Die Trampeltiere vom SPIEGEL

Corona, Wirtschaftskrise, Klima? Egal, der Spiegel schreibt lieber über Donald Trump.

 

Auf jeder Redaktion gibt es einen Franz: männlich, verfressen, abgelöscht, geschieden. Franz hat seine Themen: Essen, Auto, Sport. Wenn über einen Pächterwechsel, über Tempo-30-Zonen oder den Abstieg des FC Lümmel in die 3. Liga berichtet werden muss, weiss man: Der Franz, der kann’s.

In jedem von uns steckt hoffentlich ein kleiner Franz. Ein Thema, über das nur wir gut schreiben können und sonst niemand auf der Redaktion. Ich zum Beispiel bin Experte über Kindererziehung und Tropische Krankheiten (im Hans&Asper-Verlag erscheint im September mein Ratgeber).

Doch wie laufen diese Revierkämpfe auf Grossredaktionen ab? Zum Beispiel beim «Spiegel», wo jeder zweite Redaktor ein Trumpversteher ist? Diese Frage stellte ich mir, als ich die aktuelle Ausgabe (33/2020) durchgelesen hatte.

Trump als Buch

Was wissen wir noch nicht über Trump? Philipp Oehmke, USA-Korrespondent, hat von thedailybeast.com eine verdammt alte Story aufgewärmt: Das Trash-Magazin hatte schon im Oktober 2018 von Trisha Hope berichtet: Eine Frau, die sämtliche Tweets von Donald Trump in Buchform herausgibt («Just the tweets»).

Die Geschichte lief im Spiegel unter der Rubrik «Reporter». Oehmke hat mit der Frau telefoniert und den Rest aus der unendliche Weite des Internets zusammengeschrieben. Google spuckt für «Trisha Hope Just the tweets» über zwei Millionen Treffer aus.

Ein anderer USA-Korrespondent des Spiegels, Ralf Neukirch, hat über die bevorstehende Präsidentschaftswahl von November geschrieben. Neukirch hegt nämlich jetzt schon Zweifel am Wahlverfahren.

In welcher Spiegel-Rubrik kam Trump aber viel zu selten vor? Natürlich im Sport. In der aktuellen Ausgabe hat es der amerikanische Präsident nun endlich geschafft. Die Sportredaktion schenkt Matthias Fiedler mehr als zwei Seiten, einmal über den Golfer Donald Trump zu schreiben. Wie Oehmke hat nämlich auch Fiedler fleissig die US-Zeitungen studiert. Die amerikanischen Medien schreiben seit Jahren maliziös über den Golf-Schummler.

Alte Zeitungsberichte zu übersetzen, fällt eigentlich unter Kurzarbeit. Beim Spiegel wäre der Ausdruck Klientelarbeit aber passender.

Die WeWo dreht auf

Roger Köppel weiss, was antizyklisch bedeutet.

Ganze 218 Gramm bringt die aktuelle Ausgabe Nr. 33 der «Weltwoche» auf die Küchenwaage. Für das Gewicht eines anständigen Entrecôtes legt man am Kiosk 9 Franken hin.

Eigentlich könnte man den Kalauer wagen «frisch gestrichen». Aber der wäre etwas irreführend. Denn die WeWo ist tatsächlich grafisch neu aufgemöbelt worden. Allerdings mit Anleihen an das im Archiv vorhandene Mobiliar, und das ist gut so.

Die WeWo kommt klassischer daher, eleganter, arbeitet mit Freiraum und nur dezent eingesetzten Bildern oder Illustrationen. Da sie ein Blatt des Wortes ist, macht auch das völlig Sinn.

Der Heftumfang ist eine erste Ansage

Aber sie hat sich nicht nur aus dem eigenen Archiv bedient. Natürlich will jedes Wochenmagazin, das etwas auf sich hält, auch ein paar Anleihen beim New Yorker oder dem Atlantic machen. Hier ist es die Marotte des New Yorker, über das ganze Heft kleine Cartoons zu verstreuen, Witzzeichnungen, die ja nicht den geringsten Zusammenhang mit dem sie umgebenden Artikel haben dürfen.

Kann man machen, muss man nicht machen. Aber, das Heft umfasst 82 Seiten, und wenn das nicht nur den Gratulationsinseraten geschuldet ist, ist das schon mal die erste Ansage, die über Formales hinausgeht. Also frisch gestrichen und ausgebaut. Ein klares Signal in den Jammer- und Elendsjournalismus hinein.

Es ist nicht das einzige. Neben einem neuen Design verspricht der Herausgeber, sicher in enger Absprache mit dem Besitzer und dem Chefredaktor, «mehr Kultur und neue Autoren». Ausserdem soll auch eine gute Portion gute Laune mit an Bord sein. Das ist lobenswert, denn manchmal kam die WeWo doch etwas verkniffen daher, vor allem, wenn sie in den politischen Infight geht.

Köppel als Trüffelschwein des Journalismus

Aber, das war und ist das Wichtigste, die WeWo ist ein Autorenblatt. Nur wenige bornierte Autoren wollen auf keinen Fall in diesem Magazin erscheinen und fürchten Köppel und seine Mannschaft als die dunkle Seite der Macht, der man sich ja nicht hingeben dürfe.

Und hier hat Köppel mal wieder einen guten Treffer gelandet. Er holte sich schon von der «Basler Zeitung» die beiden quirligsten Schreiber, als das Blatt Bestandteil des Einheitsbreis aus dem Hause Tamedia wurde. Und nun kann er stolz die Verpflichtung von Daniel Weber vermelden.

Der ehemalige Chefredaktor von NZZ Folio figuriert neu als Herausgeber von mindestens zwölf Seiten Literatur und Kunst. Unterstützt wird er dabei neu vom Jungredaktor Anton Beck. Als hätte der Zufall die Feder geführt, startet Weber den neuen Kulturteil gleich mit einer Rezension des biografischen Gewaltswerks über Karl Kraus. Der mit seiner «Fackel» bis heute das unerreichte Mass aller Dinge ist, wenn man sich nicht einfach als Handwerker versteht. Musik, Kino, Kunst und Klassik, ein starkes, neues Stück in der WeWo.

Auch das Gefäss «Leader» wurde wiederbelebt, ein Dossier für Führungsfragen. Schliesslich auch mehr «Leben heute», also Anregungen für Genuss und Spass im Konsumrausch.

Es ist und bleibt ein Autorenblatt

Treu bleibt sich die WeWo mit ihrer Fähigkeit, den richtigen Autor fürs Thema zu finden und zu überzeugen.

Daher ist es völlig klar, dass nur Peter Rothenbühler über den Wechsel des Anchorman des Westschweizer Fernsehens nach Paris schreiben sollte. Jan Fleischhauer ist der richtige Mann für ein Porträt von Markus Söder. Nur Thilo Sarrazin kann in eigener Sache über seinen Rauswurf aus der SPD räsonieren.

