Ein Bruchpilot namens Rasch

So sieht das Ende aus; nicht einmal ein Abschied in Würde.

CNN Money Switzerland ist kaputt. Die Hintergründe.

Als ich mich kurz nach dem Start bei CNN Money Switzerland umschaute, herrschte die übliche, lustvolle, motivierte und mit viel Herzblut angereicherte Atmosphäre eines typischen Start-up.

Urs Gredig als Chefredaktor verbreitete gute Laune, was auch seinem Gemüt entspricht. Mit Martina Fuchs hatte sich der Sender eine Schweizer Anchorwoman geholt, die hierzulande gerade Furore machte; als vormalig einzige ausländische Moderatorin im chinesischen Staats-TV.

Eher ranziger Stimmung war schon damals der CEO Christophe Rasch. Besonders, wenn man ihn darauf ansprach, wie denn der Sender eine für Werbekunden interessante Reichweite bekommen könne. «Ich pumpe doch nicht meine Zahlen auf, indem ich nackte Frauen auf die Webseite stelle», fetzte er zurück.

Schwarze Zahlen nach einem Jahr

Offensichtlich meinte er, seine bisherigen Erfahrungen im Bereich elektronische Medien würden es ihm ermöglichen, Wunder zu vollbringen: «Wir glauben, dass wir im ersten Jahr Break-even erreichen können», tönte Rasch kurz nach dem Start.

Das sei eben ein Multichannel-Projekt, nicht einfach ein TV-Kanal, wer nicht sehe, dass so ein Sender gewaltiges Potenzial habe, verstehe halt nichts vom Geschäft. Seinem offensichtlich gut entwickelten Selbstbewusstsein tat es auch keinen Abbruch, als auch nach einem Jahr die Einschaltquote unterirdisch blieb, kaum jemand von der Existenz von CNN Money Switzerland wusste, und Break-even natürlich in weiter Ferne lag.

Nach zwei Jahren zogen sich dann Martina Fuchs und Urs Gredig zurück. Geräuschlos, ohne das übliche Absingen schmutziger Lieder. Wer den Eindruck bekommen könnte, dass es mit dem Sender langsam Richtung Absturz gehe, dem stellte Rasch ein neues TV-Studio in der Westschweiz und die Verpflichtung von Patrizia Laeri als neue Chefredaktorin entgegen.

Eher befremdliche Investoren

Unwirsch reagierte Rasch auch immer bei Nachfragen bezüglich seinen Investoren. Da wird’s ein Momentchen kompliziert. Am Anfang war der ehemalige Rothschild-Banker Julien Pitton als VR-Präsident an Bord der AG. Als Berater einer asiatischen Holding brachte er die Brüder Sikder aus Bangladesh dazu, in dieses Start-up zu investieren. Weiter an Bord ist der Wirtschaftsanwalt Christophe Wilhelm, mit dem Rasch über seine PR-Agentur Media Go verbunden ist.

Weiter im VR sitzt Sameer Ahmed, ebenfalls ein Geschäftsmann aus Bangla Desh, Gründer und CEO von RSA Capital. Die Firma verfügt über eine nett gestaltete Webseite, aber ihre E-Mail-Adresse ist ungültig, und Antworten tut sie auch nicht, wenn man sie auf anderen Wegen zu erreichen versucht.

Wilhelm taucht inzwischen im Organigramm im Handelsregister nicht mehr auf. Wie sich die Investoren aus Bangla Desh und Rasch das Aktienkapital von ausgewiesenen 133’500 Franken aufgeteilt haben, ist nicht bekannt, ebenso wenig Umsatz oder allenfalls Gewinn. Es ist allerdings offensichtlich, dass die Geschäftsleute aus Bangla Desh mehrfach Geld nachschossen, um die laufenden Kosten und die Expansionspläne von Rasch zu finanzieren.

Die wichtigsten Investoren auf der Flucht?

Laut lokalen Presseberichten ist es aber so, dass die Gebrüder Sikder schon im Mai ihr Land überstürzt verlassen haben und mit einem firmeneigenen Jet nach Thailand flüchteten. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten mehrere Bankmanager mit dem Tode bedroht, weil die sich geweigert haben sollen, eine Immobilie der Sikders weit oberhalb des Marktwerts zu beleihen.

Seither melden sich die Gebrüder gelegentlich aus dem Exil, worauf die Justizbehörden von Bangla Desh sehr unwirsch reagieren. Das alles hinderte Rasch dem Vernehmen nach nicht daran, mit seiner Lebensgefährtin, einer Schwester des Pictet-Bankers Boris Collardi, standesgemäss luxuriöse Sommerferien zu verbringen. Zur Verbitterung der Angestellten, die seit Anfang Juli auf ihre Gehälter warten, habe Rasch Fotos davon in seinen Facebook-Account gestellt. Sie sind inzwischen gelöscht.

Boris Collardi, der als Wunderknabe von Bär zur diskreten Privatbank Pictet als Teilhaber wechselte, ist inzwischen auch in eher stürmischen Gewässern. Während er sein neues Büro in den ehemaligen Räumen der verblichenen Bank Leu an der Bahnhofstrasse Zürich bezog, rümpfte die Bankenaufsicht öffentlich hörbar die Nase über schwere Mängel in der Bekämpfung von Geldwäscherei bei der Bank Bär – genau in den Jahren, in denen Collardi dort als CEO Neugeld wie Heu hereinschaufelte.

Schnell schrumpfte Rasch auf Normalgrösse

Also rundum gewittert es, und Rasch schrumpfte atemberaubend schnell von einem visionären Geschäftsmann zu einem Versager, der nun natürlich der Pandemie und den düsteren Zukunftsaussichten im Medienmarkt die Schuld an dem Ende von CNN Money gibt.

Deshalb habe er auch bei der Krisensitzung von letztem Sonntag für das Aus gestimmt, gibt er knapp bekannt. Der Ball liege nun beim Konkursrichter, der Sender stelle demnächst seinen Betrieb ein. Das hat er bereits, aber auch das muss der Aufmerksamkeit von Rasch entgangen sein.

In mehr als zweieinhalb Jahren ist es ihm, trotz zusätzlicher Finanzspritzen, weder gelungen, seinen Sender auf die Landkarte zu heben, noch Einkünfte zu generieren, die den satten Kosten von zwei hochprofessionellen Studios und 27 Mitarbeitern auch nur im entfernten auf Augenhöhe begegnen.

Mal wieder Millionen verröstet

Eine Burn-rate von einer runden Million Franken pro Monat wies Rasch damals als «viel zu hoch» zurück, aber die richtige Zahl wollte er nicht nennen. Wer sich im Business etwas auskennt, hält eine Million für Sendungen auf diesem Niveau für durchaus realistisch.

