Patient Kuba: Ferndiagnosen

Vielleicht übernimmt Südafrika die Meldungshoheit. Aber noch wird Kuba verarztet.

Die NZZ hat die Berichterstattung über Kuba verlagert. Um den Überblick zu behalten, braucht es Distanz, meint die Qualitätszeitung. Deshalb berichtet nun Thomas Milz – aus Rio de Janeiro. Dort sitzt auch der Lateinamerika-Korrespondent des «Spiegel», der aus Brasilien den ganzen Kontinent bis hinauf nach Mexiko abdeckt – natürlich inklusive Kuba.

Lateinamerika ist ein wenig grösser als Europa; die Absurdität dieser Art von Berichterstattung wird einem vielleicht klarer, wenn man sich einen Europa-Korrespondenten vorstellen würde, der für ein lateinamerikanisches Land berichtet und – zum Beispiel – seinen Sitz in Madrid hätte. Aber von dort aus über Ungarn, Norwegen, Malta oder Griechenland berichtete.

So wie Milz über Nicaragua, Mexiko, Chile, Haiti, natürlich Brasilien – und nun auch über Kuba schreibt. Dank Google und Internet ist er heutzutage natürlich besser informiert als frühere Korrespondenten, die sich mühsam per Fax oder Telefon auf dem Laufenden halten mussten. Aber auch moderne Kommunikationsmittel ersetzen keine spezifischen Kenntnisse.

Das ist natürlich kein persönlicher Fehler des Korrespondenten, wer wäre nicht überfordert, müsste er von Madrid aus ganz Europa bestreichen. Als erfahrener Journalist hält sich Milz an das, was die anderen auch schreiben, und was mit Video- und Tondokumenten aus Kuba belegt scheint. Nur einmal unterläuft ihm ein Schnitzer:

«So war die Versorgungslage in den neunziger Jahren sicherlich prekärer als heute.»

Das ist so kreuzfalsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig wäre. In den 90er-Jahren zehrte die Insel noch von Reserven, die Dollarshops waren wohlgefüllt, aus den Staatsbetrieben konnte noch massenhaft geklaut werden, der Bauboom zur Ankurbelung des Tourismus war eine Quelle für einen breiten Strom von Baumaterialien, die viele tausend Gebäude vor dem endgültigen Zerfall retteten. Zudem erschloss der gewaltig ansteigende Tourismus ganz neue Einnahmequellen. Es entwickelte sich eine wahre Dollar-Apartheit. Zuvor hatten sich vor allem verdiente Genossen aus Ostblockstaaten auf die Insel verirrt, und von denen war nicht viel zu holen.

Kratzen an der Oberfläche ohne vertiefte Kenntnisse

Dann schreibt Milz von Schlägertrupps im Dienste des Regimes. Er meint damit wohl die «brigadas de respuesta rápida». Eine Art Bürgerwehr, die wie vieles auf Kuba durchaus nützliche, wie auch schädliche Aktionen durchführt. Also vom Aufräumen nach Unwettern bis zum Niederknüppeln von Protesten. Das gilt auch für die CDR, die «Comités de Defensa de la Revolución». Diese Komitees zur Verteidigung der Revolution waren in den 60er-Jahren gegründet worden, als Antwort auf ständige Sabotageaktionen der Exilkubaner, mit Anschlägen auf Regierungsbehörden, Kaufhäuser oder Symbole der Revolution.

Militant verteidigungsbereit: CDR.

Seither sind sie immer mehr zu einem Blockwartsystem verkommen, zwecks Kontrolle der Nachbarschaft. Völlig ins Aus manövriert sich Milz hingegen mit seiner Schlussanalyse:

«Notfalls hat das Regime noch eine andere Karte im Ärmel, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Im April 1980 öffnete Fidel Castro den Hafen von Mariel für ausreisewillige Kubaner. Innert vier Monaten verliessen rund 125 000 Kubaner die Insel. Nach den grossen Protesten von 1994 wiederholte Castro die Aktion. Rund 35 000 unzufriedene Kubaner verliessen damals ihre Heimat.»

Das ist nun, sorry, liebe NZZ, einfach Stuss. Denn der kleine Unterschied zu heute ist: damals bekam – Relikt des Kalten Kriegs – jeder Kubaner sofort politisches Asyl und eine Niederlassungsbewilligung in den USA. Seit Präsident Obama ist das Geschichte, vorbei. Wie man wissen sollte.

Noch so ein Kuba-Kenner in der Qualitätszeitung

Vorsichtiger kommentiert Werner J. Marti:

«Der Fall der Diktatur ist noch nicht absehbar, aber mit vermehrter Unruhe in Kuba ist zu rechnen.»

Ein wahrer Satz, so wie: morgen scheint die Sonne. Aber mit Regen ist zu rechnen. Marti war bis 2013 «Korrespondent für Südamerika in Buenos Aires», also auch er ein ausgewiesener Kubakenner. Früher gab es noch den Zentralamerika-Korrespondenten Peter Gaupp mit Sitz in Costa Rica. Nach diversen, teilweise ziemlich bösartigen und faktenfreien Ferndiagnosen hatte er Einreiseverbot nach Kuba, was natürlich die Berichterstattung auch nicht einfacher machte. Aber de mortuis nihil nisi bene, wie man in der NZZ formulieren würde.

All diesen Ferndiagnostikern entgeht der Kern des Problems, die Ursache der aktuellen Krise. Mangelwirtschaft, kaum vorhandene eigene Produktivität oder Wertschöpfung, lächerliche Löhne, zerbröckelnde Infrastruktur, das sind alles keine neuen Probleme. Sie begleiten die Revolution seit ihren Anfängen, verschärft seit dem Zusammenbruch des Ostblocks Anfang 90er-Jahre. Nur unterbrochen durch die milden Gaben aus Venezuela, als sich das ölreichste Land der Welt noch solche Bruderhilfe leisten konnte.

Bis an die Zähne bewaffnet sieht anders aus.

Die kubanische Bevölkerung wurde nicht in erster Linie durch ein repressives Regime brutal unterdrückt. Sondern durch eine Art Übereinkunft. Ihr mischt euch nicht in Dinge ein, die euch nichts angehen. Also Politik, Einparteienherrschaft, Bekenntnis zum Sozialismus. Dafür drücken wir die Augen zu, wenn ihr euch durchs Leben mischelt. Ohne Rücksicht auf angeblich unverzichtbare revolutionäre Tugenden. Resolver, Probleme lösen, das war schon immer das Zauberwort auf Kuba. Legal, illegal, scheissegal.

Das Regime hat die alte Übereinkunft mit dem Volk aufgekündigt

Aber um sich all das zu mischeln, was man halt so braucht – und was meistens nur in Devisen zu unerschwinglichen Preisen erhältlich war –, muss man Zugang zu gefüllten Staatslagern haben.

  • Denn wo nichts ist, kann auch nichts geklaut werden.

Das Regime wusste und tolerierte immer, dass es überall und bei allem einen beachtlichen Schwund gab. Also von dem, was vorne reinkam – ein zweistelliger Prozentsatz hinten rausgetragen wurde. Abgesehen vom Statuieren von Exempeln, wenn’s zu bunt getrieben wurde, war das okay.

Kubanische Elendsverwaltung.

Das ergriff auch zunehmend alle staatlichen Dienstleistungen, bei denen ein Bakschisch immer beförderlicher wurde, sei es auch nur, um einen Stempel auf ein Papier gedrückt zu bekommen. Auch Bereicherung, Privatinitiativen wurden zumindest toleriert. Es entwickelte sich um den Tourismus herum ein breites, privates Dienstleistungsangebot, das die angebliche Überlegenheit der sozialistischen Staatsbetriebe ad absurdum führte.

Wenn nix reinkommt, kann auch nix rausmarschieren

Aber der Tourismus ist zusammengebrochen, die wichtigsten Devisenquellen sind versiegt, die Lager leer. Das Ventil eines neuen Massenexodus existiert eben nicht mehr. Das Regime hat den Konsens einseitig aufgekündigt, seine feinen Repressionsmittel funktionieren nicht mehr.

Früher war es üblich, dass der Staatsangestellte (immer noch 90 Prozent aller Werktätigen), unabhängig von seiner Leistung, bei Wohlverhalten existenziell wichtige Güter drastisch verbilligt erhielt. Den dringend benötigten Kühlschrank, einen Ventilator, einen Kochherd, einen Dampfkochtopf, Material zum Renovieren. Sonst nur zu exorbitanten Preisen in Devisenshops erhältlich.

Politische Dissidenz oder gar offener Protest, und man landete ganz hinten auf der Warteliste. Aber ganz hinten. All das ist mangels Material vorbei. Und dafür bekommt das Regime nun die Quittung. Für nichts anderes.

 

 

Kuba: Aussenberichterstattung

Das Elend des Regimes widerspiegelt sich im Elend der Berichterstattung.

