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Elends-Journalismus übers Elend

17. September 2026/9 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Wer erinnert sich noch an Christiane F.?

Es war die Knaller-Story des «Stern» aus dem Jahr 1978. Eine mehrteilige Serie über das Leben der heroinabhängigen Jungprostituierten Christiane Felscherinow, abgekürzt zu Christiane F. Angekündigt als «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo».

In zwölf Folgen wurden die Schicksale von halben oder ganzen Kindern erzählt, die um den Berliner Bahnhof Zoo herum ihre Drogensucht mit Prostitution finanzierten, unter ihnen Christiane F., damals 15 Jahre alt.

Die Serie schlug ein wie eine Bombe, ihr Inhalt war erschütternd. Daraus entstand das Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» und schliesslich die Verfilmung durch Uli Edel im Jahr 1981. Durch ihn wurde Christiane F. noch berühmter; ein Musiker wie David Bowie spielte sich darin selbst.

Vor diesem Hintergrund macht die SZ-Journalistin Renate Meinhof eine Story über die heutigen Zustände am Bahnhof Zoo. Viel geändert hat sich offenbar nicht. Obwohl der Bahnhof damals aufgrund eines Viermächteabkommens der Alliierten zwar in West-Berlin stand, aber unter Kontrolle der DDR war.

Meinhof startet mit dem üblichen szenischen Einstieg, um dann schnell auf die Geschichte von Christiane F. umzuschwenken und dem Regisseur Edel grossen Platz zu geben, sich über die damaligen Dreharbeiten, den Riesenerfolg mitsamt Tournee durch die USA und Felscherinow zu verbreitern:

«Ein Star war sie. «Sie hatte etwas Charismatisches», sagt der Regisseur. «Sie hat ’nen ganz klaren Verstand gehabt, aber nicht, wenn es um Drogen ging. Sie war eine tolle Erscheinung.»»

Diese Erscheinung benützte auch der «Stern» und klatschte sie stark geschminkt aufs Cover vom 28. September 1978. 1985 legte er mit «Die neuen Leiden der Christiane F.» nach.

Genauso geschminkt wie die Protagonistin war allerdings auch die Story. Sie wurde konsequent in der Ich-Perspektive erzählt; es wurde so getan, als sei das eine von ihr selbst geschriebene Autobiografie. In Wirklichkeit beruhte die Story auf mit Tonband mitgeschnittenen Gesprächen, die die «Stern»-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck über zwei Monate hinweg mit ihr geführt hatten.

Das ist keine Fälschung wie später die Hitler-Tagebücher, aber erzeugt die Illusion einer Authentizität, die gefälscht ist. Dabei wurde das intimste Leben der Protagonistin – Sex, Prostitution, Gewalt, Heroin, Entzug – zum öffentlichen Eigentum.

Christiane F. bekam der Ruhm nicht gut. 2013 schrieb sie das Buch «Christine F. – Mein zweites Leben». Auch hier führte eine Journalistin, Sonja Vukovic, auf der Grundlage ausführlicher Gespräche die Feder. Das Buch beschreibt, dass Christiane F. weder ihre Drogensucht, noch ihr Leben in den Griff bekam.

Selbst die Geburt ihres Sohnes im Jahr 1996 kann sie nicht retten. Nach elf Jahren des Zusammenlebens greift das Jugendamt ein und entzieht ihr das Sorgerecht, Auslöser eines neuerlichen schweren Rückfalls. Sie beschwert sich bitterlich darüber, dass der «Mythos Christiane F.», ihre Stigmatisierung als «Promi-Junkie», der ewig von der Frage begleitet wird, ob sie wieder auf Drogen sei oder nicht, es ihr erschwert habe, ein anderes Leben zu führen.

Ds Buch endet mit der Beschreibung einer gesundheitlich schwer angeschlagenen 50-Jährigen. Heute ist sie 64 und hat sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie stand auch für ein Gespräch mit Meinhof nicht zur Verfügung.

All das kommt in der Reportage der «Süddeutschen Zeitung» unter dem üblichen Datumsfetischismus – 45 Jahre danach – nicht vor. Noch 2021 kritisierte die SZ sehr deutlich die «fragwürdige Ikonisierung einer jungen Frau» als «medialen Missbrauch».

Aber die Erinnerung an diese Problematik, komplexere historische Zusammenhänge, damit hat der heutige Elends-Journalismus nichts mehr am Hut. Ortstermin, szenische Beschreibung der weiterhin vorhandenen Drogen- und Elends-Szene, Gespräch mit einem Helfer, Nacherzählung der damaligen Erfolgsstory, Besuch beim Regisseur Edel, der sich offensichtlich darüber freut, dass sich noch jemand an seinen inzwischen uralten Film erinnert – und tschüss.

Wenn die SoZ schon rund 18’500 A aus der «Süddeutschen Zeitung» per copy/paste übernimmt, hätte eine kleine Zusatzrecherche vielleicht den Leser davon überzeugt, dass er für Kopiertes Geld ausgeben sollte.

