Das gähnende Sommerloch

Oder Hitzschlag im Glashaus an der Werdstrasse?

Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann, die einzig sinnvolle Ergänzung zu ZACKBUM, vermutet, dass die Zuger Richter die Berechnung der Höhe der Gewinnherausgabe im Fall Spiess-Hegglin beeinflusst durch einen Hitzschlag getätigt hätten. Da ist was dran; wenn man bedenkt, dass auf dieser Berechnungsgrundlage Ringier alleine mit dem «Blick» online eine satte Milliarde verdienen müsste. Das wäre ein absurder Lachschlager, wenn es nicht brandgefährlich für alle Schweizer Medien wäre.

Denn damit wurde zum ersten Mal eine Benchmark gesetzt, die dann auch andere Organe treffen kann. Wäre eigentlich ein Grund für einen kollektiven Aufschrei in den Massenmedien.

I wo.

Das Blödelblatt «Tages-Anzeiger» will hingegen das Sommerloch mit einer Uralt-Topik füllen:

Meine Güte. Gleich 8 (!) Fachkräfte des Ressorts «Leben» (mit so grossartigen Unterrubriken wie «Essen & Trinken» oder «Wir sind Zukunft») haben sich der wirklich gähnlangweiligen Frage angenommen, was denn Deutsche an Schweizern putzig oder kurlig finden.

Genau, schnarch, die Augenlider fallen von selbst nach unten. Erschwerend kommt noch hinzu: diese kompetenten Acht liefern einfach einen Zitatesalat ab. Keine Analyse, Interpretation, kein Hirnschmalz. Unkommentiert geben sie das wieder, was sie bei Befragungen von «Kollegen» zu hören kriegten. Sicherlich haben sie dabei die häufigste Antwort weggelassen: fällt euch denn nichts Besseres als diese olle Kamelle ein?

Gibt es wenigstens gewisse Höhepunkte, Neues, Absonderliches? Aber nein:

«Es fehlen Saftschorlen in Restaurants (mit Ausnahme von Apfelsaft) und Spezi. Auch echtes deutsches Brot und leckere Kuchen sucht man in Bäckereien oft vergebens, es gibt keine wirkliche Kaffee-und-Kuchen-Kultur.»

Die Wahrheit ist: eine Schorle ist das gleiche wie ein Apfelsaft, ein Spezi kann der, der die abartige Mischung von Cola und Orangenlimonade will, seit Kurzem auch in der Schweiz kaufen. Im Coop, zum Beispiel. Oder bei Otto’s. Usw. Immer mehr Bäckereien bieten Sauerteig- und andere deutsche Brote an; wer keinen leckeren Kuchen findet, ist bescheuert. Aber he, wir sind hier doch nicht in einer aktuellen Rechercheredaktion.

Auch nicht in einer, die die Mundart beherrscht:

«Eine sprachliche Wendung lässt einen nach wie vor staunen: ‹I gang go hole› oder ‹I gang go laufe›. Wieso dieses ‹go›? Diese Doppelung ist grammatikalisch einfach nicht nachzuvollziehen – jedenfalls konnte es mir in meiner Schweizer Verwandtschaft niemand erklären.»

Kommt von der alten Präposition gen und verbindet zwei Tätigkeiten. Aber wer nicht richtig Deutsch kann, wieso soll der Mundart beherrschen?

Wer keine der beiden Sprachen richtig beherrscht, dem fällt auch der Widerspruch hier nicht auf:

«Eine tolle, nachhaltige Schweizer Praxis geht leider vermehrt verloren: die geteilten Waschmaschinen und Trockner im Keller von Mehrfamilienhäusern. Das gibts in Deutschland gar nicht, stirbt aber auch hier trotz des Trends zu Single- und DINK-Wohnungen mit eigener Maschine im Bad leider immer mehr aus.»

Trotz?

Es steht zu vermuten, dass im Rahmen der Sparmassnahmen bei Tamedia ausserhalb der Chefbüros die Klimaanlage deutlich gedrosselt wird. Was wohl auch hier zu akuter Hitzschlaggefahr führt.

Anders lässt sich ein solches Gemeinschaftswerk tatsächlich nicht erklären. Es ist aber geradezu unverschämt, das hinter der Bezahlschranke dem Leser reinzudrücken. Der bekommt davon dann Wallungen, Bluthochdruck und einen Blutrausch, der ohne Weiteres in der Kündigung des Abos enden kann.

Liebe Frau Birrer, lieber Herr Bärtschi, wo bleibt hier die mindeste Qualitätskontrolle? Oder schon längst in den unverdienten Ferien?

 

3 Kommentare
  1. Marcella Kunz
    Marcella Kunz sagte:

    Wenn wir schon bei der Sprachkontrolle sind: «Schönen guten Abend, Frau Slomka.» Da scheppert auch was.

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  2. Philomena Leibundgut
    Philomena Leibundgut sagte:

    Die Chefdompteurin Birrer und ihre acht Gangos im geistigen Hitzestau
    Gango
    Grammatik: m., nur Singular; i bi im Gango (das g wird ausgesprochen)
    Schreibweisen: Gang go, i bi im Gang go

    Bedeutung: Der scherzhafte, wohl eher veraltete Ausdruck leitet sich ab vom Imperativ «gang go», kombiniert mit einem Auftrag (gang go d Hüener fuere, gang go d Zytig hole, gang go d Stäge fäge usw.). Die seeländisch-oberaargauische Lautung von «go» (mittelbernisch «ga») hat sich eingebürgert, wahrscheinlich weil das Wort «Gango» einen speziellen, verfremdenden Klang besitzt, der bei «Ganga» fehlen würde.
    Ein Mensch, der von sich sagt, «I bi im Gango» (häufig sagen das Männer, die von ihren Ehefrauen «kommandiert» werden) meint also, dass er gegenwärtig eine Pflicht nach der andern zu erfüllen hat und kaum Zeit für etwas anderes findet. Heute sagt man dazu «I bi im Stress», wobei der Aspekt der Pflicht, bzw. des Ausführens von erteilten Aufträgen unter den Tisch fällt.
    (aus Berndeutsch.ch)

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