Dazu die üblichen Fundstücke, wer weiss schon, dass auch der Sohn von Peter Ustinov ein hellwaches Multitalent ist. Linus Reichlin ist die richtige Wahl, wenn «Blick TV» kritisch gewürdigt werden soll. Nur die WeWo kommt auf die Idee, mal zu fragen wer eigentlich dieser Vermögensverwalter und Aktionär ist, der dem Murdoch-Sprössling den Einstieg in die Messe Schweiz verweigern will. Und wenn Peter Rüedi zum Nachruf auf Werner Düggelin ansetzt, dann kommt das Stück bei Tamedia noch armseliger als vorher schon daher.

Gut, das war die Lobhudelei, wo bleibt das Kritische? Nun, zunächst: Roger Köppel ist der einzige mir bekannte Chefredaktor deutscher Zunge, der es zulässt, dass man ihm in seinem eigenen Blatt an den Karren fährt. Ich weiss das, ich hab’s schon gemacht.

Widerstand regt an, nicht auf

Auch das macht sicherlich den Charme der WeWo aus. Die politischen Präferenzen des SVP-Nationalrats Köppel sind ja nicht unbekannt. Aber er lässt auch die Gegenrede zu, vorausgesetzt, sie hat ein gewisses Niveau. Das ist kein Feigenblatt vor finsteren, rassistischen, hetzerischen Absichten. Denn was viele missverstehen: Köppel ist ein Mann mit Wumm und Energie, ein überdurchschnittlicher Formulierer, ein Chefredaktor, der mehr Antworten als Fragen hat.

Letzteres ist bedauerlich, aber: Köppel ist kein Ideologe. Sicherlich hat er eine Mission, aber er sieht sich nicht im Besitz der einzigen Wahrheit, er meint nicht, dass nur er zwischen richtig und falsch, gut und böse unterscheiden könnte. Trifft er auf Widerstand oder Widerspruch, dann regt ihn das an. Andere regt das auf, sie wollen nicht verunsichert werden.

Also insgesamt eine kleine Oase, keine Wohlfühloase, sondern eine das Hirn anregende Oase. Knirscht irgendwo der Sand zwischen den Zähnen beim Durchblättern? Nun, mit Verlaub, der Ausbau der Kolumnitis, musste das wirklich sein? Schon länger war man froh, dass Tamara Wernli immer der Hinweisgeber war, dass das Heft nun fertig ist und man es wohlgemut zuschlagen kann.

Aber jetzt auch noch «Zeitzeichen» eines Werbers, eine wöchentliche Kolumne des Wirtschaftschefs, dem noch nie jemand eine elegante Schreibe vorgeworfen hat. Und dann auch noch Katharina Fontana; also die Stelle der Quotenfrau ist doch schon vergeben und gleich doppelt besetzt.

Hält die WeWo die Pace?

Was beunruhigt: Mit dieser Neugeburt hat die WeWo den Ball ganz schön weit ins Spielfeld geworfen. Köppel ist bekanntlich kein Kurzstreckenläufer, aber man fragt sich schon, ob es gelingen wird, das Woche für Woche einzulösen. Als Leser wünscht man es sich.

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert gelegentlich in der «Weltwoche».

Ringelreihen und Rausschmeissereien

Ringier baut ab. Tamedia baut ab. CH Media baut ab. NZZ baut ab.

Als festangestellter Redaktor muss man sich in der Schweiz als unfreiwilliger Teilnehmer am Kinderspiel Reise nach Jerusalem sehen. Die Musik hört immer häufiger auf zu spielen, und immer hat es einige Stühle zu wenig.

Gerade hat es die «Schweizer Illustrierte» erwischt. Ihr Ableger «Style» wird eingespart, online und Print zusammengestöpselt. 35 Stellen fallen weg. Damit spart Rasch, also Ringier Axel Springer Schweiz, über den Daumen gepeilt rund 3,5 Millionen Franken pro Jahr ein.

Originelle Begründung: allgemein sinkende Werbeerträge und dann noch Corona. Damit stimmt Ringier in den allgemeinen Chor ein, der wie in einem Abzählreim singt: Stellenabbau, Stellenabbau, Stellenabbau.

Die Chöre singen immer die gleichen Strophen

Gleichzeitig wird der Gegenchor in Stellung gebracht: Content, Qualität, vierte Gewalt. So leiern beide Chöre vor sich hin, um sich am Schluss zum Finale zu treffen: Hilfe, wir brauchen Geld, Geld, Geld.

Subventionen, staatliche Hilfe, Anteil am Gebührentopf für SRF, schliesslich erbringen die privaten Medienhäuser eine gesellschaftlich relevante Dienstleistung. Denn hier werden ja keine Schrauben gedreht, sondern es wird kompetent, seriös und vertrauenserweckend recherchiert, analysiert, kommentiert.

Ach ja? Bei CH Media, der einen Hälfte des Duopols, das den Deutschschweizer Tageszeitungsmarkt unter sich aufteilt, arbeiten laut Selbstauskunft 45 Redaktoren in der Zentralredaktion in Aarau. Gleich beim Zusammenschluss der ehemaligen NZZ-Lokalzeitungen mit dem Wanner-Konzern fielen mal 5 Stellen weg. Natürlich bedauerlich, aber wie sülzte der publizistische Leiter Pascal Hollenstein: «Das Angebot wird besser, der Journalismus gestärkt.»

Stärken durch Einsparen

Deutlich gestärkt ist zum Beispiel das Ausland; laut Impressum bestreichen hier zwei Allrounder die ganze Welt. Von Norwegen bis Südafrika. Von Alaska bis Chile. Von Moskau bis Peking. Zu einer anderen Lösung hat sich Tamedia entschieden. Im Impressum sieht das Auslandressort wohlbestückt aus. 5 Redaktoren, 22 Korrespondenten. Immerhin. Nur: Die Auslandberichterstattung wird weitgehend von der «Süddeutschen Zeitung» aus München übernommen. Sind ja auch grösstenteils deren Korrespondenten.

Beim «Blick», Pardon, bei der «Blick»-Verlagsgruppe ist gar kein Ausland mehr separat ausgewiesen. Eine Liga für sich ist immerhin noch die NZZ. Aber: Wie soll das gehen, mit ständigen Rausschmeissrunden den Journalismus stärken? Mit immer weniger Redaktoren immer mehr Output, online und Print, rauspusten?

Nun, die Arglist der Zeit, das Internet, die Pandemie, wer konnte das denn ahnen? Jeder, ausser, er ist Medienmanager. Der Bankier Julius Bär machte sich in seiner Zunft äusserst unbeliebt, als er richtig feststellte, dass das Bankgeheimnis zwar fett, aber auch impotent mache.

