Beni wirds ganz warm ums Herz

Seit heute gibt es ZACKBUM.ch vier Monate. Wer frisch verliebt ist, kennt das Ritual: Man feiert den ersten gemeinsamen Monat, das erste halbe Jahr und anlässlich des ersten vollen Jahres fliegt man mit der Geliebten nach Wien, Rom, Amsterdam.

Liebe ich ZACKBUM.ch? Nun, in den letzten vier Monaten habe ich viele Hochs und Tiefs erlebt.

Zuerst die Hochs: Dank ZACKBUM.ch muss sich der Zürcher Stadtrat mit der Kolumnisten Rita Angelone befassen. Die Kolumnistin des «Tagblatts der Stadt Zürich» hat in ihren Artikeln die Grenze zwischen PR und redaktionellem Test sehr arg strapaziert. ZACKBUM.ch ist es zu verdanken, dass der «Tagi» endlich, nach drei Wochen, einen Nachruf auf die berühmte Reisejournalistin Charlotte Peter verfasste (übrigens, ziemlich gut).

Wir haben viele Fehlentwicklungen im Schweizer Journalismus aufgedeckt und mit spitzer Feder niemanden geschont. Die Weltwoche hat ihr Fett abbekommen, die NZZ, der Tagi, die Republik, SRF, Keystone-SDA usw.

Spass hat uns das nicht immer gemacht. Andererseits war ich immer wieder überrascht, wie genau wir gelesen werden und wie zahlreich unser Publikum geworden ist. Als ein Text nach einer Stunde wieder vom Netz gehen musste, erhielten wir zahlreiche Fragen, was passiert sei. Das bleibt natürlich unser Geheimnis. Es zeigt aber auch, wie genau wir gelesen werden.

Positiv überrascht war ich von der Professionalität der Mediensprecher. Obwohl wir den Verlag oder die Zeitung immer wieder kritisierten, wurden uns stets Antworten unter Einhaltung der Deadline gegeben. Besonders hervorheben möchte ich den Mediensprecher von Keystone-SDA. Traurige Ausnahme ist die Republik. Meine Fragen wurden nicht beantwortet, und irgendwann machte ich daraus einen Spass.

Die Tiefs sind die Schweizer Journalisten. Die Festangestellten, die Freien, die Ehemaligen. Die Edelfeder, die Lokaljournalisten, die Chefredaktoren. Eigentlich wollten wir ZACKBUM.ch nicht als Trio führen, sondern als Plattform für alle. Linke, Rechte, Junge, Alte. Einzige Bedingung: gut recherchiert, etwas smart und clever geschrieben. Mehr braucht es nicht, um bei uns einen Text – gratis – zu veröffentlichen.

Das Echo war niederschmetternd. Nicht einmal anonym trauen sich die Leute zu uns. «Tolle Idee», «du, ich melde mich nochmals», «ja, warum nicht?» Niemand wagt sich aus der Deckung. Ich bin nicht naiv. Klar, wer jung und angestellt ist, schreibt doch nichts über den Arbeitgeber von morgen.

Aber das von hundert (100!) Anfragen nichts Verwertbares rauskam, das ist doch erschütternd und zeigt eine falsche Entwicklung. Immerhin, die schönsten Gespräche führte ich mich Ehemaligen, die ausgesorgt sind und so fest im Sattel sitzen, dass sie nichts umstösst.

Wenn ich also das Erlebte zusammenfasse: Lust, Freude, Enttäuschungen, Ärger, wieder Freude, wieder Ärger – dann denke ich schon, dass da ein bisschen Liebe mitspielt.

Mit dem Spass kommt der Erfolg

Seit Juli ist ZACKBUM.ch online. Ich möchte nicht mehr ohne.

Mein leider allzu früh verstorbener Kollege und Kommunikationsberater Peter M. Wettler sagte mir einmal: «Mit dem Spass kommt der Erfolg». Ich glaube, er wollte mich aufmuntern. Nicht immer so verkrampft, nicht immer so ernst. Und tatsächlich habe ich das gelernt von Peter Wettler: Beim Schreiben sollte man vor allem Spass haben. Spass im positiven Sinn. Etwas entdecken und niederschreiben. Etwas dazu lernen. Jemanden so tadeln, dass er nochmals über die Bücher geht. Das sollte wenn möglich nicht gemein wirken und auf Kosten anderer gehen. Und nicht so spassig sein, dass die Fehlerquote explodiert. Einfach mit Freude und Einsatz. Ich gebe aber zu, dass da die Eigen- und die Fremdsicht nicht immer die gleiche ist.

Spass. Das sollte man ZACKBUM.CH anmerken. Oft knallhart, oft aber auch mit einer Prise Nachsicht. Wer nun findet, unsere Artikel seien oft zu negativ, zu kritisch, zu direkt, der mag vielleicht recht haben. Aber die Wirtschaftswelt ist nun mal kein Ponyhof, eher ein Haifischbecken (ich mag abgelutschte Vergleiche).

Der Redaktionsalltag wird immer brutaler. Die Feedbackkultur liegt am Boden. Der Druck ist immens. Schreiben, fotografieren, filmen, online-Versionen sofort ins Netz stellen, Titel klickgerecht anpassen, Printversion selber layouten, für das weggesparte Korrektorat einspringen und am nächsten Tag bei der Blattkritik trotzdem eine Tracht Prügel kassieren. Da muss ZACKBUM.CH nicht auf Schönwetter machen.

Zudem fehlt je länger je mehr eine unabhängige Medienkritik. Der ehemalige Journalist und heutige PR-Manager Andreas Durisch (Dynamics Group) formulierte es im SRF-Medientalk vom September treffend: «Die Medienberichterstattung ist total zurück gegangen.» Für Durisch einer der Gründe: «Medienjournalisten müssen die Hauspolitik des Verlags vertreten.» Darum nehme sie viel weniger Platz ein als früher.