Nun müssen sich die Mitarbeiter, ausgerechnet in dieser Situation, neue Arbeitgeber suchen. Und sich eine Antwort auf die Frage überlegen, was sie eigentlich die letzten zweieinhalb Jahre gemacht haben. Rasch könnte das problemlos tun: Er hat sinnlos und viel zu lange sehr viel Geld verbrannt. Dass es so nicht funktionieren kann, war schon lange vor der Pandemie sonnenklar.

 

Siehe auch hier.

Wer hat das «NZZaS Magazin» geschrumpft?

In den Ferien schwer erkrankt?

Das «NZZ am Sonntag Magazin» startete Ende letzten Jahres als willkommener Lichtblick in der Öde des Sonntags. Das «Magazin» von Tamedia ist ja schon seit Jahren zum Schatten des Schattens seiner selbst abgemagert.

Aber die NZZ zeigte mal wieder, wie man das macht. Sie erfand wunderbare Rubriken wie «Der Kanon», «Stammesrituale», «Beziehungsverhalten» oder «Perfekt». Der jüngste Spross der alten Tante befleissigte sich eines eleganten Plaudertons und zeigte, dass es immer noch Journalisten gibt, die längere Strecken beherrschen.

Natürlich war die Latte ziemlich hoch gelegt, und jede Woche ideale Beispiele zu finden, um diese Gefässe abzufüllen, das war natürlich eine Herausforderung, die nicht immer gelang. Aber es war Sonntag für Sonntag vergnüglich, und nicht selten reichte der Lesestoff noch in die nächste Woche hinein.

Hat die Sommerfrische gewirkt?

Aber dann kam die Pandemie und forderte schmerzliche Opfer. Das «NZZ Magazin» verschwand in die Sommerfrische, ohne dass sich am Preis für die NZZaS was geändert hätte. Wo kämen wir da auch hin, für weniger Angebot auch weniger zu verlangen.

Nun ist das Magazin wieder auferstanden und freut sich: «Schön, sind die Ferien vorbei!» Dieses Gefühl kann der Leser leider nicht teilen. Denn er fragt sich: Wer hat denn das frühere Magazin geklaut und durch eine schlechte Kopie ersetzt? Eine Kopie, die selbst der anspruchloseste Copyshop in China besser hinkriegte?

Die Rubriken? Ausser «Der Kanon» gestrichen. Die langen Strecken? Durch ein mässig interessantes Interview und ein mässig interessantes Stück über einen Bootliegeplatz ersetzt. Schmerzlich ist immer, wenn schreiberischer Anspruch mit den Fähigkeiten kollidiert: «An der Boje brandete Verbitterung an.» Noch schmerzlicher ist, wenn niemand die Autorin davon abhielt, drei Seiten damit zu füllen, dass sie kein Boot kaufte.

Am Schluss nimmt man alles

Dann feiert die Uralt-Platzfüller-Rubrik «wer war an welchem Fest» Urständ, und dass ganz am Schluss Patrick Karpiczenko teilweise lustige Wortneuschöpfungen präsentiert, ist wirklich der einzige Lichtblick. Aber man nimmt da auch schon alles.

Schlimmer, als etwas zu vermissen ist, ihm wiederzubegegnen. Man gönnt ja jedem in diesen traurigen Zeiten seine Ferien. Selbst einer Redaktion, die aus mehr Häuptlingen als Indianern besteht. Aber was soll man noch sagen, wenn die Publireportage auf der zweiten Seite bis zum Schluss in Erinnerung bleibt, weil sie kurzweilig geschrieben und schön eingeschenkt ist?

Nr. 33/2020 zählt das Magazin einfach weiter durch, obwohl die Nummern 28 bis 32 für immer fehlen werden. «Mit der hochwertigen Haptik und Ästhetik unterscheidet sich das 48 Seiten starke Magazin vom blinkenden Einerlei des Digitalen», verkündete die NZZ am 26. Oktober 2019 die Geburt. Dem inzwischen auf 32 Seiten geschrumpften, schwindsüchtigen Baby ist zu wünschen, dass es seinen ersten Geburtstag nicht erlebt. Der Leser dankt.

CNN Money Switzerland ist out of money

Insolvenzantrag gestellt, Livestream eingestellt.

Wie hier zuerst gemeldet wurde: CNN Money Switzerland wird die Bücher deponieren. Damit ist nach zweieinhalb Jahren ein weiteres privates TV-Experiment gescheitert.

Allerdings unter besonderen Umständen. Dem Unternehmer Christophe Rasch war es gelungen, vom Mutterhaus CNN eine Lizenz zu erwerben, um eine eigene Ausgabe von CNN Money auf die Beine zu stellen.

Klotzen statt kleckern

Vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren ging dann CNN Money Switzerland auf Sendung. In Zürich hatte Rasch dafür ein hochprofessionelles (und superteures) TV-Studio gebaut; dazu ein schlagkräftiges Team geholt, als Aushängeschild den SRF-Moderator Urs Gredig und die vom chinesischen Staats-TV her bekannte Martina Fuchs.

Von Anfang an war es nicht nachvollziehbar, wie sich das Projekt mit 27 Mitarbeitern rechnen sollte. Merkwürdig erschien auch das Aktionariat, das als wichtigste Investoren zwei Brüder aus Bangladesh und einen Financier, ebenfalls aus Bangladesh, aufführte.

Diese Geldgeber sollen dem Vernehmen nach immer wieder nachgeschossen haben, als es zum Beispiel darum ging, Anfang dieses Jahres ein zweites Studio in der Welschschweiz zu bauen. Erst vor Kurzem hatte Rasch als Nachfolgerin von Gredig die bekannte Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri von SRF abgeworben.

Sie amtierte seit 1. Juli als neue Chefredaktorin und brachte einen ganzen Strauss von Ideen ein, die sie ab nächste Woche verwirklichen wollte.

Die Mannschaft steht vor einem Trümmerhaufen

Nun steht die Mannschaft vor einem Trümmerhaufen, trotz des üblichen gewaltigen Einsatzes, der bei einem motivierten Team in der Startphase einen Teil des Erfolgs ausmacht.

Der andere Teil wäre aber eine sinnvolle Finanzstrategie des CEO. Nach einem Jahr CNN Money Switzerland und einer kontinuierlich im kaum messbaren Bereich liegenden Einschaltquote hatte Rasch noch getönt, dass Ferrari auch nur rund 2000 Autos pro Jahr verkaufe und dennoch profitabel sei.

Aber offensichtlich hat Rasch zwar einen Hang zum Luxus, den er auch in seinen Sommerferien auszuleben beliebt, aber sein Selbstbewusstsein ist wohl umgekehrt proportional zu seinen unternehmerischen Fähigkeiten.

Was passiert mit Gehältern und Rechnungen?

