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Knigge mit Kick

Die Medien als Benimm-Ratgeber. Ratschläge statt Recherche.

Im Kapitalismus gilt das Leistungsprinzip. Im Prinzip. Sogenannte Qualitätsmedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Eigenleistungen erbringen und dafür Geld verlangen. Im Prinzip.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Journalistische Eigenleistungen bestehen aus Recherchen, Analysen, dem Herstellen von Zusammenhängen, Aufdecken von Missständen. Auch aus Interviews mit durchdachten Fragen und interessanten Antworten. Im Prinzip.

Da aber Schmalhans Küchenmeister ist, zweimal gegoogelt und einmal geskypt aus der Verrichtungsbox im Newsroom heraus bereits als journalistische Spitzenleistung gilt, greift um sich, was früher ein Randphänomen war. Weil das den Leser eigentlich eher am Rande interessiert: die Meinung.

Vielleicht ist einer der Gründe für die Erfolgsstory von «20 Minuten», dass das Pendlerblatt auf eines konsequent verzichtet: seine Leser mit Meinungen zu beschallen. Natürlich impliziert Auswahl der Themen, Gewichtung und der Spin der Darstellung immer auch Meinung. Aber es gibt keine Kommentare, keine Editorials, keine Leitartikel. Für «20 Minuten» dreht sich die Welt auch weiter, ohne dass sie zurechtgewiesen, eingeordnet, erklärt oder beschimpft wird.

Deshalb ist «20 Minuten» auch in der Tx Group eine eigene Geschäftseinheit. Der ganze Rest des Medienschaffens ist in Tamedia gebündelt. Und hier wird gemeint, was die Spalten hergeben.

Mal wieder ein «Editorial» vom Katheder herab

In einem «Editorial» zieht «Redaktionsleiter» Thomas Speich über die Demonstranten gegen die Corona-Massnahmen her. Immerhin konzediert er ihnen das Recht auf Manifestationen. Er ruft sogar zum Dialog auf: «Gute Argumente finden sich sowohl auf der Seite der Massnahmen-Kritiker als auch auf jener der Befürworter. Wir täten auch gut daran, uns die jeweils anderen anzuhören.»

Bis hierher ist es einfach nur eine banale, daher überflüssige Meinungsäusserung. Aber das ist natürlich nur die Einleitung für eine strenge Zurechtweisung:

«Was aber endlich und endgültig aus der Welt geschafft gehört, ist dieser unselige «Diktatur»-Vorwurf, der gerade an solchen Demos gerne erhoben wird. Das ist reine Polemik, bar jeder Grundlage.»

Nun kann man tatsächlich darüber diskutieren, ob der Vorwurf angebracht ist oder nicht. Es ist allerdings eine altbekannte Tatsache, dass bei Demonstrationen zugespitzt wird. Denn ein Plakat oder sogar ein Transparent hat nur einen begrenzten Platz für eine eher kleine Anzahl Buchstaben.

«Gesundheit vor Profit», fordert die Unia. «Eat the Rich», plakatieren die Linksautonomen. «Die Krise bekämpfen, heisst den Kapitalismus bekämpfen», belehrt ein Transparent, «Nieder die Zäune, hoch die Fäuste» ein anderes. Auch immer wieder beliebt: «Klassenkampf» oder «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» oder «Solidarität heisst Widerstand».

Gelebter Widerstand am 1. Mai.

Das ist nur eine kleine Auswahl an Sprüchen, die jeweils zum 1. Mai feilgeboten werden. Über ihre Sinnhaftigkeit kann man ausgiebig diskutieren, am besten bei einem revolutionären Roten in der Roten Fabrik.

Sprüche, Taten, Zuspitzungen, Zensur

Niemand käme allerdings auf die lachhafte Idee, dazu aufzufordern, einige dieser Sprüche aus der Welt zu schaffen. Aber bei Massnahmen-Gegnern fühlt sich der Redaktionsleiter bemüssigt, ihrem Diktatur-Spruch die Knöpfe reinzutun. Denn unsere Landesregierung sei nun nie diktatorisch gewesen. Wer so etwas behaupte, solle sich mal die Philippinen anschauen, da gehe es diktatorisch zu und her.

Klare Ansage mit 13 Buchstaben und einem Satzzeichen.

Woher kommt dieser verbissene Ernst gegenüber einer zugegeben leicht lächerlichen Überspitzung? Ist das die reine Meinungslust? Das Bedürfnis, die Welt ein wenig besser zu machen, indem man ihr Bescheid stösst? Das Angebot eines Dialogs?

Wäre es so, wäre es lediglich lächerlich, so wie die Überspitzung «Diktatur». Leider ist es aber mehr als das. Denn ausser in den Kolumnen des Pausenclowns Markus Somm kommen die Argumente – auf die man doch auch hören sollte – der Massnahmenkritiker bei Tamedia nicht vor. Oder höchstens, um als unwissenschaftlich, fahrlässig, unverantwortlich, gefährlich nahe an Verschwörungstheorien, zumindest weltfremd, ungehörig, absonderlich in die Pfanne gehauen zu werden.

Ist das noch erlaubt?

Der Ersatz von Meldung durch Meinung ist das eine. Der Abschied vom Modell Forumszeitung ist das andere, Schlimmere. Denn während des Endkampfs des medialen Pluralismus, als es sich abzeichnete, dass in allen Grossstädten der Schweiz, mit der einzigen Ausnahme Zürich, nur noch ein Monopolblatt überleben wird, wurde das Mantra gebetet: schon, aber dafür wird in der Basler, Berner, Luzerner, Zuger, Aarauer, St. Galler, Appenzeller Zeitung Platz für Pluralismus sein.