Wir von ZACKBUM.CH möchten in diese Bresche springen. Wir möchten allen Facetten des Journalismus eine Stimme geben. Nicht nur den offiziellen Verlautbarungen. Wir wollen aber auch den Werbeabteilungen in den Verlagen auf die Finger schauen. Denn die Verschmelzung von Journalismus und PR wird immer undurchsichtiger.

«Aber Ihr seid ja nur drei Nasen. Der Absturz ist doch programmiert». Tatsächlich ist ZACKBUM.CH nach wie vor eine überschaubare Truppe. Immerhin ist das Trio schön heterogen. Politisch, stilistisch und ein bisschen auch altersmässig. Aber ja. Wir sind alles Männer.

Die Redaktionsgrösse, das Alter, das Geschlecht, die Migrationsherkunft. Da hat ZACKBUM.CH noch Luft nach oben.

Kommunikationsspezialist David Guggenbühl hat in einem ZACKBUM-Interview nach wenigen Wochen des Bestehens gesagt: «Ihr dürft nicht selbstgefällig wirken». Und weiter auf uns bezogen: «Man hofft auf Applaus, erduldet aber keine Kritik. Eine Grundeinstellung von vielen Journalisten.»

Darum, liebe Leserinnen und Leser, bitte überhäuft uns mit Kritik und Anregungen. Danke.

P.S. Wollen Sie noch ein bisschen Klatsch hören? Die fleissigste Mediensprecherin ist für mich Johanna Walser von Ringier. Sie rief um 07.15 Uhr an, weil ihr ein um 7 Uhr online gestellter Artikel nicht passte. Sie blieb aber höchst anständig. Der aufsässigste Chefredaktor ist für mich bis auf Weiteres  jener des Schweizer Journalisten. Er drohte mir ohne Anhörung via Bahnhofstrassen-Anwalt eine Zivilrechts- und eine Strafrechtsklage an. Die unzuverlässigste Medienstelle: jene der Republik. Sie gibt nie Antwort. Vielleicht versuch ich’s bald mal mit dieser Story und entsprechender Anfrage: In Deutschland hat für den Namen «Republik» der Publizist Uwe Nettelbeck die Rechte. Vielleicht kennt man die schwarz/roten Bänder der Republik. Sie waren innen und aussen der «Fackel» nachgebildet, nur viel verschrobener. Eine Wochenzeitung «Republik» war in den 1990ern mal geplant, Nettelbeck rückte aber das Namensrecht nicht raus. Fazit: Namensklauerin Republik (Danke, Holger Jost, für den Tipp!)

schweizer journalist ganz klein

15 Jahre gibt es ihn schon. Stationen eines Abgangs.

Es war eigentlich ein ganz normaler Dienstag, sogar die Sonne schien. Der Gang zum Briefkasten änderte das. Der «schweizer journalist» versucht, die 15 Jahre seiner Existenz zu feiern.

Da ist Trauerarbeit angesagt. Auf dem Cover, welche Überraschung, Nathalie Wappler als «Mutige Strategin» und «Medienmanagerin des Jahres». Im Editorial eine Lobeshymne auf den Inhalt des aktuellen Blatts. Wobei aktuell: das Online-Voting für die diversen Kategorien des «Journalist des Jahres» laufe noch bis zum 10. November. War also bei Erhalt des Hefts seit mehr als zwei Wochen vorbei.

Schweizer Bezüge im «Schweizer Journalist»?

Welche Eigenleistungen darf man für immerhin 15 Franken erwarten? Natürlich, ein Interview mit Nathalie Wappler. Ein Interview mit Karl Lüönd. Ein Ausflug mit Peter Rothenbühler in die Romandie und die Expansionspläne von «watson» und «blick.ch». Eine Seite Nutzwert, wie man aus Pro Litteris am meisten Geld rausholen kann.

Dann kommt – coronabedingt – die lange Strecke, die nun nichts mit Schweizer Journalismus zu tun hat. Aktivismus und Journalismus; was meint man dazu in Deutschland, was meint der «stern»? Wir blättern und blättern.

Ah, endlich, der Chefredaktor meldet sich wieder zu Wort und lobt die Frauenförderung bei Ringier. Kann man machen, muss man nicht machen.

Ein Highlight der Transparenz im Branchenblatt

Dann ein weiteres Highlight: Was geschieht mit den Archiven von Online-Medien, wenn die den Stecker rausziehen? Eine durchaus interessante Frage. Wenn der Autor Stefan Boss nicht zunächst die verblichene «TagesWoche» über den grünen Klee loben würde. «Innovativ, international beachtet», ein Wunderwerk, eine Bastion gegen die «Basler Zeitung», die «unter den Einfluss des SVP-Politikers Christoph Blocher gelangt war».

Davon habe ich als langjähriger Autor der BaZ zwar nie etwas gemerkt. Vielleicht hätte dem Artikel des «freischaffenden Journalisten und Textarbeiters» Stefan Boss hier etwas Transparenz wohlgetan. Denn Boss kündigte 2012 bei der BaZ und veröffentlichte immerhin 29 Artikel in der «TagesWoche». Bis das «zur Verfügung gestellte Geld aufgebraucht war».

Kein Wort darüber, dass es zu den Innovationen der «TagesWoche» gehörte, bei der Auflagenhöhe der gedruckten Ausgabe über jedes Mass hinaus zu bescheissen. Dass die ständigen Querelen und das Mobbing innerhalb der Redaktion, mitsamt häufigem Führungswechsel, eine bedeutende Rolle beim Untergang spielten. Sich über einen nicht vorhandenen Einfluss Blochers beschweren, aber seine eigenen Verbindungen nicht offenlegen: so lobt man sich den Journalismus.

