Was alles wegkann
Die spanische Exklave Ceuta bei Marokko wird überrannt, Melilla belagert.
Selbst die linke taz titelt am Freitag: «Über 40.000 sollen Grenze nach Spanien überwunden haben». Andere Organe verwenden Zahlen von bis zu 80’000 Menschen, die nach Ceuta eingedrungen sind. Allein an einem Tag sollen es laut CNN 50’000 gewesen sein.
Es soll bereits mehrere Dutzend Tote gegeben haben; normalerweise hat Ceuta rund 85’000 legale Einwohner. Die Lage scheint weitgehend ausser Kontrolle, die lokale Regierung schimpft auf die Zentralregierung in Madrid, Chaos herrscht. EU-Staaten überlegen sich, aus Schengen auszutreten, weil all das dysfunktional ist.
114 Treffer erzielt man in der Mediendatenbank SMD, wenn man am Freitag nach Ceuta sucht. Es ist in vielen Medien das Thema des Tages. Mit zwei Ausnahmen.
SRF vermeldet zunächst «Hunderte Migranten schwimmen nach Ceuta» steigert sich dann zu «Zehntausende Migranten». Und nimmt seinen Bildungsauftrag endlich mal ernst: «Ceuta und Melilla: Spanische Exklaven aus der Phönizierzeit».
Der «Tages-Anzeiger» gibt in einem etwas aufgebrezelten New-Ticker einen «ungewöhnlichen Andrang» bekannt, gefolgt von Entwarnung, «aber viele kehrten auch zurück. Die Lage habe sich etwas entspannt, hiess es».
Selbst «20 Minuten» aus dem gleichen Haus widmet diesem krachenden Versagen der Kontrolle der EU-Aussengrenzen eine ganze Artikelsalve.
Aber bei Tamedia ist am Freitag vor dem 1. August wahrscheinlich das C-Team am Gerät. Das arbeitet sich lieber weiterhin an Infantino ab, wo sich Sport-Redaktor Thomas Schifferle in einen wahren Blutrausch schreibt:
«Infantino ist gescheitert – der Fussball möge endlich von ihm erlöst werden. Der 56-jährige Walliser ist einfach untragbar. Sein Gebaren als Sonnenkönig und seine Nähe zu Trump sind für den Fussball zu gefährlich geworden.»
Der Mann scheint fast noch gefährlicher als die Hitzewelle zu sein, die aber auch eine eigene Rubrik «Hitzewelle in der Schweiz» gefunden hat. Aber gemach, Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben extra Webseiten aufgeschaltet, die gute Ratschläge geben, ohne die die Schweizer Bevölkerung wahrscheinlich nicht überleben würde. Pierre Morat macht sich darüber auf «Inside Paradeplatz» köstlich lustig.
Dann ist im Tagi auch noch «Abdul B.» ein Thema. Aber nicht etwa die gesamte islamistische Gefahr, sondern er als Einzelperson, über die der Leiter eines «Deradikalisierungsprogramms» weiss, dass er «zu spät» dazugestossen sei. What a bullshit, würde da nicht nur Präsident Trump sagen.
Ach, und der 1. August im Tagi? Ein bunter Strauss guter Nachrichten: «Nun darf in keiner Gemeinde mehr offenes Feuer entfacht werden», «Kantonspolizei greift durch: Feuerwerksverbot für alle Zürichseegemeinden». Weiteres Gemecker: «Bundesräte fliegen am 1. August quer durchs Land – Beamte müssen sogar nach Brüssel den Zug nehmen». ZACKBUM findet auch, dass selbst Bundesräte innerhalb der Schweiz das Lastenvelo benützen sollten, unseretwegen als Passagier.
Dafür: «Der Cervelat kann mehr als Feuer und Senf – drei Gourmetköche beweisen es».
Die Rezepte sind entweder erschreckend banal («2 Cerevlats, geschält, in kleine Würfel geschnitten, Gruyère, Essiggurken, Tomaten») oder absurd geschwurbelt («Panierte Cervelatroulade mit Kartoffelnage und pikanten Aprikosen») oder gesucht exotisch («Bangkok-Style-Cervelat. Zutaten für den Tom-Kha-Gai-Schaum»). Wie meint ein Kommentator verständlich: «Bei diesen gekünstelten Gerichten wird mir übel.» Natürlich meckert der grün-vegane Leser: «Rezepte mit Fleisch als würden wir nicht in einer existenzbedrohenden Klimakrise stecken.» Dass wir auch in einer Kommakrise stecken, geschenkt.
Wie heisst es so schön: berichten, gewichten, einordnen. Die Nachrichtenlage am Freitag, gemäss dem C-Team bei Tamedia, nach ihrer Wichtigkeit:
- Infantino, der muss weg.
- Die Hitzewelle, die muss auch weg.
- Offenes Feuer und Feuerwerk, muss weg.
- Fliegende Bundesräte – müssen auch weg.
- Zu spät deradikalisieren, das muss weg.
- Cervelats, müssen weg vom Spiess.
Was in der Auflistung fehlt: Tamedia, kann auch weg.