Zum ersten Mal seit 1994 gab es Massenproteste auf der letzten Insel des Sozialismus. Damals war’s der Höhepunkt des sogenannten período especial, der speziellen Periode in Friedenzeiten. Euphemismus für die schwere Wirtschaftskrise, die die Insel nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers fast untergehen liess.

Aber damals beruhigte der charismatische Comandante en Jefe Fidel Castro höchstpersönlich die aufgebrachten Kubaner auf der Uferpromenada Malecón. Und öffnete das Ventil am Dampfkochtopf; die Kontrolle des Zugangs zum Meer wurde aufgehoben, Zehntausende von Kubanern suchten auf Flössen der Medusa ihr Heil in der Flucht nach Norden. Und Tausende soffen dabei ab.

Was ist Realität, was Traum, was Magie, was bleierne Schwere?

Comandante tot, Ventil zugeschraubt, diesmal ist’s ernster. Nach einem kurzen Zwischenhoch, dank brüderliche Hilfe aus Venezuela, steckt Kuba anhaltend in einer Wirtschaftsmisere. Der Tourismus, Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, liegt am Boden, Corona. Überweisungen der Exilkubaner, Einnahmequelle Nummer eins, sind erschwert.

Nachdem es dem Regime in 61 Jahren nicht gelungen ist, die fruchtbare karibische Insel zum Selbstversorger bei Nahrungsmitteln zu machen (was sie bis 1959 war), müssen jedes Jahr rund 90 Prozent der Lebensmittel importiert werden. Das kostet rund eine Milliarde Dollar an Devisen. Die kann das Regime kaum mehr zusammenkratzen, also sind die Läden leer, selbst die wiedereingeführten Dollarshops.

Alle Bestandteile eines perfekten Sturms sind vorhanden

Gleichzeitig stellt die cupola, die herrschende Clique, ihre korrupte Raffgier immer unverschämter zur Schau. Eine Enkelin des Castro-Clans, nur als symbolisches Beispiel, bot auf Airbnb eine totalrenovierte Villa an bester Lage mit Pool, Koch, Chauffeur und Bediensteten, zur Miete an. Für schlappe 660 Dollar – am Tag. Vilma Rodriguez benützte dafür nicht mal ein Pseudonym, ist nicht mal ein pincho, ein Gestochener, wie die hohen Militärs mit den Sternchen auf den Schulterklappen genannt werden.

 

 

 

 

 

 


Für kubanische Lebensverhältnisse obszöne Bilder aus der «Villa Vida».

«Villa Vida», «Das Leben» heisst der Touristentraum in einem Land, wo das Durchschnittseinkommen bei rund 50 Franken im Monat liegt; Kaufkraft nicht messbar. Inzwischen wurde der alte Castro-Slogan «patria o muerte», Vaterland oder Tod, in «patria y vida» verwandelt.

Das Regime unter dem farblosen Präsidenten Díaz Canel spult lediglich die alten Sprüche ab; das sei ein von Konterrevolutionären aus dem Ausland gesteuerter Versuch, mit teilweise bezahlten Provokateuren die Revolution zu bekämpfen, die angebliche Einheit des Volkes aufzubrechen. Dem werde sich jeder überzeugte Revolutionär mit Leib und Leben entgegenstellen.

Wie in solchen Situationen üblich, hat das Regime den Zugang zum Internet erschwert, was die Übermittlung von Nachrichten einschränkt, aber nicht unmöglich macht. Aus inzwischen 15 kubanischen Städten wurden in den letzten Tagen Demonstrationen gemeldet, die von den Sicherheitskräften zwar begleitet, aber nicht verhindert wurden.

Jugendliche suchen die Konfrontation mit den schwarz gekleideten Spezialkräften.

Das Regime hat keine Perspektive mehr zu bieten, ausser fortgesetzten Opfern, ausser ständigen heroischen Überwindungen von neuen Problemen. Seine wirtschaftliche Inkompetenz ist eklatant und offensichtlich, es mangelt an Führungspersonal, die sogenannten «historicos», die historischen Führer der Revolution, sterben weg oder sind, wie Raúl Castro, um die 90 Jahre alt. Also stehen ganz schön viele Zeichen auf Sturm.

Ein Reportagetraum – wäre es früher gewesen

Das wäre der ideale Moment, um vor Ort die Situation zu verfolgen; Che Guevara, Zigarren, Rum, Mulatas, die Insel fasziniert bis heute, Berichten ist höhere Aufmerksamkeit gewiss als aus Haiti.

Stattdessen erleben wir ein Festival der Fernberichterstattung. In «Die Welt» beschreibt Tobias Käufer die «seltene Wut der Kubaner», aus dem fernen Bogotá. Die NZZ überlässt die Beschreibung ihrer Mitarbeiterin Sandra Weiss, die sich schon in der Vergangenheit mit einfachsten Zahlen verstolperte und aus Puebla berichtet, im fernen Mexiko. Nau.ch rückt eine SDA-Meldung ins Netz, im «Walliser Bote» berichtet Klaus Ehringfeld – aus Mexiko City. Im «Blick» darf eine Helena Schmid ans Gerät; 22 Jahre jung und daher weitsichtig; Kuba von nah, aus dem Newsroom an der Dufourstrasse Zürich.

«Blick» macht auf lustig mit dem Titel aus der fernen Ferne (Zürich – Havanna 8200 km).

Die «Süddeutsche Zeitung» beobachtet das Geschehen aus Buenos Aires in Argentinien, was – Überraschung – von Tamedia eins zu eins übernommen wird. Bloss knapp 7000 Kilometer Distanz bis Havanna. Nun muss es nicht unbedingt ein Vorteil sein, vor Ort Ereignissen nachzuspüren. Aber nehmen wir einmal an, die Berichte über Massenproteste in Süditalien kämen aus Oslo, Warschau, Hamburg, Moskau oder Lissabon. Da würde sich der Leser doch fragen, wie kompetent denn diese Ferndiagnosen, diese Weit-weg-Analysen, diese am Bildschirm abgekupferten «Ich war dabei»-Berichte sind.

Nach den ersten Meldungen muss natürlich der analytische Muskel angespannt werden. Das erledigt für Tamedia Simon Widmer, «Redaktor International». Zuvor bei der SoZ in gleicher Funktion. Ob ihn ein zweimonatiges Praktikum bei der «Myanmar Times» für diese Einordnung qualifiziert?

Deshalb. Weshalb? Halt so. Allgemein unzufrieden, der Kubaner.

Ach, und müssen die Kommunisten jetzt «zittern», kommt es zu «einem Regimewechsel»? Ja und nein, kann sein, muss nicht sein, die Übersicht:

Wie wahr. Woran Widmer allerdings eine offensichtliche Nervosität festmachen will? Hat ein Regierungsmitglied öffentlich gezittert? Man weiss es nicht.

Die NZZ, das weiss ich aus eigener Erfahrung, leistete sich in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch einen eigenen Korrespondenten mit Sitz in Havanna. Ob dessen Berichte dadurch besser waren als das heutige Fernschreiben, sei dahingestellt. Aber zumindest konnte der NZZ-Leser dem Bemühen folgen, mit Zeit, Lust und Laune der Realität dieser Insel des real existierenden Surrealismus näher zu kommen. Zumindest wurde er mit dem ständigen Scheitern dieses Versuchs unterhalten.

Wie schaut’s denn in der Wirklichkeit aus?

Wie schlimm ist die Lage aktuell wirklich, gibt es noch Rückhalt fürs Regime, wie soll’s weitergehen, mangels organisierter Opposition auf der Insel, wird das Regime nicht davor zurückschrecken, das erste Mal Militär gegen die Bevölkerung einzusetzen? Haben die Herrscher dort noch genügend Rückhalt? Wenn man teilweise doch an Übergewicht leidende Kubaner schreien hört, dass sie am Verhungern seien, ist das eine zynische Betrachtung von aussen – oder ist die Ernährungslage wirklich beängstigend?

Realer Trübsinn mit libreta, der Rationierungskarte.

Das alles – und viel mehr – könnte eigentlich nur mit einem Augenschein vor Ort beurteilt werden. Es gibt Flüge nach Havanna, weiterhin, und von vielen Orten der Welt aus. Nur: das kostet, und im Elendsjournalismus dieser Tage ist das das Killerargument, das weiterhin Berichterstattung aus der Ferne oder vom Schreibtisch in Europa aus verursacht.

Der Beobachter kann sich selbst ein Bild machen, wenn er will

Jeder, der etwas Spanisch versteht, kann sich auf oppositionellen Webseiten wie cibercuba.com selbst ein Bild der Lage machen. Natürlich ein einseitiges, das sind alles Newsquellen aus den USA, meistens von Exilkubanern finanziert. Aber es gibt das Angebot auch auf Englisch, selbst die Parteizeitung «Granma» hat internationale Ausgaben, wenn man die Gegenseite hören will. Zudem hat Kuba – vor der Revolution – sozusagen CNN in Radio erfunden. «Radio reloj», Uhrenradio,  sendet seit 1947 rund um die Uhr. Nur Wortbeiträge, unterbrochen von der Zeitansage jede Minute, was half, als eine Armbanduhr noch ein Luxusgegenstand war.

