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René Zeyer

Nachfragen hilft immer

27. November 2020/0 Kommentare/in Allgemein, Blattkritik/von René Zeyer

Wenn die «Medienwoche» lausig recherchiert.

Zumindest innerhalb der Branche erregte ein Tritt der «Medienwoche» in den Unterleib des Herausgebers des «Schweizer Journalist» Aufsehen:

«Bereit für den nächsten Karriereschritt?» fragte der «Schweizer Journalist» in einem Newsletter – und wohin der Schritt führt, machte bereits der Betreff klar: «Zeit für was Neus? Was mit PR?» Spätestens als die Vokabel «Züricher» auftauchte, war klar, dass Chefredaktor David Sieber nicht alles sieht, was im Namen des «Schweizer Journalist» verschickt wird.

Oberauer, dessen Verlag auch den «PR Report» herausgibt und als Geschäftsstelle der Deutschen Public Relations Gesellschaft e.V. fungiert, entnimmt der Anfrage der MEDIENWOCHE einen Unterton, der Journalisten als gut und PR-Leute als schlecht einordnet. Das entspreche nicht der Wahrheit und sei überheblich.

In diesen Zusammenhang hat das Angebot Oberauer aber selbst gesetzt: Die Abonnent*innen des «Schweizer Journalist» konnten es bloss als Aufforderung zum Seitenwechsel lesen. Womöglich ist einfach bei Oberauer «Zeit für was Neus»:

Unlängst hat er der MEDIENWOCHE eine Kooperation mit dem «Schweizer Journalist» angeboten, die de facto einer Fusion gleichkäme. Die MEDIENWOCHE hat dankend abgelehnt.»

Den Tritt verpasst hat Benjamin von Wyl, der erst vor Kurzem als hoffnungsfroher Journalist «unter 30» das Cover des «Schweizer Journalist» zierte und sich dort auch austoben durfte. Aber irgendwas muss der «Biofrontsau» (Twitter-Name) über die Leber gekrochen sein, also beisst er nun in die Hand, die ihn zuvor promotet hat.

Dafür nimmt er die kühne Kurve, dass Oberauer offenbar nicht wirklich zwischen PR und Journalismus unterscheide. Zudem habe Oberauer der «Medienwoche» «de facto» eine Fusion vorgeschlagen. Dazu habe man tapfer «nein, danke» gesagt, weiss von Wyl. Interessant, was da ein freier Mitarbeiter mit Einverständnis von Nick Lüthi aus der Schule plaudern darf. Nur: Stimmt das auch?

Holen wir doch das nach, was von Wyl unterliess; wir fragen Johann Oberauer: «Eine Fusion im Verständnis eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Richtig ist, dass ich mit der Medienwoche über eine redaktionelle Kooperation gesprochen habe.»

Und über eine mögliche spätere Übernahme im Rahmen einer Nachfolgeregelung. Was Oberauer davon hält, dass diese im Übrigen ohne Ergebnis beendeten Gespräche von der «Medienwoche» an die Öffentlichkeit gezerrt werden, das will der Verleger lieber nicht veröffentlicht sehen.

Verständlich. Vertraulichkeit ist das eine, Vertrauensbruch das andere. Und wenn man schon veröffentlicht, dann sollte es wenigstens stimmen. Aber für solche Feinheiten des Journalismus ist von Wyl vielleicht noch zu jung; er fällt ja auch sonst mit eher grob Geschnitztem auf. Wieso aber die «Medienwoche» das zulässt, denn Lüthi hat diesen Untergriff sicher nicht überlesen, man weiss es nicht. Verzweiflung?

Unter diesem Geschmiere steht das Eigeninserat der «Medienwoche», dass man als «Gönner zu 100 Prozent in unabhängigen, hintergründigen Journalismus» investiere. Ist wohl doch ein eher hohles Werbegeklapper. Denn wer will schon für solch oberflächlichen, von persönlichen Motiven gesteuerten Journalismus Geld verbraten.

https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg 0 0 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-27 07:00:212020-11-26 21:44:14Nachfragen hilft immer
René Zeyer

Berset, versemmelt

26. November 2020/7 Kommentare/in Allgemein, Blattkritik/von René Zeyer

Roger Köppels Kommentar wurde heute in der NZZ als Inserat geschaltet. Wenn die Mücke platzt, statt zum Elefanten zu werden.

Man muss der «Weltwoche» lassen: Mit ihrer «Eilmeldung» vom vergangenen Samstag sorgte sie für Furore. «Berset: Erpressung und Vertuschung», das löste Gehampel, Gefuchtel und Gefluche aus.

Letzteres bei der Sonntagspresse, die wohl auch Kenntnis vom einsehbaren Strafbefehl gegen die Erpresserin hatte, aber nicht damit rechnete, dass die am Donnerstag erschienene «Weltwoche» einfach ihren Internetauftritt ausnützt, um den Kollegen eine lange Nase zu drehen.

Zuerst wurden die Kampfhandlungen gegen die WeWo eingestellt

Während aber am Tag des Herrn grummelig einfach nacherzählt wurde, ging’s ab Montag richtig los. Immerhin über 250 Treffer erzielt die SMD-Suche nach «Berset – Erpressung». Da die WeWo nicht gerade beliebt ist bei den Kollegen der sogenannten Qualitätsmedien, wurden zwei Schienen gefahren. Auf der einen wurde eher kurzfristig auf die WeWo eingeprügelt, nach der Devise: Das ist Privatsache, darüber schreibt man nicht, pfui.

Nach einem eigenen Berg von Geschreibsel sah man dann allerdings ein, dass das vielleicht etwas heuchlerisch rüberkommen könne und stellte diese Kampfhandlungen ein. Um sich an der Exegese eines vielfach geschwärzten Strafbefehls zu versuchen. Beruhigendes Resultat: vielleicht hätte Berset schneller die Polizei einschalten sollen, aber sonst: alles in Ordnung, alles sauber, alles kein Problem.

Und im Umkehrschluss: Hätte die WeWo nicht aus durchsichtigen Gründen gegen einen erfolgreichen SP-Genossen Stunk gemacht, hätten wir uns auch diese Woche ausschliesslich auf Corona und Trump konzentrieren können. Aber schön, haben wir drüber geredet.

Die WeWo will aus einem Artikel eine Kampagne machen

Das wiederum will die «Weltwoche» nicht so stehenlassen, also legt sie nach. Gleich mit einem Doppelschlag. Autor Christoph Mörgeli, im Enthüllungsrausch, schreibt trotzig: «Bundesrat Alain Berset (SP) ist erpressbar.» Und sein Chef hat’s letzthin mit filmischen Vergleichen. Nachdem er Donald Trump zum John Wayne der Politik verklärt hat, fällt ihm bei Berset gleich «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino ein, dem grössten Kopisten Hollywoods.