Aber dieser Journalismus berichtet nicht nur über Elend, er ist selbst das Elend.

 

Schlagworte: Buch, Christiane F., copy/paste, David Bowie, Elends-Journalismus, Film Erfolg, gefälschte Authentizität, Hitler-Tagebücher, Horst Rieck, Kai Hermann, Renate Meinhof, Sonja Vukovic, SoZ, stark geschminkt, Stern, SZ, Uli Edel, wir Kinder vom Bahnhof Zoo
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-13-um-16.38.46.png 359 863 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-17 05:00:422026-09-14 09:22:14Elends-Journalismus übers Elend
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9 Kommentare
  1. Ruedi Rudolf
    Ruedi Rudolf sagte:
    18. September 2026 um 7:50

    Die Fragen für echten Journalismus sind: Was sind die Ursachen? – Wer trägt die Verantwortung? – Wer ist Schuld? – Was muss gemacht oder geändert werden?

    -Wie, durch Wen und Woher kamen und kommen die Drogen damals als der Konsum angefangen hat, und Heute ins Land?

    -Wer konsumiert illegale Drogen, Konservative Bürgerliche, oder Sozialistisch ausgerichtete Links-Grün-Rote Bevölkerungskreise – welche mit ihrem Drogenkonsum Heroin- und Kokain-Kriege, die Drogenmafia in den Produktionsländern direkt finanzieren und unterstützen?

    -Muss der Staat/Politik die Bevölkerung, vor allem Kinder und Jugendliche, nicht auch vor Drogen, und deren umfangreichen negativen Begleiterscheinungen und Kosten beschützen.

    -Kriminalisierung oder Legalisierung?

    -illegale Produktion und Schwarzmarkt – oder geregelte Produktion und Verkauf?

    -Sind bei denn dringend benötigten Ausländischen Fachkräften auch Drogenimporteure dabei, oder macht das dr Ueli, dr Sepp, oder dr Kari usem Emmital?

    -Sind die Personenfreizügigkeit, illegale Einwanderung, offene Schweizer und EU Grenzen, hilfreich um Drogen und alles andere illegale zu importieren?

    -Ist die Schweiz ein Drogenproduzent? – Wer hat es erfunden und es hat sich weltweit verbreitet? – Nein nicht Ricola – auch nicht das Sackmesser – LSD!

    -Gibt es Journalisten welche die richtigen Fragen stellen und Lösungen vorschlagen können? – Problem? – Ursache? – Lösung? – Wer? – Was? – Wieso? – Warum?

    Antworten
  2. Ruedi Rudolf
    Ruedi Rudolf sagte:
    17. September 2026 um 9:13

    David Bowie – Heroes – (Christiane F. – Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo)
    https://www.youtube.com/watch?v=E9BbXD-wRfA

    Antworten
  3. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:
    17. September 2026 um 6:43

    Im Jahr 1978 verzeichnete die Schweiz eine historische Trendwende mit einem steilen Anstieg der Drogentodesfälle, die den Beginn der späteren schweren Heroinkrise einläutete. Der erste offizielle Drogentote durch Heroin wurde in der Schweiz 1972 registriert. Im Jahr 1975 gab es schweizweit 35 Drogentote. Ab 1978 eskalierte die Situation durch das Aufkommen der ersten offenen Drogenszenen (wie am Hirschenplatz) rasant, die sich dann zuerst bis an die Riviera ausbreitete, sich später ins AJZ verlagerte und danach als vollkommenes Zombieland am Platzspitz und Letten endete — Bilder ausgerechnet aus dem sauberen Züri, die um die Welt gingen und selbst das Bahnhof Zoo Elend dagegen fast noch blass erschienen liessen.
    Darum schlug damals «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» auch in der Schweiz wie eine Bombe ein, da dieser Bericht und das Buch etwas ans Tageslicht brachten, was man in der Schweiz, wie so vieles andere auch, lange weggeschwiegen hat. Dabei hatte sich die Opiatseuche schon damals in weiten Teilen der Schweiz ausgebreitet, schon um 1978/80 gab es z.B. in der heilen Welt des Toggenburgs unzählige Heroinsüchtige.
    Und nachdem man in Zürich ab 1994 mit der Abgabe von Heroin/Methadon meinte das Problem einigermassen in den Griff bekommen zu haben, tauchten ein paar Jahre später mit Free Base, Crack etc. wieder neue noch schneller süchtig machende Drogen auf und damit kamen auch offene Drogenszenen wieder zurück.
    Man musste jene Reportage und danach das Buch genau darum in dieser unverblümten Authentizität schreiben und sicher auch schockieren, damit dieses Thema mal unverblümt auf den Tisch kam und ein mediales Beben bis in die damals vermeintlich heile Heidilandwelt auslöste.
    Ob dieser Bericht, das Buch, der Film und der ganze Rummel auch noch Jahre danach für Christiane F. sich als ein Fluch entpuppte, schwierig zu sagen, denn niemand weiss, was aus ihr geworden wäre, hätte es diesen Stern Bericht niemals gegeben. Vielleicht wäre sie schon lange tot wie viele der damaligen Protagonisten aus dem Buch.
    Die Frage wieviele junge Menschen jenes Buch und später vom Film davon abgehalten wurden jemals Heroin zu versuchen und wie viele wohl auch aus Gwunder von jenem Buch/Film inspiriert wurden, Heroin auch mal zu probieren und dann allenfalls drauf abgestürzt sind, die bleibt wohl für immer ungeklärt.
    Ganz so elend war dieser Bericht jetzt auch wieder nicht, denn das Elend sowohl am Bahnhof Zoo als auch in Züri besteht immer noch weiter.