Vor Ort könnte man aus Eindrücken ein Kaleidoskop zusammenstellen, das Verständnis schaffen würde. Aber aus Buenos Aires, Mexiko oder gar vom Zürcher Schreibtisch aus geht das natürlich nicht – und es erhebt sich einmal mehr die Frage, wieso der Konsument dafür etwas bezahlen soll.

Vor allem, wenn null lokale Kenntnisse vorhanden sind in der Berichterstattung. Auch dazu nur ein Beispiel. Einer der Schlachtrufe der Demonstranten lautet «Díaz Canel, singao». Das ist Kubanisch und das hätte man sich niemals öffentlich getraut, wenn der Name Castro lauten würde. Ein singao ist ein, höflich übersetzt, motherfucker, Hurensohn, neben maricón (Schwuchtel) mit Abstand das stärkste Schimpfwort, das es gibt. «Come mierda» (friss Scheisse), das Adäquat fürs deutsche Arschloch, ist schon fast liebevoll im Vergleich. Dass singao als Slogan verwendet wird, reicht als Symbol für den Zerfall der Autorität des Staatspräsidenten und Parteiführers. Aber dafür muss man nicht nur Spanisch können …

Ex-Press XLII

Blüten aus dem Mediensumpf.

Auch die «Republik» gerät in Ferienlaune. Das merk man an zwei Dingen. Der Output ist noch magerer als sonst schon. Nehmen wir den 8. Juli als Beispiel. Der Sonntag, wo die «Republik» sowieso ruht, ist noch ein Stückchen entfernt. Aber im Angebot sind lediglich vier Werke. Bei genauerer Betrachtung ein einziges.

Denn auf 15’000 Anschlägen berichtet die «Republik» darüber, wie über die «Republik» berichtet wurde. Lächerlich kurze 4400 A dauert eine launige Kolumne von Olivia Kühni über, nun ja, über sich selbst.

Und originell mit «Gentili signore e signori» beginnt das geschwätzige Inhaltsverzeichnis der Werke dieses Tages, also konkret die Bauchnabelschau von Kühni und, tataa, knapp 28’000 A über das «Reich des Zollfreikönigs». Denn die «Republik» hat herausgefunden, dass Juan Carlos Torres Carretero als Präsident des VR von Dufry letztes Jahr 4,5 Millionen Franken verdient hat.

Wobei herausgefunden nicht ganz stimmt:

Hatten wir doch knapp einen Monat vorher schon.

Aber warum sollte man denn auf eine eigene Idee kommen, wenn das andere schon erledigen. Dufry ist der weltweit grösste Betrteiber von Duty Free Shops an Flughäfen, auf Kreuzfahrtschiffen, usw. Weltweit über 2300 Zollfreiläden mit über 20’000 Angestellten in 65 Ländern.

Aufpumpen, aufblasen, aufmascheln

Nun wurde Dufry von der Corona-Pandemie und dem weitgehenden Zusammenbruch von Flugverbindungen oder Kreuzfahrten schwer gebeutelt. 13’000 Angestellte mussten entlassen werden; diverse Länder unterstützten Dufry als bedeutenden Arbeitgeber finanziell.

Aber die Kette ist nicht untergegangen, nicht zuletzt dank den Bemühungen von Torres Carretero. Dafür kassierte er diese erkleckliche Summe. Wie in der bz zu lesen war. Mitte Juni. Nun braucht natülich der vertieft recherchierende «Republik»-Journi auch so seine Zeit, bis er diese Information zu rund 28’000 A aufgepumpt, aufgeblasen, aufgeschäumt hat.

Denn ausser detaillierten Beschreibungen dieses Vorgangs bietet der Artikel eigentlich nichts Neues. Gar nichts Neues. Aber stellen wir uns vor, dieser ausgewalzte Aufguss wäre nicht am 8. Juli erschienen. Dann hätte sich zwar der Wunsch von Kolumnistin Kühni erfüllt:

«Stellt euch vor, was entstünde, hätten alle ein bisschen weniger Lärm. Ein wenig mehr jener tiefen, klaren Konzentration; einen Raum, um einen Gedanken zu Ende zu bringen. Es wäre revolutionär, es ist revolutionär.»

Zu revolutionär für die «Republik».

Von oben nach unten

Genau, da können wir eigentlich nur bei «watson» gelandet sein. Ins Auge fällt diesmal dies:

 

Und zieht sich und zieht sich und zieht sich. Aber immerhin: es ist wenigstens nicht abgekupfert. Was man von diesem Gefäss eher weniger sagen kann:

Teilweise etwas respektlos? Nein, völlig geschmacklos.

Gibt’s denn wirklich nichts mit Niveau bei «watson»? Nun, dafür wäre ja Philipp Löpfe zuständig, der Wirrkopf und Spezialist für alles, sowie für nichts. Der will mal wieder ein ganz dickes Brett bohren:

Was ist nun schon wieder los, Donald Trump ist doch bekanntlich abgewählt. Schon, räumt Löpfe ein, aber das heisst ja noch nix, denn die ganze republikanische Partei sei «offensichtlich gewillt, die Demokratie zugunsten des Machterhalts über Bord zu werfen».

Öhm, aber sie hat doch zusammen mit Trump die Präsidentschaftswahlen verloren, oder doch nicht? Also kann sie doch in Sachen Machterhalt nicht wirklich aktiv unterwegs sein. Aber wie auch immer, neben anderen fiesen Tricks setze sie zum «Kulturkrieg» an, wobei das wie immer «Erinnerungen an dunkle Zeiten aufkommen lässt. Im Zentrum dieses Kulturkrieges steht die Critical Race Theory (CRT). Sie besagt im Wesentlichen, dass Rassismus ein integraler Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft ist».

Nö, das besagt die CRT im Wesentlichen eher weniger, sondern mehr, dass die Zugehörigkeit zu einer Rasse ein soziales Konstrukt und keine biologische Kategorie sei. Wie spielt sich denn dieser Krieg so ab?

«Texas wiederum verbietet kategorisch, im Klassenzimmer Thesen zu verbreiten, wonach «Sklaverei und Rassismus etwas anderes sind als Abweichungen oder Fehlinterpretationen der authentischen Gründungsprinzipien der Vereinigten Staaten».»

Nun, wer die Gründungsprinzipien der USA kennt, was man von Löpfe offenbar nicht behaupten kann, würde dieser Ansicht durchaus zustimmen. Aber das ist für Löpfe ja nur der Anfang vom Ende, das er ganz deutlich sieht:

«In den USA werden zwar noch keine Bücher verbrannt, doch die Tendenz geht in diese Richtung.»

Diese Tendenz sieht allerdings nur Seher Löpfe. Woran das bei ihm liegt, wagen wir nicht zu ergründen. Auf jeden Fall schliesst er den weiten Bogen und kehrt in heimische Gefilde zurück: «Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Schweiz eine von einer Handvoll überlebenden Demokratien. Kein Zustand, den wir ein zweites Mal erleben möchten.»

Wir möchten hingegen kein zweites Mal eine Analyse von Löpfe lesen, aber Wünschen hat bekanntlich noch nie geholfen.

Baba, blabla, bajour

Eigentlich wollten wir diesen Rundgang durch die Sumpf- und Flachgebiete der Schweizer Medien mit einem Blick auf «bajour» abrunden. Dort scheint es aber so zu sein, dass der Oberverröster von Sponsor- und anderen Geldern, Hansi Voigt, dermassen mit seinen Aktivitäten auf Twitter und anderen sozialen Medien ausgelastet ist, dass eigentlich weder Aktuelles noch sonst Nennenswertes auf dieser Webseite steht:

Wer für so einen Schrott «Member» werden möchte und sich von 40 Franken trennen, ist wirklich selber schuld. Ob es wohl Zufall ist, dass die platte Plattform die Zahlen der «Member» nicht mehr stolz ausweist? «Unabhängigen, tiefgründigen Journalismus für Basel» verspricht «bajour» dafür. Nur: wann man damit anfangen will, das wird nicht gesagt.

Schweizer, macht Ferien in der Schweiz!

Umso näher die Sommerferien rücken, desto schriller werden die Warnungen.

Nachdem Leichenberge und zusammenbrechende Gesundheitssysteme zurzeit nicht mehr so Thema sind, braucht die Medienmeute ein neues Spielfeld, wo richtig die Blutgrätsche zum Einsatz gebracht werden kann.

Da drängen sich natürlich die Sommerferien auf. Genauer: Sommerferien im Ausland. Man kann zusammenfassend sagen: sollte man lassen. Sollte man vergessen. Schweizer, kauft Schweizer Hotels und Restaurants ihre überteuerten Angebote ab! Das ist die Devise, auf die sich viele Medien geeinigt haben.