Wie es nun mit den 27 Mitarbeitern, zuvorderst mit Laeri, weitergehen soll, steht in den Sternen. Bis zur VR-Krisensitzung vergangenen Sonntag verweigerte Rasch jede Auskunft über die Situation des Senders.

Seither wurden mehrere Anfragen nicht mehr beantwortet. Weder direkt an CNN Money Switzerland, noch in Bangladesh.

So verständlich es auch ist, nicht mit Vorlauf anzukündigen, dass einem TV-Sender der Stecker gezogen wird: Dieses Ende haben die Mitarbeiter nicht verdient. Offenbar warten sie bis heute auf ihr Juli-Gehalt, wurden aber von Rasch im Unklaren gelassen, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist.

Plötzlich sieht Rasch «rabenschwarz»

Nun sagt Rasch gegenüber «Blick», dass die Prognosen für die Medien in der Schweiz «rabenschwarz» seien. Deshalb habe der VR einstimmig, also auch mit seiner Stimme, beschlossen, den Sendebetrieb einzustellen.

«Länger als bis Ende August senden wir nicht», behauptet Rasch zudem. Allerdings: Der Livestream von CNN Money Switzerland ist schon jetzt nicht mehr online. Ein unwürdiges Ende, sicherlich ein Schock für die Mitarbeiter, die, im Gegensatz zu ihrem CEO, bis am Schluss alles gegeben haben.

Es soll zusätzlich zu den Gehältern unbezahlte Rechnungen in der Höhe von mehr als einer Million Franken geben. Es wird sich weisen, in welcher Form der CEO allenfalls seinen Verpflichtungen den Mitarbeitern gegenüber nachkommen kann und will. Vorläufig sagt er nur zynisch: «Der Ball liegt nun beim Konkursrichter.»

30 Franken für den tollen Leichentransport

Wohin mit der Leiche?

Nach den Journalistenlöhnen sinken auch die der «Leser-Reporter». Da hilft auch keine Leiche.

Welchen Wert hat das Video eines Leichentransports? «20 Minuten» kennt die Antwort: 30 Franken.  Am Freitag musste das Pendlermagazin einmal seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Es bedankte sich überschwänglich bei seinen Lesern für die «tollen Videos», die es zugeschickt bekommt: «Unsere Leser sind die besten Video-Reporter.» So ein tolles Video sei zum Beispiel am Sonntag der Rega-Einsatz wegen eines verunfallten Badenden gewesen. Ein 18-Jähriger ertrank und verstarb trotz Reanimationsmassnahmen. Des einen Pech, des anderen Glück. Ein «Leser-Reporter» filmte das Ganze und erhielt von «20 Minuten» 30 Franken überwiesen. Der glückliche Reporter kriegte ausserdem 100 Franken Prämie, weil die Zeitung am nächsten Tag ein Video-Screenshot im Print abdruckte. Und wenn der Film über eine halbe Million Mal angeklickt wird, regnet es 1000 Franken.

Die zentrale Frage lautet: Hätte der Leser sein tolles Video lieber dem «Blick» schicken sollen? Nein. Die stärkste Zeitung der Schweiz bezahlt nur 25 Franken pro publiziertes Video. Der «Leserreporter des Monats» kriegt immerhin 600 Franken, der «Leserreporter des Jahres» 1500 Franken. Die Messlatte ist aber ziemlich hoch. In die Kränze der besten Videos kommen zum Beispiel: Schiessereien in der Langstrasse oder ein brutaler Skiunfall, bei dem ein 5-jähriges Mädchen verletzt wird.

25 Franken oder 30 Franken – nicht nur Journalisten werden immer schlechter bezahlt. Wer früher «Tele Züri» einen guten Tipp gab, kriegte etwas Schickes und Unbrauchbares von «Bang & Olufsen», heute gähnt die Whistleblowern nur noch eine Eingabe-Maske an: «Mit dem Hochladen des Materials gewähren Sie uns das Recht zu dessen Nutzung und Weiterverbreitung.»

ZACKBUM.ch geht andere Wege: Unsere Leser-Reporter werden zu einem geselligen Abend eingeladen, mit Rot- und Weisswein, Whiskey, Rum und tollen Geschichten.

 

Ex-Press

Hermann L. Gremliza (1940 bis 2019) nannte so seine monatliche Kritik an Zu-kurz-Gedachtem und Zu-Schlecht-Formuliertem. 45 Jahre lang hielt er den Geist von Karl Kraus am Leben.

Das hier ist natürlich nur eine Verbeugung davor.

 

Häme will gelernt sein I

Die SonntagsZeitung nimmt sich in ihrer vor Richtigstellungen nicht gefeiten Rubrik «Bürohr» die «Weltwoche» in «einem neuen Kleid» vor. Überraschungsfrei findet sie etwas zu mäkeln. Dem Artikel über den Fondsverwalter Erhard Lee mangle es an kritischen Fragen. Ob das «noch Journalismus war oder Corporate Publishing»? Das fragt ausgerechnet ein Organ von Tamedia, schon mehrfach vom Presserat gerüffelt wegen Werbeseiten, die täuschend ähnlich wie redaktioneller Inhalt daherkommen? Das fragt ausgerechnet ein Organ, das sich fast die gesamte Tourismusberichterstattung bezahlen lässt?

«Denn Publikationen zu Unternehmen gibt es neuerdings auch zu kaufen im Bauchladen von Roger Köppel», mokiert sich das Blatt. Wohl die Konkurrenz zur eigenen Abteilung Corporate Publishing fürchtend, die sich schon seit Jahren darum kümmert, inseratefreundliches Umfeld für Beilagen zu schaffen.

Häme will gelernt sein II

Auch die NZZamSonntag will sich nicht vorwerfen lassen, Veränderungen bei der «Weltwoche» unkommentiert zu lassen. Überraschungsfrei unfreundlich: «Neues Design, alte Langeweile», mäkelt Aline Wanner. Denn, unglaublich, die «Weltwoche» habe zwar das Design verändert, aber weder die Redaktion, noch die Kolumnisten ausgetauscht.

Immerhin gesteht Wanner ein paar «Ausnahmen» ein, bei denen sie sich nicht langweilte. Und dann muss sie in den gehüpften Spagat mit doppelter Schraube gehen, denn wie erwähnt sie, dass ihr Ex-Chefredaktor Daniel Weber ein Haus weitergezogen ist und nun den Kulturteil der «Weltwoche» herausgibt? Während sie immer noch auf ihrem Stühlchen beim Folio sitzt? Nun, immerhin heben sich dort die Rezensionen «angenehm ab». Wovon? «Von der allgemeinen Sorge um die Einschränkung der Meinungsfreiheit», behauptet Wanner.

