Täglich kläglich
Was kriegt man beim «Tages-Anzeiger» für Fr. 4.60?
Man bekommt 30 Seiten bedrucktes Papier. Schweifen wir kurz in die Vergangenheit. Im Jahr 2000 waren es noch 60 bis 80 Seiten, für Fr. 2.20. 2010 immerhin noch 50 – 70 Seiten für 3 Franken. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Rubrikenmärkte (Stellen, Immobilien, Autos) Bestandteil der Print-Ausgabe waren.
Oder das Elend in anderen Worten: Die verkaufte Auflage sank seit 2000 um Zweidrittel, der durchschnittliche Umfang halbierte sich fast, während sich der Einzelverkaufspreis verdoppelte. Kein anderes Produkt am Markt hat einen ähnlichen Wahnsinn veranstaltet. Wer das als Manager zu verantworten hat, sollte vor Scham rot anlaufen und sich peinlich berührt Asche aufs Haupt streuen. Nicht wahr, Herr Pietro Supino.
Aber zurück zum aktuellen Elend. So sieht das verlockende Angebot auf der Front aus:

«Die Hitze wird zum Stromproblem», will der grüne Tagi seine Leser ängstigen. Dazu ist ein Foto des Grimselsees gestellt, der sei «wegen der Trockenheit weniger gefüllt». Hier handelt es sich um eine Tautologie. Die Aussage ist so sinnentleert wie: Der Grimselsee ist wegen der Schneeschmelze mehr gefüllt.
Als Textaufmacher meldet sich Isabel Strassheim zu Wort: «Wer wenig verdient, leidet häufiger an Krankheiten». Sie schreibt dafür eine «Analyse der Krankenkasse Helsana» ab. Das ist die Strassheim, die für einen der peinlichsten Flops des Tagi in der jüngeren Geschichte verantwortlich ist. Sie gehörte übrigens auch zu den Unterzeichnern des Protestbriefs von erregten Tamedia-Frauen, die sich über eine angeblich sexistische und demotivierende Arbeitsumgebung beschwerten. Kein einziger der anonymen Vorwürfe konnte anschliessend verifiziert werden.
Nicht zu vergessen die Lockangebote «Kultkellnerin», «Käse mit Salmonellen» oder «Gewaltiger Kurssturz bei Elon Musks Spacex». Riecht alles nach eingeschlafenen Füssen in ungewaschenen Socken.
Auf Seite zwei dann die grosse Recherche. Also zumindest ein grosses und aussagekräftiges Bild:

Allerdings: Der Autor Jens Flottau hat seinen Schreibtisch in München bei der «Süddeutschen Zeitung». Aber immerhin, daneben eine Spalte: «Bund will höhere Mindestfranchise». Selbstgebastelt. Fast: «Mit Material der SDA».
Dann der Brüller: «Verdorbener Käse: Wie eine Salmonellenwarnung des Bundes tagelang verzögert wurde». Heisser Scheiss – oder Uraltstory von Ostern dieses Jahres.
Dann ein kleiner Scherz zur Erheiterung des Lesers (und mangels Inseraten):

