Watch your words
Trumps Sprache verrät eigentlich alles über den Mann.
«Ich kenne den Mann seit Jahren und halte ihn für sehr klug und sehr stark.» So lobhudelte US-Präsident Donald Trump im April 2018 John Bolton, als er ihn zu seinem Sicherheitsberater machte.
Bolton sei ein «lowlife», Abschaum, nichtsnutziger Penner, ein «sleazebag» (Dreckskerl). Er sei nicht wirklich klug, aber er könnte «sehr unpatriotisch» sein. Plus die Drohung: «Ich werde es herausfinden.» Das sagt Trump heute über seinen Kritiker Bolton.
Über den Chef der US-Notenbank FED sagt Trump: Jerome Powell sei ein «Schwachkopf», der «Mister zu spät», er sei «crazy» (verrückt) und sein «Feind», der so schnell wie möglich zurücktreten müsse.
Seine ehemalige Konkurrentin sei die «crooked Hillary», die korrupte Hillary Clinton, Nancy Pelosi «crazy Nancy». Die Medien ganz allgemein seien die «Feinde des Volkes», was auch Richter treffen kann. Wer ihm unliebsame Artikel verbreitet oder Urteile fällt, sollte gefeuert werden.
Sein allgemeines Abwertungsvokabular umfasst unter anderem die Begriffe «Loser, Clown, disaster, stupid, very dumb, total disgrace».
Also Reaktion auf seine Amok-Zollpolitik würden ihm nun reihenweise Staatenführer den «Arsch küssen».
Sich selbst sieht er als «stabiles Genie», zu allen Themen, über die er sich äussert, hat er den Satz parat «niemand versteht das wohl besser als ich», was sich sogar auf das Wachstum und die Pflege von Rasen bezieht.
Beliebte Sätze sind ebenfalls: «Ich habe mehr für Amerika getan als fast jeder andere Präsident. Meine Rallyes sind die grössten und enthusiastischsten in der Geschichte. Die Leute lieben mich wie niemanden sonst.»
Auch historische Vergleiche scheut er nicht: «Viele Leute sagen, ich sei wie Abraham Lincoln – aber mit noch mehr erreicht.»
Hinzu kommt, dass Trump lügt, dass sich die Balken biegen und nicht nur über Personen seine Meinung diametral ändert. Das gilt nicht nur für US-Politiker. So ist Russlands Präsident Putin einmal für Trump «ein Genie», dann aber auch ein «madman», ein Verrückter.
Dazu ist Trump völlig skrupellos bei der Selbstbereicherung, was die «Financial Times» mit einer Unzahl Belegen als den «grössten Raubzug am helllichten Tag» der jüngeren Geschichte bezeichnet.
In letzter Zeit kommt es zunehmend vor, dass der 79-jährige Trump vom Thema abweicht, mäandert, sich in Nebensächlichkeiten wie dem Zustand des Grases in Washington D.C. («niemand versteht mehr von Gras als ich») verliert.
Alles, was ihn ausmacht, ist in einem Satz aus dem Wahlkampf von 2016 enthalten:
«I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody, and I wouldn’t lose any voters, OK?»
«Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschiessen – und ich würde keine Wähler verlieren.»
Mit aller gebotenen Vorsicht lässt sich daraus ein Psychogramm des mächtigsten Mannes der Welt erstellen. Von jemandem, der eine solche Kappe trägt und das nicht ironisch meint:

Er ist ein Narzisst mit starkem Bedürfnis nach Bewunderung und niedriger Frustrationstoleranz. Er benützt einfache Botschaften und hat ein klares Freund-Feind-Schema. Er hat ein hohes Bedürfnis nach autokratischer Macht und den Anspruch, allein die richtigen Lösungen zu haben. Er beansprucht Dominanz durch Herabsetzung des Gegners. Sich selbst sieht er gerne in der Opferrolle («Fake News», gestohlene Wahlen). Seine Bewertungen und Einschätzungen ändern sich je nach Loyalität oder Opportunität, gehorchen keinerlei Prinzipien.
Das ist alles nichts Neues; solche Machtmenschen gab und gibt es in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Sie haben allerdings eines gemeinsam: von Stalin über Hitler bis Mao sind sie allesamt gescheitert. Das hatte jeweils Millionen von Toten zur Folge.
Keiner von ihnen war so mächtig wie der US-Präsident heute. Was geschieht, wenn ein Narzisst scheitert? Abwehr, Verleugnung, im besten Fall Depression und Rückzug. Im Normalfall Wut und Aggressionsausbrüche, da das Scheitern als Angriff erlebt wird.
Wehe uns.