Natürlich wird das nicht so plump propagiert. Sondern mit Horrormeldungen insiniuiert. Horrormeldungen über mögliche Probleme, die der kühne Wunsch, Ferien im Ausland verbringen zu wollen, fast zwangsläufig nach sich zieht. Mal eine Auslegeordnung.

Zunächst muss ja gereist werden, um ins Ausland zu gelangen. Per Flugzeug: möglich. Aber: ist der Rückflug auch garantiert? Was passiert, wenn das Ziel während des Aufenthalts von «harmlos» zu «Hochrisikogebiet» hochgestuft wird? Selbst, wenn der Tourist wieder wegkommt, muss er dann 14 Tage in Quarantäne in der Schweiz? Wenn ja, was hält wohl der Arbeitgeber davon?

Neue Marotte: Spielregeln während des Spiels ändern

Spielregeln während des Spiels ändern, das ist tödlich auf jedem Gebiet und überall. Besonders aber im Tourismus, denn der durchschnittliche Pauschaltourist ist ein ängstliches und scheues Wesen. Unter Abenteuerferien stellt es sich höchstens vor, dass am Anfang der Reise noch nicht klar ist, wo am letzten Abend gegessen wird.

Aber nun noch mögliche Tests, Hürden, Quarantäne, gefährdete Rückflüge? Vielleicht doch lieber nicht. Aber, wozu hat man denn ein Auto? Damit kann man zwar nicht unbedingt an die Billigstrände der Türkei oder Griechenlands fahren. Aber das nähere Umfeld sollte doch möglich sein. Also Italien, Frankreich, vielleicht auch Österreich oder Deutschland.

Vorsicht, kräht da Tamdia gerade, «an den Grenzen drohen Corona-Staus». Stau, das Wort hört der Automobilist höchstens dann ohne gleich Pickel zu kriegen, wenn es sich um den Stau vor dem Gotthard handelt. Denn das ist dann wenigstens ein ordentlicher Schweizer Stau. Aber an den Grenzen? Da ist man dann doch der reinen Willkür ausländischer Grenzer ausgesetzt. Weiss man denn, was die alles von einem wollen? Tests? Aber welche? Und die dürfen dann auch nicht älter als 48 Stunden sein. Oder 72? Gibt es noch weitere Hindernisse?

Was passiert, wenn der Grenzbeamte es ganz genau nimmt, bei jedem Automobilisten? Das kann dann doch Stunden dauern. Vielleicht sogar Tage. Aber dann ist man erst mal im Ferienland angekommen, wie steht es hier mit der Rückreise? Schweizer Grenzbeamte können auch ganz schön streng gucken und es auch sein. Da nützt dann das Winken mit dem Schweizerpass eher wenig. Quarantäne, Busse, Scherereien?

Positiver Test vor Reiseantritt: und dann?

Wo soll denn da die Erholung bleiben? Oder nehmen wir an, der erst kurz vor der Reise durchgeführte Test (wenn es dann überhaupt noch Testkapazitäten hat, anderes Problem!) ergibt überraschenderweise ein positives Resultat. Der Betroffene ist zwar symptomlos und fühlt sich pudelwohl. Fühlte sich, denn bedeutet das nun, dass die gebuchten Ferien gestrichen werden müssen?

Und was heisst das für die Buchungen? Ist das Geld weg? Kriegt man Anzahlungen wieder zurück? Und wohin soll man im letzten Moment umdisponieren? Ist doch schon alles voll in der Schweiz, und «last minute» heisst heutzutage: sauteuer, nicht schweinebillig. Selbst wenn man all diese Hürden überwunden hat, wie sieht es dann am Zielort aus? Laufen da alle Angestellten mit Masken rum? Oder, noch schlimmer, ohne?

Wie fühlt man sich in einem fast leeren Hotel? Oder ist es voll mit lärmenden Einheimischen, wo man sich doch heimeligen Umgang mit Schweizer Touristen erhofft hatte? Kommt man so in Ferienlaune? Geht so Erholung? Oder ist das alles wieder mal schwer übertrieben, so wie mit den Leichenbergen und zusammenbrechenden Gesundheitssystemen?

Wem kann man noch trauen? Welchen Experten, welchen Medien? Wichtiger noch: bezahlt Schweiz Tourismus wenigstens etwas dafür? Oder machen das die Medien einfach aus Patriotismus oder weil sie vom Zahlvater Bund einen Wink bekommen haben, dass man sich für die Steuerbatzeli satt dann schon etwas erkenntlich zeigen sollte, indem man die einheimische Tourismusindustrie unterstützt?

Der Aargau: wie immer vorbildlich …

Oder nein, noch besser: es ist Seelenverwandtschaft. Der Schweizer Tourismus leidet seit Jahren unter zu hohen Preisen für zu miese Angebote und jammert darüber, dass immer mehr Landsleute lieber die Gastfreundschaft Österreichs oder anderer Ländern geniessen. Kräht zudem nach Staatshilfe, statt einzusehen, dass es so etwas wie Angebot und Nachfrage gibt. Teuer und schlecht war noch nie ein gutes Angebot.

Den privaten Medienhäusern geht es ganz ähnlich. Sie verlangen seit Jahren zu hohe Preise für immer miesere Angebote. Wundern sich, dass ihnen die zahlenden Konsumenten wegbrechen. Und krähen nach Staatshilfe.

Auch das kann in den Fernferien passieren …

 

«Nach Redaktionsschluss»

Die Medien werden bekanntlich immer besser. Mit weniger Leistung. Mit mehr Staatsknete. Oder doch nicht?

Ausser Sandro Benini vom «Tages-Anzeiger» finden ziemlich viele Schweizer recht sensationell, was der Fussball-Nati gegen Frankreich gelungen ist. Der Sieg hatte aber einen schweren Nachteil: er erfolgte erst spät. Sehr spät. Zu spät:

«Achtelfinal gegen Frankreich. Steht die Schweiz erstmals seit 1954 im Viertelfinal einer Endrunde? Oder waren die Franzosen zu stark? Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der Match noch im Gang. Alles zur Partie finden Sie auf unserer Website.»

Denn so spät steht doch bei der «Basler Zeitung» kein Redaktor mehr in seiner Verrichtungsbox. Das würde ja Überstunden bedeuten, und vielleicht kostet es auch noch extra, die Druckmaschinen ein Bitzeli später zu starten. Das alles wegen des Einzugs der Fussball-Nati in die Viertelfinals nach einem Penalty-Krimi? Ach was.

Andere, sogar kleinere Blätter schafften es hingegen:

Das Langenthaler Tagblatt kann’s.

Sogar das «St. Galler Tagblatt», erst noch mit einem launigen Titel.

Auch das Mutterblatt dieses Mediendesasters konnte es vermelden:

In der Hektik die falsche Titelschrift erwischt, aber immerhin.

Nicht-Fussballfans können ihre Enttäuschung darüber beherrschen, dass es nicht mal alle Printmedien in der Schweiz schafften, einen späten Sieg noch mitzunehmen. Echte Fans verfolgten natürlich den Match live, und solche, die das nicht konnten, hielten sich im Internet auf dem Laufenden.

Was soll’s? Das soll’s: Es waren diese kleinen Extraleistungen, die dem Leser das Gefühl gaben: die reissen sich beide Beine aus für mich, die geben Gutzi, die gehen mit, die wollen mir eine Extra-Freude machen.

Auch die Bündner können, was die Basler nicht schaffen.

Natürlich wollten das einige – nicht alle – Journalisten heute noch, Ehrensache, dass man so ein Sportereignis mitnimmt. Aber: inzwischen haben die Erbsenzähler vollständig die Macht übernommen. Eiskalte Rechner wie Pietro Supino, von Kenntnissen völlig unbelastete Söhne wie Florian Wanner, «ich kann Resilienz»-Schwurbler wie Ladina Heimgartner.

Wenn Würstchen die Macht übernehmen, wird der Senf rationiert

Dass ihre Erfolgsbilanz sehr überschaubar ist, ist das eine. Dass ihr Einkommen umgekehrt proportional zu ihren Fähigkeiten in die Stratosphäre abgeschwirrt ist, das andere. Dass sie null Ideen haben, wie ihre Medienhäuser aus eigener Kraft aus dem selbstverschuldeten Schlamassel rauskommen könnten, ist das dritte.

Dass sie gleichzeitig behaupten, unverzichtbare vierte Gewalt zu sein und dem Staat mitsamt seinen Behörden kritisch auf die Finger zu klopfen, aber handkehrum mit übelster Lobbyarbeit im Parlament durchdrückten, dass der Steuerzahler sie mit ein paar Milliarden in den nächsten Jahren für ihr Versagen belohnen soll, ist das vierte.

Das ist so absurd, wie wenn die Corporate Communication einer Grossbank sagen würde: Wir sind zwar finanziell von unserem Brötchengeber abhängig, aber wir werden trotzdem kritisch seine Geschäftspolitik begleiten.