In dieser Gaga-Story über zwei philosophierende und unendlich quatschende Killer gibt es eine Szene, in der sie – aus Versehen – ihren Passagier im Auto erschiessen. Das ist für einen Killer natürlich kein grösseres Problem. Aber die verdammte Sauerei im Wagen; Blut, Körperflüssigkeiten, Hirnmasse, schrecklich, das muss weg.

Für solche Fälle hat die Unterwelt natürlich einen Spezialisten. Harvey Keitel hat einen grandiosen Kurzauftritt als «the cleaner». Er räumt professionell Schweinereien aller Art auf. Entsorgt Überflüssiges, stellt Sauberkeit und Ordnung wieder her. Damit alles wieder so aussieht, als sei nichts geschehen.

Was hat «Pulp Fiction» mit Berset zu tun?

Eine der wenigen wirklich gelungenen Szenen im Film, vielleicht abgesehen von der ikonischen Tanzeinlage. Aber was hat das mit Berset und der Erpressung zu tun? Nun, da versucht sich Roger Köppel in einem erkenntnistheoretisch spannenden Looping. Er braucht viele Zeilen dafür, aber die Kernaussage ist: Wo nichts war, muss nichts aufgeräumt werden. Wenn aufgeräumt werden musste, damit Bundesrat Berset in seiner Berufsausübung nicht beeinträchtigt werde, war er beeinträchtigt. Und damit erpressbar.

In der leicht überhöhten Originalformulierung:

«In diesem Fall aber bliebe die wesentliche Frage offen, warum Berset die alles zermalmende Wucht der bundesrätlichen Strafjustiz gegen dieses angebliche Nichts einer Erpressung überhaupt entfesselte, denn wo nichts ist, kann nichts herauskommen und muss auch nichts gelöscht oder geheimgehalten werden.»

Quod erat demonstrandum, würde Köppel sagen, hätte er Latein gehabt.

Chef oben, Mörgeli unten

Während sich der Chef um geistige Flughöhe bemüht, ist Mörgeli unterwegs, um im Nahkampf aus seiner Enthüllung eine Kampagne zu machen. Ein Schuss ist gut, aber danach muss man nachladen. Denn schliesslich habe seine Enthüllung «einen Flächenbrand» ausgelöst, schlimmer noch, «das Abwehrdispositiv wackelt».

Also ruft Oberstleutnant Mörgeli «Attacke» und galoppiert los, als gäbe es noch die Schweizer Reiterarmee. Als geschickter Stratege weiss er, dass man nicht auf breiter Front angreifen sollte. Sondern versuchen, durch eine Bresche zu gelangen.

Die heisst «Erpressbarkeit». Da fährt Mörgeli alles auf, was er zusammenkratzen kann. Natürlich die Meinung eines Strafrechtsprofessors: «Das geht für mich nicht auf.» Die Hinter- und Abgründe eines Strafbefehls. Gar das Fehlen oder das Vorhandensein eines s am Ende des Wortes «Foto». Denn manchmal war’s nur eins, manchmal waren es mehrere. Hochverdächtig.

Verdächtig, wackelige Wagenburg, hilflos

Dagegen verberge sich Berset in einer «eiligst zusammengekarrten Wagenburg». Während die Kontrollinstanzen, vom Parlament angefangen – was Wunder – «einen hilflosen bis ausweichenden Eindruck» machten. Als Ausdruck dieser Haltung wird Ständerat Andrea Caroni (FDP) in den Senkel gestellt; der behaupte, Berset habe «sofort» Strafanzeige gestellt.  Pfeife, Unsinn, setzen, donnert da der Besitzer des Diploms fürs Höhere Lehramt, das sei «nachweislich falsch».

In diesem ganzen Sumpf könnten noch Sumpfblasen in Form von «weiteren undichten Stellen» (wieso weiteren?) in Form von «Fakten, aber auch Gerüchten» nach oben steigen. Aber das einzige Phänomen, das wir zurzeit beobachten können: Zwei erwachsene Männer versuchen, eine Eintagsfliege möglichst lang am Leben zu erhalten und zum Elefanten aufzupumpen. Beim Platzen gibt das keine Sauerei, die einen Cleaner bräuchte. Aber den guten Ratschlag: Man muss wissen, wann es mal gut ist.

Nehmt Euch doch ein Beispiel am «Blick». Als erfahrenes Boulevard-Medium hat der «Blick» schnell gemerkt: Berset, Erpressung, Frau, super Story. Aber genauso schnell wurde es ihm klar: das war’s; ausser, wir treiben die Erpresserin auf, ist die Story auserzählt.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/11/Screenshot-36.png 825 1167 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-26 09:57:492020-11-26 13:54:43Berset, versemmelt
René Zeyer

Ach, nun auch Knellwolf

26. November 2020/1 Kommentar/in Allgemein, Blattkritik/von René Zeyer

Nix Neues von Berset? Mach eine Analyse in den Qualitätsmedien von Tamedia draus.

Thomas Knellwolf kroch schon in die Hirnwindungen von Jörg Kachelmann. Er verfolgte hautnah den Vergewaltigungsprozess gegen den Unwettermacher und liess seine gesammelten Erkenntnisse im Buch «Die Akte Kachelmann» in die Öffentlichkeit regnen.

Also ist er sozusagen prädestiniert, etwas zum Fall Berset zu schreiben. Er beginnt gleich mit einem Hammer-Titel: «Das Bett ist privat – anderes nicht». Also das Klo, der Frühstückstisch, der Hut, die Augenbrauen?

Das Grundproblem von Knellwolf ist hier: Das Thema ist heikel, man will ja nicht vom Boulevard sein. Dazu kommt erschwerend: Es gibt nichts Neues zu vermelden. Null, nix, nada. Das wäre in früheren Zeiten ein klares Indiz gewesen: wenn’s nichts Neues gibt, dann gibt’s auch keinen neuen Artikel.

Jede Nicht-Recherche wird zu einem Artikel aufgepumpt

Das ist heute anders. Jede Nicht-Recherche, jedes Versagen, jedes zwecklose Telefonat muss zu etwas verwurstet werden. Im Notfall in Form eines Kommentars. Oder, die gehobene Version, einer «Analyse». Das war früher mal eine höhere Kunst, also die Durchdringung eines Themas, das Zerlegen, die Bestimmung von Wechselwirkungen.

Heutzutage ist eine «Analyse» schlichtweg: nix Neues, aber wir müssen doch zum Fall etwas sagen. Da muss allerdings zunächst geklärt werden, ob im Qualitätsjournalismus diese Story eigentlich relevant ist – oder privat. Tamedia hat die Frage mit ihrer Berichterstattung längst beantwortet. Also windet sich Knellwolf: «Eindeutig nein. Und eindeutig ja.» Nach diesem analytischen Widerspruch kann er fortfahren.

