Vom Aussterben bedroht

Was ist der Unterschied zwischen einer Zeitungsredaktion und dem RAV?

Im Prinzip existiert keiner. Ausser, dass es auf den Redaktionen (noch) mehr Journalisten gibt.

Wie viele genau? Da hört’s mit der vielgepriesenen Transparenz schon mal auf. Nur CH Media veröffentlicht die Zahl von 650 Redaktoren. Während Tamedia früher auch die Gesamtzahl auswies, spricht der TX-Konzern inzwischen nur noch von einer 300-köpfigen Redaktion, die die Einheitssauce über den Kopfblattsalat des Medienhauses ausgiesst.

Nach diversen Rausschmiss-Runden zur Qualitätssteigerung dürften es insgesamt in allen Redaktionen von TX  ungefähr rund 740 sein. Bei Ringier, allerdings weltweit tätig, handelt es sich um 900 bis 1000. Und die NZZ schliesslich hat zwischen 320 bis 350 Nasen auf der Payroll.

Also alles in allem rund 2700. In den letzten fünf Jahren wurden die Stellen von rund 750 Journalisten eingespart. Diese Zahl enthält nicht die freiwilligen Abgänge, also Redaktoren, die einsahen, dass sie es bis zur Frühpensionierung nicht schaffen werden.

Abbau-King ist, wie könnte es anders sein, Tamedia; zusammen mit «20 Minuten» wurden in den letzten fünf Jahren rund 200 Stellen rasiert. Zudem trennte man sich von fast allen Freien ausserhalb der Verichtungsboxen im Newsroom.

Täglich werden bis zu 8 Artikel aus der «Süddeutschen Zeitung» übernommen, an Wochenenden bis zu 12. Das Auslandressort wird zur Hälfte von SZ-Autoren bespielt. Dazu kommen noch die Agenturmeldungen von SDA, dpa, Reuters oder AFP. Die machen online alleine schon bis zu 45 Prozent des Inhalts aus. Also kann man bei Tamedia Print von ca. 45 Prozent gesamtem Fremdanteil ausgehen, online bis zu 60 Prozent.

Fürs volle Programm (Classic Plus, sieben Tage Print plus online) verlangt der «Tages-Anzeiger» den stolzen Preis von 846 Franken im Jahr. Dafür ist aber auch die «Spiele-App» inbegriffen, und man kann Artikel «verschenken». Womit man sich allerdings bei der gebotenen Qualität nicht unbedingt Freunde macht.

Während es 2010 noch täglich bis zu 80 Printseiten waren, ist das inzwischen auf 36 bis 44 geschrumpft. Online werden rund 150 Beiträge täglich rausgepustet, darunter bis zu 70 Agenturmeldungen, bis zu 25 Beiträge der SZ und maximal 35 eigene Werke.

2010 kostete das gleiche Abo noch 580 Franken. Also eine Preissteigerung von 46 Prozent für rund die Hälfte des damaligen Angebots. Wobei 2010 erst ganz vereinzelt Beiträge aus der SZ übernommen wurden.

Gleichzeitig holzte CEO Peppel-Schulz Regionalausgaben zusammen und sparte beim kostenintensiven Lokaljournalismus. Wobei sie nun als Zukunftsperspektive «wir müssen Lokaljournalismus neu denken» ausgibtAber nicht etwa, indem wieder mehr lokale Büros oder Stellen geschaffen werden. Sondern: «Wir können nicht mehr in Büros denken und investieren, wir investieren in Reichweite vor Ort. Nähe zu den Menschen, das schafft Vertrauen – ergänzt um Hyperlokalität mithilfe von KI».

Nähe durch Reichweite und «Hyperlokalität» durch KI, absolut unverständliches Geplapper. Hyperlokalität, ein neuer Modebegriff Liga «Resilienz», würde bedeuten, dass viele Lokalreporter ans Werk gingen. Denn KI kann nicht an einer Gemeinderatssitzung teilnehmen, mit Anwohnern sprechen, Missstände recherchieren oder lokale Netzwerke aufbauen. Also all das nicht, was Lokalität oder halt auch Hyperlokalität ausmacht.