Dafür weiss sie: Auch zukünftig wird die «Weltwoche» nicht das sein, was der Schweizer Medienlandschaft fehle: «ein politisches, relevantes und überraschendes Wochenmagazin». Nun ja, offenbar vermögen da weder die NZZamSonntag, noch deren aus der Sommerpause erwachtes Schrumpf-Magazin, noch Folio diese schmerzliche Lücke füllen.

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus I

Kostet (normalerweise) nix, macht den Anschein, man sei dabeigewesen, und füllt den Platz: das Interview. Die billigste – und das leider im Wortsinn – Form des Journalismus. Wie nähert sich das Magazin der NZZ zwar spät, aber man muss ja auch mal in die Ferien, dem Thema Schulanfang? Richtig, mit einem Interview mit dem «Lieblingspädagogen Dieter Rüttimann». Das ist schön, dass man mal seinen Liebling abfeiern darf. Aber gleich auf sechs Seiten? Und interessiert es wirklich irgend jemand, dass die in doppelter Mannstärke angerückten Interviewer versuchten, «ein Gedicht ihrer Schulzeit aufzusagen»?

 

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus II

Lisa Eckardt ist sozusagen in aller Munde. Lisa wer? Nun, diese Bühnenfigur der österreichischen Satirikerin Lisa Lasselsberger. Sieht mega-scharf aus und geht mit ihrem Kabarettprogramm gerne über die Grenze des allgemein Erträglichen hinaus. Das brachte ihr zuerst eine Einladung an ein Dichtertreffen in Hamburg, dann ihre Ausladung wegen Antisemitismus-Verdacht und Angst vor linker Randale, ihre Wiedereinladung und ihre eigene Absage, dass sie so einen Zirkus nicht mitmache.

Wunderbar, Deutsche und Österreicher verstehen sich mal wieder nicht richtig, und Eckhardt macht sich natürlich darüber lustig, dass ihr deutsches Publikum auf eine Österreicherin hört. Das reicht in linken Kreisen schon für Geschrei. Also irgendwie doch ein eher unsere Nachbarn interessierendes Phänomen.

Aber nein, der Leiter Kultur bei der NZZaS reist höchstselbst an, damit das auch gebührend zur Kenntnis genommen wird, entblödet er sich nicht, bei der Autorenzeile zu schreiben: «Peer Teuwsen, Wien». Was hat der Leser des nachfolgenden – Überraschung – Interviews davon? Nun, Teuwsen weiss zu berichten, dass Eckardt barfuss zum Interview erscheint, und dass er sich in einer langen Reihe anstellen musste. Wunderbar, dass wir das wissen. Hoffentlich hatte Teuwsen Spass beim Heurigen.

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus III

Sparsamer geht die SoZ ans Werk. Auch sie hat natürlich – Überraschung – ein Interview mit Eckardt im Blatt. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zur nächsten Sparmassnahme. Denn die SoZ hat auch ein Interview mit Erica Jong im Blatt. Für Leser, die 1973 noch nicht auf der Welt waren: Da veröffentlichte sie «Angst vorm Fliegen», einen Roman, in dem auch über sexuelle Fantasien einer Frau berichtet wird, was damals unglaublich verrucht war.

Was sagt uns die Dichterin denn heute? Nun, dass sie inzwischen 73 ist, als Erfinderin des Worts «Spontanfick» selber noch nie einen hatte. Und die Frauen heute leider auch noch nicht viel weiter als damals seien. Aha. Und wieso serviert uns das die SoZ? Na, ganz einfach, weil sie damit die Sparmassnahme auf den Gipfel treiben kann.

Denn was ist noch billiger als ein Interview? Richtig, ein von der Süddeutschen übernommenes Interview. Transparenz in solchen Fragen? Ach was, muss der Leser doch nicht wissen. Ist auch eine Hilfe für ältere Leser in ihren Siebzigern mit Hang zu Alzheimer. Die können’s in der SZ lesen, wieder vergessen und dann nochmal in der SoZ lesen. Und wieder vergessen.

Kanditaten und Pipolare

Nein, der Titel gehört zu «gedruckt ist gedruckt».

Ein unverbesserlicher Trupp aus Besserwissern hat sich auf Facebook in einer Gruppe zusammengeschlossen, um sprachliche Unzulänglichkeiten aus Schweizer Medien zu sammeln. Das Ergebnis ist erschütternd.

Nein, ich werde den Link nicht veröffentlichen. Auch wenn es weder um rechtsradikale Bombenleger noch um verschwörungstheoretische Blindgänger geht: Wir möchten unter uns bleiben. Es ist eine zu kuschlige Ecke, um sie mit jedem zu teilen. Die Facebook-Gruppe, von der hier die Rede ist, ist «geschlossen», Aufnahmen erfolgen unter Empfehlung und Einladung. Man muss vorsichtig sein heutzutage. Aber wer sucht, der findet.

Entsetzen und Erstaunen

Was aber wird in diesem illustren Kreis besprochen? Recht profanes Zeugs. Nämlich Stilblüten, Fallfehler und andere Todsünden, die von Schweizer Medien ganz selbstverständlich präsentiert werden. Den Akkusativ haben wir schon längst beerdigt, der kommt nie wieder, der Genitiv ist quicklebendig, aber leider nur dort, wo er nicht zum Zug kommen sollte. Sie sind voll davon, die Zeitungszeilen. Und wir teilen die Fundstücke in unserer kleinen Gruppe und ergötzen uns in einer Art Mischung aus grenzenlosem Entsetzen und bewunderndem Erstaunen darüber, was den Leserinnen und Lesern serviert wird.

CH Media hat ja bekanntlich das Korrektorat schon länger in die Hände einiger Schnellbleiche-Germanisten aus Banja Luka übergeben. Aber auch dort, wo theoretisch noch Schweizer Qualität am Werk ist, entsteht gar Seltsames. Ich habe stets ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine ältere Tochter (12) massregle für sehr offensichtliche Fehler in einem Diktat. Wie soll sie es denn besser wissen, wenn Leute, die vom Schreiben leben, in grandioser Nonchalance über jede Regel hinweggehen und Sätze bilden, die mindestens beim ersten Überfliegen schmerzen müssen?

Medien wollen ernst genommen werden

Da gibt es die «pipolare Störung». Die «vertrauliche Atmosphäre.» Irgendwo «sass sitzend» jemand im Gebüsch. Auch sehr hübsch: «Fahrzeug gerät in Vollbrand auf Autobahn» – und nicht etwa umgekehrt. Ein weiteres Highlight: «Zug rollt über betrunkenen 15-Jährigen – und überlebt.» Wir atmen auf, weil uns der Zug wirklich am Herzen liegt. Oder kannten Sie das Wort «Skelletieren»? Wie steht es mit den «Kanditaten»? Alles aktuelle Beispiele aus Medien, die für sich in Anspruch nehmen, ernst genommen zu werden. Wir versuchen es gerne. Es ist hart.