Nun aber der Ausflug über Deutschland und Österreich hinaus

Dann kommt endlich auch der Duft der grossen weiten Welt ins Blatt. In Form eines «nordenglischen Lokalblatts». Das ist auch der richtige Ort, dass die «Tiroler Tageszeitung» per Inserat verkündet, dass sie «die absolute Nummer 1 in Tirol» sei. Aber von den österreichischen Bergen geht’s dann schnurstracks nach Kalifornien und dort zur frisch gestarteten «lokalen News-App «Lookout»». In einem Interview wird die Frage beantwortet: «Was will Gründer Ken Doctor damit erreichen?» Das mag vielleicht kalifornische Surfer oder auf der Promenade von Venice Beach interessieren. Aber in der Schweiz?

Doch Abhilfe naht, ab Seite 68 sagt Karl Lüönd, was er gerne immer wieder zum Zustand der Schweizer Medienlandschaft sagt. Und auf Seite 72 zeigt der erste Chefredaktor des «Schweizer Journalist», wie man elegant eine Seite füllt. Und Mitherausgeberin Margrit Sprecher beklagt den Niedergang und lobt «Republik», «watson» und «heidi.news».

Allerdings lässt sie doch erkennen, dass sie nicht gerade eine Digital Native ist. Sie behauptet nämlich: «Eine selbstbewusste Truppe schafft das Doppelte in besserer Qualität in der Hälfte der Zeit.» Da wagen wir von ZACKBUM.ch doch einzuwenden: Wir Drei schaffen den gleichen Output wie die «Republik» mit 50 Nasen. Also schaffen wir dann 17 mal das Doppelte, Wahnsinn.

Was ist nicht drin, was fehlt?

Das ist drin, was fehlt? Nun, wenn man schon den nicht gerade handelsüblichen 15. Geburtstag zum Anlass zur Selbstfeier nimmt: Es gab ja einen ersten Chefredaktor, dann einen zweiten und dann kam David Sieber. Aber sein Vorgänger, wer war das schon wieder, der ist ihm keine Zeile wert.

Ach, und die einzige Neugründung in Sachen Medienkritik auch nicht. Empfindlich, der Herr. Kritik an dem nicht nur von ihm verschuldeten Niedergang verträgt er überhaupt nicht. Auch ein Indiz dafür, dass es immerhin richtig ist, 15 Jahre zu feiern. Einen runden Geburtstag wird es wohl nicht mehr geben.

 

Packungsbeilage: Ich habe vor der Ära Sieber im «Schweizer Journalist» regelmässig publiziert. Seither weder Artikel angeboten, noch angefragt worden.

NZZ steigt bei Keystone-SDA aus

Wer will mich (noch)?

Was macht der dicke Franz, wenn er zu langsam im Sprint ist und für längere Strecken keine Puste hat? Er wird Zuschauer. Das gleiche Schicksal droht der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Kurzfutter-Medium «20 Minuten» verlässt die Agentur im kommenden Jahr. Und die langatmige NZZ hat den SDA-Regionaldienst ebenfalls abbestellt, wie ein Insider ZACKBUM.ch mitteilte. Was noch läuft, sind überregionale Meldungen; die erscheinen im Blatt aber nur noch selten.  Keystone-SDA schrieb auf Anfrage, dass sie zu «laufenden Kundenverhandlungen und einzelnen Kundenbeziehungen keine Auskunft» geben mag. Pikant: Die NZZ war 2017 noch zweitgrösster Aktionär von der Agentur.

Was sind die Gründe des Exodus‘? Nebst Einsparungen spielt auch die mangelnde Effizienz der Nachrichtenagentur eine Rolle. Der dritte Grund: Die Redaktorinnen und Redaktoren schreiben zum Teil ein grässliches (und falsches) Deutsch:

«Der Kanton (Schaffhausen) will innovative und erfolgversprechende Vorhaben von Unternehmen mit einzelbetrieblichen Förderbeiträgen (EBF) unterstützen. Die (sic!) Wirtschaftsförderungsgesetz ist Ende 2019 ausgelaufen und soll nun in unveränderter Höhe von 20 Millionen Franken für weitere zehn Jahre verlängert werden.

Stilkritiker Wolf Schneider hätte seine Freude an diesen zwei Sätzen. Für seine urkomische Sammlung an schiefen Sätzen. Weniger lustig sind solche Grauslichkeiten für die Redaktionen. Egal ob «20 Minuten» oder NZZ. Immer weniger Zeitungen muten ihren Lesern solche Nachrichten zu. Der gleiche Artikel enthält übrigens noch den dämlichen Fehler «Vierfünftels-Mehrheit». Und nicht weniger als sieben Mal ist die Rede von «Startup». Der Duden lässt nur «Start-up» durchgehen.

Insgesamt also neun Fehler und ein schlechtes Deutsch – kein Wunder, dass eine «Vierfünftels-Mehrheit» die Agentur verlässt.

Bei den meisten Medien würden bei dieser Entwicklung selbst die Mäuse das sinkende Schiff verlassen. Dafür besteht aber kein Grund zur Sorge. Der Bundesrat will die gefällige Agentur nämlich am Leben lassen, koste es auch 16 Millionen Franken.

Tanzen, tänzeln, schwänzel, schwänzeln

Unsere Bundesräte haben einen Unterleib? Ach wo.

Die dürftig belegte Vermutung, dass der damalige Bundesrat Kaspar Villiger angeblich im Berner Rotlichtmilieu verkehrt habe, kostete nicht nur diverse Köpfe von Journalisten, sondern auch letztlich einem hoffnungsfrohen News-Magazin das Leben.

Andere Zeiten, andere Sitten. Ein angebliches Rencontre von zwei testosteron-gesteuerten Chefbankern, bei dem der eine die Frau des anderen beleidigt haben soll und dieser daraufhin angeboten habe, das doch draussen unter Männern zu regeln: Das kommt heutzutage mit Namensnennung überall. Obwohl es keine Zeugen gibt, die namentlich hinstehen wollen.