Die Einnahmen gehen runter, der Online-Werbekuchen ist nach wie vor fest in der Hand von Google & Co., die redaktionellen Eigenleistungen gehen senkrecht runter. Genährt durch Bedeutungsverlust und Existenzangst nimmt dafür Meinung, Belehrung und Rechthaberei exponentiell zu. Ebenso das Schreiben in einer Gesinnungsblase unter Luftabschluss.

Dafür – und das soll die wichtigste Einnahmequelle bleiben – gehen die Abopreise durch die Decke. Nach dem schönen Prinzip: weniger Inhalt, weniger Qualität, weniger Rücksicht auf den Leser – dafür wird der schamlos gemolken.

Man muss nicht den Black Belt in Accounting oder einen HSG-Abschluss haben, um klar zu prognostizieren: im September kommt das nächste Rausschmeissen. Dann wird die Sonntagsausgabe auf den Samstag verlegt. Dann wird der tägliche Print-Rhythmus in Frage gestellt. Und irgendwann macht der Letzte das Licht aus, nachdem er seinen letzten Meinung- und Belehrungsartikel geschrieben hat.

2 Kommentare
  1. Anna Keller
    Anna Keller sagte:

    Wieder einmal ein herrlicher Satz zum Lachen: «(…) Womit man sich allerdings bei der gebotenen Qualität nicht unbedingt Freunde macht.» (danke!)

    Freie Mitarbeitende zu entlassen gehört übrigens zum Dämlichsten, was man tun kann, so meine Ansicht. Also wenn es leistungsstarke Leute sind.
    Angestellte sind nicht loyaler – teilweise sogar gegenteilig – und umso schlimmer, wenn sie von innen heraus ihr Umfeld vergiften. Genau so etwas kann ein Freier eher nicht tun.
    Anschauen, ob die Leute bei früheren Arbeitgebern abgeliefert oder eher nur Zeit abgesessen haben, muss man natürlich immer – egal, ob sie ein Honorar oder eine Anstellung erwarten.

    Ich hatte eine Kollegin, die für zwei der grossen Medienverlage parallel auf Stundenbasis gearbeitet hat. Soweit ich weiss, immer tadellos. Sie hat sich einfach an die jeweiligen Systeme und den jeweiligen Stil angepasst. So etwas muss man erstmal können. Und ich denke, dass das sogar die Zukunft ist.

    Redaktionell tätige Leute arbeiten für ihr Publikum. Nicht für die Beweihräucherung von sich selbst bzw. ihres eigenen Namens.
    Extrameilen gehen gehört in der Branche eben auch dazu. Wer das nicht mag, ist fehl am Platz.

    Habe mir mal die Anzahl der Leute beim Tagi angesehen. Meiner Meinung nach gehören dort zahlreiche Stellen gestrichen.

    Der Journalismus schafft sich selbst ab. Ganz einfach deshalb, weil er keiner mehr ist. Jeder Markt reguliert sich.

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  2. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:

    Vom Tagi gibt es allerdings auch Schnäppchen-Jahresabos für schlappe 79 Franken inkl. Verschenkoption für 10 Artikel im Monat. Mehr ist dieses Geschreibsel mittlerweile meistens allerdings auch nicht wert. Substanziell fundierte Recherchen findet man immer seltener und Primeurs schon fast gar keine.
    Man fragt sich schon was diese unzählig vielen Schreiberlinge den ganzen Tag so machen insb. da die KI die Recherche nochmals vereinfacht, allerdings muss man da auch immer noch gegenchecken und plausibilisieren.
    Potential für die RAV Verrichtungsboxen von denjenigen aus den Redaktionsstuben gibt es da noch einige und das Arbeitsangebot im Journalismus dürfte wohl noch weiter schrumpfen.

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