Solchen Stuss kann nur jemand erzählen, der seine Konsumenten, seine Leser wirklich für brunzblöd hält. Das kann nur jemand behaupten, der jede Sparmassnahme, jede neue Abmagerungskur für die Skelette, die früher einmal unabhängige Redaktionen waren, als Verbesserung des Angebots verkaufen will. Das würde sich nicht einmal der schmierigste Teppichhändler auf dem Basar trauen; immer kleinere und miesere Teppiche für gleich viel Geld anbieten.

Absurd, realitätsfern, ohne Steuergelder zum selbstverschuldeten Untergang verurteilt

Das kann nur jemand verzapfen, der bei seinen Regionalzeitungen das Regionale vernachlässigt, auch das Kantonale; so tut, als ob in Basel, Zürich, St. Gallen, Luzern, Aarau oder Bern politische Entscheidungen gleich aufgenommen würden. Und deshalb, wie Wirtschaft, Politik, Kultur – und Sport – von einer Zentralredaktion zugesosst werden kann. Wobei immer grössere Brocken aus «Kooperationen», zum Beispiel mit der «Süddeutschen Zeitung», übernommen werden.

Also immer weniger Angebot für gleich viel Kohle, für immer weniger zahlendes Publikum, dessen gelichtete Reihen mit Säcken voller Steuergeld nachgefüllt werden sollen. Damit’s wieder besser wird? Ja wie denn? Werden die einfallslosen, nur auf Gewinn bedachten Manager als Vertreter der Besitzerclans so schlauer? Fallen ihnen plötzlich Lösungen ein, auf die sie in den letzten 20 Jahren nicht kamen?

Absurd. Deshalb ist das Berichts-Desaster über den Einzug der Schweiz ins Viertelfinal auch für Nicht-Fussballfans ein weiteres Fanal. Soll dieses Rundum-Versagen wirklich mit Milliarden versüsst werden? Mit Milliarden für Multimillionäre? Für Kunstsammler, Aston-Martin-Fahrer, Yacht-Besitzer, denen ihre Aufgabe als vierte Gewalt so was von egal ist? Ausser, sie können damit hausieren gehen?

Dödäda? Jeder hat das Recht …

Darf der das? Wer darf sich ein Bild machen, und warum? Die NZZ bläst sich auf.

Die meisten kennen das Recht am eigenen Wort. Das bedeutet, dass man versuchen kann, eine Aussage, die man einem Journalisten gegenüber gemacht hat, wieder zurückzuziehen. Das hat auch mit der unseligen Unsitte zu tun, ein Interview in verschriftlichter Form noch zu autorisieren.

Das ist im ganzen angelsächsischen Journalismus völlig unbekannt und unüblich. Da gilt: gesagt ist gesagt, wenn der Journalist das verkürzt, verzerrt oder falsch widergibt, dann gibt’s ein Riesengebrüll, also lässt er das.

Das Gleiche gilt auch für das Recht am eigenen Bild. Darüber bricht sich in der NZZ ein Schlaumeier einen ab, allerdings wählt er dafür, Künstlerpech, das falsche Beispiel.

Auf einer Glatze locken drehen, nannte das Karl Kraus.

Das Beispiel ist der Schweizer Fan, der während des Fussballspiels gegen Frankreich geradezu ikonisch litt und dann triumphierte. Da fragt die NZZ streng:

«Muss man es sich als gewöhnlicher Stadionbesucher gefallen lassen, zur Belustigung des Publikums durch die multimediale Arena gezogen zu werden?»

Dazu äussert sich NZZ-Redaktor Daniel Gerny. Pardon, Dr. iur. Gerny. Und lässt gleich die Früchte seines Studiums auf die Leser niederprasseln: «Die Persönlichkeit ist zivilrechtlich geschützt. Art. 28 des Zivilgesetzbuches (ZGB) umfasst auch das Recht am eigenen Bild. Dort heisst es: «Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, kann zu seinem Schutz gegen jeden, der an der Verletzung mitwirkt, das Gericht anrufen.»»

Wurde das der Fan, durfte man ihn so überall abbilden? «Nein – jedenfalls nicht ohne Einwilligung und nicht in dem Masse, wie es hier der Fall war.»

Wenn der Doktor nicht reicht, muss der Professor ran

Gerny versichert sich dabei noch professoraler Unterstützung, denn Doktor ist er ja selbst. So runzelt wunschgemäss auch Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht an der Universität Basel, die Stirn. Sicher dem Genderwahnsinn geschuldet ist dies hier: Regina E. Aebi-Müller, Professorin für Privatrecht an der Universität Luzern: «Schon wenn der gleiche Fan in einem Spiel aber mehrfach gezeigt werde, werde es heikel.»

Hops, ist der nun nochmal verletzt?

Aebi-Müller hat noch weitere brandheisse juristische und sonstige Erkenntnisse auf Lager: ««Das Internet vergisst nicht», betont Aebi-Müller. Es bestehe deshalb durchaus ein Interesse daran, dass eindeutig inkriminierende Fotos schnell vom Netz genommen würden. «Ist damit zu rechnen, lohnt es sich unter Umständen, einen versierten Medienanwalt zu nehmen.»»

Entweder ist das mal wieder weibliche Logik, oder es ist Unsinn. Wir wagen da kein Urteil. Nur: Wenn und da das Internet nichts vergisst – was mal hochgeladen wurde, verschwindet nicht mehr –, ist es eher Beschäftigungstherapie für zwar versierte, aber nicht ausgelastete Medienanwälte, hier tätig zu werden.

Zweite Verletzung?

Abgesehen davon: wenn sich jemand in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt, dann hat er im Prinzip Anrecht auf Schadensersatz. Nur: wo soll er den geltend machen, und wie lässt sich der beziffern? Das gilt auch für die sogenannte Gewinnherausgabe. Also die Forderung, dass alle Medien, die widerrechtlich dieses Bild verwendeten, den damit erzielten Gewinn herausgeben müssen.

Wie kann man die Höhe einer Gewinnherausgabe berechnen?

Nur, wie nicht nur Jolanda Spiess-Hegglin schmerzlich erfährt, wie kann man diesen Gewinn überhaupt berechnen? Hat Ringier tatsächlich eine runde Million an seiner Berichterstattung über die Zuger Affäre verdient? Oder höchstens 10’000 Franken?

Also gerät Gerny überall an «schwierig, aufwendig, beinahe aussichtslos». Was alleine schon die Frage provoziert: und wieso darauf kostbaren Platz in der NZZ verschwenden? Um einfach mal seinen Ius-Doktortitel spazieren zu führen? Die Frage verdichtet sich zur Gewissheit und Antwort, als sich Gerny gegen Schluss noch selbst ins Knie schiesst, um das mal juristisch sauber auszudrücken:

«Inzwischen hat sich der Schweizer Fan im «Blick» geäussert. Aus seiner plötzlichen Bekanntheit mache er sich nicht viel, denn er wisse, dass diese von kurzer Dauer sei. Man kann dies als konkludentes Verhalten sehen – als unausgesprochene Einwilligung in die Veröffentlichung der Bilder.»

Damit ist nun endgültig die Luft raus. Der Betroffene findet das offenbar gerade kein Problem, er fühlt sich also nicht «verletzt». Weshalb das ganze aufgeregte Geschreibe an der Grundvoraussetzung scheitert, dass nämlich ein Rechtsträger sich verletzt fühlt; wem etwas egal ist (oder wer es sogar toll findet), der ist eben nicht «verletzt».

Aber solche Erkenntnisse scheinen Gerny aus dem Hinterkopf gefallen zu sein; ist ja schon ein paar Jährchen her seit seinem Studium. Und wer den Titel hat, der hat ihn. Man kann ihn sich auch nicht wegschreiben. Leider.

Wie Journis die Welt sehen

Was passiert, wenn sich die Perspektive auf eine Verrichtungsbox reduziert?

Dann werden Prioritäten gesetzt. Glasklar und eindeutig. Hier die drei wichtigsten Fokussierungen der Weltsichtbrille eines modernen Journalisten.

So viel Platz gibt’s heute nicht mehr …

  1. Der eigene Bauchnabel

Zuletzt war’s in der Romantik so, dass Innerlichkeit, Empfindsamkeit, Ichbezogenheit diese Bedeutung hatte. Obwohl kulturell desinteressiert und meistens erschreckend ungebildet, haben viele Journalisten das wieder für sich entdeckt.

Sie betrachten mit höchster Aufmerksamkeit den eigenen Bauchnabel. Wie geht es ihm, fühlt er sich wohl, was stört, was erregt Unwillen? Stimmen die Gesamtumstände, herrscht akzeptable Stimmung auf der Redaktion? Fallen böse oder verletzende Worte, lobt der Vorgesetzte nicht genügend? Gibt es etwas, was als Diskriminierung, Ausgrenzung, als Sexismus gar, als demotivierend denunziert und beklagt werden kann?