Ab und an saftige Storys auch in der Schweiz

Wie geht’s denn so im Privatleben der ehemaligen Bundesrätin Ruth Metzler zu? Da wuschen alle Beteiligten einer gescheiterten Ehe kräftig schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit. Sie war die betrogene Ehefrau, er hatte ein Verhältnis, ausgerechnet mit seiner Geschäftspartnerin, mit der er eine Unterwäsche-Linie aufgebaut hatte; Slogan: «Männer wollen nur das Eine», weidete sich 2010 die «Schweizer Illustrierte» an der saftigen Story.

Die auch, laut SI und anderen, eine Reise ins Baderessort Sharm-El-Sheikh in Ägypten umfasst haben soll. Da schien es der Gatte etwas übertrieben zu haben, denn er soll mit Frau und Geliebter dorthin gereist sein. Wobei die alt Bundesrätin davon nichts gewusst habe, jedoch vom gesprächigen Hotelpersonal ins Bild gesetzt worden sei.

Nach ein paar Skandälchen kommt mal wieder ein grösserer

Das waren noch Zeiten. Aber in den letzten zehn Jahren scheint es doch so gewesen zu sein, dass die Staatsmänner und -frauen im Bundesrat trotz hoher Arbeitsbelastung und gelegentlichen Versuchungen vorbildlich auch im Privatleben blieben. Nun ja, also Bundesrätin Sommaruga soll ja nicht nur bei ihrem Schriftstellergatten ausgezogen sein. Und alt Bundesrätin Leuthard (Duschen mit Doris) galt nicht als Kind von Traurigkeit. Heisst es.

Aber niemand liess sich wie Dumpfbacke Christophe Darbellay bei einem Seitensprung mit Fruchtfolge erwischen. Gerade entwickelt sich hingegen ein saftiger neuer Skandal. In der üblichen Kadenz. Am Samstag zeigte die «Weltwoche» der Sonntagspresse eine lange Nase. Da in der Printausgabe nichts stand, hoffte man bei den Sonntagsblättern, dass man die Berset-Story exklusiv habe. Der Traum platzte vor Erscheinen.

Christoph Mörgeli zeigte, dass er nicht nur weiterhin gut vernetzt ist, sondern auch so seine Quellen hat. Also legte er die Latte hoch. «Berset: Erpressung und Vertuschung. Bundesrat Alain Berset wurde mit offenbar verfänglichen Fotos und Mails um 100 000 Franken erpresst. Die Bundesanwaltschaft vernichtete alles belastende Material, weil sonst Berset sein Amt nicht mehr richtig ausüben könne.»

Eigentlich stand in der WeWo schon alles

Mehr war dazu im ersten Anlauf nicht zu sagen. Also klapperte die Sonntagspresse deutlich gefrustet hinterher, und förderte keine welterschütternden Zusatzerkenntnisse zu Tage. Aber andererseits: echt, ein Bundesrat? Frau? Verfängliche Dokumente und Fotos? Erpressung gar?

Am Montag ging’s dann aber richtig los. Schon bis am Nachmittag fast 100 Treffer für «Berset – Erpressung» in der SMD. Schon die Sonntagspresse hatte vorgebahnt, dass man wohl leider nicht auf die WeWo einprügeln könnte, deren Primeur war korrekt.

Aber was nun? Nochmal nachklappern, das wäre dann etwas wenig. Allerdings sind cirka 80 der fast 100 Treffer dem Umstand zu verdanken, dass Tamedia und CH Media natürlich in allen Kopfblättern das Gleiche abfüllten. Da gibt es im Elendsjournalismus von heute eigentlich nur zwei Möglichkeiten.

Wenn nichts Neues zu vermelden ist, gibt’s nur zwei Möglichkeiten

Zunächst der Kommentar. Natürlich kann sich kein einziges Kopfblatt von CH Media dagegen wehren, wenn die Autorin des Kommentars Anna Wanner heisst. Obwohl er zwar staatstragend («Alain Berset hat richtig gehandelt»), aber inhaltlich, nun ja, leicht wirr, ziemlich falsch und in den Schlussfolgerungen echt schräg ist.

Die zweite Möglichkeit ist, sich in einen Aspekt zu verbeissen. Der wurde zwar schon am Samstag von der WeWo mit dem bösen Wort «Vertuschung» aufgegriffen, aber was soll man sonst denn machen, um die Spalten zu füllen. Also geht es um die Frage, wieso die Bundesanwaltschaft eingriff, wenn Berset das ausdrücklich nicht als amtliches (zuständig), sondern privates (nicht zuständig) Problem bezeichnet?

Auch die Mitteilung, dass die Angelegenheit durch Strafbefehl und Löschung der möglicherweise peinlichen Dokumente und Fotos erledigt sei, erweckt den Argwohn der Journis. Auch, dass Berset angeblich den übrigen Bundesrat nicht über sein kitzliges privates Problem orientiert habe.

Einen Kommentar seiner Gattin konnte allerdings bislang noch kein Medium aus ihr herauslocken. Wohl, weil Berset es ihr schon vor diesen Veröffentlichungen gestanden hat. Und da sind Politikergattinnen, siehe Hillary Clinton, hart im Nehmen.

Wieso dauert die Enttarnung der Erpresserin so lange?

Nur sehr kurzes Leben hatten diverse Knallfrösche, die gegen die WeWo gezündet wurden. Was soll denn das, Privatangelegenheit, widerlich, politische Rache, macht man nicht.

Aber, liebe Kollegen und Kolleginnen von der leichten Krawallerie, selbst die Mutter des unehelichen Kindes von Darbellay wurde recht schnell enttarnt. Wieso dauert es dann bei der Erpresserin so lange? Nur ein «jetzt rede ich» kann diese Story noch etwas am Leben erhalten.