    Antworten
    • Petra Hartmann
      Petra Hartmann sagte:
      17. September 2026 um 13:46

      Mich hat damals das Buch und der Film abgeschreckt. Ich hoffe viele andere auch. Es war aber eine ganz andere Zeit. Bereits für einen Joint musste man Meilen weit gehen.

      Heute: gehen die Jungen an eine Party etc. und der Dealer ist am Platz. Drogen können online bestellt werden.

      Antworten
      • Peter Pancake
        Peter Pancake sagte:
        17. September 2026 um 15:25

        Das habe ich aber etwas anders in Erinnerung. Damals um 1978/80 war sowohl Hasch als auch Heroin selbst im heilen Toggenburg omnipräsent. Es gab etliche «Drögeler» wie man die in bürgerlichen Kreisen nannte. Dies noch zu Zeiten als ein Gramm Heroin bis zu 400 Fr. kostete, bei extrem ausgetrocknetem Marktverhältnissen zeitenweise sogar bis zu 700 und damals viel tieferen Löhnen als heute.
        Damals galt das noch als «cool». Das Opioid dämpft das Zentralnervensystem so stark, dass negative Gefühle, Ängste, körperliche Schmerzen und alltägliche Sorgen sofort komplett in den Hintergrund treten. Konsumenten beschreiben diesen Zustand oft als ein Gefühl, „in Watte gepackt“ oder völlig abgeschirmt von der Außenwelt zu sein.
        Erst nachdem man die extremen Ausmasse am Platzspitz und am Letten dann gesehen hat, es dann Abgabestellen in den Fixerstübchen gab, Heroinkonsumenten zunehmend ein Loserimage bekamen, wurde Heroin bei den Jungen als nicht mehr sehr cool eingestuft. Dafür traten dann andere Drogen wie Extasy, Kokain und die noch viel gefährlicheren Kokainderivate wie Crack, Free Base etc an deren Stelle.
        Aber auch bei denen enden nicht wenige völlig im Elend und zunehmend wieder in offenen Drogenszenen.

        Antworten
        • René Zeyer
          René Zeyer sagte:
          17. September 2026 um 17:11

          Ist wunderbar, in Erinnerungen zu schwelgen. Nur hat das mit dem Artikel überhaupt nichts mehr zu tun …

          Antworten
          • Rapahel Stein
            Rapahel Stein sagte:
            17. September 2026 um 19:26

            Naja, das ist eben, hat man einen klappern. Man verliert gern mal den Fokus.

          • Peter Pancake
            Peter Pancake sagte:
            17. September 2026 um 19:44

            OK, habe den Einfluss der Kinder vom Bahnhof Zoo bis hin ins hintere Toggenburg wohl ein Mü zu fest ausgereizt.
            Immerhin weiss man jetzt dank dieses SZ/TA Artikels, dass der Alkoholkonsum im Bahnhof Zoo seit dem 1. Mai 2026 verboten ist. Das letzte mal als ich dort war, hingen an jeder 2. Ecke noch büchsenbierbewaffnete Kampftrinker rum.
            Viel schlimmer als dieser Artikel ist allerdings die erbärmliche Elendsbewirtschaftung in voyeuristischen Trash TV Formaten wie «Hartz Rot Gold», «Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?», «Hartz aber herzlich» etc etc, auch wenn der Namen mittlerweile von «Hartz 4» über «Bürgergeld» in die «Grundsicherung für Arbeitsuchende» umbenannt worden ist.
            In den Print- und Onlinemedien wird dann das ganze Elend mit den jeweiligen «Protagonisten» nochmals genüsslich zweit- und drittverwertet.
            Ein Volk, welches sein Elend und seinen Niedergang so dermassen obszön und voyeuristisch zur Schau stellt, muss sich nicht wundern, wenn es immer mehr abwärts geht.

  4. Petra Hartmann
    Petra Hartmann sagte:
    17. September 2026 um 5:35

    Die Zusatzrecherche wäre angebracht gewesen. Schaut man was in Deutschland an und rund um die Bahnhöfe abgeht ist der Zoo überall präsent.

    Es wäre auch mal einen Bericht wert, wenn man über die Stricher von den grossen Bahnhöfen schreiben würde. In Zürich nach wie vor präsent. Da fahren die Freier mit ihren Bonzenkarren vor und die meist Suchterkrankten steigen ein.

    Lese Empfehlung: drogenfeuer von Marco Schnyder, Erinnerungen an den Platzspitz

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