Wer einen Stuhl kauft, geht davon aus, dass das Ding danach felsenfest sitzt. Sprich: Die Beine sollten gleich lang sein. Mindestens. Wer eine Zeitung kauft, darf hingegen nicht sicher sein, dass die Essenz des Produkts lupenrein ist: die Sprache. Und nein, die oft bemühten Praktikanten von «20 Minuten» sind längst nicht die einzigen, die Sätze und Wendungen konstruieren, bei denen es jedem sprachbewussten Zeitgenossen den Atem verschlägt. Das Problem reicht viel weiter.

Vielleicht sollten wir einfach aufgeben

Aber vielleicht müssen wir uns an pipolare 15-Jährige gewöhnen, die unter Zügen liegen, die danach überleben und die damit zu Kanditaten für den Darwinpreis 2020 werden. Wer es akzeptiert, hat es leichter. Wir sollten die Sprache vielleicht einfach aufgeben. Und uns freuen, wenn ein Satz wirklich stimmt.

Von Stefan Millius. Er ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert in «Die Ostschweiz».

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Themenverwandter Artikel:

«Fehlermehldung»: WoZ-Artikel vom 2.7.2020 (Das professionelle Korrektorat fällt bei vielen Medienkonzernen mehr und mehr der Sparwut zum Opfer. Besonders eifrig geht dabei die TX Group vor).

Schlacht mit Herzblut, Teil 3

Wie Maisanos Triumphzug vor dem Ziel scheitert.

Die ersten zwei Teile finden Sie hier und hier.

Nach seiner Gegenoffensive in der Öffentlichkeit sah sich Prof. Maisano schon wieder in Amt und Würden. Aber das täuschte.

6. Akt: Statt Triumph die bittere Niederlage

Das hätte man rechtzeitig noch am Freitag, den 31. Juli, herauspusten können. Dann kam der 1. August, dann der Sonntag, und am Montag würde ein glücklicher Maisano sich vor seiner Klinik ablichten lassen, ein kurzes Statement abgeben, wie froh er sei, dass er sich nun wieder um das Wohl der Patienten kümmern könne, und Entschuldigung, die Pflicht ruft.

Aber auch diese Träume zerplatzten wie eine Seifenblase. Denn stattdessen teilte das USZ am Freitag vor dem 1. August mit, dass Maisano nicht länger beurlaubt sei, sondern seines Amtes enthoben. Es hätten sich neue Verdachtsmomente ergeben, dass er seinen Zugang zu internen Datenträgern für Manipulationen missbraucht habe. Deshalb sei ihm per sofort Zugang und Zutritt verwehrt.

Statt Rückkehr aus dem Zwangsurlaub Amtsenthebung

Mörgeli dürfte nicht wirklich in Feierlaune geraten sein, Maisano ebenso wenig. Statt fröhlich mit Schweizerfähnchen zu winken, standen da zwei wie begossene Pudel da. Aber war das nun das Ende, das Aus für Maisano? Wurde hinter den Kulissen bereits über die Modalitäten seines Abgangs gefeilscht?

Offenbar nicht wirklich, denn Maisano scheint Nehmerqualitäten zu haben. Also legte die Spitalleitung noch ein Scheit drauf und liess durchsickern, dass sie nun auch Strafanzeige gegen Maisano eingereicht habe. Und um dem Stück für Stück demontierten Herzchirurgen zu zeigen, was alles noch auf ihn zukommen könnte, sollte er sich weiterhin nicht einfach vom Acker machen, feuerte wiederum auf «Inside Paradeplatz» Lukas Hässig eine weitere Salve auf ihn ab.

Und zwar mit dem grösseren Maschinengewehr. Maisanos Helfer, seine Firmenkonstrukte mit Namen und Sitz, wer da für ihn den Verwaltungsrat bestückt, selbst die «Phalanx seiner Gegner» zählt Hässig namentlich auf. Um als Schlusspointe auf mögliches zusätzliches Ungemach für Maisano hinzuweisen, für den aber natürlich die Unschuldsvermutung gelte. Immerhin eine kleine Verbeugung Richtung NKF.

Ein wohlgezielter Blattschuss

Dieser Blattschuss verdient besondere Analyse. Zweifellos ist auch in diesem Fall ein Journalist von interessierten Kreisen mit Munition versorgt worden. Und zwar gleich palettenweise. So etwas würde man in gehobenen Ärztekreisen wohl als consilium abeundi bezeichnen. Oder auf gut Deutsch: Verpiss dich. Sonst können wir dann noch ganz anders.

Aber wer sind diese interessierten Kreise? Ein dialektischer Kniff des Maisano-Lagers, um antizipativ Vorwürfe aufzublättern und ihnen so die Wirkung zu nehmen? Unwahrscheinlich, zudem fallen Farner und NKF zwar durch ihre stattlichen Honorare auf, aber nicht unbedingt durch Köpfchen und Cleverness.

Der Whistleblower? Auch eher unwahrscheinlich, der hat seine Beschwerde deponiert, ist wieder rehabilitiert und will sich keinen neuen Ärger einhandeln. Der interimistische Leiter der Herzklinik? Auch sehr unwahrscheinlich. Er hat von Anfang an klar gemacht, dass es sich nur um ein begrenztes Mandat handelt, und wieso sollte er seine eigene Position gefährden, wenn er so aus dem Nähkästchen plaudert?

Damit bleibt im logischen Ausschlussverfahren nur noch eine Quelle übrig. Und die dürfte sich im Umfeld der Spitalleitung lokalisieren lassen. Denn der Kreis der Wissensträger von all dem, was Hässig aufgefahren hat, ist überschaubar.

Wohl von höchster Stelle abgenickt

Aber damit wäre die logische Deduktion noch nicht zu Ende. Angesichts der kritischen Lage, des öffentlichen Rüffels durch die oberste Vorgesetzte und angesichts der Tatsache, dass sich weder der Spitalrat noch die Spitalleitung in der ganzen Affäre mit Ruhm und Ehre bekleckert haben, liegt auf der Hand: zu diesem Schritt, dem Anfüttern, hat man sich nur in Rücksprache mit weiter oben getraut.

Da dürfte der übliche Tanz stattgefunden haben, um das herzustellen, was der Politiker «plausible deniability» nennt. Sollte es ein Rohrkrepierer werden, dann hat er nichts davon gewusst und hätte auch niemals seine Einwilligung gegeben.

7. Akt: Preisverleihung an herausragende Mitspieler

Ist das so, dann kann man amtlich festhalten: Natalie Rickli musste in ihrem ersten Regierungsamt schon mit der Pandemie einigermassen fertigwerden. Und dann auch noch mit diesem potenziell sogar ihren Stuhl gefährdenden Skandal am USZ. Womit wir zur Preisverleihung an die wichtigsten Protagonisten dieses unglaublichen Theaters kämen.