War bei Geri Müller doch auch so. Dem gelang es, allerdings nicht ohne Kollateralschäden, seine Affäre zu überstehen. Und auch im Hause Müller hörte man nichts von einer Trennung oder Scheidung. Obwohl, Fotos des Gemächts aus den Amtsräumen versenden, ts, ts.

 

Oh Epidemiologin, was sollen wir tun?

Was dem einen Organ sein WHO-Gesandter ist, ist dem anderen die Epidemiologin.

Was CH Media kann, kann der andere Teil des Duopols schon lange. Von Aarau aus befragte man einen völlig unbekannten WHO-Sondergesandten, der eigentlich wegen Körperverletzung angeklagt werden müsste. So schmerzhaft waren seine Allgemeinplätze.

Also suchte Tamedia, muss heute so sein, ein weibliches Gegenstück. Dafür gibt es glücklicherweise Emma Hodcroft. Bekannt aus Funk und Fernsehen, kann man da nur sagen. Wo eine Kamera oder ein Mikrophon ist, da ist gerne auch Hodcroft. Denn sie muss noch etwas aufholen; seit November am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern als Postdoktorandin angestellt, hat sie es mit scharfer Konkurrenz zu tun.

Dort arbeitet nämlich auch Christian Althaus, der Corona-Twitter-Star, Mitglied der Wissenschafts-Eingreiftruppe und ganz vorne dabei, wenn es um kurzfristig gültige, aber möglichst plakative Meinungen zur Pandemie geht.

Die Konkurrenz ist hart

Sie holt jedoch auf; diesmal mit einem grossen, langen, um nicht zu sagen langfädigen, langweiligen Interview in Tamedia. Geführt hat es der Corona-Spezialist, Pardon, der Bundeshausredaktor von Tamedia. Der sitzt nämlich auch in Bern, das spart dann ungemein Spesen. Und Corona kann doch nicht nur der Bundesrat, sondern jeder.

Allerdings muss man gleich am Anfang gewisse Qualitätsunterschiede feststellen. Während es CH Media immerhin gelang, dem Interviewpartner ein bedrohliches Titel-Quote zu entringen, schafft es Tamedia nur zu: «Wir haben kein klares Bild über die Fallzahlen». Das darf man als freundliche Aufforderung verstehen, sich den ganzen Rest nicht anzutun.

Ich bin diesem Ratschlag nicht gefolgt. Daher bin ich zurzeit im Besitz folgender Erkenntnisse: «Die aktuelle Abnahme der Fallzahlen kann zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, dass weniger getestet wird.» Kann zum Teil, sicher ist’s aber nicht. Aber als Laie würde man sich ja nie trauen, einfach zu sagen: Weniger Tests, weniger positive Ergebnisse, schnarch.

90 Prozent des Interviews haben in vier Wörtern Platz

Weitere Perlen der Wissenschaft: «Die Zahl der Patienten in den Spitälern stagniert auf hohem Niveau oder steigt teilweise noch an.» Letzteres widerspricht nun eindeutig dem Geheul der Task Force oder anderen Unken; laut denen sind die Spitäler ja längst übervoll.

Ich fasse nun 90 Prozent des weiteren Interviews zusammen: «Wir müssen mehr testen.» Weil wir mehr testen müssen. Weil sonst das Bild unklar bleibt. Deshalb müssen wir mehr testen. Sorry, man kommt schwer aus dieser Rille wieder raus.

Am Schluss noch eine Erkenntnis des Bundeshausredaktors

Ganz am Schluss wagt sich der Bundeshausredaktor noch mit einer eigenen Erkenntnis aus der knienden Haltung, die er während des ganze Interviews eingenommen hatte, denn er hat sich schlau gemacht: R liege in der Schweiz wieder bei 0,7. Diese Reproduktionszahl steht dafür, wie viele weitere Personen ein Infizierter ansteckt.

Liegt sie unter 1, das weiss auch ein Politredaktor, dann geht die Infektionsrate zurück. Was ja gut ist und eigentlich dazu führen müsste, vielleicht mal die Milliardenschäden, die der Teillockdown anrichtet, zu beenden. Oder nicht? Oder nicht, sagt Hodcroft: «Wir müssen in der jetzigen Situation sehr vorsichtig sein bei der Interpretation des R-Werts.» Denn, unglaublich, was Epidemiologen alles rausfinden, «es gibt grosse regionale Unterschiede».

Das wurde in der Frage auch nicht bestritten. Zudem sollte es doch vielleicht auch eine schweizerische Politik geben, die auf schweizweiten Zahlen beruht. Aber statt den aufrechten Gang mit kritischen Nachfragen zu lernen, geht der Bundehausredaktor wieder auf die Knie, darf die Wissenschaftlerin noch mit einem kräftigen «einerseits, andererseits» schliessen:

«In einer so verflochtenen Region wie den beiden Basel sollten wohl gleiche Massnahmen gelten. Aber regional differenzierte Massnahmen sind durchaus möglich.» Nichts ist unmöglich. Aber das war mal ein Werbespruch von Toyota.

Nichts ist unmöglich – im Journalismus

Inzwischen gilt das leider vor allem für den Journalismus. Gibt es denn keinen Lichtblick? Doch, einen kleinen. Lange, lange nach NZZaS, nach ZACKBUM.ch, sogar nach persoenlich.com hat auch Tamedia gemerkt, dass eine bedeutende Journalistin, die auch mal im Hause war, gestorben ist. Zwar ist es am 22. November etwas verwegen, im Lead zu schreiben: «Jetzt ist die 96-jährige Zürcherin gestorben.» Das tat Charlotte Peters bereits am 3. November.

Aber bei Tamedia klemmte wohl die Schublade, in der die Nachrufe verstaut sind. Oder, sie war abgeschlossen, und der Schüsselträger bereits entlassen.