Zunächst allerdings mit völligen Belanglosigkeiten. Der Strafbefehl, wer hätte das gedacht, lag einsehbar auf. Dass er teilweise geschwärzt ist, sei korrekt. Also «aus heutiger Sicht», relativiert Knellwolf vorsichtshalber.

Längst beantwortete Fragen, frisch serviert

War Berset erpressbar, schiebt er eine weitere längst beantwortete Frage auf die Rampe. Und beantwortet sie mit einem Nein. Es seien keine «peinlichen Aufnahmen irgendwelcher Art» vorhanden, sage überraschungsfrei Bersets Anwalt, es habe auch keinen Machtmissbrauch – also beispielsweise die Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses – gegeben.

Damit wären wir eigentlich schon fast am Ende dieser Analyse «wie schinde ich aus einem Nichts ein paar nichtssagende Zeilen». Aber es fällt Knellwolf noch rechtzeitig ein, dass er schon noch etwas Kritisches nachlegen sollte.

Es fehlt noch das Kritische

Also eigentlich alles in Ordnung, eigentlich Fall erledigt. Aber: «Fraglich ist trotzdem, ob sich Alain Berset während des Erpressungsversuchs korrekt verhielt.» Potztausend, was hat der Bundesrat denn angestellt? Er habe seinen Anwalt zuerst deeskalierend auf die Frau «einwirken» lassen. Erst, als das nichts fruchtete, habe Berset Strafanzeige eingereicht.

Na und? Ha, beckmessert Knellwolf, da habe der Bundesrat die Sache besser «von Anfang an den Profis von Polizei und Staatsanwaltschaft» überlassen sollen. Warum? Darum. Aber damit ist das Sündenregister noch nicht geschlossen. Zuerst noch nachtreten: «Bersets Zuwarten ist riskant, ja fahrlässig.» War, wenn schon. Aber noch schlimmer: «Richtig wäre es gewesen, nicht nur die Strafverfolger einzuschalten, sondern auch den Gesamtbundesrat zu informieren.»

Sein Sprecher habe das damit begründet, dass es eine «private Angelegenheit» sei. «Das ist ein Irrtum», donnert Knellwolf. Der sich hier mehrfach irrende Knellwolf. Denn offensichtlich hat der Bundesrat sehr schnell die Strafverfolger eingeschaltet. Ohne die gäbe es keinen Strafbefehl.

Irrtum, sagt der irrende Knellwolf

Noch schöner ist der Begriff «Gesamtbundesrat». Zunächst vermutete Tamedia – wie andere Medien auch –, Berset habe den Bundesrat überhaupt nicht informiert. Was natürlich heikel, falsch, fragwürdig, merkwürdig sei. Aber lediglich auf der scharfen Analyse beruhte, dass Berset nicht gesagt habe, er habe den Bundesrat informiert.

Als dann richtiggestellt wurde, dass Berset selbstverständlich den damaligen Bundespräsidenten Maurer und die Justizministerin Keller-Suter informiert habe, zog man sich verschnupft auf den Vorwurf zurück: aber den Gesamtbundesrat nicht.

So kann man fröhlich vom Leder ziehen, wenn man weder als Medium noch als Journalist einen Ruf zu verlieren hat. Das ist allerdings nicht mal aus einer Mücke einen Elefanten machen. Das ist aus nichts ein Nichts machen.

Aber Knellwolf ist nicht alleine

Nur das Boulevard-Medium «Blick» weiss, was man macht, wenn es nichts Neues gibt: nichts. Ansonsten werden aus Verzweiflung erbärmliche juristische Wissenslücken spazieren geführt. Denn wenn es schon nichts Neues gibt, dann darf man doch Bekanntes kritisieren. Durfte die Bundesanwaltschaft überhaupt tätig werden, da es doch ein «privates» Problem war? Ja, sie durfte im Fall eines Bundesrats. Dürfen Teile eines öffentlichen Strafbefehls geschwärzt werden? Ist das nicht eine Sonderbehandlung? Nein, das kann und darf bei jedem geschehen. Ist es nicht verdächtig, dass die verfänglichen Dokumente und Fotos gelöscht wurden? Nein, es geschah offensichtlich mit Einwilligung der Erpresserin.

Die tollste Frage: War Berset, obwohl er sich nicht erpressen liess, erpressbar? Auch hier gilt: keine Ahnung von nichts, aber eine Meinung zu allem.

https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg 0 0 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-26 08:00:182020-11-25 20:21:16Ach, nun auch Knellwolf
redaktion@zackbum.ch

2. Frau von Hans Arp

26. November 2020/1 Kommentar/in Allgemein/von redaktion@zackbum.ch

Wie wird frau berühmt?

Wichtig: Der «Donnschtig-Träff» im Café Stern in Muri (AG) kann heute leider nicht stattfinden. Wegen Corona muss auf das gemütliche Beisammensein verzichtet werden. Dafür findet diesen Donnerstag ein anderer Anlass statt, und zwar der Edit-a-thon von SRF und Ringier. Knapp 100 Journalistinnen werden heute Wikipedia-Artikel schreiben. Nicht über Gurkensalat oder Fencheltee, darüber gibt es schon Einträge.

Die 100 Frauen wollen «Frauen sichtbar machen». Sie beklagen zu Recht: «Die grosse Mehrheit der Wikipedia-Editoren sind männlich. Wer sichtbar ist, kommt weiter.» Viele Personalchefs interessieren sich anscheinend nur für Kandidaten, die einen Wikipedia-Eintrag haben. Also zum Beispiel Herr Gurkensalat.

Die Journalistinnen von SRF und Ringier wollen nun ganz viele Frauen auf Wikipedia verewigen. Die Liste lässt nichts Gutes erahnen. Eigentlich definiert Wikipedia ziemlich brutal, über wen ein Artikel erstellt werden soll oder nicht.

Auf der abzuarbeitenden Liste stehen aber – wen wunderts – eine SRF-Journalistin (Moderatorin Kathrin Hönegger) und eine Ringier-Kolumnistin (Sex-Beraterin Caroline Fux).

Noch unklar sind sich die Frauen, ob für Nadja Schnetzler ein Eintrag geschrieben werden soll. Schnetzler ist «Mitgründerin Republik». Wir finden: auf jeden Fall, aber bitte nicht unter 50‘000 Zeichen. Ungewissheit herrscht ebenfalls bei Denise Bertschi. Die Künstlerin «gewan (sic!) 2020 den Manor Kunstpreis (…)» Auch bei Marguerite Arp Hagenbach sind sich die Journalistinnen noch uneinig. In der Beschreibung steht lediglich «2. Frau von Hans Arp». So gesehen sollte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder einen speziellen Frauen-Förderer-Wikipedia-Verdienstorden erhalten. Der Womanizer ist fünf Mal zum Traualtar gestolpert und hinterliess eine 1., 2., 3. und 4. «Frau von Gerhard Schröder».