Immer unter der Voraussetzung, dass diese logische Schlussfolgerung stimmt, gebührt der Regierungsrätin der erste Platz. Mit Auszeichnung, denn schliesslich ist das das erste Mal, dass Rickli ein Exekutivamt ausübt, und erst noch eines, das ständig im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht.

Der zweite Platz geht ex aequo an den Whistleblower und an Prof. Vogt. Beide haben ihr Ding bislang durchgezogen. Ruhig, besonnen, ohne ständigen Wirbel in den Medien. Beide haben ihre Ziele erreicht. Maisano ist weg und kommt nicht wieder, nun muss das grosse Aufräumen und Reinemachen noch gelingen.

Sonst gibt es nur Verlierer

Damit wären die einzigen Sieger benannt. Ein Mittelfeld gibt es nicht, nur noch Verlierer. In absteigender Bedeutung wären das der Spitalrat und die Spitalleitung. Hier wird es anschliessend zum Hauen und Stechen kommen. Wer feuert wen, wer wird gefeuert? Eigentlich ist die Hierarchie klar: Der Spitalrat kann die Geschäftsleitung des Spitals feuern, umgekehrt geht nicht. Aber auch hier wird Regierungsrätin Rickli das letzte Wort haben.

Die nächsten Verlierer sind Farner Consulting und NKF. Alle ihre teuer bezahlten Bemühungen, die öffentliche Meinung auf die Seite von Maisano zu bugsieren, sind krachend gescheitert. Solidaritätsadressen, ein wilder Ritt von Mörgeli, das Ausplaudern des Namens des Whistleblowers, eine vorsichtige Wende bei der NZZ von schweren Vorwürfen zu heikler Vorverurteilung, die gut einstudierten und wenigen öffentlichen Auftritte von Maisano: alles für die Katz, rausgeschmissenes Geld.

Was treibt Maisano an?

Der grösste aller Verlierer ist natürlich Prof. Maisano selbst. Was ihn wohl dazu bewogen hat, angesichts des Umfangs und der Dimension der Vorwürfe gegen ihn, diesen aussichtslosen Kampf zu wagen? Hybris, ein Halbgott in Weiss, ein sich als internationale Koryphäe unantastbar glaubender Chirurg? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist das das Ende seiner Karriere. Und der mögliche Tiefpunkt ist noch gar nicht erreicht.

Sollte eine der Strafanzeigen zu einer Verurteilung führen, ist er seine Approbation los und kann höchstens noch als Berater seine Brötchen verdienen. Wenn ihn nach diesem Skandal überhaupt noch jemand will.

Völlig unbekannt ist, welche Auswirkungen Maisanos Fall für die mit ihm verbandelten Firmen und Mitarbeiter hat. Genauso unbekannt wie die Reaktion des US-Medizinriesen, der seinen Aktionären erklären muss, wieso es eine gute Idee gewesen sein soll, 700 Millionen Dollar für eine inzwischen praktisch wertlose Firma auf den Tisch zu legen. Wie es bei Amis Brauch ist, könnte sich hier noch ein längeres juristisches Fingerhakeln entwickeln. Grundlagenirrtum, Täuschung, Unwirksamkeit des Kaufvertrags, Kohle zurück.

Schadensbilanz ist noch ausstehend

Aber vielleicht auch nicht, denn es ist nicht anzunehmen, dass Maisano oder einer der anderen Beteiligten mal schnell 700 Millionen Dollar auftreiben könnte.

8. Akt: Strafanzeigen hüben und drüben

Wenn nicht noch im wahrsten Sinne des Wortes Leichen in Maisanos Keller auftauchen, dann bleibt von diesem Skandal, dass wirklich mit fast allen Mitteln und Tricks gearbeitet wurde, um die heutzutage entscheidend wichtige öffentliche Meinung zu gewinnen. Beziehungsweise Journalisten hüben und drüben zu instrumentalisieren, indem man ihnen die Gegenpartei schädigende Informationen zusteckte.

Offener Schlagabtausch

Inzwischen ist es zum offenen Schlagabtausch ausgeartet. Das Unispital deckt Maisano mit einer Strafanzeige ein, sozusagen als Retourkutsche bekommt der Whistleblower auch eine übergebraten. Das vermeldet Medinside. Diese «Online-Plattform für die Gesundheitsbranche», ein Projekt des IT-Spezialisten Christian Fehrlin, fiel schon mehrfach mit mehr als parteiischen Artikeln im Sinne Maisanos auf.

So berichtet es nicht nur als erstes Organ über diese Strafanzeige und schwärzt die berufliche Qualifikation des Whistleblowers kräftig an. Auch in diesem neusten Bericht behauptet Medinside nicht ganz faktengetreu, es habe sich bislang «weder ein strafbares Verhalten noch sonst eine substanzielle Verfehlung des Klinikdirektors Maisano» herausgestellt.

Tröstlich mag für die Öffentlichkeit sein, dass sich wieder einmal bewahrheitet hat, dass der Rudolf Farner, dem Gründer der Agentur zugeschriebene Satz falsch ist. Farner soll sinngemäss gesagt haben, dass er mit Hilfe einer Million auch einen Kartoffelsack zum Bundesrat machen könne. Obwohl es vielleicht unentdeckte Versuche gab, wenn man sich das Personal im Bundesrat der letzten Jahrzehnte vor Augen führt: Ein Kartoffelsack war aber nie dabei.

Fortsetzung folgt sicherlich.

CNN out of money Switzerland?

Showdown am Sonntag. Wer überlebt und wie?

Es war eine gewagte Wette, die der Unternehmer Christophe Rasch einging. Er besorgte sich die Lizenz für CNN Money Switzerland und startete Anfang 2018 mit dem Sender.

In Zürich klotzte er ein hochmodernes TV-Studio hin und baute in Windeseile eine hochmotivierte Mannschaft auf. Er holte sich Urs Gredig vom Schweizer Fernsehen als Chefredaktor; dazu Martina Fuchs, die zuvor als Schweizer Redaktorin beim chinesischen Staatsfernsehen Furore gemacht hatte.

Um Andreas Schaffner, einen erfahrenen Wirtschaftsjournalisten, entstand ein sendungsbewusstes Team, das eine fröhliche Aufbruchsstimmung verbreitete. Rasch reagierte aber schon damals eher unwirsch auf Fragen, wie sich denn ein englischsprachiger Wirtschaftssender aus Zürich überhaupt sein Publikum erobern könnte.

Rasch neigt nicht zu Selbstzweifeln

Englisch sei halt die weltweite Business-Sprache, man solle nicht auf Einschaltquoten fixiert sein, sein Businessmodell rechne sich durchaus, fetzte er auf entsprechende Fragen in der Startphase zurück.

