Möge sie überdauern
Margrit Sprecher wird 90. Und bleibt neugierig.
Was gab das für ein Gewäffel, als Sprecher Alice Weidel porträtierte. Statt von der Altmeisterin zu lernen, wie man eine Person beschreibt, wurde gemeckert, dass sie nicht das tat, was heute im Elendsjournalismus die Regel ist: zuerst die These, dann die Herrichtung und Hinrichtung.
Heute analysiert sie mit Distanz und kühl: «Ich wurde tatsächlich von einem Geburtstag ausgeladen: «Wir haben deinen Text gelesen – du passt nicht mehr ganz zu uns.» Viele Kolleginnen und Kollegen, vor allem aus dem linken Spektrum, haben sich von mir distanziert. Die «WoZ» schrieb, es sei «zum Kotzen». Kritik lässt mich freilich kalt, wenn ich überzeugt bin, mein Bestes gegeben zu haben. Noch heute würde ich keine Zeile ändern. Journalisten sollen nicht urteilen, sondern berichten. Die Bewertung überlasse ich den Lesern, denn die sind mündig.»
Patrik Müller, der Oberchefredaktor von CH Media, hat die Reporterin besucht und interviewt. Das ehrt beide. Eigentlich müsste man allen Journalisten (und solchen, die sich dafür halten) empfehlen, ihre Antworten auswendig zu lernen und zu beherzigen. Aber das wird nicht passieren.
Während das meiste, was heute publiziert wird, von einer KI billiger, besser und schneller geschrieben werden könnte, wäre das bei ihr nicht möglich: «Schreiben ist die pure Qual, Recherchieren hingegen ein Vergnügen: unterwegs sein, Menschen kennenlernen, neue Welten entdecken. Aber wenn ich zu Hause in mein vollgekritzeltes Notizbuch schaue – ich schreibe alles von Hand –, wird mir fast schlecht.»
Wenn jemand von der einsamen Höhe von 90 Jahren auf seine Entwicklung zurückblicken kann, ergeben sich interessante Einblicke. Wenn man über sich selbst so reflektiert sprechen kann wie sie über andere schreibt:
«Als junge Journalistin hatte ich oft spontanere, kreativere Einfälle – überraschende Vergleiche etwa. Das ist weniger geworden. Heute erfasse ich dafür stärker szenische Zusammenhänge und erkenne Details, in denen sich auf exemplarische Weise das grosse Ganze zeigt. Zudem fühle ich auch mehr Verantwortung, nicht zuletzt den Menschen gegenüber, über die ich schreibe. Ich brauche länger, bis ein Text so ist, wie ich ihn haben will.»
Dabei spricht sie auch simple, aber entscheidende Dinge gelassen aus: «Wichtig ist halt, als Reporter oder Reporterin hinzugehen, selbst vor Ort sein.» Da mögen manchem Kindersoldaten in seiner Verrichtungsbox in der Hölle des Newsroom die Tränen kommen. Oder aber, er fragt sich: wieso soll man wohin gehen? Ist doch alles virtuell heute.
Es gibt auch eine kleine Lektion, was Anstand im Journalismus ist: «Ich halte mich strikt an Abmachungen. Und alle Zitate schicke ich stets zur Autorisierung, mit etwas Kontext. Aber nie den ganzen Text.»
Ein weiteres Kleinod ist ihre Definition eines wichtigen Unterschieds:
«Neugier ist Boulevard – ein bisschen Schlüsselloch-Perspektive. Wer aber aus echtem Interesse fragt, gelangt oft auf unerwartete Gebiete – und dort beginnt die eigentliche Geschichte. Dann entsteht etwas Neues, etwas, das Google oder die KI nicht liefern kann.»
Natürlich gelingt ihr auch eine Schlusspointe in diesem Interview. Auf die Frage, wie sie denn ihren 90. feiere: «Ich habe noch nie Geburtstag gefeiert. Warum auch? Ich habe ja nichts dafür geleistet.»
Und natürlich kann man ihrer Aussage über die Qualität ihrer Texte nur zustimmen: «Ich glaube, sie sind zumindest nicht schlechter geworden. Und ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so.»
Ist das ein Fan-Artikel? Aber ja, bedingungslos, schamfrei, in tiefer Bewunderung.











«Kindersoldaten in Verrichtungsboxen»
In Memoriam an den 2015 mit 59 Jahren leider viel zu früh verstorbenen Soziologieprofessor Kurt Imhof, der die unheilvolle Entwicklung im Journalismus schon 2010 in seiner Publikationsserie «Qualität der Medien» aufs Tapet brachte.
Er diagnostizierte «Entdifferenzierung», «Entprofessionalisierung», «Boulevardisierung» und «Medienpopulismus». Und: «Hexenverfolgung», «Zottel-Journalismus» und «Empörungsbewirtschaftung», die zu einer «Barbarisierung der Gesellschaft» führten.
Natürlich trieb er damit so manchen Chefredakteur und seine Schreiberlinge auch in Rage anstatt, dass sie seine Kritik ernst nahmen.
Kurt Imhof und Margrit Sprecher teilten eine sehr ähnliche Haltung zur Krise und zum Selbstverständnis des modernen Journalismus.
Kritik an der «Empörungsbewirtschaftung»: Beide kritisierten die zunehmende Tendenz der Medien, sich im Aufmerksamkeitswettbewerb durch Skandalisierung, Intimisierung und die Verbreitung ungeprüfter Gerüchte zu profilieren.
Verteidigung des Qualitätsjournalismus: Imhof und Sprecher engagierten sich gemeinsam (etwa in Form von Publikationen oder Gastbeiträgen an Journalismus-Schulen wie dem MAZ) für die essenzielle gesellschaftliche Bedeutung des professionellen Handwerks.
Reaktion auf die «Netzwerkmedien»: Als die Frage aufkam, ob man ausgebildete Journalisten im Zeitalter des Internets (in dem jeder seine Befindlichkeiten teilt) überhaupt noch brauche, entgegnete Sprecher – ganz im Sinne von Imhofs mediensoziologischer Analyse – sinngemäß, dass nicht die Frage an sich erschrecke, sondern die Tatsache, dass sich Journalisten aufgrund des sinkenden Selbstbewusstseins überhaupt noch rechtfertigen müssten.
Ihre publizistischen und wissenschaftlichen Wege kreuzten sich unter anderem im Rahmen von Gastdozenturen und gemeinsamen Projekten zur Journalistenausbildung, bei welchen sie sich für einen mutigen, sprachlich hochwertigen und investigativen Journalismus aussprachen.
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Heute setzt der geschätzte René Zeyer als gestandener Journalist der alten Schule diese kritische Medienbetrachtung mit Zackbum als einer der wenigen einsamen Rufer in der Wüste im Geiste eines Kurt Imhofs und einer Margrith Sprecher fort.
Eine kritische Medienbetrachtung war wohl nie so notwendig wie heute in Zeiten von unausgereiften oberflächlichen Newshäppchen sehr oft noch gefühlsdusselig angereichert mit moralischer Selbstüberhöhung der Schreiberlinge.
Danke René!