Über viele Jahrzehnte war der Besitz einer Druckerei eigentlich die Lizenz zum Gelddrucken. Stellenanzeiger, Wohnungsanzeiger, Werbung jeder Art: nur der Schlitz der Bezahlboxen und die Druckmaschinen waren die Grenze nach oben, was den Umfang betraf.

In den fetten Zeiten fett geworden

Chefredaktoren, vor allem, wenn sie erfolgreich waren, fuhren Porsche, Reporter flogen Business durch die Welt, beachtliche Gelage wurden als Informationsgespräch auf die Spesenabrechnung gesetzt, und keiner meckerte deswegen. Die drei Besitzerfamilien, die Coninx, Wanner und Ringier, waren mit Geldzählen beschäftigt, legten sich hübsche Kunstsammlungen zu und fuhren Aston Martin oder Rolls-Royce.

Schönwetterkapitäne halt. Dann rüttelte das Internet die ganze Branche durch, die ganzen schönen Kauf- und Tauschbörsen verschwanden ins Digitale, mitsamt einem immer grösseren Stück vom Werbekuchen. Geschäftsmodell kaputt, obsolet geworden. So wie die Kutsche beim Aufkommen des Automobils. So wie die Dampflok gegen die Elektrolok.

Was fällt den Schönwetterkapitänen ein?

Nun könnte man meinen, dass die Besitzer aufhörten, die Scheinchen zu zählen und mehr oder minder sinnvoll auszugeben, ihre Managerriege unter Beweis stellte, dass sie zu mehr taugt als zur Verwaltung des Althergebrachten.

Leider doppelte Fehlanzeige. Gesundbeten und totsparen. Das fällt ihnen bis heute ein. Um Subventionen betteln, das fällt ihnen auch noch ein. Ach, und ganz clevere Medienmanager kamen noch auf die grossartige Idee, den abschwirrenden Inseraten einfach nachzurennen. Und für teures Geld alle möglichen Plattformen im Internet zusammenzukaufen.

Dazu Radiostationen und TV-Stationen. Das verkauften sie dann dem staunenden Publikum als multimedial, als crossmedial, als ganz neue Wertschöpfungsketten. Online-Redaktionen wurden aus dem Boden gestampft und neben die traditionelle Printredaktion gesetzt. Multichannel, you know, verschiedene Geschwindigkeiten, verschiedene Medien, müssen alle spezifisch bespielt werden. Online-Marketing, ein Riesending.

Trennen und zusammenlegen

Als auch das nicht viel half, kamen die Manager auf die nächste uralte Idee: Legen wir zusammen, was wir getrennt haben. Online, Print, Radio, Video, ist doch kein Kunststück, wenn das der gleiche Journalist bespielt. Mikrophon und Handy-Kamera kann doch jeder Depp bedienen.

Das schon, aber wie gross ist das Ausmass der Dummheit in den Chefetagen der Medienhäuser? Das World Wide Web gibt es nun auch schon seit 30 Jahren. Eine Generation lang. Und ist den Medienmanagern eine Antwort dazu eingefallen? Nein. Vom Online-Werbekuchen schneiden sich die Platzhirsche Google und Facebook & Co. 90 Prozent der Einnahmen ab. Reaktion? Null.

Der Grösste räumt die Kleinen weg

Und die grossartigen Kauf- und Tauschplattformen von Tamedia und Ringier? Auch nicht mitgekriegt, dass im Internet gilt: the winner takes it all? Der Grosse macht den Kleinen platt. Google und Amazon räumen alles weg. Bis Alibaba die beiden wegräumt. Von den Zwergplattformen in der Schweiz gar nicht zu reden.

Also zurück zum Sesselspiel. Lassen wir die Journalisten mal wieder im Kreis laufen. Und nehmen ihnen ein paar Stühle weg. Nächste Rausschmeissrunde. Das stärkt den Journalismus.

«Der Grundsatz des Gegenlesens ist wichtig»

Was einen erfahrener Mediensprecher an der Journalistenzunft gefällt, was ihn nervt und warum er das Gegenlesen sinnvoll findet.

Pio Sulzer*, Sie sind seit fast 19 Jahren Mediensprecher in der Stadtverwaltung Zürich. Was ist Ihnen lieber: agieren oder reagieren?

Um gut dazustehen, müsste ich jetzt behaupten, dass ich selbstverständlich viel, viel lieber agiere. Aber wenn ich in mich hineinhorche, dann finde ich es spannender, wenn etwas Überraschendes eintritt und eine Reaktion mit schnellem Denken, kühlem Kopf, konzentriertem Handeln und intensivem Teamwork gefragt ist. Da steckt wohl immer noch der Radiomann in mir.

Was war Ihre bisher kommunikativ heikelste Situation bei der Stadt Zürich?

Sobald ein einzelner Mensch in den Fokus rückt, ist der kommunikative Weg mit Fallstricken ausgelegt. Das war so, als Stadträtin Ruth Genner (Grüne) Anfang 2013 erkrankte oder als der damalige ERZ-Direktor Urs Pauli im Jahr 2017 entlassen wurde. Bei persönlichen Angelegenheiten gleichzeitig transparent zu sein und respektvoll zu bleiben, ist heikel.

Und Ihr Highlight?

Die Bepflanzungsaktion auf dem Münsterhof im Sommer 2019 war eine Wohltat. Bevölkerung, Politik und Medien waren so gut wie ausnahmslos begeistert, die positiven Kommentare auf Facebook nahmen lange kein Ende. Obwohl ich Kontroversen bevorzuge, war diese fast einhellige Freude eine schöne Abwechslung.

Wie sieht Ihr Wunschprofil an einen Journalisten aus?

Die ideale Journalistin geht vorurteilsfrei an ein Thema heran. Sie arbeitet in einem Team, in dem Anfänger auf alte Häsinnen zählen können. Und sie bekommt von ihrem Medienhaus genügend Zeit und Wertschätzung für ihre Arbeit. Ausserdem hat mein Wunsch-Journalist den Ehrgeiz, gutes Deutsch zu verwenden.

Und das Horrorprofil?

Jemand, der nicht wissen will, was ist. Oder noch schlimmer: Der es weiss, aber trotzdem etwas anderes erzählt.

Wie hat sich der Durchschnittsjournalist während Ihrer Tätigkeit bei der Stadt verändert?

Er hat weniger Zeit für seine Recherchen.

Sind Onlinemedien ein Fluch oder ein Segen für Sie?

Ein Segen. Online-Journalismus sehe ich als Bereicherung. Natürlich stellen sich spezifische Probleme, aber das ist bei jedem Medium so.

Was sind das für spezifische Probleme?

Die Kostenwahrheit ist noch nicht hergestellt, und der befriedigende Umgang mit unzutreffenden und hetzerischen Behauptungen in den Foren ist auch noch nicht gefunden.