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/11/wikipedia.png 253 1444 redaktion@zackbum.ch https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg redaktion@zackbum.ch2020-11-26 07:00:592020-11-25 21:50:282. Frau von Hans Arp
René Zeyer

Vincenz, der Schlechtbanker

26. November 2020/1 Kommentar/in Allgemein, Meinung/von René Zeyer

Zunächst: Es gilt die Unschuldsvermutung. Selten so gelacht.

Im Verlauf der letzten 11 Jahre, also seit der Finanzkrise eins, gab und gibt es in der Schweiz genügend Bankführer, die für erwiesene Unfähigkeit, für Milliardenbussen, für das Schrumpfen des Aktienkurses ihrer Bank um 50, 60, 70 Prozent ein Riesensalär bezogen. Plus Bonus, versteht sich.

Ohne, dass etwas anderes geschah, als dass sie um Dutzende, manchmal um Hunderte Millionen Franken reicher abtraten und verschwanden. Unbehelligt, vielleicht manchmal beschimpft, aber das sollte man bei diesem Schmerzensgeld aushalten.

Der strahlende Starbanker Vincenz

Dagegen galt Pierin Vincenz lange Jahre als der Gutbanker. Der Erfolgsbanker. Der joviale Siegertyp mit dem sympathischen Bergler-Image. Banker des Jahres, die Medien überschlugen sich mit Lobhudeleien, vor Bewunderung ehrfurchtsstarr. Was für ein Mann. Was für ein Erfolgstyp. Hat aus Raiffeisen die Nummer drei hinter den beiden Grossbanken und vor allen Kantonalbanken gemacht.

Eine Wahnsinnskarriere. Als der Finanzblog «Inside Paradeplatz» anfing, mit gestohlenen Bankunterlagen von Vincenz Stunk zu machen, sagten alle anderen Medien: niemals, gar nicht erst ignorieren.

Bis Ende Februar 2018 der Paukenschlag erfolgte. Verhaftung, Hausdurchsuchung, monatelange U-Haft. Aus dem ehrfurchtsstarren Blick hinauf zum Bankenstar wurde, so ist das im Journalismus, ein Wettbewerb im Arschtreten.

Nicht die geringste Eigenleistung der Journalisten

Ohne die geringste Eigenleistung veröffentlichten die Qualitätszeitungen Informationen, mit denen sie angefüttert wurden. Geldgierig in den eigenen Sack gewirtschaftet, dieser Vincenz. Sass an beiden Seiten des Verhandlungstischs bei Firmenübernahmen durch Raiffeisen, pfui.

Aber im Takt mit dem Staatsanwalt wechselten die Medien problemlos die Richtung der Vorwürfe. Das mit der Selbstbedienung sei schon eine Sauerei, aber die Spesen. Diese Spesen. Der Rotlicht-Banker mit einem Hang zu Strip-Schuppen. Pfui, pfui, pfui.

Alles, was vorher enthüllt worden war, schrumpfte zum lauen Lüftchen im Vergleich zu dem Sturm, der aufkam, als die Anklageschrift den Medien zum Frass hingeworfen wurde. All die älteren Spesenritter bei den Medien, die sich noch an die goldenen Zeiten erinnern, als auch im Journalismus keine grossen Fragen gestellt wurden, wenn die private Sause als Geschäftsessen eingereicht wurde, überschlagen sich vor Entrüstung.

Nach dem Rotlicht noch Dubai

Wobei natürlich weiterhin die Unschuldsvermutung gilt. Nachdem alle Rotlichtspesen durchgenudelt wurden, setzte die NZZ am Samstag noch einen drauf. Es gab ja auch noch die Reise nach Dubai. Ein Dankeschön von Raiffeisen an zwei langjährige, verdiente Mitarbeiter, überbracht vom Big Boss Vincenz.

Der auch gleich mitkam, um seine Huld über den beiden strahlen zu lassen. Flug in der First Class, Unterkunft in diesem segelförmigen Wahrzeichen von Dubai, golfen, relaxen, trinken, essen, kein Rotlicht. Alles gerne von Kuoni organisiert, Kostenpunkt für alle: 54’000 Franken. Es läppert sich halt.

An dieser Beschreibung delektiert sich auch die NZZ. Was sie dabei völlig aus den Augen verliert, sind die naheliegenden Fragen. Wo Spesen eingereicht werden, müssen sie auch visiert werden. Das tat bei Raiffeisen der VR-Präsident höchstselbst bei Vincenz. Und der war nicht irgendwer, sondern auch Professor an der HSG – für Unternehmensführung.

So viele Artikel, so viele nicht gestellte Fragen

Nicht gestellte Frage eins: Wie hätte Vincenz annehmen sollen, dass mit seinen Spesen etwas nicht in Ordnung sei, wenn sie allesamt und über Jahre kommentarlos abgezeichnet wurden?

Nicht gestellte Frage zwei: Wie hätten die Mitreisenden Verdacht schöpfen sollen, die Jahre später von einem im roten Bereich drehenden Staatsanwalt wegen «Beihilfe zu ungetreuer Geschäftsbesorgung» angeklagt werden? Sicherer Freispruch inklusive.

Nicht gestellte Frage drei: Wenn wir schon ernsthaft über ungetreue Geschäftsbesorgung sprechen wollen, wie sieht es da mit einem VR-Präsidenten aus, der offensichtlich weder seiner Aufsichts-, noch seiner Kontroll- und auch nicht seiner Fürsorgepflicht nachkommt? Dafür kassierte er ein sattes Honorar – als Nebenjob zu seiner Professur – von fast 600’000 Franken im Jahr.

Fragen, keine Antworten, recherchieren

Hätte da nicht mit viel mehr Grund zumindest eine Strafuntersuchung eingeleitet werden müssen? VR-Präsident, Professor, hallo? Statt auf zwei harmlose Mitreisende mit Kanonen zu schiessen?

All diese Fragen hat die NZZ nicht gestellt. Aber ich. Hat die Bank nicht eine Strafanzeige eingereicht gegen ihren ehemaligen VR-Präsidenten? Und wenn nein, warum nicht? «Raiffeisen Schweiz äussert sich nicht zum laufenden Verfahren.» Nachfrage: Kann man aus der Antwort schliessen, dass gegen Prof. Rüegg-Stürm ein Verfahren läuft? Antwort: «Wir verweisen auf unsere E-Mail vom 19. November.»

