Wumms: Markus Somm

Renegaten sind die Allerschlimmsten.

Vielleicht war der gescheiterte Unternehmer zu jung, als nicht nur Studenten in Europa gegen den schmutzigen Vietnamkrieg der USA protestierten. Auf jeden Fall war er erwachsen und zurechnungsfähig, als Somm sich der trotzkistischen Strömung anschloss und die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) unterstützte.

Es ist einem unbenommen, sich weiter oder auch zurück zu entwickeln. Auf allen Kanälen singt er nun eine Lobeshymne auf die USA. In seinem Newsletter begleitet von diesem völlig humorlosen und holperigen Angebot: «Nebelspalter 25%-Rabattaktion «HEIMFLUG». Denn wenn schon jemand früh nach Hause fährt, dann wenigstens nicht Ihr Humor.» Versteht keiner, macht aber nix.

Nicht nur in seiner Kolumne in der «SonntagsZeitung» (neben Badran und einigen anderen das wohl Überflüssigste in diesem Blatt) schleimt er heute: «Amerika, wir danken Dir!» Seine Art, Trumps 250-Jahr-Feiern zu begleiten. Dabei gibt er sich ungehemmt einem Weinkrampf hin:

«Wem kommen nicht die Tränen, wenn er die berühmte Präambel liest: «Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.»»

Fast wörtlich abgeschrieben bei John Locke und George Mason, aber das muss ein studierter Historiker nicht unbedingt wissen. Und die Tränen trocknen schnell, wenn man weiss, dass diese selbstverständliche Wahrheit nur für weisse, reiche, männliche Grundbesitzer galt. Dann übt sich Somm in eklatanter Geschichtsumschreibung des US-Bürgerkriegs:

«700’000 bis 750’000 junge Soldaten starben dafür, dass auch die Schwarzen zu amerikanischen Bürgern wurden

Abgesehen davon, dass Zweidrittel nicht im Gefecht, sondern an Krankheiten starben: Die Abschaffung der Sklaverei war ein Grund unter vielen, im Zentrum stand die Industrie- und Handelswirtschaft des Nordens, während der Süden überwiegend agrarisch geblieben war. Somm ist doch Wirtschaftshistoriker. Aber auch sonst hat er nicht viel Ahnung.

Keine Revolution habe «der Menschheit so viel an Fortschritt, Demokratie und Wohlstand gebracht hat wie die Amerikanische». Das freut besonders die Urbevölkerung und das geschundene Lateinamerika. Dann wird’s ganz absurd. Das könne man weder von der französischen, noch der russischen Revolution sagen: «Die Erstere in Paris war ein Massaker, das zu einem endlosen Weltkrieg führte, die Zweitere in St. Petersburg war ebenfalls ein Massaker und ruinierte ein Land vielleicht auf immer.»

Äh, die französische Revolution von 1789 führte zu einem endlosen Weltkrieg? Der ist dann an allen, ausser an Somm, spurlos vorübergegangen. Dass die Oktoberrevolution die Sowjetunion zur Welt- und Atommacht machte, die sogar den Hitler-Faschismus besiegte, nun ja.

Auch das sieht Somm anders, insbesondere die Schweizer sollten inbrünstig intonieren: «Amerika, wir danken Dir». Denn: «Nicht bloss, weil wir heute Hochdeutsch sprechen und uns mit ausgestrecktem Arm begrüssen würden, hätten die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg nicht interveniert und die Nazis besiegt.» Ganz alleine, offenbar.

Natürlich kann und darf sich jeder im Rahmen der Meinungsfreiheit öffentlich zum Deppen machen. Davon machen in der SoZ diverse Kolumnisten reichlich Gebrauch. Sie können allerdings für sich in Anspruch nehmen, dass sie kaum studiert und nicht viel verstanden haben. Aber ein Dr. phil. in Wirtschaftsgeschichte? Gut für ihn, dass aus solchen Gründen der Titel nicht aberkannt werden kann.

