Marc Bloch als Lackmustest

Der grosse Historiker und Widerstandskämpfer kommt ins Panthéon. NZZ würdigt, Tagi ist peinlich.

«Unverständnis der Gegenwart entspringt zwangsläufig der Unkenntnis der Vergangenheit.»

Marc Bloch (1886 bis 1944) ist zweifellos einer der bedeutendsten Historiker des 20. Jahrhunderts. Liga Eric Hobsbawm, Fernand Braudel, Arnold J. Toynbee, E.P. Thompson, Bronislaw Geremek oder Richard Hofstadter.

Er revolutionierte die Geschichtswissenschaft, die er nicht als Abfolge von Ereignissen verstand, sondern als Objekt einer Gesamtuntersuchung von Mentalitäten, Wirtschaftsformen, Traditionen und sozialen Strukturen.

Er war nicht nur ein herausragender und unermüdlicher Wissenschaftler, sondern auch Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg und wichtiges Mitglied der «Armee der Schatten», der Résistance. Er wurde von französischen Kollaborateuren gefangen genommen und an die Nazis ausgeliefert. Die Schergen von Klaus Barbie folterten ihn wochenlang, bis er am 16. Juni 1944 erschossen wurde.

«82 Jahre nach seiner Ermordung erhält Marc Bloch nun die höchste Ehre, die ein Verstorbener in Frankreich erhalten kann», schreibt Marc Tribelhorn in seiner Würdigung in der NZZ. Denn am Dienstag wurde Bloch feierlich ins Pariser Panthéon überführt, dem Ruhmestempel der Nation. Dort findet er seine letzte Ruhe neben Voltaire, Rousseau, Victor Hugo, Émile Zola und auch Josephine Baker.

Nur der Präsident der Republik darf entscheiden, wer Einlass in diese Gedenkstätte findet; einmal eine unbestreitbar gute Tat von Emmanuel Macron.

Wenn man die Würdigungen der «Süddeutschen Zeitung», deckungsgleich natürlich mit dem Kopfblattsalat von Tamedia, und der NZZ vergleicht, dann ist Fremdschämen angesagt. Der Tagi/SZ-Korrespondent Oliver Meiler in Paris ist der Meinungsgutmensch, der zwar vom Land keine grosse Ahnung hat, aber immer gerne die Gelegenheit ergreift, sich lächerlich zu machen.

Holterdipolter handelt er die Lebensstationen von Bloch ab, um sich vom Titel abwärts in ein Detail zu verbeissen: «Die extreme Rechte soll bitte fernbleiben», verlangen die Nachfahren des Historikers. Ist ihr gutes Recht, aber wenn man nur einen sehr beschränkten Platz für eine Würdigung hat, sollte man den nicht so verschwenden.

Schon mit seinem Titel setzt dagegen Tribelhorn ein ganz anderes Niveau: «Nur der Wahrheit verpflichtet: Marc Bloch, der jüdische Historiker, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte». Offenbar hat er – wohl im Gegensatz zu Meiler – die Werke von Bloch auch gelesen: «In Blochs erst postum erscheinender «Apologie der Geschichtswissenschaft», die bis heute eines der klügsten Bücher über das Metier des Historikers ist, schreibt er: «Die Fähigkeit, sich auf das Leben einzulassen, ist in der Tat die wichtigste Tugend.»»

Diese wichtige Tugend geht bis heute all diesen Gesinnungsblasenschreibern ab, die sich keinesfalls auf das Leben einlassen wollen, sondern ihm und den Lesern vorschreiben, wie richtig gelebt werden sollte. Haltung haben ist das eine, das hat Bloch vorgelebt. Aber unendlich neugierig auf die Wirklichkeit zu sein, sie möglichst kenntnisreich und getreu abbilden wollen, das ist das andere, was all denen abgeht.

Die NZZ hingegen schwingt sich hier zu durchaus akzeptabler Höhe auf: «Nicht nur Marc Blochs wissenschaftliches Werk, das bis heute international prägend ist, sondern auch seine unerschütterliche Zivilcourage während Frankreichs dunkelster Zeit ist Anlass, sich wieder mit dieser eminenten Persönlichkeit zu beschäftigen.»

Es ist allerdings zu befürchten, dass das im Tamedia-Kopfblattsalat keiner tun wird. Wenn die den Namen Bloch hören, denken sie wahrscheinlich an so was:

7 Kommentare
  1. Marcella Kunz
    Marcella Kunz sagte:

    Am Ende waren alle Vorfahren in der Résistance gewesen (analog den Deutschen: «Wenn wir das gewusst hätten…»). Ausser die vom RN, naturellement. Noch eine Lebenslüge: la France hat den 2. Weltkrieg gewonnen.

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  2. Rapahel Stein
    Rapahel Stein sagte:

    Wer eine Persönlichkeit wie Marc Bloch dazu missbraucht, seine eigenen, niederen Ansichten zu verbreiten, ist entweder ganz unten angekommen oder ist dort stehen geblieben.

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