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Bodybuilding für Körper und Geist

24. September 2026/6 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Ein paar Schwergewichte aus dem Taschen-Verlag als Herbstlektüre.

Fangen wir mit etwas Leichtem an. Endlich ist das Buch «Infographics Pioneer» über den grossartigen Illustrator Fritz Kahn wieder erhältlich und wiegt bloss ein Kilo:

Der Arzt Kahn (1888 bis 1968) emigrierte als Jude 1933 nach Palästina. Anschliessend gelangte er nach  einer abenteuerlichen Flucht durch Europa mit Hilfe von Albert Einstein in die USA. Seine Bücher waren bis zur Machtergreifung der Nazis Bestseller. Keiner konnte so anschaulich wie er das menschliche Innenleben darstellen.

Auch zum Thema Wissensvermittlung gehört «The Atlas of Infographics: Understanding the World»:

Nach Themengebieten aufgearbeitet, illustriert diese Sammlung, wie man mit Infografiken auch komplexe Zusammenhänge nicht banalisiert, sondern anschaulich und verständlich macht. Wenn man’s kann. Es ist allerdings kein Zufall, dass die meisten Beispiele aus dem angelsächsischen Raum stammen. Hier wären wir bereits bei 2,35 kg angelangt.

Schon eine andere (Gewichts-)Liga ist «The Book of Color Concepts». Es gibt in zwei Bänden einen faszinierenden Überblick über die Farbtheorien seit 1686. Über 1000 Abbildungen, ergänzt mit kenntnisreichen Erklärungen. Eine gute Ergänzung zum grossartigen «Das Farbenbuch» von Stefan Muntwyler, Juraj Lipscher und Hanspeter Schneider. Die Farbkonzepte wiegen knapp 6 kg.

Bereits über Stanley Kubricks Meisterwerk «2001» hat Taschen ein querformatiges Werk herausgegeben. Nun folgten das Scrapbook und «The Making of Shining».

Wer den Film gesehen hat, ist mit Kubrick einverstanden, der den «gruseligsten Film aller Zeiten» drehen wollte. Und in Jack Nicholson und Shelley Duvall zwei kongeniale Schauspieler fand. «All work and no play makes Jack a dull boy», unvergessliche Zeilen. Dieses Kompendium umfasst Fotografien, Originaldokumente und Interviews. Die beiden Bände bringen 3,8 kg auf die Waage.

Gehen wir weiter in die Kunst. «Japanese Woodblock Prints» ist neben «Hokusai. Thirty-six Views of Mont Fuji» die ultimative Sammlung von japanischen Holzschnitten.

Zwei Bände, japanisch gebunden, in einem japanisch verschlossenen Schuber. 200 aussergewöhnliche Meisterwerke von 1680 bis 1938; eine Technik, die im Westen nichts Gleichartiges kennt. Hier sind wir bei 4,5 kg angelangt.

Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516) hat das niederländische ’s-Hertogenbosch nie verlassen. Als Maler nannte er sich nach seinem Heimatort, und seine Fantasien ergründeten die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele und der Alpträume.

Qual, Folter und Tod waren seine Themen. Natürlich gibt es einige Editionen seines Gesamtwerks. Aber Taschen liess erst kürzlich restaurierte Werke neu fotografieren, und erst in diesem XL-Format entfalten seine bedrückenden Schreckenslandschaften ihre volle Wucht. Das bringt 3,1 kg auf die Waage.

In seinen Radierungen und Lithografien war Francisco de Goya (1746 bis 1828) Bosch durchaus seelenverwandt. Während seine entlarvenden Prachtporträts der degenerierten Herrscher Spaniens bis heute funkeln und gleissen, wenn man sie in der Originalgrösse im Prado betrachtet, geht er hier in die Abgründe menschlicher Heuchelei, Gewalt und Machtausübung hinein.

Das ist eine vollständige Sammlung aller 287 Werke, darunter die Caprichios, die Desastres de la Guerra und die alptraumhaften Disparates. Sie sind grösstenteils im Originalformat abgebildet. Beim gebannten Durchblättern stemmt man 3,8 kg.

In der Zürcher Maag-Halle gab es eine faszinierende Visualisierung der Werke der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907 bis 1954). Ihr tragisches Schicksal, ihre unbändige Energie, ihre wilden Beziehungen mit Rivera und Trotzki, und ihr expressives Werk faszinieren bis heute. Wer ihr Museum, das blaue Haus in Mexico City, besucht hat, meint, diese Kraft bis heute zu spüren.

Eingehüllt in einen braunen Kartonschuber präsentiert Taschen sämtliche 152 Werke, dazu Fotografien, Tagebuchseiten, Briefe und eine kenntnisreiche Biographie. 624 Seiten, in Leinen gebunden und 6,4 kg schwer.