Was nervt Sie am meisten an Journalisten?

Die Kombination von Ahnungslosigkeit und Überheblichkeit ist äusserst unangenehm. Das findet sich zum Glück selten.

Wie gross ist die Freude, wenn Ihre Medienmitteilungen 1:1 abgedruckt wurden?

Die Freude ist gering. Unsere Medienmitteilungen sollten Ausgangspunkte für Recherchen, Reportagen oder Kommentare sein, nicht Fertignahrung.

Wie finden Sie das ungeschriebene Gesetz in der Schweizer Medienszene, dass Interviews, aber auch Statements inkl. Kontext gegengelesen werden?

Dieser Grundsatz ist wichtig. Durch die Verschriftlichung, die Übersetzung ins Hochdeutsche und die Kürzungen, die die Redaktion vornehmen muss, können Aussagen verfälscht werden. Das braucht nicht mal absichtlich zu geschehen. Deshalb ist es ganz einfach fair, dass Interviewte die Zitate und deren Einbettung gegebenenfalls korrigieren können. Im Gegenzug darf das Gegenlesen nicht dazu führen, dass die ursprünglichen Aussagen zu blutleerem Image-Gewäsch degenerieren.

Sie waren vorher Journalist, zum Beispiel beim damaligen Radio Z. Was sind für Sie die grössten Unterschiede zwischen den beiden Gebieten?

Heute arbeite ich in einer komplexeren Struktur und muss wesentlich mehr Gesetze und Regeln beachten als damals, auch was die Ausdrucksweise anbelangt. Zudem konnte ich als Redaktor persönliche Kommentare abgeben, das ist in meiner heutigen Funktion tabu. Dieses Interview mit Ihnen ist eine Ausnahme, da ich hier für mich selber spreche, nicht für die Stadt.

Wie finden Sie es, dass beim ZHAW-Studium der Kommunikation die Grundausbildung in PR und Journalismus gemeinsam stattfindet?

Da bin ich unschlüssig. Beide Berufsfelder sind wichtig und haben Schnittmengen wie Wahrheit, Exaktheit, verständliche und korrekte Sprache sowie eine ansprechende Aufbereitung von Informationen. Deshalb ist eine gemeinsame Vermittlung der Grundlagen wohl vertretbar. Trotzdem möchte ich als Staatsbürger, der ich ja auch bin, die beiden Berufsfelder lieber weniger als mehr vermischen. Behördenkommunikation ist nochmals etwas anderes. Staatliche Stellen sollten zurückhaltend mit PR sein.

Haben Sie noch eine Bitte an die Journalisten, die Sie via ZACKBUM.ch veröffentlicht haben möchten?

Journalistinnen und Journalisten sind keine homogene Gruppe. Deshalb kann ich keine Bitte an den ganzen Berufsstand äussern. Stereotype sind mir ein Gräuel.

*) Pio Sulzer (57) leitet seit 2001 die Medienstelle des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes der Stadt Zürich. Seine bisherigen Chefs waren Kathrin Martelli (FDP), Martin Waser (SP), Ruth Genner (Grüne), Filippo Leutenegger (FDP) und aktuell Richard Wolff (AL).

 

Wes Brot ich ess …

Vom Saulus zum Paulus: So agieren domestizierte Medien-Wissenschaftler wie Marcel Salathé.

Die oberste Schweizer Gesundheitsbehörde liegt im Koma. Das BAG macht nur mit Pleiten, Pech und Pannen auf sich aufmerksam. Schön, dass es unabhängige Wissenschaftler gibt.

Bis zur Pandemie war Marcel Salathé ein nur Insidern bekannter Assistenzprofessor an der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne.

Sein Fachgebiet: Epidemiologie. Also die Untersuchung von der Verbreitung von Krankheiten, ihren Ursachen und Folgen. Etwas mehr als 100 Resultate zeitigt eine SMD-Suche seines Namens für das Jahr 2019.

Salathé auf allen Kanälen

Ab Januar 2020 bis heute explodiert die Zahl auf 2232 Erwähnungen. Ein typisches Phänomen des aktuellen Sparjournalismus. Denn mangels eigener Sachkompetenz und Sattelfestigkeit machten die Medien in der Schweiz bis zur Lockerung des Lockdowns im Wesentlichen zwei Dinge.

Sie bejubelten alle Entscheidungen des Bundesrats, ernannten den Gesundheitsminister Alain Berset zu einem Riesentyp und den Leiter der BAG-Abteilung «Übertragbare Krankheiten» zum «Mr. Corona». Aber dann braucht es zwecks Anreicherung der Berichterstattung noch das Interview mit dem Experten.

Am Anfang konkurrieren mehrere Interviewwillige miteinander, bis sich wie meist ein Sieger herauskristallisierte. Das ist in diesem Fall Marcel Salathé. Er vereinte dafür drei Eigenschaften. Er ist telegen, er kann verständliche Sätze bilden, und ihm ist der Zweihänder nicht fremd.

Erfrischende Warnrufe am Anfang

Denn häufig ist das Problem mit Wissenschaftlern, dass sie Fachchinesisch sprechen (Lieblingsaussage: «Das kann man nicht so einfach sagen») und begeisterte Anhänger des Konjunktivs sind («Falls das eintritt, wäre es nicht ausgeschlossen, dass»).

Erfrischend dagegen Salathé. Er rempelte das verschnarchte BAG an, erschreckte die Bevölkerung mit Horrorzahlen von möglichen Todesfällen und zeigte sich erschüttert, welcher Beamtenarschigkeit er in Bern nach der Ausrufung des Lockdowns begegnete. Drohend twitterte er, dass bei der politischen Aufarbeitung der Pandemie kein Stein auf dem anderen bleiben werde.

Während sich Mr. Corona fleissig darum kümmert, seine Bekanntheit als Mr. Corona ohne Rücksichten auf seinen Ruf zu versilbern, schwirrte Salathé in die Ferien ab. Und kam kürzlich geläutert zurück. Zur Enttäuschung des «Blick». Der hatte sich sicherlich schon auf ein paar knackige Zitate gefreut, als er Salathé zum Interview bat.

Inzwischen handzahm geworden

Zum Aufwärmen fragte die Boulevard-Zeitung, ob die Schweiz die Pandemie im Griff habe. «Im Moment habe ich das Gefühl ja», repliziert Salathé diplomatisch. Schluck; da dreht der «Blick» auf und will wenigstens eine Kritik daran, dass doch jeder Kanton sein eigenes Süppchen koche. Das sei auch richtig so, antwortet Salathé.

