Der «Spiegel» spinnt

Nicht nur das Cover ist schlimm. Auch seine Verteidigung.

«Sagen, was ist.» Das berühmte Rudolf-Augstein-Motto hängt dem «Spiegel» bis heute wie ein publizistischer Orden an der Brust.

Inzwischen müsste es vielleicht heissen: Sagen, was knallt.

«Der gefährlichste Mann Deutschlands», donnert das ehemalige Nachrichtenmagazin auf seinem Cover. Darüber das Gesicht von Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Entschlossener Blick, ordentlich frisiert, fotogen inszeniert. Wer den Mann bislang nicht kannte, kennt ihn jetzt.

Mission accomplished.

Nur eine Kleinigkeit fehlt: der Beweis, dass Siegmund tatsächlich der gefährlichste Mann Deutschlands ist.

Nicht ein gefährlicher Mann. Nicht ein gefährlicher Politiker. Nicht ein Rechtsextremer mit gefährlichen Ansichten. Nicht einer der gefährlichsten Politiker. Nein: der gefährlichste Mann Deutschlands.

Bestimmter Artikel, Superlativ, Deutschland.

Da müsste man schon einiges liefern.

Der «Spiegel» liefert ein Porträt über einen radikalen Politiker, dessen Umfeld teilweise noch weiter rechts steht. Er beschreibt dessen Strategie: moderates Auftreten, freundliche Verpackung, harte politische Inhalte. Das kann und soll man journalistisch untersuchen.

Aber wo ist der Nachweis für den Superlativ?

Offenbar hat ihn selbst Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nicht gefunden. In seiner Verteidigung des Covers baut er nämlich nachträglich eine bemerkenswerte kleine Klausel ein: Siegmund sei «aus Sicht liberaler Demokraten» aktuell der gefährlichste Mann Deutschlands.

Ach so.

Das stand aber nicht auf dem Cover. Versuchen wir mal, das auf Kurbjuweit anzuwenden. Der dümmste Journalist Deutschlands. Ist sogar weniger beweisfrei als das «Spiegel»-Cover.

Aus «Sagen, was ist» wird damit: Sagen, was wir finden. Was wir empfinden.

Noch hübscher ist der zweite Teil der Geschichte. Der «Spiegel» wollte vor Siegmund warnen – und hat ihm ein Wahlkampfgeschenk gemacht, das sich kein AfD-Werber schöner hätte ausdenken können.

Siegmund bedankt sich artig. Er nennt das Cover «sehr gute Werbung», spricht von einem «Ritterschlag» und signiert Exemplare.

Man kann ihm schwerlich vorwerfen, dass er einem Eigentor des Gegners nachtritt.

Darauf haben nicht nur rechte «Spiegel»-Hasser hingewiesen. Der Linken-Politiker Dietmar Bartsch nennt das Cover «irre» und «unverantwortlich» und spricht von Wahlkampfhilfe für die AfD. CDU-Mann Wolfgang Bosbach sieht ebenfalls «unfreiwillige Wahlhilfe». Der österreichische Journalist Thomas Mayer kritisiert, der «Spiegel» mache Siegmund zum «Titelbildhelden».

Und die «Süddeutsche Zeitung» fragt süffisant: «Hat sich das Magazin verliebt

Das ist tatsächlich die Pointe.

Wer einen Politiker zum gefährlichsten Mann eines Landes erklärt, macht ihn gross. Gewaltig gross. Er erhebt einen regionalen Spitzenkandidaten zur nationalen Bedrohung. Für eine Partei, die ihren Anhängern seit Jahren erzählt, das politische und mediale Establishment habe Angst vor ihr, ist das kein Angriff.

Es ist eine Bestätigung.

Natürlich darf und muss Journalismus vor antidemokratischen Entwicklungen warnen. Er darf zuspitzen, kommentieren, provozieren. Aber wer den grösstmöglichen Superlativ auf sein Titelblatt knallt, sollte ihn anschließend auch belegen können.