 

 

 

 

 

10 Fehler bei «10vor10»

Langsam wird es peinlich

«Wir entschuldigen uns»,  «Wir entschuldigen uns», «Wir entschuldigen uns». In den letzten 12 Monaten musste sich die Sendung «10vor10» gleich zehnmal entschuldigen. Jüngstes Beispiel ist die Sendung vom 19.11. In der Sendung wurde behauptet, dass «mit und ohne Corona» pro Tag 1878 Menschen sterben. Das wären pro Jahr über 650‘000 tote Schweizerinnen und Schweizer. Wenn das Virus nicht gestoppt wird, wäre die Schweiz 2035 menschenleer. Wolf und Bär könnten wieder angesiedelt werden. Und die Begrenzungsinitiative hätte Erfolg gehabt.

Am nächsten Tag entschuldigte sich die Redaktion für ihren Lapsus. 1878 beziehe sich auf die Zahl der wöchentlichen Todeszahlen. Vom Eingeständnis erfuhren die Zuschauer natürlich nichts, der Fehler wurde auf der ziemlich unbekannten SRF-Seite «Korrekturen» bekanntgegeben.

Das fügt sich ins Bild dieser Truppe. Kein anderes SRF-Gefäss produziert nämlich so viele Fehler wie «10vor10», zumindest wenn man die Fehler von der «Tageschau am Mittag» von der «Tagesschau am Abend» separiert.

Hilfe, Zahlen!

Es zeigt sich, dass die Redaktorinnen und Redaktoren schnell überfordert werden, wenn es um Zahlen und Relationen geht. Ebola-Zahlen werden zum Beispiel falsch abgeschrieben, Forschern wird nicht richtig zugehört und Studien ungenau zitiert.

Die Sendung schwächelt. Primeurs liefert sie keine mehr. Vertiefte Recherche-Stücke sind selten geworden. «10vor10» läuft den anderen Medien nur noch hinterher und versucht sich mit Erklärstücken à la Schulfernsehen.

Wieder ein Beispiel: Am 20. November stellte Bigna Silberschmidt nachhaltige Kreditkarten aus Holz vor. Die Moderatorin machte auf Teletubbies: «Kreditkarten durch ein Holz ersetzen – geht das?» Und mit grossen Augen sagte sie dann: «Das ist eine Neuheit und eine Schweizer Idee.» Ist es leider nicht. Die Idee ist schon mehr als zehn Jahre alt. Und während die Schweizer noch mit Prototypen hantieren, stellt das deutsche Unternehmen treecard.org gemeinsam mit Mastercard diese Weltrettungsmassnahme bereits her.

Oh Sondergesandter, was sollen wir tun?

Früher waren Interviews noch eine Kunstform.

Heutzutage sind sie meistens Schrott. Platzfüller. Langweilig. Vorhersehbar, etwa wenn die NZZaS Axel Weber von der UBS interviewt. Und damit schon ankündigt, dass selbstverständlich auch noch Urs Rohner gefragt wird, was er schon immer mal sagen wollte.

Dann gibt es das Interview mit dem «Experten». Der trifft auf einen höchstens gegoogelt vorbereiteten Journalisten. Der sich ein paar Muss-Fragen notiert hat, die aber leider meistens schon x-mal gestellt wurden.

Und dann noch, was ihm der Chefredaktor als «das interessiert die Leser» mitgegeben hat. Und unbedingt etwas persönliche Betroffenheit abholen, gibt er dem Reporter noch auf den Weg zum Telefon oder zu skype.

Da schaltet er dann das Speech-to-text-Programm ein, wenn er technologisch schon etwas aufgerüstet ist. Und arbeitet nach der Devise «der Fachmann weiss schon, wovon er spricht» seine Fragen ab. Bis er aufgrund der Länge des Textes aufatmend feststellt, dass das reichen sollte.

Noch die bange Frage, ob das autorisiert werden müsse, es sei schliesslich in German, you know, aufatmen bei der Antwort «that’s okay, we don’t do that in England», und schon ist wieder ein Qualitätsinterview entstanden.

CH Media liefert einen Höhepunkt. Wenn die Welt auf dem Kopf stünde.

CH Media hat da einen besonderen Fisch an die Angel gekriegt. David Nabarro, seines Zeichens WHO-Sondergesandter für Covid-19. Noch nie von ihm gehört? Macht nix. Der sitzt in Genf (Schweizer Bezug!), hat schon «den Kampf der UNO gegen Cholera auf Haiti geleitet». Besser gesagt: vergeigt. Ebenso wie seine Kandidatur für den Chefsessel der Weltgesundheitsorganisation.

Also hat er gerade jede Menge Zeit, sich interviewen zu lassen. Sofort bedauern wir, noch nie etwas von ihm gehört zu haben. Denn endlich spricht mal einer, der genau weiss, was zu tun ist. Eigentlich antwortet er auf jede Frage: «Man muss». Oder er verbreitet luzide Klarheit: «Es gibt kein «entweder oder», es gibt nur «sowohl als auch».» Wo denn das? Na, zwischen Gesundheit und Wirtschaft, du Dummerchen von Leser.

Eine Erkenntnis nach der anderen

Aber macht Euch nichts draus: «Das Virus verbreitet sich nicht arithmetisch, sondern exponentiell. Nur sehr wenige Entscheidungsträger haben das verstanden.» Das ist ja furchtbar. Wobei: vielleicht hat’s Trump nicht verstanden, aber wohl jeder europäische Entscheidungsträger, inklusive Bundesrat.

Auch deshalb macht Asien eigentlich alles besser als Europa, weiss Nabarro: «Die europäischen Reaktionen waren unvollständig.» Wieso denn das? «It’s the economy, stupid», wie schon Clinton sagte? Aber nein, sagt Nabarro: «Es gibt keinen Tradeoff, keinen Zielkonflikt, man muss auch keinen Kompromiss finden zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Das Gesundheitsproblem muss gelöst werden.»