Die Interviewerin klappt den Unterkiefer wieder nach oben und erinnert Salathé daran, dass er doch zu den schärfsten Kritikern des Bundesrats gehört habe. Ach, Kritik, meint Salathé milde, das sei doch mehr eine «wissenschaftliche Richtigstellung» gewesen. Letzter Versuch, und das mit den Steinen? Aber auch dazu hat sich Salathé etwas überlegt. Das sei ganz falsch interpretiert worden: «Ich meinte, dass es wichtig sein werde, quasi unter jeden Stein zu schauen.»

Wagt er wenigstens wieder einen Blick in die Zukunft? «Prophet spielen wäre gefährlich.» Denn inzwischen ist Salathé zur wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt: «Auch diese Krise wird vorbeigehen.» Da sieht man doch mal wieder, wie ein Biologiestudium einschenkt.

Was erklärt den Sinneswandel?

Aber woher denn dieser Sinneswandel? Gehirnwäsche, Zensur, oder einfach «kä Luscht» auf weitere Schlagzeilen? Aber nein. In der Schweiz läuft das anders. Denn zu den wild wuchernden Krisenstäben, die sich gegenseitig im Weg stehen, konstituierte sich im April noch die «Swiss National COVID-19 Science Task Force».

So umständlich wie der Name dieses Gremiums, das direkt den Bundesrat berät, ist auch sein Aufbau in «Adivsory Panels» und Expertengruppen. Vorsitz bei der Gruppe «Digital epidemiology» hat – Marcel Salathé. Aha, ist er also eingekauft worden und hat sich deshalb einen Schalldämpfer aufgeschnallt?

Auch Salathé will etwas werden

Aber nein, es geht um etwas ganz anderes. In dieser Task Force ist so ziemlich alles versammelt, was in der Schweiz in dieser Fachrichtung Rang, Namen und Einfluss hat. Dazu die Rektoren der Hochschulen, und so weiter. Wenn nun ein Assistenzprofessor mal gerne ordentlicher Professor werden möchte, an ausreichend Forschungsgelder herankommen will, auch internationale Vernetzung vorantreiben, wenn wieder Symposien überall auf der Welt stattfinden werden: was macht der dann?

Sagt er lautstark, dass Bundesrat, BAG, Krisen- und Expertenstäbe krachend versagt hätten, kritisiert er die bis heute lausige Arbeit des BAG? Nun, die Antwort überlassen wir dem Leser. Weil wir sicher sind, dass er diesen kleinen Intelligenztest mit Bravour besteht.

lic. phil. SRF

Warum einfach, wenn es auch à la SRF funktioniert? Wie SRF-Journalisten die Welt verkomplizieren.

Der Inhalt muss stimmen, die Grammatik irgendwie auch. Aber vor allem wollen wir Journalisten verstanden werden. Im Idealfall von allen Leserschichten. Die Dummen sollten nicht gleich im ersten Abschnitt abgehängt werden und die Gescheiten sollten uns bis zum Ende folgen. Die Grundfrage lautet darum: Wie schreibt man leicht verständlich? Nun, sicher nicht so:

Es entsteht ein Psychogramm unserer Gegenwart, in der jeder Einzelne auf der Suche nach Orientierung und Anerkennung ist und in einer immer schnelleren, informationsreicheren und lauteren Welt auch die Grenzen der eigenen Frustrationstoleranz ausloten muss.

Das Beispiel stammt von SRF News. Auf der Redaktion von SRF News sitzen Journalisten mit diversen Uni-Abschlüssen: Historiker, Politologen, Germanisten. Das merkt man den Texten auch an. Noch so ein Beispiel:

Es gibt ein eher diffuses Milieu von verschiedenen esoterischen Gruppen und Verschwörungstheoretikern, die ohnehin eine gewisse Offenheit für rechte Ideologie-Fragmente haben.

Vergebens sucht man auf srf.ch Seiten, die tagesaktuelle Nachrichten in leicht verständlicher Weise aufbereiten. Der öffentliche Rundfunk unserer Nachbarländer ist da schon viel weiter. Das ORF bietet jeden Tag eine Übersicht in leichter Sprache, das MDR hat eine eigene Seite für «Nachrichten in leichter Sprache» und der Deutschlandfunk hat ebenfalls eine Seite «Nachrichten leicht».

Zwar verpflichtet das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) das SRF, Fernsehsendungen behindertengerecht aufzubereiten. Das SRF jagt darum viele Sendungen durch eine automatische Untertitelungssoftware durch. Für die Gehörlosen. Den 16 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung, die Mühe haben, schwierige Texte zu verstehen, hilft das aber nichts. Gerade in Coronazeiten sollte das SRF zumindest die wichtigsten Basisinfos leicht und schlank erklären. Sollte. Auf die Frage hin, warum sie plötzlich die Fallzahlen zwischen den Ländern publizieren, antwortet das SRF auf seiner Website:

Wir bieten ausserdem eine Reihe zusätzlicher Darstellungsmöglichkeiten wie etwa Normalisierung auf 1 Million Einwohner oder eben den Wechsel zur linearen Skala. Hinzu kommt, dass wir die Fallzahlen zusammen mit Kontexualisierung sowie weiteren, härteren Zahlen wie Mortalitätsraten und Übersterblichkeit publizieren.

Das verstehen nicht 16 Prozent Bahnhof, sondern 61 Prozent. Leicht – und trotzdem korrekt – wäre gewesen: «Wir bieten Ihnen viele Darstellungen an. Auf einer Darstellung sehen Sie, wie viele Coronakranke pro 1 Millionen Einwohner leben. Auf einer anderen Darstellung (Skala) sehen Sie, ob es mehr oder weniger Coronakranke gibt. Wir, das SRF, informieren Sie auch über die Sterblichkeit.»Viele Journalisten graust es vor diesen Vereinfachungen. Aber wer seinen Job ernst nimmt, muss sich Zeit für alle nehmen. Schwierige Texte darf man in der Freizeit schreiben.

Wie unglaublich kompliziert die News auf SRF geschrieben sind, offenbart der Flesch-Index. Er misst, wie leicht ein Text auf Grund seiner Struktur lesbar und verständlich ist. Je tiefer der Flesch-Wert, desto komplizierter der Text. Liegt der Wert zwischen 71 und 80 bedeutet das: Menschen mit Lernschwierigkeiten verstehen den Text.

Voraussichtlich allenfalls indirekt

Am 6. August erschien auf SRF News ein Interview mit einer spanischen Journalistin. Eine Frage lautete, wie die spanische Regierung den Tourismus retten könnte. Die gute Frau antwortete: «Von den 140 Milliarden Euro, die Spanien aus Brüssel bekommt, wird die Branche voraussichtlich allenfalls indirekt profitieren.» Sie hätte auch sagen können: «Das Brüssel-Geld landet nicht bei den Hotels.» Das wäre leicht verständlich gewesen. Der Artikel erreichte einen Flesch-Index von 42. Das bedeutet, dass ihn Menschen mit einem Berufsschul-Abschluss noch knapp verstehen.