Nicht nur wer in Chur wohnt, sollte sich den Prachtband über HR Giger (1940 bis 2014) zulegen, obwohl er selbst schon in jungen Jahren die Flucht ergriff und nur etwas verschämt ein Brunnen an den grossen Künstler der Stadt erinnert.

Seine Maschinenmenschen und Ungeheuer, seine mit einzigartiger Technik gestalteten Gemälde, dazu Skulpturen und ikonische Plattencover, auch ein düsteres Gesamtwerk, in dem es wenig Hoffnung gibt. Mit seinem Monster im Film «Alien» wurde er schlagartig weltberühmt, blieb aber bis an sein Ende in seinem abgedunkelten Haus in Zürich Oerlikon, wo er ungestört seine Fantasien wuchern lassen konnte. Ebenfalls im brauen Kartonschuber, 506 Seiten, knapp 6 kg.

Damit sind wir bei 37 Kilo Brainfood angelangt. Das reisst allerdings insgesamt auch ein hübsches Loch ins Portemonnaie, aber dafür gibt es auch gratis körperliche Ertüchtigung.

 

 

 

Schlagworte: 2001, Alien, Book of Color Concepts, Francisco de Goya, Frida Kahlo, Fritz Kahn, Hieronymus Bosch, Hokusai, HR Giger, Infographics, japanische Holzschnitte, Lesetipps, Shining, Stanley Kubrick, Taschen-Verlag
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-21-um-12.49.03.png 400 1109 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-24 05:00:142026-09-23 10:33:50Bodybuilding für Körper und Geist
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6 Kommentare
  1. Ruedi Rudolf
    Ruedi Rudolf sagte:
    25. September 2026 um 3:51

    «Gute zutreffende «MEDIENKRITIK» am Anfang»

    Er liebte das Wort und er setzte es sehr gezielt, messerscharf ein, als Autor, aber auch als Gesprächspartner am Radio.

    Die einen nannten ihn einen Provokateur, für die anderen hat er bis heute als Kultautor unangefochtenen Status: Niklaus Meienberg, Historiker, Journalist, Lyriker – ein wortgewaltiger Autor, der die Verhältnisse immer messerscharf und schonungslos auseinander nahm.

    Manchmal auch bis zur Schmerzgrenze, für sich und für andere, manchmal auch bis zur Verausgabung, etc………

    Niklaus Meienberg – der Wortgewaltige (z.T. schweizerdeutsch)
    https://www.youtube.com/watch?v=cLzh7twKlV8

    Antworten
  2. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:
    24. September 2026 um 16:44

    Dann doch lieber ein Kindleleichtgewicht als kiloweise Bücher.
    Aber danke für die Tipps

    Antworten
  3. Petra Hartmann
    Petra Hartmann sagte:
    24. September 2026 um 9:27

    Interessant, als armer Schlucker kann ich mir solche Lektüren nicht leisten.

    Habe Seewen 1976 bestellt. Auch wenn wir nie erfahren werden wer für die Morde verantwortlich ist wird es hoffentlich spannend sein.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mordfall_Seewen

    Antworten
    • Peter Pancake
      Peter Pancake sagte:
      24. September 2026 um 16:49

      Mein Vater selig, der damals noch eine registriertes Winchestergewehr bessessen hat, musst mit jenem auch noch auf dem Polizeiposten antraben und dieses vorzeigen.
      Aber da es sich bei der Tatwaffe offensichtlich um ein Winchestergewehr mit abgesägtem Lauf gehandelt hat, war die Sache in Sekundenschnelle geklärt, dass das nicht die Tatwaffe sein kann.
      20 Jahre später, im Oktober 1996, entdeckte man die Waffe eingemauert hinter einer Küchenkombination bei Renovationsarbeiten in Olten. Zusammen mit der Waffe wurde der Pass von Carl Doser gefunden.
      Doser tauchte um 1977 ab und blieb trotz internationaler Fahndung verschollen. Der Fall ist seit 2006 absolut verjährt.

      Antworten
    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:
      25. September 2026 um 0:29

      Als schluckender Armer kann ich mir Bücher seit Jahrzehnten nicht mehr leisten und weiche deshalb auf Gratispornos im Internet aus. Das bleibt zuverlässig spannend bis zu einem bestimmten Zeitpunkt und stellt meine Identität als Klismaphiler keinen Moment lang in Frage. Es tut gut, dieses Bekenntnis unter Gleichgesinnten endlich einmal abgeben zu können.

      Antworten
      • K. Meyer
        K. Meyer sagte:
        25. September 2026 um 9:15

        @Bitterli
        Zur Not gehen auch die Werbe-Flyer von „Otto‘s“. Spannend geschrieben, schön gestaltet und vor allem; Gratis!

        Antworten

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