Kurt Tucholsky

Schmerzlicher Hinweis auf die aktuelle Verzwergung im Journalismus.

Kurt W. Zimmermann macht sich auf unseren Spuren (so viel Eitelkeit muss sein) über einen «ellenlangen und holprigen Text zur amerikanischen Geschichte, der kein Klischee von Franklin über Jefferson bis zu Roosevelt ausliess», lustig. Text, was heisst hier Text, das Gebrabbel des sogenannten Auslandchefs Christof Münger nannte er selbst hochtrabend ein «Essay».

Dazu sagt Zimmi völlig richtig: «Der Essay ist in der Publizistik das Signal der Selbstgefälligkeit. Wer sich für einen grandiosen Denkriesen hält, der nennt seinen Kommentar nicht Kommentar, sondern Essay.» Bei Tamedia, was Wunder, wimmelt es von Essayisten, die andere grosse Essayisten wie Lukas Bärfuss anhimmeln.

Als Schlusspointe zitiert der WeWo-Kolumnist: «Denn noch immer gilt, was Kurt Tucholsky, ein echter Essayist, seinen Möchtegern-Nachfolgern als Ratschlag mitgab: «Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.»»

Wir bei ZACKBUM haben eigentlich alle, wirklich alle Werke von Tucholsky gelesen, müssen aber gestehen, dass uns dieses Bonmot nicht geläufig war.

Anlass genug, das Stück des Grossmeisters, der so produktiv war, dass er neben seinem richtigen Namen noch vier Pseudonyme benutzen musste, damit man ihm seinen ungeheuerlichen Schreibzwang abnahm, nachzulesen. Er hat seinen Essay «Die Essayisten» 1931 als Ignaz Wrobel in der «Weltbühne» veröffentlicht. Auch die sollte eigentlich zur Pflichtlektüre jedes Journalisten gehören.

Genauso wie eine Auswahl der Werke von Karl Kraus. Aber wir schweifen ab, und in diese furztrocknen Ackerfurchen des sogenannten Journalismus in den Verrichtungsboxen des Newsrooms lässt sich sowieso nichts säen.

Da heutzutage wohl kaum jemand die Gesamtausgabe von Tucholsky oder der «Weltbühne» zur Hand hat, hier kann man den Text nachlesen.

Wobei ZACKBUM sich nicht sicher ist, ob das eine gute Idee wäre. Denn was Tucholsky hier an Gedankenschärfe, Formulierkunst, Witz und vernichtender Kritik auffährt, müsste all den Flachschreiber-Essayisten bei Tamedia von Loser abwärts und aufwärts die Schamröte ins Gesicht treiben. Das passiert aber nicht, weil die alle absolut schmerzfrei sind. Und sich nicht mal um die Schmerzen der Leser Gedanken machen, die ihre Wortmüllberge besteigen müssen.

«Jenes alte gute Wort darf auch hier angewandt werden: der Essaystil ist der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie. Es ist eine ganze Industrie, die sich da aufgetan hat, und sie hat viele Fabrikanten.» Tucholsky spannt den grossen Bogen auf und identifiziert als eine der Wurzeln dieses Übels –Friedrich Nietzsche.

«»Man geht durch das hohe Portal in die Villa der Greta Garbo . . . « Quatsch doch nicht. Man? Du gehst. Von Nietzsche jene Wichtigtuerei mit dem Wissen, das bei ihm ein organischer Bestandteil seines Humanismus gewesen ist; die Nachahmer aber sind nur bildungsläufig und lassen ununterbrochen, wie die Rösser ihre Äpfel, die Zeugnisse ihrer frisch erlesenen oder aufgeschnappten Bildung fallen. … Von Nietzsche jene lateinische Verwendung des Superlativs, wo statt der größte: sehr groß gemeint ist. So entstehen diese fatalen Urteile: »das beste Buch des achtzehnten Jahrhunderts«, und um das zu mildern, wird der falsche Superlativ mit einem ›vielleicht‹ abgeschwächt. Das lesen wir heute in allen Kritiken. Sie haben an Nietzsche nicht gelernt, gut deutsch zu schreiben. Er war ein wunderbarer Bergsteiger; nur hatte er einen leicht lächerlichen, bunt angestrichenen Bergstock. Sie bleiben in der Ebene. Aber den Bergstock haben sie übernommen

Man möchte gar nicht aufhören zu zitieren, aus diesem Höhenflug über Nietzsche, Schopenhauer, Spengler, Haecker, Hegel, Klaus Mann, gespickt mit genau dem, was Tucholsky als Grundvoraussetzung fürs Schreiben eines Essays nennt:

«Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muß man sie freilich zu Ende gedacht haben, und man muß schreiben, ohne dabei in den Spiegel zu sehn.»