0.06 zusätzliche Lohnprozente je hälftig

Am gleichen Tag schrieb ein anderer SRF-Journalist einen Artikel über den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Um den Lesern die Finanzierung zu erklären, schrieb der Autor: «Dafür sollen 0.06 zusätzliche Lohnprozente je hälftig bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhoben werden.» Das ist Beamtendeutsch und hat in einem Artikel nichts zu suchen. Der Artikel hat einen Flesch-Index von 23. Nur Menschen mit Matura verstehen den Quatsch. Ab Index 20 gilt: Nur Hochschulabsolventen kommen mit.

Diese beiden Beispiele sind zufällig ausgewählte Artikel. Es liessen sich leider noch viele finden. Eigentlich, so antwortet das SRF gegenüber ZACKBUM.ch, gehöre es zur «Kernaufgabe», einfach zu schreiben. Nur, «gelingt das nicht immer». Die Newsroom-Journalisten würden aber dazu angehalten, Texte nach einer Publikation namens «Texten für Web und App» zu verfassen. Hoffentlich ist wenigstens diese Guideline halbwegs verständlich geschrieben.

 

 

 

Ringier: Unternehmensmagazin Domo erscheint verspätet

Das Mitarbeiterheftli von Ringier gelangt wegen Corona einige Wochen später zu den Leuten.

Seit 2019 erscheint das Ringier-Unternehmensmagazin Domo nicht mehr viermal jährlich, sondern nur noch dreimal. Die Ausgabe 2/2020 hätte eigentlich Mitte Juli erscheinen müssen, so wie letztes Jahr. Wegen «coronabedingter Kurzarbeit», so die Pressestelle, sei die Ausgabe geschoben worden. Im August soll die zweite Ausgabe aber noch erscheinen. Am Taktplan mit drei Ausgaben werde auch 2020 festgehalten.

Das Magazin Domo erscheint in fünf Sprachen (unter anderem Rumänisch und Chinesisch) und wird in den 15 «Ringier-Ländern» sowohl  intern an die Mitarbeiter als auch an Externe verschickt, wie es auf der Website von Ringier heisst.

S&R-Magazin fällt ganz aus

Andere Mitarbeiterpostillen erscheinen wegen Corona gar nicht. So wurde das für Juni geplante Mitarbeitermagazin von Schutz & Rettung Zürich ersatzlos gestrichen. «Im März war unklar, wie stark die SRZ-Mitarbeitenden und Einsatzkräfte in der Krise gefordert sein würden – es galt, die Kräfte zu bündeln und alle erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. Aufgrund dieser Entwicklung entschied die Geschäftsleitung am selben Tag, auf die Juniausgabe des Magazins zu verzichten», so Schutz & Rettung.

 

Die Sparmassnahme auf Papier

Vor einer Woche fehlte die «Schweiz am Wochenende» in der Blattkritik. Jetzt folgt sie.

19,7 Gramm. So viel bringt die «Schweiz am Wochenende» auf die Küchenwaage. Nimmt man den Werbeflyer raus, verringert sich das auf 17,7 Gramm. 56 Seiten umfasst die Wochenend-Ausgabe, die den «Sonntag» abgelöst hat. Online ist das Meiste hinter einer Bezahlschranke.

Mit der «Schweiz am Sonntag» wollte das Wanner-Imperium dem alteingesessenen Trio «SonntagsZeitung», «NZZamSonntag» und «SonntagsBlick» das Fürchten lehren. Was auch längere Zeit gelang; nicht zuletzt deswegen, weil der Wirtschaftsredaktor Arthur Rutishauser ausgezeichnete Quellen in der Swissair und dann der Swiss hatte. Und weil Chefredaktor Patrik Müller einen flotten Kurs fuhr.

Das Gemächt von Baden

Wohl ein Höhepunkt war die Affäre um den Badener Namensvetter vom Chefredaktor, dem es gefiel, Selfies seines Gemächts aus den Amtsräumen des Stadtammanns seiner Freundin zu schicken. Daraus entwickelte sich ein ziemliches Schlamassel, aus dem niemand unbeschädigt herauskam.

Nicht nur die direkt Beteiligten bekamen etwas ab; auch der PR-Mensch Sacha Wigdorovitz machte seinem Namen als Katastrophen-Sacha alle Ehre, allerdings in eigener Sache. 2017 war dann Ende Sonntagszeitung.

Arthur Rutishauser ist schon längst als Oberchefredaktor zu Tamedia abgeschwirrt, und obwohl der Verlag tönt, dass mit der «Schweiz Am Wochenende» der Sonntag halt schon etwas früher anfange, handelt es sich um eine Sparmassnahme. Denn so ersetzt die ehemalige Sonntagszeitung alle Samstag-Kopfblätter im Hause, und das sind seit dem Joint Venture mit der NZZ immerhin zwei Dutzend.

Saubere Aufteilung in drei Bünde

Mit Fr. 3.90 ist die SaW immerhin mit Abstand die günstigste Wochenendzeitung, der Leser kann also auch sparen. Was bekommt er dafür geboten? Wir haben die Ausgabe vom 8. August gewogen – und für leicht befunden.

Die SaW ist relativ sauber in drei Bünde aufgeteilt. Der erste Bund ist der Mantelteil, hier werden Inland, Ausland, Wirtschaft, der Geldonkel und die Kommentare abgefeiert. Je nachdem können im Inland auch lokale Themen von überregionaler Bedeutung reingehebelt werden, was ganz schön Koordinationsaufwand erfordert.

Sozusagen gesetzt war an diesem Wochenende das Thema «Schulstart». Hier kommt die SaW nicht über eine Pflichtübung hinaus. Riesiges Aufmacherfoto auf Seite eins, dann eine Doppelseite mit einem weiteren Bildanteil von mindestens ein Viertel. Lauftext, Interview mit dem Fachmann, der Blick ins Ausland. Dann beteiligt sich die SaW am obligatorischen Ratespiel, welche neuen Akzente wohl der SVP-Präsident aus dem Tessin setzen könnte, sollte er gewählt werden.

Wir überblättern das Ausland – und die Wirtschaft

Wir gönnen uns einen kräftigen Schluck doppelten Ristretto und überblättern das Ausland (Weissrussland, Kommentar zu Beirut und der abgängige Ex-König von Spanien). Dann auf einer Doppelseite ein Beitrag zum Thema «Journalisten interviewen Journalisten». Sprung über den Röstigraben, hat das der Blattmacher sicher genannt; also wird der Deutschschweizer Leser mit den Ansichten eines TV-Nachrichtensprechers aus der Welschschweiz in den Schlaf gewiegt. Anlass ist die welterschütternde News, dass er zu einem französischen Privatsender wechselt.