Das war allerdings nur so eine Meinung.

Sturm oder kein Sturm, das ist hier die Frage.

 

Tag der Albernheit

Heraus zum, erkämpft das Menschenrecht, alle Räder stehen still. 1. Mai. Und?

Heute Abend wird man Genaueres wissen. Wie ist der Internationale Kampftag der Arbeiterklasse über die Bühne gegangen? Auch hier muss sich die Arbeiterbewegung von vielen liebgewonnenen Traditionen trennen.

Grosse Manifestation mit anschliessendem 1.-Mai-Redner? Nein, leider verboten. Der schwarze Block tänzelt um die Polizei herum, bis er dann furchtbar eins in die Fresse kriegt? Wurde schon vor Jahren abgestellt.

Und dann in Zürich das grosse Volksfest auf dem Kasernen-Areal? Wo zu überteuerten Preisen schlechtes, aber authentisches Essen und Trinken aus aller Welt feilgeboten wurde? Fällt aus.

Genauso wie die Weltrevolution. Auch daran ist ein Virus schuld, der ist sogar stärker als die Arbeiterbewegung. Die aber sowieso schon sehr geschwächt ist. Mangels Arbeitern.

Aber vielleicht wäre der 1. Mai Anlass, mal über den Zustand der Freiheitsrechte nachzudenken. Also genau das zu tun, was die Schweizer Journaille wieder flächendeckend verweigert.

Wie geht’s unseren grundlegenden Freiheitsrechten?

Denn Versammlungs- und Demonstrationsrecht gehört zu unseren Grundfreiheiten. Genau wie Bewegungsfreiheit und Gewerbefreiheit. Genau wie das Recht, unzensiert seine Meinung so öffentlich wie möglich äussern zu können. Genauso wie das Recht, über fundamentale, uns alle betreffende neue Vorschriften abzustimmen.

Genauso wie das Recht, dass der, der die Zeche zahlen wird, über ihre Herstellung ernsthaft mitreden darf. Das wäre der Idealfall – in einer Demokratie der mündigen Staatsbürger.

Im «Tages-Anzeiger» regt sich einer darüber auf, dass die GV der Credit Suisse nur virtuell stattgefunden habe, keine Fragen, keine Diskussion möglich war. Die normalerweise persönlich anwesenden Aktionäre verkörperten zwar nur einen minimen Prozentsatz der Aktienstimmen, das schon. Aber es sei dennoch ein Akt der Aktionärsdemokratie, ein Minimum an freier Aussprache, der Zwang der Führungsclique, hier zuhören zu müssen. Und daher sei es sehr bedauerlich, dass das nicht stattfinden konnte.

Diskussionslos über Widersprüche hinwegschreiben

Nun muss ein Kopfzeitungsblatt, der eine Teil eines Duopols, das die ganze Deutschweiz mit Tageszeitungen versorgt, nicht unbedingt in sich selbst widerspruchsfrei sein. Aber zumindest die Fähigkeit, bei diesen Aussagen einen schreienden Widerspruch zur übrigen Blattlinie zu sehen, die sollte doch vorhanden sein.

Denn die übrige Blattlinie ist, dass solche realen demokratischen Wortmeldungen aufs schärfste verurteilt werden. Wenn sich in Rapperswil und anderswo Staatsbürger zum Protest versammeln, dann fordert Tamedia, dass das mit Polizeigewalt aufgelöst werden müsse. Das nicht zu tun, sende ein ganz fatales Signal aus.

In dem Kommentar über die GV der CS wird auch wirkungsloser Protest als unverzichtbares Element einer funktionierenden demokratischen Mitbestimmung gelobt. Nun ist die Credit Suisse – glücklicherweise – nicht die Schweiz. Sollten ihr allerdings die Folgen ihrer eigenen Unfähigkeit über den Kopf wachsen, dann ist sie too big to fail. Das bedeutet, dass der Steuerzahler zur Kasse kommt. Ungefragt. Sicher kein befriedigender Zustand.

Nun betreffen die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie tatsächlich die ganze Schweiz. Und hier sprechen wir bereits nicht mehr im Konjunktiv. Es ist bislang, viele Aspekte auf der Seite lassend, ein wirtschaftlicher Schaden von über 150 Milliarden Franken entstanden. Man kann über die genaue Höhe diskutieren, aber nicht über den Fakt.

Man kann über das Verhältnis zwischen Geld und Leben diskutieren, aber nicht darüber, dass dieser Schaden wieder aufgeräumt werden muss. Ebenfalls von den Steuerzahlern, von wem denn sonst.

Tötet das Virus die Demokratie?

Also ist nicht genügend Anlass, auch mit untauglichen Mitteln darauf hinzuweisen, dass angesichts solcher Beträge – von allen weiteren Auswirkungen ganz zu schweigen – eine aktivere Mitbestimmung derjenigen, die diese Suppe auslöffeln müssen, dringend geboten wäre?

Aber diese Meinung liest man in der am Staatstropf hängenden Mainstreampresse nicht. Es wird nur die Verantwortungslosigkeit des unerlaubten Zusammenkommens von Demonstranten scharf kritisiert. Es wird nur – völlig belegfrei – behauptet, dass das eine ernsthafte Gefährdung der Gesundheit nicht nur der Teilnehmer, sondern von allen an diesem Ort darstelle.

Und heute wird eigentlich nur darauf gewartet, ob irgend wer aus welchem Grund auch immer Anlass dafür geben wird, dass die Polizei durchgreifen müsse. Was schon im Vorherein mit Applaus bedacht wird. Wie ärmlich ist das denn?