Gibt es Anlass, einen der vielen Persönlichkeitssplitter, aus denen der moderne Journalist besteht, als leidend zu beklagen? Der Journalist als Mann. Oder als Frau. Als Dunkelhäutiger. Als Glatzköpfiger. Als Dicker, Dünner, Kleiner, Schlacksiger, Stotternder, von Kopfweh Geplagter, von Beziehungsproblemen Geschlauchter, als Angehöriger einer Minderheit oder Mehrheit. Als Schweizer oder Ausländer. Als Basler in Zürich oder umgekehrt. Als Umweltschützer, Velofahrer oder Benutzer eines SUV. Da vergehen ganze Tage, bis sichergestellt ist, dass jeder dieser Eigenschaftensplitter soweit unbeschädigt herumgetragen werden kann.

Objekt der Betrachtung und Begierde.

  1. Das geliehene Leiden

Es ist ja leider so, dass Redaktor in der Schweiz nach wie vor nicht als besonders gefährliche, gefährdete, speziell bedauernswerte Berufsausübung gesehen wird. Es wird eher selten auf Journalisten geschossen, tätliche Übergriffe sind auch nicht an der Tagesordnung. Natürlich steigt die Gefahr, dass das Skelett, das einmal eine Redaktion war, sich noch von einem weiteren Mitarbeiterknochen trennen muss. Aber Kellnern im Gastgewerbe geht es auch nicht besser.

Im Gegensatz zu anderen Berufen hat aber der Journalist die Plattform, ein Megaphon, um sein Leiden der Welt mitteilen zu können. Nur: woran denn? Da hilft nichts, er muss sich Leiden leihen. Das Leiden der Uiguren. Der Schwarzen in den USA. Der indigenen Bevölkerung in Bolivien. Dieses Leiden muss nicht kontemporär sein. Man kann auch geschichtlich leiden. An der Kolonialgeschichte. Dem Sklavenhandel. Der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. An der falschen Verwendung des Wortes Auschwitz.

Ja zum Leiden, sagt sich der Journalist.

Man kann selbst an Wörtern leiden. Negerkuss, Mohr, Gast (für Unsensible: weil es die Gästin ausschliesst), Flüchtling, Asylant, die Sprache ist voll von Aua-Wörtern, die sich wie Pfeile in die empfindliche Seele des Journalisten bohren.

  1. Andere Journalisten

Man könnte meinen, dass Herrscher, Politiker, selbst Stars und Sternchen für Journalisten wichtig wären. Weit gefehlt. Das ist ärgerliches Material für Berichterstattung. Wirklich wichtig sind andere Journalisten. Was sagen die? Was machen die? Vor allem: was machen die falsch? Ein aktuelles Beispiel. Da gewinnt doch die Fussball-Nati gegen Frankreich. Freude herrscht. Aber nicht überall: «Zum Glück bleibt Petkovic selbst beim unflätigen Herrn Salzgeber höflich». So schimpft Tamedia wie ein Rohrspatz über den TV-Kollegen, der sei «empathielos», sein Interview nach dem Sieg sei «nahe an einer Beleidigung». Furchtbar. Glücklicherweise verfüge Petkovic über eine «bewundernswerte Selbstbeherrschung». Was man von Menschen, deren Nachname auf ic endet, ja nicht unbedingt erwarten kann. Das schreibt der Tamedia-Schimpfer natürlich nicht, wäre aber Anlass für neues Leiden eines diskriminierungssensiblen journalistischen Lesers.

Journis kümmern sich um Journis.

Der Laie und Medienkonsument mag sich nun fragen: aber wäre es nicht Aufgabe des Journalisten, dafür wird er doch nicht zuletzt von Steuergeldern bezahlt, Berichte aus Nah und Fern zu liefern? Ereignisse rapportieren, einordnen, analysieren, mit Fachwissen zu glänzen?

Nun, lieber Laie, sagen wir so: Der Müllmann weiss auch, dass der Müllsack seine Berufsausübung erst ermöglicht, denn ohne Müll kein Müllmann. Aber deswegen muss er ja kein freundschaftliches Verhältnis mit Müll pflegen. So ungefähr sieht es auch bei Journalisten und ihrem Verhältnis zu News aus. Leider nötig, aber was schon fertig über Ticker reinkommt, von Agenturen geliefert wird, woanders abgeschrieben werden kann, das ist viel besser als die eigene Anstrengung. Wo bliebe da auch die Zeit für die drei Prioritäten im Leben des Redaktors?

Noch Fragen? Ach, ob sich der Journalist bewusst sei, dass er eine Dienstleistung erbringt, etwas liefern müsste, was möglichst viele Konsumenten dazu motiviert, dafür auch zu bezahlen? Mit Geld oder Attention? Weil eine Dienstleistung ohne Publikum, ohne Nachfrage keinen Sinn macht? Weil das Gericht nicht dem Koch, sondern dem Gast schmecken sollte? Jetzt, lieber Medienkonsument, lieber Leser, jetzt musst du, wenn wir diese mitfühlende Anrede verwenden dürfen, jetzt musst du ganz stark sein.

Denn die bittere Wahrheit ist: das ist dem Redaktor absolut und völlig und total scheissegal.

 

 

Keiner zu klein, Kommentator zu sein

Inhalt war gestern. Einordnende Analyse, fakenbasiert, war vorgestern. Heute ist Meinung.

Freier Journalist? Die wenigen noch frei herumlaufenden Exemplare sollte man unter Artenschutz stellen. Festangestellter Journalist? Selbst beim Zwangsgebührenbetrieb SRG ist das keine feste Sicherheit bis zur Pensionierung mehr.

Ganz zu schweigen von den privaten Medienkonzernen. Als Manager ist man (noch) sicher, unabhängig davon, wie viele Fehlentscheide man trifft oder wie viel Geld man verröstet. Unabhängig davon, dass einem seit vielen Jahren nichts einfällt, wie man mit dem Internet umgehen könnte, ohne sich von Google, Facebook & Co. die Butter vom Brot nehmen zu lassen und nur ein paar Krümel aufzusaugen.

Blick auf die Teppichetage eines Medienkonzerns.

Ausser gelegentlich mit staatstragenden Kommentaren um Staatshilfe zu betteln. Denn die exorbitanten Gehälter wollen ja finanziert sein. Aber das ist ja das Fettauge auf der faden Suppe des modernen Journalimus. Steigen wir ein paar Etagen hinunter. Dort, wo die überlebenden Journalisten mit angezogenen Ellenbogen (sonst hat ihn der Nachbar im Auge) ihr Tagewerk verrichten.

Meistens eher freudlos. Denn das meiste, was den Beruf früher attraktiv und spannend machte, ist im Früher zurückgeblieben. Rausgehen, Feldforschung? Ach ja, schön wär’s. Zeit für vertiefte Recherche haben? Ja, ja, das waren noch Zeiten. Beim Widerstreit der Meinungen mitboxen? Tja, als noch gestritten wurde, weil es am Platz mehr als eine Monopolzeitung gab.

Das Karussell hat nur noch wenige Pferdchen im Journalismus

Ab einem gewissen Punkt sagen: das trage ich nicht mehr mit, ich gehe zur Konkurrenz? Tja, von Ringier zu Tamedia, zu CH Media – und wieder zurück. Da ist nicht mehr wirklich Auswahl. Von NZZ und «Weltwoche» träumen viele, dorthin schaffen es aber nur wenige. Schliesslich bliebe noch SRF, aber seit Nathalie Wappler dort wappelt, auch keine wirkliche Alternative mehr.

Gibt es denn keinen Lichtblick, keinen Trost, versüsst nichts den bitteren Alltag, hilft nur schönsaufen, bis die Leber den Regenschirm aufspannt?

Fast. Ein Ventil gibt es: den Kommentar. Der Redaktor zeigt’s allen. Sagt, wo’s langgehen sollte. Kritisiert, lobt, jammert, gibt seinen Senf zum Weltgeschehen. Sonnt sich im Gefühl, dass er dadurch ganz bedeutend wird. Biden, Putin, China, Venezuela, ganz Afrika; ein strenger Verweis, und schon geht man dort in sich, bereut, ändert den Kurs. Die Welt ist wieder ein Stückchen besser geworden.

So stellt’s sich der Redaktor gerne vor, der Traumtänzer. Nehmen wir als konkretes Beispiel das St. Galler «Tagblatt». Einstmals nicht der journalistische Nabel der Schweiz, aber doch eine anerkannte Stimme aus der zweiten Liga. Wie schaut’s denn dort heute mit den Kommentaren aus?

Wir profitieren zudem davon, dass Pascal Hollenstein, die publizistische Leiter nach unten bei CH Media, gerade mal wieder Pause macht. Wir hoffen, bis mindestens im Spätherbst. Aber seine Lücke füllen andere. Fokussieren wir einen zufällig gewählten Zustand der Kommentare beim «Tagblatt».

Das sind längst nicht alle, aber ZACKBUM will unsere Leser nicht strapazieren.

