forumszeitung und Plattform zu sein, mehr als ein Lippenbekenntnis wäre.

Die schon immer sehr dünne Grenzlinie zwischen bezahltem und selbst erstelltem Inhalt verblasst bis zur Unsichtbarkeit. Früher inhaltsschwere Worte wie «recherchiert», «investigativ», «undercover» oder «Reportage» denaturieren zu Lachnummern.

Das alles sind unangenehme Begleiterscheinungen. Aber die Wurzel des Übels liegt woanders: Glaubwürdigkeit behält man, wenn man nicht heuchelt. Vertrauen geniesst man, wenn man nicht lügt. Kompetenz und Nutzwert strahlt man aus, wenn man inhaltlich und intellektuell etwas zu bieten hat.

Den Anspruch, «wir liefern euch gegen Bezahlung eine professionell gemachte Auswahl der wichtigsten News des Tages, kompetent dargeboten, eingeordnet und analysiert», den kann man behaupten. Wenn man an ihm Tag für Tag scheitert, dann schafft man sich selbst ab.

Arbeiten an der Selbstabschaffung

Genau daran arbeiten die drei grossen Medienkonzerne der Schweiz. Der vierte versucht immerhin, auf Content, Journalismus und Inhalt zu setzen. Und die Staatsmedien, denn nichts anderes ist die SRG, können trotz garantierten Einnahmen immer weniger den Anspruch erfüllen, die Grundversorgung an Informationen aufrecht zu erhalten.

Wenn’s im «Prozess» dem Ende zugeht.

Nur ein Symbol dafür: Wer eine Wirtschaftssendung wie «Eco» ersatzlos streicht, setzt keine Sparmassnahme um, sondern holzt einen Grundpfeiler des Service publique ab.

Die schrumpfende Bedeutung der Medien, der zunehmende Verlust der Deutungshoheit in der öffentlichen Debatte, mangelnde Ressourcen und bescheidene intellektuelle Kapazitäten werden kompensiert mit verbitterter Rechthaberei, mit Kommentaren, die sich mit dem eigenen Bauchnabel, eingebildetem oder geklautem Leiden befassen. Die ungefragt und sowohl haftungs- wie verantwortungsfrei kreischig Ratschläge erteilen, Forderungen aufstellen, Handlungsanleitungen geben.

Einen guten Ruf erarbeitet man sich über lange Zeiten. Verspielen kann man ihn mit wenigen Handgriffen. Wir haben keine «Lügenpresse» in der Schweiz. Aber «All the News That’s Fit to Print» ist’s schon lange nicht mehr.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/01/Prozess7.jpeg 555 1013 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-01-07 06:30:382022-01-06 09:07:05«Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht»

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