Und was sagt die Staatsanwaltschaft zur Frage, wieso sie keine Ermittlungen gegen Rüegg-Stürm aufgenommen hat? «Mit der Anklageerhebung ist die Verfahrens- wie auch die Kommunikationshoheit an das Bezirksgericht Zürich übergegangen. Über den Inhalt unserer Medienmitteilung vom 3. November hinaus beantworten wir deshalb keine weiteren Fragen.»

Das war zwar nicht die Frage. Aber in der voluminösen Anklageschrift kommt der Name Rüegg-Stürm, die Spesenabrechnungen abzeichnender VR-Präsident, nicht vor. Warum nicht? Gute Frage. Da könnte man zum Beispiel zu recherchieren beginnen. Aber das wäre ja mit Anstrengung verbunden.

 

 

 

https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg 0 0 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-26 06:00:042020-11-25 20:18:35Vincenz, der Schlechtbanker
René Zeyer

4 Monate, die die Welt veränderten

25. November 2020/5 Kommentare/in Allgemein, Meinung/von René Zeyer

Nun gut, die kleine Medienwelt der Deutschschweiz. Ein wenig.

Schon nach einem Monat waren sich viele Getroffene und Betroffene einig: ZACKBUM.ch macht sicher bald mal die Schraube. Ist doch unvorstellbar, dass drei Nasen freiwillig und ohne Bezahlung monatelang einen Artikel nach dem anderen rauspusten.

Nach inzwischen vier Monaten kann man laut sagen: doch. Es sind inzwischen weit über 330 Artikel geworden; jeden Tag mehr als einer, manchmal sogar drei. Schnell schafften wir, was der Ritterschlag für jedes kritische Organ ist: Wir wurden schnell gehasst – und entweder bedroht, oder ignoriert.

Bedroht mit dem Üblichen: Werden Sie nicht, dann werde ich alle geeigneten rechtlichen Schritte, Blabla. Konstruktiver waren Hinweise von vielen Seiten, wenn der Wunsch entstand, etwas zu ergänzen, allenfalls etwas richtigzustellen.

Das tun wir immer und gerne. Genauso, wie wir aus Prinzip allen Betroffenen oder Beteiligten die Gelegenheit geben, Stellung zu nehmen. Innerhalb eines geplanten Artikels, oder auch als Gastbeitrag. Wir nehmen es als Kompliment für die Stichhaltigkeit unserer Recherchen, dass die Gegenrede noch nie benutzt wurde. Was auch bedauerlich ist.

Nicht minder bedauerlich ist, dass dieses Schweigegelöbnis auch dann gilt, wenn ZACKBUM.ch einen Primeur knallen lässt. Wir haben nach 8 Medienmitteilungen aufgegeben, die übrige Journaille dazu zu bewegen, was sie sonst bei jedem Pipifax tut: etwas vermelden, was wir veröffentlichen.

Seien das die internen und despektierlichen Aussagen des Leiters Publizistik bei CH Media über seine eigenen Leser, das ungenierte Brechen von Sperrfristen, gar die Ergebnisse einer exklusiven Umfrage unter den Medienhäusern, wie sie es mit Kurzarbeit halten: die Antwort ist schweigen. Der Sozialplan von Tamedia bei der nächsten Entlassungsrunde, der Auflagenschwund bei der NZZ, die Fehler von «10vor10», dass Tamedia eine Würdigung seiner ehemaligen Mitarbeiterin Charlotte Peters verschnarcht hat, die schwindende Trennung zwischen redaktionellem und bezahltem Inhalt – das alles interessiert die betroffenen Medien nicht.

Als wir starteten, haben wir nicht gewusst, dass wir immer nötiger werden. Nicht nur, weil wir immer besser werden. Sondern, weil Tamedia schon lange die Medienkritik aufgegeben hat. CH Media weitgehend. Die NZZ vor Kurzem. Weil zudem der «Schweizer Journalist» wie so viele Medien Opfer der Pandemie geworden ist. Kaum mehr Eigenrecherche in der Schweiz, dafür Berichterstattung vom hohen Norden Deutschlands oder von Wiener Hofintrigen.

Auch die «Medienwoche» hustet nur mehr Gesinnungsjournalismus aus, und persoenlich.com bleibt das Organ der Beliebigkeit und der Medienmitteilung: Agentur X hat eine neue Putzfrau angestellt, Pardon, eine Facility Managerin.

In diesem sich selbst verzwergenden Umfeld ist es nicht nur Eigenleistung, immer grösser zu werden. Das drückt sich auch in nicht explodierenden, aber stetig steigenden Zahlen aus. Wir haben nicht die Schweiz als Zielpublikum, und wir befürchten, dass auch Donald Trump uns nicht zur Kenntnis nimmt, was die meisten Kommentatoren in der Schweiz von sich annehmen.

Aber in den meisten Gesprächen mit Berufskollegen, an Reaktionen aus journalistischen Ecken, mit denen wir nie gerechnet hätten, vor allem aber durch den Standardsatz: «natürliche lese ich Euch», wissen wir, dass wir unser Zielpublikum in lediglich vier Monaten erreicht haben.

Werbefreies Magazin

Was bemerkenswert ist, weil wir faktisch keine Werbung machen, nicht on- und schon gar nicht offline. Wir sehen uns bestätigt: Mund-zu-Mund-Propaganda ist besser als alles andere. Wer etwas leistet, und kontinuierlich nicht nachlässt, wird wahrgenommen.

Das äussert sich auch darin, dass wir in dieser geballten Menge noch nie in unserer nun auch nicht kurzen Karriere von Whistleblowern informiert wurden wie seit dem Start von ZACKBUM.ch. Der Leidensdruck in den noch verbleibenden Medienkonzernen ist immens.

Die Zeiten sind kritisch. Die Debatte über Fake News, Gesinnungsblasen, verschiedene Wahrnehmungen der gleichen Realität, fehlende analytische und einordnende Fähigkeiten, Alternativen zum Sparmodell «schmeiss sie raus und verkauf’s dem Leser als Verbesserung», all das braucht Reflexion und kritische Begleitung.

Auch mit Geldvernichtungsmaschinen wie «Republik», «watson», «Bajour» oder die verblichene «TagesWoche»: es braucht kritischen Journalismus wie eigentlich noch nie. Aber wie? Welche Modelle gibt es, wie kann er überleben?

Wir wissen auch nicht alle Antworten. Sonst wäre ZACKBUM.ch bereits in der Stratosphäre angelangt. Aber wir liefern nach bestem Wissen und Gewissen unsere Beiträge. Gepfeffert und nicht weichgespült. Den Temperamenten der tapferen Drei entsprechend. Nur erlaubte Meinung und belegte Tatsachenbehauptung kommen bei uns vor. Deshalb gab es zwar schon viele rote Köpfe und dunkle Drohungen, aber noch nie eine Gegendarstellung oder ernsthafte Rechtshändel.