Aber gleich mit einem Lockdown, wagt da der Journalist zu fragen. Pfeife, antwortet Nabarro: «Das bedeutet nicht, dass man dieses Ziel mit einem Lockdown erreichen sollte. Lockdowns sind das letzte Mittel, ein Zeichen des Scheiterns.»

Eigentlich wäre die Lösung so einfach

Also, was sollten denn die Entscheidungsträger tun, besonders hier in der Schweiz? Da lässt Nabarro unablässig Sternstunden der Erkenntnis regnen: «Es braucht ein funktionierendes System, damit das Virus unter Kontrolle bleibt.»

Nimm das, Bundesrat. Weisst nicht, was exponentiell ist, und was ein funktionierendes System ist, auch nicht. Was dürfte die Folge sein? «In der Schweiz könnte ein sehr hohes Niveau von Erkrankungen und Todesfällen erreicht werden.» Nabarro, hilf, was sollen wir nur tun, wenn das Modalverb im Konjunktiv wegfällt?

Brauchen, müssen, sollen, Strategie, Strategie

Da folgt eine ganze Liste von «sie müssen, sie brauchen, sie müssen, sie müssen, sie müssen, sie müssen.» Ja wieso hört denn niemand auf Nabarro? Was weiss er denn eigentlich von der Schweiz und ihren (dummen) Strategien? «Ich weiss es nicht. Ich arbeite in der Schweiz. Mir hat niemand etwas gesagt von solchen übergreifenden Strategien.»

Es ist also noch viel schlimmer! Niemand hört auf ihn, niemand sagt ihm was. Wie kann man den WHO-Sondergesandten so behandeln, wie kann man seine Besorgnis ignorieren?

Vielleicht, weil der 71-jährige Nabarro vor Urzeiten mal Medizin studierte, aber sein ganzes Leben als Berater in internationalen Organisationen verbrachte? Vielleicht, weil seine Ratschläge so arrogant wie zweifelhaft sind? Oder vielleicht, weil man von diesem Sondergesandten noch nie etwas gehört hat? Was daran liegen mag, dass er auch noch nie etwas Nennenswertes gesagt oder getan hat.

5:1 für die Zürichsee-Zeitung

Zwei Redaktoren, ein Thema. Vor dem Tamedia-Streichkonzert wird gewetteifert.

Vor der grossen Entlassungswelle bei der Tamedia-Gruppe ab Juni 2021 (Zackbum berichtete) geben die Regional-Redaktionen nochmals alles, um die interne Konkurrenz auszustechen. Aktuelles Beispiel: Die geplante Sanierung der Pfauenbühne in Zürich. An die Medienkonferenz von vergangener Woche kam vom «Tagi» Beat Metzler, die Zürichsee-Zeitung beorderte Michel Wenzler. Aus dem gleichen Verlag also zwei Journalisten, die dann jeweils im Regionalteil berichten. Genau ein Fall also, der bald nicht mehr vorkommen soll im Hause Tamedia. Zum Thema Sparen sagte kürzlich Nicole Bänninger zu zackbum.ch nämlich: «Dies bedingt eine noch engere redaktionsübergreifende Zusammenarbeit».

Was ist denn gut an den Artikeln, was nicht? Wer war wo besser?

Speziell an beiden Artikel ist, dass das gleiche Foto von Thomas Egli, eine Totale des Saals, verwendet wurde. In der Zürichsee-Zeitung (ZSZ) wurde das Bild aber noch so aufgehellt, dass es schon fast unwirklich erscheint. Journalistisch heikel, ästhetisch aber topp. 1:0 für die ZSZ.

Lustig: beide Artikel haben fast den gleichen Titel. Zufall oder ein Spass der Abschlussredaktoren? «Der 94 Jahre alte Saal soll weg» beim Tages-Anzeiger (TA) vs. «Und der Saal soll doch weg». Auch hier geht der Punkt an die ZSZ. Denn ihr Titel nimmt noch Bezug auf den Befehl des Stadtzürcher Gemeinderats an den Stadtrat, verschiedene Sanierungsszenarien aufzuzeigen. 2:0 für die ZSZ.

Auch beim Gesamteindruck geht der Punkt an die SZS. Ein 5-spaltiges Bild über dem Text wirkt besser als ein Vierspalter neben einem Einspalt-Text. Zudem arbeitet die ZSZ mit einem lesefreundlichen Kasten, wo die Gegner auf einen Blick zu Wort kommen. 3:0 für die ZSZ.

Die beiden Texte sind solide, mit einigermassen spannenden Einstiegen. Doch wie im Tagesjournalismus üblich werden Aussagen aus der Medienmitteilung eins zu eins übernommen. «Die Haustechnik befindet sich in einem schlechten Zustand», schreibt Metzler. Differenzierter ist da Wenzler. «Dass etwas getan werden muss, ist weitgehend unbestritten». Weil die ZSZ dem Thema bedeutend mehr Platz einräumt, geht auch dieser Punkt an die ZSZ. Es steht schon 4:0.

Wirklich lieblos sind die Zwischentitel gesetzt, zumindest beim Tagi. Im ganzen Text ein einziger und erst noch bieder mit «Kosten: 115 Millionen Franken». Die Zürichsee-Zeitung kontert mit «Freie Sicht auf die Schuhe». Das gefällt besser. 5:0.

Beat Metzler brachte das Kunststück fertig, praktisch bei jedem Zitat das Verb «sagte» zu benutzen. Dazu gehen die Meinungen auseinander. Die einen finden, immer das gleiche Verb sei langweilig, die anderen sind überzeugt, dass genau das den Text lesbarer mache. Ein Trostpunkt für den Tagi also: 5:1.