Auch die Wirtschaft leidet sichtbar unter der Hitze, Corona und Impfstoff, Glaceketten, bei der SBB regnet es in die Züge, na ja. Auf der Kommentarseite zeigt der Chefredaktor des St. Galler «Tagblatt», dass er mühelos in der Lage ist, so inhaltsleer, dabei aber so arrogant vor sich hin zu blubbern wie der publizistische Leiter Pascal Hollenstein.

Wespen und Verschweizerung

Nach mageren drei Seiten Sport beginnt im zweiten Bund der Teil «Regionen». Hier wird schön nach Kantonen verteilt abgefüllt, was da so anfiel. Wie schlimm es um die Nachrichtenlage steht, merkt man deutlich am Titel einer mit grossen Bildanteil auf mehr als eine Seite aufgeblasenen Story: «Wespen beschäftigen die Aargauer Feuerwehren». Auch einem als «Essay» angepriesenen Text «Basel verschweizert» wäre eigentlich nach einer Seite der Schnauf ausgegangen (und das wäre gut so gewesen). Aber mit einem über die Doppelseite gezogenen, riesigen roten Balken, sauber im Falz platziert das Kreuz, wird auch hier eine Doppelseite rausgeschunden.

Ein wunderbares Bildthema ist dann auch «Der Coronaleere auf der Spur». Eine Bilderreise zu, genau, leeren Orten und Plätzen. Wahnsinn, die Doppelseite zum Meditieren, ruhen und oooohm sagen.

Schliesslich noch sozusagen das Spielbein, der letzte Bund. Man merkt, dass es hier darum geht: Muss weg, erreicht sonst das Verfallsdatum. Also überrascht uns die SaW hier mit einem Dreiseiter über den US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden. Mann und Werk, ein fabelhafter Ausflug ins SMD, in Google und in ein paar Archive von US-Medien. Leicht geschüttelt und eiskalt serviert.

Wird das Wochenende länger?

Auch wenn die Salzburger Festspiele dieses Jahr nur ein reduziertes Programm anbieten; wenn man schon den Kulturredaktor ins Ausland lässt, Eintritte und Hotelaufenthalt zahlt, dann ist es klar, dass auch daraus mindestens eine Riesenstory werden muss. Und sonst, fällt etwas auf, bleibt etwas hängen? Ehrlich gesagt: nein. Selbst die Reise-Seite mit Tipps für schöne Schweizer Wasserlandschaften, nun ja. Immerhin: Es sieht so aus, als wären hier die eigenen Kräfte bemüht worden, ohne Sponsoring.

Wird also mit der «Schweiz am Wochenende» der Sonntag wirklich länger, beginnt er schon am Samstag, ersetzt sie den Inhalt der Samstagsausgaben, plus Mehrwert für den Sonntag? Sagen wir mal so: Nicht unbedingt. Das Wochenende kommt einem einfach länger vor, wenn man sich langweilt. Auf der anderen Seite hat man auch dieses Blatt relativ schnell durchgeblättert. Ohne dass man durch herausragende Artikel dabei behindert würde.

Das Ende der glücklichen Zeiten

Dem Internet sei Dank: Jeder kann Zeitung.

Da liegt es nahe, mit einem Gegenprogramm aufzutrumpfen: Nur positive Nachrichten statt des ewigen Protokoll des Elends. Die schlechte Nachricht: Lesen will das niemand. Ein Schweizer Portal hat gerade erst aufgegeben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der medialen Lawine an schlechten Nachrichten, die uns täglich überrollt und der Zunahme psychischer Erkrankungen? Mit Sicherheit wurde das bereits untersucht. Aber auch Laienpsychologen können zum Schluss kommen: Der Seele tut es nicht gut, dauernd zu lesen, dass alles schlechter wird. Und das ist ja so, wenn man den angestammten Medien glauben will. Es will eben einfach keiner lesen, wie viele Flugzeuge heute nicht abgestürzt sind. Es ist die Ausnahme, die das Lesevergnügen bereitet.

Dennoch gibt es Verleger – wir sind grosszügig mit dem Begriff -, die finden, dass es ihre Aufgabe ist, positive News zu verbreiten, sich also auf das bisschen Stoff zu konzentrieren, der uns das Gefühl gibt, es sei noch nicht alles verloren. Allein im deutschsprachigen Raum sind es einige Dutzend Onlinezeitungen, die sich das zur Aufgabe gemacht haben.

Labor statt Fleisch

Wie sieht das konkret aus? Zum Beispiel bei nur-positive-nachrichten.de? Da erfahren wir, wie viele Tonnen Plastik kürzlich aus dem Meer gefischt wurden. Das Problem: Um sich darüber richtig zu freuen, muss man auch darauf hinweisen, wie viele Tonnen da immer noch drin liegen. Positiv ist anders. Oder dass der Fastfoodriese KFC Hühnerfleischzellen aus dem Labor testet: Auch das klingt vielversprechend. Es fehlt allerdings der sanfte Hinweis, dass es vermutlich Jahre gehen wird, bis daraus etwas wird, und auch dann wird KFC den Teufel tun und dem echten Fleisch abschwören. Schlicht, weil der typische Kunde gern richtiges Fleisch isst.

In der Schweiz war es happytimes.ch, das diesem Konzept folgte. War. Denn just im vergangenen Juli haben die Macher nach über zehn Jahren die Segel gestrichen. Dass die Idee solange Bestand hatte, ist beachtlich und vermutlich einem Engagement nahe an der Selbstaufgabe zu verdanken. Denn wirklich einträglich ist das Geschäft mit good news nicht. Ausser, man macht es wie «Happy times», das unter positiven Meldungen auch klar als verkaufte Werbung erkennbare Autotests verstand.

Nackt am Mäher

Mehr als 10’000 Artikel habe man in dieser Zeit publiziert, heisst es im eigenen Abgesang. Und macht auch gleich klar, was wirklich gut lief: Die «Kornkreis-Fotostorys mit exklusiven Fotos direkt aus den sagenumwobenen Kornkreisen sowie bunte, fröhliche Foto-Reportagen von der Streetparade Zürich.» Was für Klicks sorgte, waren also besoffene Studenten, die sich nachts als Mutprobe an der Mähmaschine vergriffen und Bildergalerien von halbnackten Leuten. Klingt plausibel.

Vielversprechender ist vielleicht der Ansatz einiger eingesessener Medien, die sich eine Rubrik mit positiven Meldungen leisten. focus.de zum Beispiel führt einen «Gute-Nachrichten-Ticker». Das ist eine billige Lösung: Beiträge, die ohnehin publiziert werden, weist man mit einem Klick dieser Rubrik zu, erledigt. Wobei man darüber diskutieren kann, ob das Porträt eines Mannes, der seinem Vater die Ermordung der Mutter verzeiht, besonders stimmungsaufhellend ist. Es muss ja zuerst jemand ermordet werden, bevor man verzeihen kann.