Daher gilt: Nach vier Monaten ZACKBUM.ch ist vor vier Monaten ZACKBUM.ch. Immer wieder. Immer gerne und mit Lust. Mit Humor, Ironie und ja, auch mal mit Schadenfreude. Denn wie hiess es schon vom genialischen Regisseur und Schauspieler Erich von Stroheim: the man you love to hate.

Aber wir werden nicht nur gehasst, auch geliebt. So erreichen uns gar nicht so selten Anfragen, wohin man denn etwas überweisen könne, man wolle nicht einfach genüsslich konsumieren. Wir haben uns fest vorgenommen, niemals auf das Niveau der «Republik» und vielen anderen zu sinken. Lieber Selbstausbeutung als Bettelei. Aber: Wir wollen natürlich niemanden davon abhalten, seine Dankbarkeit auch finanziell auszudrücken.

Solche milden Gaben brauchen aber eine Struktur. Wer Geld annimmt, wird rechenschaftspflichtig. Muss transparent machen, wohin das Geld genau fliesst, was damit angestellt wird. Wer das kontrolliert. Sonst ist’s nicht seriös. Wir werden nun keine Holding mit AG, Genossenschaft und wunderlichen Buchungstricks basteln. Aber wir arbeiten an was Einfachem und danken vorläufig allen unseren Lesern.

Denn ohne sie gäbe es ZACKBUM.ch nicht. Denn wir haben von Anfang an geschworen: Wenn wir bis Ende 2020 nicht eine deutlich und stetig steigenden Zahl von Besuchern haben, dann ziehen wir den Stecker wieder raus. Dank Euch allen sind wir zuversichtlich, dass wir Ende Jahr ohne diesen Entscheid die Korken knallen lassen.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/07/Rene.jpg 394 591 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-25 08:00:362020-11-25 08:19:394 Monate, die die Welt veränderten
redaktion@zackbum.ch

Beni wirds ganz warm ums Herz

25. November 2020/3 Kommentare/in Allgemein, Meinung/von redaktion@zackbum.ch

Seit heute gibt es ZACKBUM.ch vier Monate. Wer frisch verliebt ist, kennt das Ritual: Man feiert den ersten gemeinsamen Monat, das erste halbe Jahr und anlässlich des ersten vollen Jahres fliegt man mit der Geliebten nach Wien, Rom, Amsterdam.

Liebe ich ZACKBUM.ch? Nun, in den letzten vier Monaten habe ich viele Hochs und Tiefs erlebt.

Zuerst die Hochs: Dank ZACKBUM.ch muss sich der Zürcher Stadtrat mit der Kolumnisten Rita Angelone befassen. Die Kolumnistin des «Tagblatts der Stadt Zürich» hat in ihren Artikeln die Grenze zwischen PR und redaktionellem Test sehr arg strapaziert. ZACKBUM.ch ist es zu verdanken, dass der «Tagi» endlich, nach drei Wochen, einen Nachruf auf die berühmte Reisejournalistin Charlotte Peter verfasste (übrigens, ziemlich gut).

Wir haben viele Fehlentwicklungen im Schweizer Journalismus aufgedeckt und mit spitzer Feder niemanden geschont. Die Weltwoche hat ihr Fett abbekommen, die NZZ, der Tagi, die Republik, SRF, Keystone-SDA usw.

Spass hat uns das nicht immer gemacht. Andererseits war ich immer wieder überrascht, wie genau wir gelesen werden und wie zahlreich unser Publikum geworden ist. Als ein Text nach einer Stunde wieder vom Netz gehen musste, erhielten wir zahlreiche Fragen, was passiert sei. Das bleibt natürlich unser Geheimnis. Es zeigt aber auch, wie genau wir gelesen werden.

Positiv überrascht war ich von der Professionalität der Mediensprecher. Obwohl wir den Verlag oder die Zeitung immer wieder kritisierten, wurden uns stets Antworten unter Einhaltung der Deadline gegeben. Besonders hervorheben möchte ich den Mediensprecher von Keystone-SDA. Traurige Ausnahme ist die Republik. Meine Fragen wurden nicht beantwortet, und irgendwann machte ich daraus einen Spass.

Die Tiefs sind die Schweizer Journalisten. Die Festangestellten, die Freien, die Ehemaligen. Die Edelfeder, die Lokaljournalisten, die Chefredaktoren. Eigentlich wollten wir ZACKBUM.ch nicht als Trio führen, sondern als Plattform für alle. Linke, Rechte, Junge, Alte. Einzige Bedingung: gut recherchiert, etwas smart und clever geschrieben. Mehr braucht es nicht, um bei uns einen Text – gratis – zu veröffentlichen.

Das Echo war niederschmetternd. Nicht einmal anonym trauen sich die Leute zu uns. «Tolle Idee», «du, ich melde mich nochmals», «ja, warum nicht?» Niemand wagt sich aus der Deckung. Ich bin nicht naiv. Klar, wer jung und angestellt ist, schreibt doch nichts über den Arbeitgeber von morgen.

Aber das von hundert (100!) Anfragen nichts Verwertbares rauskam, das ist doch erschütternd und zeigt eine falsche Entwicklung. Immerhin, die schönsten Gespräche führte ich mich Ehemaligen, die ausgesorgt sind und so fest im Sattel sitzen, dass sie nichts umstösst.

Wenn ich also das Erlebte zusammenfasse: Lust, Freude, Enttäuschungen, Ärger, wieder Freude, wieder Ärger – dann denke ich schon, dass da ein bisschen Liebe mitspielt.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/07/Beni.jpg 394 591 redaktion@zackbum.ch https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg redaktion@zackbum.ch2020-11-25 07:30:092020-11-26 13:33:23Beni wirds ganz warm ums Herz
redaktion@zackbum.ch

Mit dem Spass kommt der Erfolg

25. November 2020/3 Kommentare/in Allgemein, Meinung/von redaktion@zackbum.ch

Seit Juli ist ZACKBUM.ch online. Ich möchte nicht mehr ohne.

Mein leider allzu früh verstorbener Kollege und Kommunikationsberater Peter M. Wettler sagte mir einmal: «Mit dem Spass kommt der Erfolg». Ich glaube, er wollte mich aufmuntern. Nicht immer so verkrampft, nicht immer so ernst. Und tatsächlich habe ich das gelernt von Peter Wettler: Beim Schreiben sollte man vor allem Spass haben. Spass im positiven Sinn. Etwas entdecken und niederschreiben. Etwas dazu lernen. Jemanden so tadeln, dass er nochmals über die Bücher geht. Das sollte wenn möglich nicht gemein wirken und auf Kosten anderer gehen. Und nicht so spassig sein, dass die Fehlerquote explodiert. Einfach mit Freude und Einsatz. Ich gebe aber zu, dass da die Eigen- und die Fremdsicht nicht immer die gleiche ist.