Immer, wenn der Name Tucholsky fällt, was heutzutage viel zu selten der Fall ist, dann kommt uns das wunderbare Gedicht von Hanns Dieter Hüsch in den Sinn, mit dem wir hier schliessen, weil wir’s nicht besser können, nicht mal ansatzweise.

Himmlisches Gespräch

Am Himmel bewegt sich eine Gardine,
die Engel haben Ladenschluss,
da sitzt ein Mann an der Schreibmaschine
und schreibt, weil er schreiben muss.

Der liebe Gott sitzt mit ihm zusammen
und macht ein faltenreiches Gesicht.
Der Mann sagt leise: «Reiss dich zusammen,
komm, wir spielen Mensch ärgere dich nicht.»

Der liebe Gott sagt: «Du kannst mir glauben,
ich hätt es schon längst so gemacht wie du,
aber Selbstmord kann ich mir nicht erlauben,
sonst machen sie mir meinen Himmel zu.

Erst gestern kam wieder einer und sagte,
die Gottlosen müssen hier raus,
und als er sich dann über mich beklagte,
da wusste ich nicht mehr ein noch aus.»

Das hatte der Mann an der Schreibmaschine
schon länger als lange kommen sehen traurig
zieht er an seiner Gardine
und sagt: «Ich kann das sehr gut verstehen.

Hier oben gibt es keine Militaristen,
wird keine Hand an die Hose genäht,
aber hier gibt es schwarze Listen,
für den, der nicht richtig zu glauben versteht.»

«So ist es», flüstert der liebe Gott,
«und geht es so weiter, kann ich nicht mal bleiben.
Da ist zum Beispiel dieser Presbyter Ott,
willst du mir nicht mal einen Artikel schreiben?»

Der Mann gegenüber winkt müde und matt.
«Ich will dir mein Tagebuch zeigen.»
Und er blättert durch bis zum letzten Blatt,
darauf steht: Sprechen, schreiben, schweigen.

Am Himmel bewegt sich eine Gardine,
und über die Milchstrasse läuft eine Maus,
da sitzt ein Mann an der Schreibmaschine,
der sieht wie Kurt Tucholsky aus.

 

 

6 Kommentare
  1. Xaver Kost
    Xaver Kost sagte:

    Doch, ich habe die Gesamtausgabe des Werks von Kurt Tucholski im Regal. Er ist/war der Grösste. Seine Art zu schreiben bleibt ein unerreichbares Vorbild. Das heisst aber nicht, dass ich alles auswendig kann und das (herrliche) Zitat hätte ich sicher nie gefunden. Danke auch für das Gedicht von Hanns Dieter Hüsch. Es hat mich sehr bewegt.

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  2. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:

    Vielleicht sollte man es einfach als das sehen, was es ursprünglich ist.
    Das Wort Essay stammt vom französischen Substantiv essai ab, was wörtlich „Versuch“ oder „Probe“ bedeutet. Historisch geht der Begriff auf das spätlateinische Wort exagium („das Wägen“, „das Gewicht“) zurück.
    Und manche Essays sind brilliant und andere enden stuemperhaft, wie das bei Versuchen nun mal die Natur der Sache ist und all die schlechten Schreiberlinge haben dann schon die passende Ausrede bei einem Misslingen, dass es sich hier eben auch nur um einen Versuch handle und es schließlich ein Recht auf scheitern gebe.

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  3. René Küng
    René Küng sagte:

    Man du musst kannst kein Tucholsky sein, aber das Schweigen zu all den Schandtaten und Lügen
    ist ein schreckliches Zeichen für den Zustand der Welt.
    Danke zackbum, kein kompletter Tucholksky zu sein, immer wieder, nicht zu schweigen.

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