Nehmen wir noch diese Latte dazu:

Genügend Stoff beisammen. Sven Altermatt will erklären, «warum SP-Mann Fabian Molina reif fürs Museum» sei. Hat irgendwas mit Jean Ziegler zu tun, scheint’s. Aber interessiert einen ein solchen Lockendreher auf der Glatze wirklich? Wirklich nicht. Der Oberchefredaktor Patrik Müller himself widmet sich der Frage:

«Der Schweiz wurde der Abstieg zum Armenhaus Europas prophezeit. Nun ist sie die weltweite Nummer 1. Was ist passiert?»

Die einfache Antwort: Fehlprognose. Aber damit füllt man natürlich nicht den «Wochenkommentar». Also sagt Müller «Fehlprognose». Nur mit ziemlich viel Wörtern mehr. Der nächste Kommentar muss einen als Mann natürlich interessieren:

«Meine Frau ist unzufrieden, was soll ich tun

Maria Brehmer schreibt angeblich «über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger». Unbestreitbar: nörgelnde Frauen machen das Leben nicht schöner.

Wie kann man das ändern? Hilft vielleicht der Satz «kauf dir was Schönes»? Oder: «nein, meine Assistentin ist lesbisch»? Nein, so einfach macht es Brehmer uns Männern nicht. Gleich vier Tipps hat sie auf Lager, der Höhepunkt ist: «Warten Sie nicht, bis Sie etwas tun «müssen». Wenn Ihre Frau Kritik übt, haben Sie den Moment verpasst, wo Sie es hätten tun «können». Wenn Sie etwas freiwillig tun – oder sogar mehr tun, als Sie «müssen» – werden Sie Ihre Frau augenblicklich zufriedener sehen. Versprochen.»

Könnte natürlich auch sein, dass man gar nichts tun müsste, weil Frau einfach klimakterisch oder sonstwie kratzig gelaunt ist. Aber das wäre natürlich schon fast Sexismus. Der «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid muss sich natürlich auch etwas mit Bedeutung aufpumpen und erklärt der Landesregierung:

«Der Bundesrat auf Instagram? Diese Inszenierung geht zu weit»

Stimmt eigentlich, es gibt schon mehr als genug Journalisten, die sich auf Instagram inszenieren. «Lockerungen des Bundesrates sind mutig und richtig», kommentiert Jérôme Martinu. Da ist der Bundesrat aber froh. Schliesslich überrascht Annika Bangerter die Welt mit der Erkenntnis: «Frauen sind nicht dauerschwanger». Muss nun irgend eine Geschichte umgeschrieben werden? Die der Frauenbewegung? Oder muss das Thema Menstruation ganz anders gesehen werden? Keine Ahnung, interessiert auch überhaupt nicht.

Zufall oder Absicht neben dem Kommentar von Bangerter?

Das wären nun insgesamt 15 Kommentare, mit denen das «Tagblatt», teilweise gleich Gesamt-CH-Media, seine Leser in den vergangenen 7 Tagen erfreut hat. Auf jeden Fall ein guter Tipp vom Master of Wine Philipp Schwander. Man braucht mindestens 4 trinkreife Bordeaux, um sich von diesen Kommentaren wieder zu erholen. Also her damit!

So von gestern: Sex sells.

Ach was, Boulevard geht auch ohne. Seite drei Girl? Pfuibäh. Sexratgeber? Igitt pfui.

«20 Minuten» weiss noch, wie man die Klickzahlen erigieren lässt: «Schweizer und Schweizerinnen wünschen sich doppelt so viel Sex». Man nehme irgendeine Studie oder Untersuchung als wohlfeilen Anlass, um das Zauberwort in den Titel zu pflanzen.

Suchbegriff Sex? 1535 Resultate in den letzten 30 Tagen in der SMD. Stichwort Rahmenvertrag? 628 Resultate. Was schliesst der erfahrene Medienmanager daraus? Vor allem, wenn er ein Boulevard-Blatt managt? Genau, weniger Sex, mehr Rahmenvertrag.

So macht der «Blick» mit der Selbstverzwergung und Denaturierung seiner selbst weiter. Heute erscheint das letzte Mal der Sex-Ratgeber. Unverzichtbar eigentlich, Markenzeichen, letzter Überlebender der Grundausstattung des Boulevards. Warum? Weiss keiner so genau, «strategische Neuausrichtung». Damit will Ladina Heimgartner wohl weiter die «Resilienz» steigern.

Auf dem Weg nach oben mit Business-Bullshit

Auch ein schönes Beispiel, wie man mit der Verwendung eines einzigen Modeworts schlank durch alle Diskussionen kommt. Zukunft? Resilient. Ausweg aus der Medienkrise? Mehr Resilienz. Strategie: der richtige Weg zur Resilienz. Was ist das eigentlich? Also bitte, noch nie von Resilienz-Management gehört? Agilität, Robustheit, Adaption, Innovation, Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit.

Wer diesen Business-Bullshit nicht beherrscht, wird niemals «Head of Global Media». Niemals «CEO der Blick-Gruppe». Keinesfalls Mitglied des «Group Executive Board von Ringier». Erfahrung im Print-Bereich? Null. Na ja, ein wenig freie Mitarbeiterin bei den «Freiburger Nachrichten» und dem «Bündner Tagblatt». Erfahrung in strategischer Planung der Ausrichtung einer globalen Medienfamilie? Null.

Da geht Karriere nur mit geschicktem Reputationsmanagement. Dazu gehört die Verwendung eines Modeworts, das eigentlich schon den kurzen Zenith seiner Bedeutung überschritten hat. Podiumsdiskussion über die Zukunft der Medien? Resilienz, sagt Ladina Heimgartner, und das sagt sie unablässig. Damit kommt sie garantiert durch jede Sitzung als Head, als CEO und auch als Member.

Da spielt es auch keine Rolle, dass aus dem Boulevard-Blatt «Blick» ein mit Kernseife geschrubbter Musterknabe an Korrektheit, Anstand und vornehmer Zurückhaltung werden soll. Crime-Storys? Aber nein, da will die Zeitung mit dem Regenrohr im Logo die NZZ an Dezenz in den Schatten stellen. Nur noch Vik Dammann, der letzte seiner Art, darf noch Gerichts- und Crime-Reporter sein. Mit Schalldämpfer.

Ist noch etwas übrig von der DNA einer Boulevard-Zeitung?

Absonderlichkeiten, Tierquäler, Freaks und Amoks? Aber nein, höchstens mit pädagogischem Anspruch: das wollen wir nie mehr sehen! Was ist noch übrig von «Blut, Busen und Büsis»? Busen? Himmels willen, Frauen (oder gar Männer) als Sexobjekt? Niemals. Womit hat schon das englische Königshaus Jahrhunderte überlebt? Genau: no sex, please, we’re English.

Nun ja, dass Prinz Charles, obwohl noch mit Diana verheiratet, lieber ein Tampon in seiner jetzigen Gattin sein wollte, das brachte ihm mehr Aufmerksamkeit als sein grüner Daumen. Aber das gilt nicht für den «Blick».

Daher erscheint heute die letzte Ausgabe des «Sex-Ratgebers». Nach dem Ableben des Seite-drei-Girls, nach der Säuberung des Blatts von allem Schmutzigen der letzte Überrest, sozusagen das gallische Dorf der DNA einer Boulevard-Zeitung. Sex und Ratgeber, eine bessere Mischung gibt es eigentlich nicht.

Liebe Marta, liebe Eliane, liebe Caroline. Zwei von ihnen sind tot, nun ist’s auch ihre Kolumne.

Seit Beginn immer fest in Frauenhand. Von der unvergessenen Marta Emmenegger über Eliane Schweitzer bis zu Caroline Fux. Frau, qualifiziert (Psychologin, Sexologin, studiert) und engagiert: als «leidenschaftliche Autorin begleite ich Menschen direkt und via Medien durch den Dschungel von Lust und Leidenschaft».

Es soll Medienmanager geben, die sich bei einer solchen Mitarbeiterin wöchentlich danach erkundigen, wie’s denn so geht, ob alles wohl ist, vielleicht etwas fehlt. Ein frischer Blumenstrauss auf dem Tisch Freude machen würde. Und ob die weitere Karriereplanung darin bestünde, dass einfach klaglos weitergemacht werde.

Man kann Erfolg haben. Oder resilient sein wollen

Aber das wären dann Medienmanager von erfolgreichen Verlagen, die nicht nach Staatshilfe krähen müssen. Die wissen, dass man eher aus der NZZ einen «Blick» machen kann – als umgekehrt. Die schlichtweg verstehen, was sie managen. Deshalb auch niemals «resilient» sagen würden. Auch nicht «da bin ich ganz bei dir». Schon gar nicht «ergebnisoffen».

Fachkräfte wie Peter Uebersax oder Fridolin Luchsinger haben den «Blick» zu Erfolgen und Höhenflügen geführt. Immer etwas genierlich für die Besitzerfamilie Ringier, die zwar gerne die Kohle einsteckte, aber doch lieber im Aston Martin vor der Kunstgalerie vorfuhr. Frank A. Meyer bevorzugte einen Jaguar. Uebersax fuhr Porsche, was denn sonst. Christian Dorer, der aktuelle Oberchefredaktor fährt Bus.