Spass. Das sollte man ZACKBUM.CH anmerken. Oft knallhart, oft aber auch mit einer Prise Nachsicht. Wer nun findet, unsere Artikel seien oft zu negativ, zu kritisch, zu direkt, der mag vielleicht recht haben. Aber die Wirtschaftswelt ist nun mal kein Ponyhof, eher ein Haifischbecken (ich mag abgelutschte Vergleiche).

Der Redaktionsalltag wird immer brutaler. Die Feedbackkultur liegt am Boden. Der Druck ist immens. Schreiben, fotografieren, filmen, online-Versionen sofort ins Netz stellen, Titel klickgerecht anpassen, Printversion selber layouten, für das weggesparte Korrektorat einspringen und am nächsten Tag bei der Blattkritik trotzdem eine Tracht Prügel kassieren. Da muss ZACKBUM.CH nicht auf Schönwetter machen.

Zudem fehlt je länger je mehr eine unabhängige Medienkritik. Der ehemalige Journalist und heutige PR-Manager Andreas Durisch (Dynamics Group) formulierte es im SRF-Medientalk vom September treffend: «Die Medienberichterstattung ist total zurück gegangen.» Für Durisch einer der Gründe: «Medienjournalisten müssen die Hauspolitik des Verlags vertreten.» Darum nehme sie viel weniger Platz ein als früher.

Wir von ZACKBUM.CH möchten in diese Bresche springen. Wir möchten allen Facetten des Journalismus eine Stimme geben. Nicht nur den offiziellen Verlautbarungen. Wir wollen aber auch den Werbeabteilungen in den Verlagen auf die Finger schauen. Denn die Verschmelzung von Journalismus und PR wird immer undurchsichtiger.

«Aber Ihr seid ja nur drei Nasen. Der Absturz ist doch programmiert». Tatsächlich ist ZACKBUM.CH nach wie vor eine überschaubare Truppe. Immerhin ist das Trio schön heterogen. Politisch, stilistisch und ein bisschen auch altersmässig. Aber ja. Wir sind alles Männer.

Die Redaktionsgrösse, das Alter, das Geschlecht, die Migrationsherkunft. Da hat ZACKBUM.CH noch Luft nach oben.

Kommunikationsspezialist David Guggenbühl hat in einem ZACKBUM-Interview nach wenigen Wochen des Bestehens gesagt: «Ihr dürft nicht selbstgefällig wirken». Und weiter auf uns bezogen: «Man hofft auf Applaus, erduldet aber keine Kritik. Eine Grundeinstellung von vielen Journalisten.»

Darum, liebe Leserinnen und Leser, bitte überhäuft uns mit Kritik und Anregungen. Danke.

P.S. Wollen Sie noch ein bisschen Klatsch hören? Die fleissigste Mediensprecherin ist für mich Johanna Walser von Ringier. Sie rief um 07.15 Uhr an, weil ihr ein um 7 Uhr online gestellter Artikel nicht passte. Sie blieb aber höchst anständig. Der aufsässigste Chefredaktor ist für mich bis auf Weiteres  jener des Schweizer Journalisten. Er drohte mir ohne Anhörung via Bahnhofstrassen-Anwalt eine Zivilrechts- und eine Strafrechtsklage an. Die unzuverlässigste Medienstelle: jene der Republik. Sie gibt nie Antwort. Vielleicht versuch ich’s bald mal mit dieser Story und entsprechender Anfrage: In Deutschland hat für den Namen «Republik» der Publizist Uwe Nettelbeck die Rechte. Vielleicht kennt man die schwarz/roten Bänder der Republik. Sie waren innen und aussen der «Fackel» nachgebildet, nur viel verschrobener. Eine Wochenzeitung «Republik» war in den 1990ern mal geplant, Nettelbeck rückte aber das Namensrecht nicht raus. Fazit: Namensklauerin Republik (Danke, Holger Jost, für den Tipp!)

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/07/Lorenz.jpg 394 591 redaktion@zackbum.ch https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg redaktion@zackbum.ch2020-11-25 07:01:562020-11-25 09:27:28Mit dem Spass kommt der Erfolg
René Zeyer

schweizer journalist ganz klein

25. November 2020/0 Kommentare/in Allgemein, Blattkritik/von René Zeyer

15 Jahre gibt es ihn schon. Stationen eines Abgangs.

Es war eigentlich ein ganz normaler Dienstag, sogar die Sonne schien. Der Gang zum Briefkasten änderte das. Der «schweizer journalist» versucht, die 15 Jahre seiner Existenz zu feiern.

Da ist Trauerarbeit angesagt. Auf dem Cover, welche Überraschung, Nathalie Wappler als «Mutige Strategin» und «Medienmanagerin des Jahres». Im Editorial eine Lobeshymne auf den Inhalt des aktuellen Blatts. Wobei aktuell: das Online-Voting für die diversen Kategorien des «Journalist des Jahres» laufe noch bis zum 10. November. War also bei Erhalt des Hefts seit mehr als zwei Wochen vorbei.

Schweizer Bezüge im «Schweizer Journalist»?

Welche Eigenleistungen darf man für immerhin 15 Franken erwarten? Natürlich, ein Interview mit Nathalie Wappler. Ein Interview mit Karl Lüönd. Ein Ausflug mit Peter Rothenbühler in die Romandie und die Expansionspläne von «watson» und «blick.ch». Eine Seite Nutzwert, wie man aus Pro Litteris am meisten Geld rausholen kann.

Dann kommt – coronabedingt – die lange Strecke, die nun nichts mit Schweizer Journalismus zu tun hat. Aktivismus und Journalismus; was meint man dazu in Deutschland, was meint der «stern»? Wir blättern und blättern.

Ah, endlich, der Chefredaktor meldet sich wieder zu Wort und lobt die Frauenförderung bei Ringier. Kann man machen, muss man nicht machen.

Ein Highlight der Transparenz im Branchenblatt

Dann ein weiteres Highlight: Was geschieht mit den Archiven von Online-Medien, wenn die den Stecker rausziehen? Eine durchaus interessante Frage. Wenn der Autor Stefan Boss nicht zunächst die verblichene «TagesWoche» über den grünen Klee loben würde. «Innovativ, international beachtet», ein Wunderwerk, eine Bastion gegen die «Basler Zeitung», die «unter den Einfluss des SVP-Politikers Christoph Blocher gelangt war».