Das klare Endresultat: 5 zu 1 für die ZSZ in Wädenswil gegen das Mutterhaus an der Werdstrasse in Zürich.

Beat Metzler hat sein Heimspiel (Redaktionsitz in Zürich, wie der Pfauen) versemmelt. Michel Wenzler, hergereist aus der ZSZ-Redaktion in Wädenswil, hat gekämpft für die angeschlagene ZSZ und in der Blattkritik mit 5:1 gewonnen. Angeschlagen ist die ZSZ darum, weil bei grossen Sparrunden immer zuerst in Aussenstationen der Hebel angesetzt wird.

Sicher ist: So eine Übung mit zwei Journalisten aus dem gleichen Verlag wird es ab Frühling 2021 nicht mehr geben. Und das ist gar nicht mal so schlecht, auch wenn die Vielfalt verloren gehen wird.

Die Pandemie: Listicles und Rankings

Zwei hässliche Gesichter des Elendsjournalismus von heute.

In Restaurants, so sie noch existieren, ist es guter Brauch, aus den Resten von gestern die Tagessuppe von heute zu brauen. Kann gut sein, muss aber nicht. Ist auf jeden Fall besser, als es in die Tonne zu schmeissen.

Im Journalismus sind die Ergebnisse leider nicht wohlschmeckend, nicht mal geniessbar. Die allerunterste Form ist das sogenannte Listicle. Das kommt, wie so vieles, aus dem angelsächsischen Raum und ist ein Zusammenzug von Liste und Artikel. Wobei Artikel schon der euphemistische Teil ist.

Es sind einfach Listen über dies und das und alles. Weltmeister aller Klassen ist in der Schweiz «watson». Wenn es keine Nachrichtenagenturen und keine Listen gäbe, würde das Online-Magazin viel Geld unsichtbar verbrennen. So aber tut es das, indem es den Leser quält.

Tiefer geht’s nimmer

Eine beliebige Auswahl eines beliebigen Tages: «Bundesrat stellt eine Milliarde für Härtefälle bereit – diese 7 Dingen musst du wissen». Dabei reicht es zu wissen, dass «watson» zwar ein Härtefall ist, aber dennoch nix bekommt.

Noch einfacher geht eine Liste von Fotos: «22 herzergreifende Bilder zum Thema Freundschaft». Oder einfach: «26 Bilder, die einfach beunruhigend sind.» Aber es gibt auch echte Lebenshilfe: «17 Bilder, die zeigen, dass das Leben als Hausmann ganz easy ist». Ein letztes Beispiel, denn tiefer geht’s nimmer. Hier kommt auch noch versuchter Mord am Humor dazu:

Humor ist, wenn es weh tut?

 

Eine gehobene Form des Listicles ist das Ranking. Auch dazu braucht man eigentlich nur zwei Dinge: einen Superlativ und eine Zahl. Und schwups, schon hat man «die 10 besten», «die 5 grössten», «die 20 wichtigsten», «die drei billigsten» gebastelt.

Auch bei Rankings gibt es Qualitätsunterschiede

Auch hier gibt es natürlich Qualitätsunterschiede. Man kann diese Reihenfolge einfach nach Gutdünken – oder nach Bedeutung der Werbekunden in diesem Bereich – aufstellen. Oder man macht einfach das, was auch Reiseplattformen machen (als es noch Reisen gab). Man mixt aus anderen Rankings ein neues zusammen. Oder man überlässt es dem lieben Leser oder User.

Der Weltmeister in der Schweiz ist die «Bilanz». Ihr Flaggschiff-Ranking ist natürlich die jährliche Liste «Die 300 Reichsten der Schweiz». Dafür werden alle erhältlichen Angaben ausgewertet; berücksichtigt, dass sich manche sehr betupft fühlen, sollten sie Plätze verlieren. Andere grossen Wert darauf legen, hier gar nicht vorzukommen, von wegen Einladung an dunkles Gelichter.

Aber das Jahr ist länger als nur ein Monat. Also müssen weitere Rankings her. Aktuell gerade Die «Top Steuerexperten und Treuhänder 2021». Da wurde natürlich nicht mit dem feuchten Finger in der Luft gefuchtelt. Sondern mit der Statistik-Plattform statista und «le Temps» zusammengearbeitet. Das ermöglicht es auch, zunächst hochwissenschaftlich «die Methodik» zu erläutern.

Was ist besser als ein Ranking?

Die besteht natürlich auch darin, der Devise zu folgen: Was ist besser als ein Ranking? Genau, viele Rankings. Einfach das Bewerberfeld an verschiedenen Kriterien messen, und schon kommt’s noch wissenschaftlicher – und vor allem länger – daher.

Die Resultate sind allerdings eher überraschungsfrei. So über alles, also bei den «Universal-Anbietern», belegen die «Big 4» die ersten Plätze. In den Reigen von PWC, EY, KPMG und Deloitte hat sich lediglich BDO geschoben, die in der Schweiz besonders viel Gas gibt.

Ranking ist risky, alles ziemlich volatil

Wie allerdings die jüngere Vergangenheit zeigt, Stichwort Wirecard-Skandal, kann es leicht passieren, dass eine der grossen Prüfgesellschaften recht schnell von «grosse Kunst, grosse Kompetenz, muss man haben» zur Lachnummer absteigt. Die bei ihrer tiefschürfenden (und sackteuren) Überprüfung nicht einmal merkt, dass in bescheidenen Häuschen oder leerstehenden Werkstätten wohl kaum Multimillionenumsätze mit elektronischen Zahlungsverkehr stattfinden.

Hat also alles so seine Vorteile – füllt den Platz – und Nachteile – was oben ist, kann runterkommen. Demgegenüber haben banale Listicles einen unschlagbaren Vorteil. Wie die zustande kommen, interessiert niemanden. Ebenso wenig die Reihenfolge. Und für alle gilt: gesehen, gelesen, vergessen.