«Mehr lesen» bei geschrumpften Umfängen. «Mehr wissen» bei zum Skelett abgemagerten Redaktionen. «Mehr verstehen» bei ständigen besserwisserischen Belehrungen. Super-Kampagne.
«International» wird von der Unke Hubert Wetzel, im Solde der SZ, bestritten. Für deutsche Leser mag ein Porträt über die Aussenbeauftragte der EU durchaus von gewissem Interesse sein. Aber für Eidgenossen? Die interessiert hingegen sicher brennend, was der Deutschland-Korrespondent Simon Widmer aus Berlin zu vermelden hat, der schwitzend gegen das Sommerloch anschreibt: «Kein Deutsch, kein Zutritt ins Freibad» von Halle. Da kann man natürlich Diskriminierung vermuten – oder einfach das Walten des gesunden Menschenverstands, dass wer die Warnhinweise nicht lesen oder verstehen kann, gefährdet ist.
Dann ist wieder die SZ dran, Urunke Peter Burghardt aus Washington arbeitet sich an seinem zweitliebsten Feind ab: « J.D. Vance – der Konvertit, der den Papst belehrt». Weiter mit SZ-Autoren: «Zum Teil kennen nicht einmal die Partner sexuelle Fantasien. Aber Open AI schon». Sex sells, sagt sich auch der Tagi.
Wir kommen zum Thema Inzucht. In den «Buchtipps im Juni» lobt Tamedia-Redaktorin Nora Zukker ein Werk des ewigen Tamedia-Kolumnisten Max Küng über den grünen Klee («herrliche Beziehungssatire»). Ob er sie auch im Auftrag eines Möbelhauses geschrieben hat, ist hingegen nicht bekannt. Alexandra Kedves, wir ersparen uns frauenfeindliche Bemerkungen, legt dem multilingualen Leser tatsächlich ein Frauenbuch auf Englisch ans Herz. Gibt ja nicht genug Neuerscheinungen auf Deutsch. Au weia.
Lokales, auch hier zwei Aufreger: «Wer trägt die Schuld am Tod des Teenagers?» und «Restaurant Belvoirpark schliesst schon wieder – zwei Jahre früher als geplant». Übrigens trägt niemand eine Schuld, und das Restaurant ist bereits seit Mai geschlossen. Schnarch.
Wollen wir noch die Meldung erwähnen: «Lamborghini geht in Flammen auf»? Oder lieber nicht.
ZACKBUM fasst zusammen. Was bekommt der Konsument für Fr. 4.60? Fremdleistungen, Deutsches, Langweiliges und Verschnarchtes. Was bekommt er also? Ein klägliches Nachtschattengewächs im Vergleich zum früheren, dickeren und nur mit Eigenmitteln (abgesehen von SDA und so) hergestellten Tagi.
Weniger, schlechter, dafür teurer. Wer das für ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell hält, ist mit dem Klammerbeutel gepudert.











Konnte mir noch ein Online Schnäppchen Abo für 79 Franken ergattern, so kommt man dem geschrumpften Umfang mit 21.6 Rappen pro Tag dem Limes Null für dieses oft grenzwertige Geschreibsel schon einiges näher als mit den horrenden 4.60 pro Ausgabe.
Zieht man übrigens die Quadratwurzel von 460 Rappen, so kommt man zumindest auf den Rappen genau auf 21.x Rappen, den sie bei den grossen Verramschaktionen um die Gunst der Leser noch für diese Ergüsse des Grauens noch haben wollen.
Deshalb besser noch einige Rappen drauflegen und
Lotto spielen. Viel beglückender als dieser
Lotterjournalismus!
Seien wir doch froh, dass die paar Abonnenten diese Gurkentruppe von Schreiberlingen noch finanziert. Sonst müssten die über die Arbeitslosenversicherung von der Allgemeinheit getragen werden.
Sie informieren sich dann noch, wie die Arbeitslosenversicherung eingerichtet ist, ja?
Ja gehört denn bei Ihnen die werktätige Bevölkerung, welcher jeden Monat 1.1% vom Lohn an Zwangsabgabe für die Arbeitslosenversicherung abgezwackt wird, nicht mehr zur Allgemeinheit?
Erst über einem Lohn von 148’200 pa sind die Mehrbessereren von dieser Abgabe befreit. Die haben dafür nicht selten auch goldene Fallschirme, dass sie über dieser Einkommensgrenze dann auch kuschelig landen können.
Während der journalistische Gehalt vieler Zeitungen kontinuierlich verdampft, bleibt ihr praktischer Nutzen erfreulich konstant. Zum Reinigen von Grillplatten und als Verpackungsmaterial sind sie nach wie vor erstklassig geeignet.
Gab aber früher mit 80 oder manchmal noch mehr Seiten inkl. Stellenanzeiger auch einiges mehr her als mit dem dünnen Blättchen von heute.
Insb. Sonntagszeitungen waren in ihrer Blütezeit wahre Schwergewichte und wogen oft zwischen 1,5 kg und über 3 kg. Die gigantischen US-Ausgaben, wie die New York Times, brachten es an Spitzentagen sogar auf 1,8 bis 3,2 kg.
Damals gabs wenigstens noch echten Materialwert fürs Geld.
Typos, die mir ins Auge gehüpft sind:
«Nicht war, Herr Pietro Supino.» -> wahr und ein Fragezeichen.
«ZACKBUM fast zusammen. » -> fasst
Ja, die Hitze! 😉
Genau
Etwas unfair der Artikel! Gegenüber früher bekommen die LeserInnen in der Printausgabe viel grössere Bilder, bis zu einer halben Seite. Leute mit einer Leseschwäche sind begeistert, die Journis auch sie müssen weniger liefern!