Aufgewärmt schmeckt nicht

Droht bereits das Sommerloch? NZZ-Korrespondent Daniel Steinvorth lässt es gähnen.

Es gibt Storys, die immer wieder erzählt werden. Die grosse Tulpenspekulation in Holland von 1634 bis 1637. Der Untergang der Titanic. Die Ermordung Cäsars.

Oder die Geschichte von John Law. Denn da ist alles drin, was eine saftige Erzählung braucht. Ein schottischer Spieler, der nach einem Duell mit tödlichem Ausgang aus England fliehen muss und nach Frankreich kommt. Dort überzeugt er den Nachfolger des Sonnenkönigs Philippe d’Orléans, die zerrütteten Staatsfinanzen mit Papiergeld zu sanieren.

Dazu die Mississippi-Kompanie, eine Spekulationsblase wie die der Tulpenzwiebeln. Die dann 1720 platzt. Der einstmals reichste Mann Europas stirbt 1729 elendiglich im Exil in Venedig.

Diese Story wird nochmals von Steinvorth erzählt. Wie man sie halt so erzählt, wenn man sich mit Wikipedia und einer KI aufmunitioniert hat.

Kann man machen, muss man nicht machen. Vor allem, weil es eigentlich auch keinen Anlass dafür gibt. Keinen Jahrestag, keine neue Erkenntnis, keine Parallele zur Jetztzeit. Ausser vielleicht die aktuelle Staatsverschuldung Frankreichs. Aber damit ist das Land in der dysfunktionalen Eurozone nicht alleine.

Auch wenn Steinvorth alles gibt, um einen Bezug herbeizuzerren: «Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl von 2027 wächst die Nervosität. Denn ein immer grösserer Teil des Staatshaushalts fliesst inzwischen in den Schuldendienst, während Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit schwächeln. In Frankreich hat die Schuldenfrage wieder eine fast existenzielle Dimension angenommen.»

Allerdings: Ökonomie ist nicht so seine Stärke. Sonst wüsste er, dass neben den offiziellen Staatsschulden die impliziten (zukünftige Sozialleistungen etc.) viel entscheidender sind. So hat Frankreich offiziell rund 3’500 Milliarden Miese, was 115 Prozent des BIP ausmacht. Dazu kommen weitere 113 Prozent implizite Schulden dazu, insgesamt 6’850 Milliarden. Deutschland steht offiziell viel besser da mit nur 63,5 Prozent des BIP, dazu kommen aber nochmal 105 Prozent implizite Schulden.

Wichtiger als das Faktische ist etwas anderes. Wie man in der NZZ ohne Anlass über Law schreiben kann, ohne den Roman «Das grosse Spiel» des Schweizer Bestsellerautors Claude Cueni zu erwähnen, ist ein starkes Stück.

Umfangreich recherchiert, der wohl spannendste Roman über die Entstehung des modernen Geldsystems und die tragische Rolle John Laws, Visionär und Spieler, Finanzgenie und Verursacher einer Spekulationsblase, die Tausende um ihr Vermögen oder ihre Ersparnisse brachte.

Haben die Wirren um die Fast-Einstellung von Dominik Feusi so grosse Lücken in die Autorenschar gerissen, dass die NZZ sogar solche Füller bringen muss, die weder originell, noch interessant geschrieben sind, noch den geringsten Erkenntniszuwachs enthalten?

Manchmal ist die alte Tante durchaus rätselhaft. Aber ZACKBUM erwartet eine langatmige Nacherzählung der Tulpenzwiebelblase, des Untergangs der Titanic und der Ermordung Cäsars.

Damit schliessen wir diese Trilogie des Grauens über die NZZ ab.

1 Antwort
  1. Philomena Leibundgut
    Philomena Leibundgut sagte:

    Die grosse Tulpenzwiebelspekulation 1634-37 erscheint zwar für uns im Casinokapitalismus lebende spektakulär und sexy, manche haben Haus und Hof verloren, andere einen guten Reibach gemacht.
    Nur neuere historische Forschungen zeigen, dass der Crash für die Gesamtwirtschaft der Niederlande damals doch ziemlich glimpflich verlief. Da die hohen Preise hauptsächlich innerhalb einer wohlhabenden Oberschicht zirkulierten, kam es zu keinem Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft.
    Da irrt sich der Autor allerdings etwas, wenn er die Auswirkungen der Tulpenzwiebelspekulation mit der geplatzten Mississipiblase versucht gleichzusetzen. Es gibt Blasen und Blasen.
    Das Platzen der Mississipi Blase hinterließ in Frankreich ein jahrzehntelanges Misstrauen gegenüber dem Börsenwesen, Papiergeld und dem Kapitalismus.
    Die französische Wirtschaft und Industrie wurden durch den Crash gehemmt; es dauerte fast 80 Jahre, bis sich in Frankreich wieder dauerhaft Papiergeld etablieren konnte.
    Zur Staatsfinanzierung wurde die Notenpresse exzessiv angewandt, was zu einer massiven Inflation führte. Als die Anleger das Vertrauen verloren und ihre Aktien in das frisch gedruckte Papiergeld tauschen wollten, brach das gesamte System zusammen.
    Da waren die holländischen Tulpenzwiebelchen doch weit weniger gesamtsystemzersetzend als der schottische Glücksritter John Law in Frankreich.

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