5 Kommentare
  1. Guido Kirschke
    Guido Kirschke sagte:

    Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die napoleonischen Kriege, je nach Phase insb. aber 1812, durchaus als weltumspannende Kriege betrachtet werden können. Alle relevanten Kolonien waren ja mit legitme Austragungsorte dieser Konflikte, speziell dabei auch die Kaperkriege im Indischen Ozean und in der Karibik. England, Spanien, Portugal, Russland und Frankreich waren damals die globalen Supermächte. Aber diese Konflikte als «Weltkriege» zu bezeichnen, sollte ein Historiker mE aus guten Gründen nicht tun.

    Aber es gibt wirklich Sachen, da sollte sich ein Historiker zweimal überlegen, wie er sie zu Papier bringt. Somm hat da nicht immer ein glückliches Händchen.

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  2. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:

    Der offensichtlich etwas gar kriegsfixierte Historiker Somm erwähnt aber mit keinem Wort den für die Unabhängigkeit vorentscheidenden 7-jaehrigen Krieg 1756-63, den nicht wenige Historikern sogar von seinen räumlichen Dimensionen her als der erste Weltkrieg in der Geschichte bezeichnet wird.
    Die britischen Finanzprobleme durch Kriegsschulden danach führten zu den Zöllen und zur Boston Tea Party, zumal man auch kein Mitspracherecht hatte. «No Tax without Representation».
    Wenn schon mit Kriegen auffahren, dann bitte richtig

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  3. Markus Ringger
    Markus Ringger sagte:

    Diese Kritik ist unfair. Man kann alles «venütigen», indem man anstelle was etwas ist, heraushebt, was nicht ist. Wenn die Tatsache, dass sich die Gründungsväter auf Philosophen stützten nichts ist, dann ist auch Einsteins spezielle Relativitätstheorie nichts, da er ja nur die Gleichungen von Lorentz verwendet hat. Und wenn das Wahlrecht nicht alle betraf, dann war auch Watts Dampfmaschine nichts, da der Wirkungsgrad der ersten Maschinen im Vergleich zu später lausig war; und wer war schon Stephenson, dessen Eisenbahn im Vergleich zu heutigen Hochgeschwindigkeitszügen Schneckenpost war.

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  4. Peter Pancake
    Peter Pancake sagte:

    Man fragt sich schon wie es die weitgehend humorlose selbsternannte «Medienkritikerin» Badran mit ihrer ideologisch verblendeten #Korrigendum Kolumne 2023 zur Kolumnistin des Jahres geschafft hat. Gut sie hat eine treudoofe Anhängerschaft, die sie alle zwei Wochen hochjubelt als sei sie die fleischgewordene Erloeserin allen helvetischen Übels, dabei ist sie primär eine unflaetige Schwaetzerin, die es mit Zahlen und Fakten nicht sonderlich genau nimmt, aber das merken ihre AnhängerInnen eben nicht. Im Sept. 2022 hat sie die langweilende Radikalfeministin Funiciello Knall auf Fall ersetzt, vermutlich weil man im SP Politbüro auf die Wahlen 2023 hin die vermeintlich bissigste Stute im Stall an die Medienfront entsenden wollte. Scheinbar war die Journigemeinschaft so entzückt, dass sie ihr nach dem Wahljahr diesen Preis verliehen haben – kein Mensch weiss wirklich wieso.
    Und Dr. Somm als ehemaliger BaZ Eigentümer hat sich vermutlich beim Verkauf eine sonntägliche Kolumne auf Lebenszeit (?) ausbedungen und kann jetzt frei von jeglichen Qualitätsansprüchen historisch angehauchtes Geschwurbel von sich geben wie diese unsägliche und historisch massiv geklitterte USA Hochbejubelung.
    Immerhin geht Herrn Zeyer als echtem Medienkritiker so die Arbeit nie aus bei solchen geistigen Tieffliegern.

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