Kaum mehr als 3000 Zuschauer am Tag, also eigentlich im nicht mehr messbaren Bereich. Das war das Zwischenresultat nach einem Jahr, und besser wurde es auch nicht. Aber kein Grund für Rasch, selbstkritisch zu werden. Schliesslich verkaufe Ferrari auch nur etwas mehr als 2000 Autos pro Jahr, und das sei doch auch ein erfolgreiches Unternehmen.

Eine erste Absetzbewegung

Nach zwei Jahren setzte sich dann Martina Fuchs ab, auch Urs Gredig schlüpfte wieder unter die Fittiche von SRF, wo er an einem Abend mehr Zuschauer begrüssen kann als bei CNN Money Switzerland in vier Monaten.

Aber unverdrossen holte sich Rasch Ersatz; diesmal in der Person von Patrizia Laeri, die nach vielen Jahren SRF ab 1. Juli als neue Chefredaktorin amtet. Aber inzwischen hängen die dunklen Gewitterwolken immer tiefer über dem Sender.

Rasch bestätigte gegenüber CH Media, dass am Sonntag der Verwaltungsrat tagen werde. Vorher gebe er keinen Kommentar ab. Es scheint aber durchaus möglich, dass dann dem Sender der Stecker gezogen wird.

Löhne, Schulden, abgängige Besitzer

Denn die 27 Mitarbeiter warten seit anderthalb Monaten auf ihre Lohnzahlungen. Da sorgte es offenbar für gewaltigen Unmut, dass diese kritische Situation Rasch nicht davon abhielt, inzwischen gelöschte Fotos von Luxusferien diesen Sommer mit seiner Lebensgefährtin auf Facebook zu stellen.

Dieses Jahr erst eröffnete Rasch noch ein zweites TV-Studio in Gland (VD). Aber nicht nur die Pandemie und der allgemeine Rückgang von Werbeeinnahmen machen dem Sender schwer zu schaffen. Von Anfang an erstaunte das Aktionariat. 70 Prozent des Senders gehören nämlich den Sidker-Brüdern aus Bangla Desh. Die schon mehrfach Geld nachgeschossen haben.

Nach Streitigkeiten mit einem Bankier sollen sie aber inzwischen im Firmenjet nach Thailand geflohen sein, wollen lokale Medien herausgefunden haben. Es dürfte also eher unwahrscheinlich sein, dass diese beiden Mitglieder des CNN Money-Verwaltungsrats am Sonntag persönlich anwesend sein werden.

Zudem soll Rasch Probleme mit einigen Gläubigern haben; es soll sich um Forderungen von über einer Million Franken handeln.

Kein Grund zur Häme

Sollte es tatsächlich zum Aus für CNN Money Switzerland kommen, dürfen sich die Mitarbeiter sicher nicht über einen Mangel an Häme beklagen. Besonders bitter wäre das für Laeri, die damit die wohl am kürzesten amtierende Chefredaktorin in der Schweizer TV-Geschichte wäre.

Aber Häme ist völlig unangebracht. Das Team hat in den letzten zweieinhalb Jahren Tag für Tag abgeliefert; die Qualität des Gesendeten stand dem Mutterhaus in nichts nach. Anders sähe das aber für Rasch aus. Zaubert er nicht noch einen Retter in höchster Not aus dem Hut, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er unverantwortlich ein gescheitertes Geschäftsmodell durchstieren wollte.

Sich selbst hielt er dabei offenbar für einen Ferrari-Fahrer. Aber es war dann doch eher ein Oldtimer, der schon lange auf den Felgen fährt. Eigentlich wäre für die Mitarbeiter zu hoffen, dass Rasch rasch von Bord geht und einem kompetenten CEO Platz macht. Wenn es Wunder tatsächlich gibt.

Mauschelei in der Alpha-Beilage

Der Alpha-Stellenanzeiger wird immer dünner. Und schaltet jetzt einen redaktionellen Hilferuf via Hauptinserent.

Alpha, das ist diese Stellenbeilage für Chefpostenaspiranten. Sie erscheint jeweils am Wochenende im Tages-Anzeiger und in der Sonntagszeitung. Alpha gehört der TX Group (ehemals Tamedia-Gruppe). Ihr Markenzeichen: pinkbräunlich gefärbtes Papier – und immer weniger Seiten. Letztes Wochenende waren es noch vier Seiten. Davon als Aufmacher ein halbseitiges Interview. Doch dieses hatte es in sich. Befragt wurde nämlich der Geschäftsführer der Jörg Lienert AG. Diese Headhunter-Firma fällt darum auf, weil sie treu – man könnte es auch rückständig nennen – ihre Stelleninserate jeweils auch in eben dieser Alpha schaltet. Am 9. August waren es vier Inserate, schön auf einer Seite verteilt. Kostenpunkt: Mindestens 40000 Franken. Oder war der Preis vielleicht doch tiefer. Gab es gar einen Deal?Das wäre eine böse Unterstellung. Trotzdem: In besagtem «Artikel» werden dem Jörg-Lienert-Geschäftsführer von Stefan Krucker Fragen gestellt wie:

Herr Theiler, die gedruckten Stellenanzeiger werden immer dünner. Trotzdem inseriert Ihre Firma regelmässig in Tageszeitungen. Weshalb?

Dann folgt diese Anschlussfrage:

Was sind die Vorteile von Printinseraten?

Diese Frage geht auch noch:

Welche Personen erreichen Sie mit gedruckten Stelleninseraten?

Speziell ist, dass das Interview weder mit Publireportage, noch mit Advertorial oder Ähnlichem gekennzeichnet ist.

Übrigens: Die Kernaussagen von Herrn Theiler zu den Fragen lautet:

«Gute Erfahrungen machen wir bei der öffentlichen Hand, bei Nonprofit-Organisationen. (…). Unsere Kunden sind vorwiegend KMU’s.»

Sind das nicht oft jene Wirtschaftszweige, die Trends verschlafen, von Kartellen leben oder von Steuergeldern respektive Spenden? Alpha und Jörg Lienert AG soll’s recht sein.

Schlacht mit Herzblut, Teil 2

Wie ging es in der epischen Story um den Zürcher Herzchirurgen Francesco Maisano weiter?

Die ersten drei Akte in diesem Arzt-Skandal finden Sie hier.

Teil zwei

 

4. Akt: Stellungskrieg ohne Geländegewinne

Bis Mitte Juni geschah dann nichts Weltbewegendes, die befristete Beurlaubung wurde in eine unbefristete umgewandelt, und der gefeuerte Whistleblower wehrte sich gegen seine Entlassung. Die Medien zupften da und dort, raunten etwas von unerklärlichen Todesfällen, aber eigentlich hofften wohl alle Beteiligten, sich in die Sommerpause retten zu können. Um dann frisch ausgeruht bekannt zu geben, dass nun wirklich alle Vorwürfe ausgeräumt worden seien, und toll, dass Prof. Maisano uns erhalten bleibt.