Sonst noch Fragen? Über das Fortbewegungsmittel von Heimgartner ist ZACKBUM nichts bekannt. Aber wir sind sicher: es ist ein Gefährt mit mehr Rückwärts- als Vorwärtsgängen.

Ex-Press XLI

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

«Im Übrigen gilt die Unschuldsvermutung.»

Der gewitzte ZACKBUM-Leser weiss: dann gilt sie nicht. In welchem Zusammenhang liest man das wohl? Kleiner Tipp: Arthur Rutishauser? Richtig, da geht es um Pierin Vincenz. Dessen Unschuldsvermutung ist zwar bereits geschreddert, zerfetzt, verstümmelt, nicht mehr vorhanden. Aber so ein Satz macht sich immer gut. Für Heuchler.

In der aktuellen Fortsetzung der Soap Opera des Tamedia-Oberchefredaktors geht ausnahmsweise erst an zweiter Stelle um Pierin Vincenz. «Warum wird Nadja Ceregato geschützt?», lautet der unheilschwangere Titel der Aufmacherseite des Wirtschaftsbunds der SoZ.

Fragen kann man doch mal …

Schon in der Einleitung dumpft das ganze Elend dieser Verdachtsberichterstattung:

«Von den Millionen, die Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz unrechtmässig bekommen haben soll, profitierte auch seine Ehefrau.»

Das ist nun eine sehr interessante Verwendung des Konjunktivs. Er soll also unrechtmässig Geld bekommen haben. Korrekter Vermutungskonjunktiv, weil nicht bewiesen, nicht rechtsgültig festgestellt, mangels Gerichtsverfahren. Ist zwar auch in der Möglichkeitsform eine tödliche Anschuldigung. Aber sei’s drum, darin ist die SoZ ja ungeschlagener Weltmeister.

Nun wechseln wir aber in den Indikativ; er soll bekommen haben, aber seine Frau Ceregato «profitierte». Wirklichkeitsform. Darüber könnte man nun eine kleine erkenntnistheoretische Abhandlung schreiben: Wenn jemand etwas bekommen haben könnte, profitiert aber auf jeden Fall ein anderer davon? Wir wissen, dass das Verhältnis SoZ – Realität nicht ungetrübt ist, aber traut sich dort denn niemand, dem Oberchef zu sagen, dass er schon rein logisch gesehen Unsinn schreibt?

Offenbar nicht. Genauso wenig, wie sich jemand traut, dem Oberchef zu sagen, dass dieses ständige Verwenden von angefütterten Material so nervig ist wie nur was? Interne Abläufe, strikt vertrauliche Untersuchungsberichte, Verfahrensfragen, Rutishauser kann offenbar aus dem Vollen schöpfen.

Die Anwendung von Logik hilft

Nur: mit welchen Motiven füttert ihn wer ständig an? Die Motivlage ist klar. Vincenz vor dem Prozess möglichst sturmreif zu schiessen, damit er sich vielleicht doch noch auf einen Deal einlässt und nicht in offener Feldschlacht auch Dinge zu Tage treten, die Raiffeisen und den Strafverfolgungsbehörden peinlich sein könnten.

Wer ist’s? Einfache ausschliessende Logik hilft ungemein, bekannt als Ockhams Rasiermesser (Rutishauser und Co.: einfach googeln). Es muss eine Quelle geben, da es absurd wäre anzunehmen, dass Rutishauser diese Informationen auffängt, indem er mit offenem Mund unter dem Fenster der Staatsanwaltschaft steht.

Kenntnis davon haben die Angeschuldigten; ausgeschlossen, dass sie sich selbst in die Pfanne hauen wollen. Ebenfalls die Strafverfolgungsbehörden, die Staatsanwaltschaft. Nahezu ausgeschlossen, dass ein solcher jahrelang munter sprudelnder Quell von ihnen ausgeht. Hohes Risiko bei Entdeckung, Ertrag nahe null. Dann gibt es noch die am Strafverfahren beteiligten Zivilparteien. Also Raiffeisen. Motiv vorhanden, Interesse hoch, Ertrag da. Hm. Das KÖNNTE sein. Konjunktiv. Vermutung. Beweisfrei.

Sternendämmerung

Die Einschläge kommen näher. Der Triumphzug des Gendersternchens scheint unterbrochen zu sein. Salome Müller, Aleksandra Hiltmann und einige andere bei Tamedia, die die Inkludierung der weiblichen Wesen zur wichtigsten Frage der Medienwelt, wenn nicht der Menschheit erklärt haben, müssen herbe Rückschläge hinnehmen.

«Fragewürdige Empfehlungen zum Genderstern in der Schule», müssen sie mit scheckgeweiteten Augen im eigenen Organ lesen. «Die Bundeskanzlei sagt nein zum Genderstern», eine in Deutschland erhobene respräsentative Studie konstatiert unter anderem, dass die Erwartung, sich sprachlich «gendergerecht» oder «politisch korrekt» auszudrücken, viel Unmut auslöst. 71 Prozent halten eine diskriminierungsfreie Sprache für «übertrieben».»

«Oberster Deutschlehrer der Schweiz: Der Genderstern ist Sprachverhunzung

Sagt Deutschlehrer und Präsident der der sprachlich korrekten «Deutschlehrerkräfte» Pascal Frey.

Klare Kante zeigt auch der Kanton Zug: «In Elternbriefen, sagt ein Sprecher der Direktion für Bildung und Kultur, «dürfen die Mittelschulen die neuen, experimentellen Formen wie den Genderstern und Ähnliches nicht anwenden».» Auch das vermeldet Tamedia, einfach so. Noch fataler: «Warum das Gendersternchen in der Schule noch nichts zu suchen hat», schiebt Thomas Speich in einem Kommentar hinterher.

Darin fragt er spitz: «Soll wirklich in den Geschichtsbüchern stehen, dass sich in der Schlacht bei Sempach Eidgenoss*innen und Habsburger*innen gegenübergestanden haben?»

Selbstmordattentate auf die deutsche Sprache …

Unvorstellbar; die Machowelt schlägt zurück. Von Sternchen bedrängte Männer greifen zu allen Mitteln. Zu den bekannten: Verleumdung (Verhunzung), Rekurs auf die dumme Masse (71 Prozent finden’s übertrieben), im Kommentar wird das Gendersternchen fix und fertig gemacht. Schliesslich kommt man auch in den Schulen wieder zu Vernunft. Überall bröckelt es an der Front der tapferen Verwendung dieser Sprachvergewaltigung.

Es darf schallend gelacht werden

«Epidemiologe Andreas Cerny warnt vor einer vierten Welle und verlangt schärfere Corona-Massnahmen im Herbst». Die SoZ kann’s einfach nicht lassen.

Wohl aus Versehen aus dem Stehsatz eine alte Schlagzeile rezykliert …

Noch mehr zum Lachen? Bitte sehr.

Milena Moser durfte nicht zurück in die USA fliegen. Das ist furchtbar. Wir sind entstetzt und haben Mitleid. Auch damit, dass sie gleich zwei Kolumnen aus diesem ungeheuerlichen Skandal presst. Dazu weiss sie, braucht es Analogien, Vergleiche, um dem Leser die ganze Tiefe ihrer Tragödie sinnhaft werden zu lassen. Andere Schriftsteller würden sagen, dass sie genau dafür einen Roman schreiben, aber gut. Moser ist also verletzt, leidet, «die Tränen liefen mir noch übers Gesicht, als ich versuchte, das Bodenpersonal auf mich aufmerksam zu machen.» Leider vergeblich.

Sie befindet sich in «einem verwundbaren Moment» klagt Moser. Und dann hat sie sich bei ihren Freunden ausgeheult, allerdings: «Ich kenne offenbar niemanden, der nicht in einem verwundbaren Moment noch zusätzlich verletzt wurde.»

Wunderbar, denkt sich Moser, da quetsche ich doch gleich noch eine zweite Kolumne raus, indem ich diese Beispiel verbrate. Der frisch Verwitwete, der versucht, die Nebenkostenrechnungen auf seinen Namen umzuschreiben. Die Schwangere mit der aktiven Toxoplasmose, einem für das Ungeborene sehr gefährlichen Parasiten.

«Die Patientin mit den schwer diagnostizierbaren Symptomen.»

Au weia, furchtbar. Welchen Schluss zieht Moser denn aus ihrem traumatischen Erlebnis? «Muss man jemanden treten, der schon am Boden liegt? Nein. Aber man kann.»

Da seufzt die deutsche Sprache tief auf. Das anspruchsvolle Gefäss Kolumne auch. Eigentlich alle Kolumnisten oberhalb von Simone Meier und «watson» ebenfalls. Sie wissen, wovon Moser redet. Sie mussten die «Schriftstellerin» ja alle selber erleiden, auch wenn sie schon nach den ersten Sätzen am Boden lagen und um Gnade winselten.