Die meisten dieser «Alles ist gut»-Zeitungen finanzieren sich durch Werbeeinblendungen, die nur einschenken, wenn die ganze Welt plötzlich wissen will, wie toll das Leben doch eigentlich ist. Und einige verkaufen Mitgliedschaften, mit denen sich diese Werbung ausblenden lässt. Bei nur-positive-nachrichten.de kann man das für ein Jahr mit Summen zwischen 24 und 100 Euro erledigen, je nach Spendierlaune. Dafür erhält man dann einen Titel wie «Chenoa» (Friedenstaube) oder Macawi, was bei den Sioux so viel wie Grosszügigkeit bedeutet.

Dumm ist das nicht. Vermutlich spricht die Zielgruppe der Positivdenker drauf an.

 

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor «Die Ostschweiz».

 

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert auf «Die Ostschweiz».

Der letzte SRF-Promi

Nach den Abgängen von Nick Hartmann, Reto Scherrer und Patrizia Laeri ist er bald der letzte Promi beim Schweizer Fernsehen. Rainer Maria Salzgeber. Eine kleine Würdigung seines Erfolgs kurz vor seinem 51. Geburtstag.

Nur einer war schlagfertiger und hatte die noch grössere Klappe. Roman Kilchsperger. Doch dieser „wurde quasi eingeschläfert», wie Kilchsperger gegenüber der „Weltwoche“ sagte – und vor zwei Jahren zu Teleclub weiterzog. Auch Reto Scherrer (zu Blick TV), Nick Hartmann (zu CH Media) und Patrizia Laeri (seit Juli 2020 bei CNNMoney Switzerland) kehrten SRF den Rücken. Bleibt Rainer Maria Salzgeber. Er ist Fussballkommentator und Moderator der Sendung „Donnschtig-Jass“ auf SRF. Gerade bei der Jasssendung zahlt sich aus, dass Rainer Mara Salzgeber so ein treuer Arbeitnehmer ist. Herummäkler würden das als Sesselkleber bezeichnen. Aber egal. „Salzi“, wie er von Freunden und Fans genannt wird, rückte nach. Er ist seit 2018 Nachfolger von Monika Fasnacht (1996-2011), respektive von Roman Kilchsperger (2011-2018).

Eine treue Seele – oder ein Sesselkleber

26 Jahre ist Rainer Maria Salzgeber schon beim Schweizer Fernsehen angestellt. Den gebürtigen Briger ist vielen TV-Zuschauern wegen seines kernigen Walliserdialekts und des zweiten Vornamens «Maria» ein Begriff. Die Reporterlegende Gody Baumberger (1918– 2009) habe ihm vor 25 Jahren geraten, seinen Dialekt zu pflegen und keinesfalls auf das Maria zu verzichten. «So kennt man mich, das ist mein Markenzeichen.»  Tatsächlich tut Salzgeber auch einiges für seine Popularität. So ist er sich nicht zu schade, der Glückspost regelmässig Red und Antwort zu stehen.

Doch Salzgeber ist vor allem Sportfan. So hat er sein Idol Gody Baumberger laut eigenen Angaben oft besucht im Altersheim hinter dem «Spirgarten» in Zürich-Altstetten. Dort gab Salzgeber – noch vor Corona und an einem Anlass für Gewerbetreibende – seine Erfolgsrezepte preis, für die man an einem Führungsseminar schnell einmal 1000 Franken bezahlen müsste.

«Salzis sieben Erfolgsfaktoren»

«Bei mir scheint es immer, wie wenn ich alles locker aus dem Ärmel schütteln würde. Aber du musst auch etwas reintun.» Sprich, gute Vorbereitung ist alles. Für Salzgeber gibt es sieben Erfolgsfaktoren. Erstens: die Leidenschaft. «Es braucht dazu eine distanzierte Nähe.» Von Schulterklopfen alleine habe man nicht gelebt. Zweitens: das Fachwissen. «Sonst wäre ich verloren.» Aber man könne nicht der totale Experte sein. «Sonst dürfte nur Roger Federer über Tennis berichten», so Salzgebers Fazit. Drittens: «Sei, wie du bist». Also keine Rolle einnehmen, die nicht zu einem passt. Viertens: «Zuhören statt zutexten. Schweigen kann gut sein, dann spricht der Interviewte.»

Nächster Punkt: Kritik annehmen können. Aber: «Du musst dir ein persönliches Umfeld schaffen für Feedbacks, sonst macht dich die Kritik kaputt.
Sechster Punkt: die Disziplin. Bei Salzgeber heisst das, dass einem der Erfolg nicht in den Kopf steigen sollte. Dazu gehört aber auch die körperliche Fitness, an der Salzgeber stets arbeitet. So radelt er jeweils mit dem Rennvelo an die Drehorte. Letzter Punkt: der Humor. Ja klar. Lachen löst viele Verkrustungen.

Heute käme er bei SRF nicht mehr unter

Salzgeber appelliert: «Gebt Querschlägern mehr Chancen.» Er ist überzeugt: Er käme heute bei SRF bei Stellenbesetzungen nicht mehr über die erste Runde hinaus. «Mut ist wichtig», findet er.
Für alle SRF-Kritiker noch dieser Hinweis: Salzgeber lebt nicht vom SRF-Job alleine. Er verdient ein Zubrot als Moderator von privaten Anlässen, wie das viele seiner SRF-Kollegen tun. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz bei SRF. Man verdient nicht soviel wie in der Privatwirtschaft, doch man darf seinen Namen mit Moderationen vergolden.

Salzgeber hat noch ein drittes Standbein. Er ist seit Mai 2014 «stolzer Mitbesitzer der ‹Baracca Zermatt› in Kloten», wie seiner privaten Website zu entnehmen ist. Rainer Maria Salzgeber ist und bleibt ein Tausendsassa. Übrigens: Maria heisst er, weil er am 15. August geboren wurde, dem katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt. Ein Walliser ist und bleibt ein (frommer) Walliser.

Noch ein Skandälchen

A propos Jassendung: Schon seit 1968 gibt es den Samschtigjass. Zentraler Teil der Sendung sind drei Runden Jass. Am Kartenspiel nehmen prominente und nicht-prominente Studiogäste sowie ein Telefonkandidat teil, der 16000 Schweizer Franken gewinnen kann. Speziell ist, dass der Telefonjasser gar nicht von zuhause aus jasst, sondern am Drehort in einem Nebenzimmer. Dort hält er nicht etwa einen Telefonhörer in der Hand, sondern trägt einen Kopfhörer mit Mikrofon, ähnlich einem Fussballreporter. Publik machte diesen „Skandal“ der Tages-Anzeiger schon 2008. Die Geschichte ist aber immer wieder schön zu lesen.

 

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