Aber auch das blieb nur ein schöner Traum. Am 19. Juni gab die Spitalleitung bekannt, dass sie den renommierten Herzchirurgen Paul Vogt interimistisch zum neuen Klinikleiter berufen habe. Tschakata. Der gab ein einziges Interview, indem er seine Absicht bekundete, das Schlamassel aufzuräumen und wieder Ruhe in den Laden zu bringen. Dann machte er sich am 1. Juli ans Werk, nachdem er kräftig gegen geldgierige Ärzte und überforderte Politiker ausgeteilt hatte.

Wo sind die Guten, wer sind die Bösen?

Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand Wetten angenommen, die auf eine Wiederauferstehung von Maisano als Chef der Herzklinik liefen. Vor allem, als noch bekannt wurde, dass diverse Strafanzeigen gegen Maisano in der Mache seien, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ins Bild passte, dass die Spitalleitung in ihrer Wankelmut den Ende April gefeuerten Whistleblower am 7. Juli wieder in Amt und Würden erhob. Also eine völlige Rehabilitierung.

Langsam verlor das Publikum den Überblick; wer sind die Guten, wer die Bösen? Wer hat versagt, wer nicht? Ist Maisano nun eine international anerkannte Koryphäe, deren Beschädigung oder gar Weggang der Herzklinik einen schmerzhaften Imageschaden verursachen würde? Oder kann er persönliche finanzielle Interessen und das Wohl der Patienten nicht auseinanderhalten?

5. Akt: Die Gegenoffensive von Maisano

Lange hatte er geschwiegen, aber am 9. Juli lancierte Maisano seinen Gegenangriff. Mit Schmackes und Pauken und Trompeten. Für die mediale Untermalung sorgte Farner Consulting, wohl immer noch die bestvernetzte PR-Bude am Platz. Für die Munition sorgte ein 132-seitiges Gutachten der renommierten Grosskanzlei Niederer Kraft Frei (NKF). Das überraschungsfrei zum Ergebnis kam, dass es ausser ein paar Kleinigkeiten nichts gäbe, was man Maisano ernsthaft vorwerfen könne.

Im Gegenteil, die erste Untersuchung sei schlampig und inkompetent geführt worden, Maisano sehe sich zu Recht als Opfer einer Verleumdungskampagne. Aber im Namen seiner Familie, seiner Patienten, seiner Reputation könne er nicht mehr länger schweigen, meldete sich Maisano in einem hübsch gedrechselten Text auf Englisch auf der Vernetzungsplattform Linkedin zu Wort. Ihm sei ein Strick gedreht worden aufgrund von vier Artikeln, jammerte er in der NZZ.

Maisano mit Medientraining

Er habe nie etwas verheimlichen wollen, beteuert er im Interview, flankiert von zwei Beratern von Farner und einem Anwalt von NKF. Seine gut gestanzten Antworten zeigen, dass er sich einem längeren Medientraining unterzogen hatte. Heutzutage üblich, wenn man das Geld dafür hat. Mitarbeiter der PR-Bude spielen angriffige Journalisten und versuchen, ihren Mandanten in die Enge zu treiben. Seine Antworten werden analysiert, seine Körpersprache auf Video festgehalten und ebenfalls genau angeschaut.

Dann werden Schwachstellen eliminiert, bessere Antworten einstudiert, die Körpersprache optimiert. All das ist allerdings nicht für ein Trinkgeld zu haben. Man kann davon ausgehen, dass Maisano für das umfangreiche Gutachten mindestens 150’000 Franken ausgegeben hat. Und für Farner nochmal 100’000.

Aber Farner ist sein Geld auch wert. Denn die Gegenoffensive trug Früchte. Plötzlich warnte die NZZ vor einer «heiklen Vorverurteilung». Richtig ins Zeug legte sich aber die «Weltwoche», genauer Christof Mörgeli. In drei aufeinanderfolgenden Riesenstücken versuchte Mörgeli, Maisano als zu Unrecht beschuldigtes Opfer darzustellen, umgeben von ein paar Neidern. Und von Intriganten, die selber etwas zu verbergen hätten, davon aber mit ihren Attacken auf Maisano ablenken wollten.

Publizistische und andere Hilfstruppen

Die NZZamSonntag diagnostiziert einen «Kleinkrieg am Zürcher Unispital», und Mörgeli setzt mit seinem dritten ausführlichen Stück, wofür er umfangreich munitioniert wurde, zum Finale an: Maisano müsse sofort wieder als Klinikdirektor eingesetzt werden. Alle Vorwürfe gegen ihn seien erstunken und erlogen; dauere das Drama noch weiter an, erleide das USZ einen nicht mehr zu reparierenden Imageschaden.

Fleissig wurden von Farner weitere Grussadressen und Unterstützer herbeigeschleppt. Selbst aus der fernen Türkei bekundete ein Arzt sein Befremden über die ungerechte Behandlung dieser Koryphäe. Den Vogel schoss aber das Kantonsspital St. Gallen ab. Der Spitaldirektor, der dortige Leiter der Kardiologie und zwei seiner Leitenden Ärzte unterschrieben einen Brief an die Zürcher Spitalleitung.

Darin erklärten sie, dass ein allfälliger Weggang Maisanos die vertrauensvolle Zusammenarbeit schwer beschädigen würde. Man möchte sich natürlich keinesfalls in die inneren Angelegenheiten einmischen, müsse aber kundtun, dass es leider mit dem Whistleblower keine Zusammenarbeit mehr geben könne.

Offenbar waren die Herren der irrigen Auffassung, dass dieses Schreiben nicht an die Öffentlichkeit durchgestochen würde. Ein Artikel im St. Galler Tagblatt belehrte sie dann eines Schlechteren.

Maisano in Siegerlaune

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Maisano eigentlich in Siegerlaune fühlen. Lange eisern geschwiegen, dann volles Rohr einer Gegenattacke, die zeigt auch Wirkung. Die NZZ schwenkt um auf Vorverurteilung, Mörgeli reitet in der «Weltwoche» mit Pauken und Trompeten seinen Gegenangriff, Unterstützung von innerhalb und ausserhalb der Klinik.

Da hätte es eigentlich nur eine von Farner sicherlich schon vorformulierte Erklärung gebraucht. Die Spitalleitung danke Herrn Prof. Vogt für seinen spontanen Einsatz. Nachdem nun aber die meisten Vorwürfe ausgeräumt seien, gehe es darum, Ruhe in die Klinik zu bringen, an ihren Ruf zu denken und eine weltweit anerkannte Koryphäe nicht länger im Abseits stehen zu lassen. Tatä, der gestürzte König ist wieder da, lang lebe der König.

Fortsetzung und Schluss folgen am Sonntagfrüh.