Sonst ist das nicht «Sagen, was ist».

Sondern behaupten, was Auflage macht. Oder einfach: dummes Gequatsche.

Und wenn der angeblich gefährlichste Mann Deutschlands anschliessend grinsend das «Spiegel»-Cover signiert, könnte man in Hamburg zumindest kurz darüber nachdenken, wer hier eigentlich wen vorgeführt hat.

Der Titel hat übrigens eine bemerkenswerte historische Vorgeschichte. «Der gefährlichste Mann Deutschlands» lautete der Titel einer Schrift von Kurt D. Singer über Hermann Göring. Göring: NS-Machtpolitiker, Luftwaffenchef, Mitverantwortlicher für Terror, Krieg und millionenfachen Mord.

Und nun Ulrich Siegmund. AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Ebenfalls: «Der gefährlichste Mann Deutschlands».

Das ist keine Gleichsetzung Siegmunds mit Göring. Es illustriert vielmehr, wie hemmungslos der «Spiegel» mit dem grösstmöglichen Superlativ hantiert. Wenn Göring und Siegmund beide Deutschlands gefährlichster Mann sind: Was genau bedeutet «gefährlich» dann eigentlich noch?

Oder sollte man hier von Selbstgefährdung der «Spiegel»-Redaktion sprechen, die sich noch nicht davon erholt hat, dass sie zweimal Donald Trump nicht «wegschreiben» konnte, obwohl sie dass zu ihrer Aufgabe erklärte?

5 Kommentare
  1. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:

    «Er ist wieder da» — ja dann schaun mer mal was da mit dieser blauen Welle in Sachsen-Anhalt passiert oder auch nicht…
    Da hat der Spiegel tatsächlich ein epochales Eigengoal geschossen — unzählige Kopien sind von Siegmund schon signiert worden – auf ebay sollen die schon über 1000 Euronen bringen.

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  2. Manfred
    Manfred sagte:

    Das ganze Trauerspiel um die AfD spiegelt die demokratische Unmündigkeit Deutschlands.
    Das Establishment versucht ihre politischen Gegner in die Nähe von Konzentrationslagern und Völkermord zu stellen. Der Spiegeltitel ist nur das letzte Kapitel dieser Diffamierungsstrategie.
    Auf der anderen Seite hängen die AfD und ihre Wähler der Illusion nach, sie hätte in den grossen Fragen eine Wahl. NATO- oder EU-Mitgliedschaft sind für Deutschland schlicht nicht abwählbar.
    Wenn z.B. North-Stream2 gesprengt wird, hat Deutschland das hinzunehmen.
    Und wie wir bei der sogn. ‚Nachhaltigkeitsinitiative‘ lernen mussten, ist auch die Migration nur begrenzt steuerbar. Auch der sogn. Fortschritt in Form von Techno-Feudalismus und Digitalzwang liegt nicht im Bereich des Wählerwillens.
    Je früher alle das begreifen, desto besser. Und dieser Realitätscheck hätte schon früher kommen können. Die Stärke der Demokratie liegt nicht zuletzt darin, dass sie solche Spannungen früh ausgleicht. Nun ist die AfD an der Brandmauer gewachsen und der Knall wird wohl etwas lauter.

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  3. K. Meyer
    K. Meyer sagte:

    Mittlerweile ist der „Spiegel“ zu einem dermassen unbedeutenden linken Schmierenportal verkommen, dass ihm schlichtweg die Tragkraft fehlt, um irgend Etwas in irgendeine Richtung zu bewegen. Taugt nur noch als Satire-Vorlage, wie nach besagtem Titelbild zu sehen war.

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  4. Rolf Hug
    Rolf Hug sagte:

    Man könnte meinen, bei den Mainstreammedien findet ein Wettlauf statt: wer ist am woksten und am degeneriertesten? Wer holt sich die Krone ab, am meisten faktenfrei und an der Wahrheit vorbei zu berichten und dafür noch bejubelt zu werden …

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