Davon habe ich als langjähriger Autor der BaZ zwar nie etwas gemerkt. Vielleicht hätte dem Artikel des «freischaffenden Journalisten und Textarbeiters» Stefan Boss hier etwas Transparenz wohlgetan. Denn Boss kündigte 2012 bei der BaZ und veröffentlichte immerhin 29 Artikel in der «TagesWoche». Bis das «zur Verfügung gestellte Geld aufgebraucht war».

Kein Wort darüber, dass es zu den Innovationen der «TagesWoche» gehörte, bei der Auflagenhöhe der gedruckten Ausgabe über jedes Mass hinaus zu bescheissen. Dass die ständigen Querelen und das Mobbing innerhalb der Redaktion, mitsamt häufigem Führungswechsel, eine bedeutende Rolle beim Untergang spielten. Sich über einen nicht vorhandenen Einfluss Blochers beschweren, aber seine eigenen Verbindungen nicht offenlegen: so lobt man sich den Journalismus.

Nun aber der Ausflug über Deutschland und Österreich hinaus

Dann kommt endlich auch der Duft der grossen weiten Welt ins Blatt. In Form eines «nordenglischen Lokalblatts». Das ist auch der richtige Ort, dass die «Tiroler Tageszeitung» per Inserat verkündet, dass sie «die absolute Nummer 1 in Tirol» sei. Aber von den österreichischen Bergen geht’s dann schnurstracks nach Kalifornien und dort zur frisch gestarteten «lokalen News-App «Lookout»». In einem Interview wird die Frage beantwortet: «Was will Gründer Ken Doctor damit erreichen?» Das mag vielleicht kalifornische Surfer oder auf der Promenade von Venice Beach interessieren. Aber in der Schweiz?

Doch Abhilfe naht, ab Seite 68 sagt Karl Lüönd, was er gerne immer wieder zum Zustand der Schweizer Medienlandschaft sagt. Und auf Seite 72 zeigt der erste Chefredaktor des «Schweizer Journalist», wie man elegant eine Seite füllt. Und Mitherausgeberin Margrit Sprecher beklagt den Niedergang und lobt «Republik», «watson» und «heidi.news».

Allerdings lässt sie doch erkennen, dass sie nicht gerade eine Digital Native ist. Sie behauptet nämlich: «Eine selbstbewusste Truppe schafft das Doppelte in besserer Qualität in der Hälfte der Zeit.» Da wagen wir von ZACKBUM.ch doch einzuwenden: Wir Drei schaffen den gleichen Output wie die «Republik» mit 50 Nasen. Also schaffen wir dann 17 mal das Doppelte, Wahnsinn.

Was ist nicht drin, was fehlt?

Das ist drin, was fehlt? Nun, wenn man schon den nicht gerade handelsüblichen 15. Geburtstag zum Anlass zur Selbstfeier nimmt: Es gab ja einen ersten Chefredaktor, dann einen zweiten und dann kam David Sieber. Aber sein Vorgänger, wer war das schon wieder, der ist ihm keine Zeile wert.

Ach, und die einzige Neugründung in Sachen Medienkritik auch nicht. Empfindlich, der Herr. Kritik an dem nicht nur von ihm verschuldeten Niedergang verträgt er überhaupt nicht. Auch ein Indiz dafür, dass es immerhin richtig ist, 15 Jahre zu feiern. Einen runden Geburtstag wird es wohl nicht mehr geben.

 

Packungsbeilage: Ich habe vor der Ära Sieber im «Schweizer Journalist» regelmässig publiziert. Seither weder Artikel angeboten, noch angefragt worden.

https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg 0 0 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2020-11-25 06:00:372020-11-25 07:14:16schweizer journalist ganz klein
redaktion@zackbum.ch

NZZ steigt bei Keystone-SDA aus

24. November 2020/1 Kommentar/in Allgemein/von redaktion@zackbum.ch

Wer will mich (noch)?

Was macht der dicke Franz, wenn er zu langsam im Sprint ist und für längere Strecken keine Puste hat? Er wird Zuschauer. Das gleiche Schicksal droht der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Kurzfutter-Medium «20 Minuten» verlässt die Agentur im kommenden Jahr. Und die langatmige NZZ hat den SDA-Regionaldienst ebenfalls abbestellt, wie ein Insider ZACKBUM.ch mitteilte. Was noch läuft, sind überregionale Meldungen; die erscheinen im Blatt aber nur noch selten.  Keystone-SDA schrieb auf Anfrage, dass sie zu «laufenden Kundenverhandlungen und einzelnen Kundenbeziehungen keine Auskunft» geben mag. Pikant: Die NZZ war 2017 noch zweitgrösster Aktionär von der Agentur.

Was sind die Gründe des Exodus‘? Nebst Einsparungen spielt auch die mangelnde Effizienz der Nachrichtenagentur eine Rolle. Der dritte Grund: Die Redaktorinnen und Redaktoren schreiben zum Teil ein grässliches (und falsches) Deutsch:

«Der Kanton (Schaffhausen) will innovative und erfolgversprechende Vorhaben von Unternehmen mit einzelbetrieblichen Förderbeiträgen (EBF) unterstützen. Die (sic!) Wirtschaftsförderungsgesetz ist Ende 2019 ausgelaufen und soll nun in unveränderter Höhe von 20 Millionen Franken für weitere zehn Jahre verlängert werden.

Stilkritiker Wolf Schneider hätte seine Freude an diesen zwei Sätzen. Für seine urkomische Sammlung an schiefen Sätzen. Weniger lustig sind solche Grauslichkeiten für die Redaktionen. Egal ob «20 Minuten» oder NZZ. Immer weniger Zeitungen muten ihren Lesern solche Nachrichten zu. Der gleiche Artikel enthält übrigens noch den dämlichen Fehler «Vierfünftels-Mehrheit». Und nicht weniger als sieben Mal ist die Rede von «Startup». Der Duden lässt nur «Start-up» durchgehen.

Insgesamt also neun Fehler und ein schlechtes Deutsch – kein Wunder, dass eine «Vierfünftels-Mehrheit» die Agentur verlässt.

Bei den meisten Medien würden bei dieser Entwicklung selbst die Mäuse das sinkende Schiff verlassen. Dafür besteht aber kein Grund zur Sorge. Der Bundesrat will die gefällige Agentur nämlich am Leben lassen, koste es auch 16 Millionen Franken.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/11/nzz-logo.png 131 385 redaktion@zackbum.ch https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg redaktion@zackbum.ch2020-11-24 13:35:212020-11-24 17:18:25NZZ steigt bei Keystone-SDA aus
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  • Kleines Vademecum für Kommentarschreiber27. August 2020 - 16:08
  • Wer wir sind und was wir wollen25. August 2020 - 15:07
  • ZACKBUM.ch startet: Die Rückkehr der Medienkritik25. Juli 2020 - 6:05
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