Lesen, leicht gemacht

Allerdings mit schweren, dafür lohnenswerten Stoffen.

ZACKBUM kann die literarische Weiterbildung des Publikums ja nicht einer Nora Zukker überlassen. Also eine weitere der unregelmässigen Folgen mit Leseempfehlungen.

Fangen wir gleich mit einem absoluten Schwergewicht in jeder Beziehung an, herausgegeben von Benedikt Taschen:

Die Zeitschrift Life, Hollywood und der Taschen-Verlag. Eine unschlagbare Mischung. Hier wird auf 708 grosszügig bebilderten Seiten Glanz und Gloria Hollywoods dargestellt. In zwei Bänden, der erste von 1936 bis in die 50er-Jahre, der zweite bis 1972. Ergänzt durch kenntnisreiche Texte. Zudem eignet sich das Doppelwerk im Schober für Leibesertüchtigungen, das Überformat (265 x 360 mm) wiegt stolze 7,5 Kilo. Und kostet rund 200 Franken. Lohnt sich.

Eine andere Art von Gewicht bringt Hanno Sauer auf die Waage.

Viel ist die Rede von zunehmend amoralischen Zeiten, der Entwertung der Werte, von der angeblichen Sinnlosigkeit, auf Regeln, auf Rechte und hergeleitete Begründungen dafür zu bestehen. Viele Dumpfbacken wollen Völkerrecht und moralische Prinzipien leichtfertig über Bord werfen und reden einem angeblich realistischen Pragmatismus das Wort. Knackig aufgeteilt in immer kürzer werdende Zeitabschnitte (von 5 Millionen Jahre bis 5 Jahre) geht der Philosoph Sauer dem Entstehen und den Wandlungen des Moralbegriffs nach. Auf eine Art, die auch der moraltheoretische Laie verträgt und verdaut und so die 392 Seiten mit Gewinn übersteht.

Vielleicht sind wir bei ZACKBUM nicht die Einzigen, denen Hannah Arendt zwar ein Begriff ist, ihr Diktum von der Banalität des Bösen beim Eichmann-Prozess ist allgemein im Schwange. «Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft», obwohl bereits 1955 erschienen, ist von zeitloser Aktualität. «Macht und Gewalt» und «Vom Leben des Geistes», die beiden letzten Werke der politischen Theoretikerin, sind ebenfalls nach wie vor lesenswert. Aber das Entstehen ihrer Arbeiten im biographischen Kontext,  dazu fehlte bislang ein souveränes Werk. Das auch erklären sollte, wie es zur unseligen Liebesgeschichte zwischen der Kritikerin alles Totalitären und dem in der Wolle gefärbten Nazi Martin Heidegger kam.

Der Philosoph Thomas Meyer hat nun eine Biographie vorgelegt, in der er auch umfangreich in bislang unveröffentlichte Dokumente Einsicht nehmen konnte. Mit 525 Seiten manchmal vielleicht etwas geschwätzig, aber auch ein Gegenmittel gegen die allgemeine Beliebigkeit der heutigen Zeit.

Und schliesslich noch eine umwerfende Biographie. Ehrlich gesagt, machte das speziell  gestaltete Cover zuerst aufmerksam:

Das ist die Lebensgeschichte des genialen sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein. Sein «Panzerkreuzer Potemkin» von 1925 belegt bis heute einen der ersten Plätze der besten Filme aller Zeiten. Sein Revolutionshymnus «Oktober», «Alexander Newski» und schliesslich sein nicht ganz vollendetes Meisterwerk «Iwan der Schreckliche», gigantische Bildkaskaden von bis heute nicht mehr erreichter Wucht.

Die russischsprachige Autorin Gusel Jachina hat drei Jahre darauf verwendet, Mensch und Werk zu porträtieren. Dafür kriecht sie ins Hirn Eisensteins, liefert ein genauso wuchtiges Stück Literatur ab. Beschreibt den obsessiven Künstler, das Genie im wilden Zeitstrudel der russischen Revolution, des Stalinismus, den Egomanen, den Hysteriker, den ruhelosen, besessenen Arbeiter. «Die Geschichte ist eine Hülle für die Gegenwart, einen Schale für den heutigen Tag.» Es ist selten, dass aus einer Lebensgeschichte eines Genies ein für sich selbst stehendes, grossartiges literarisches Werk wird, das am Schluss der 573 Seiten mit einer Allegorie über Iwan den Schrecklichen endet, in der all die grossen Potentaten und Gewaltherrscher vergangener und aktueller Zeiten wiedererkennbar sind. Ein begeisterndes Werk einer ZACKBUM zuvor unbekannten Autorin.

1 Antwort
  1. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:

    Wieso ist die Liebesgeschichte zwischen Arendt und Heidegger „unselig“?
    Wieso nahezu 600 Seiten lesen über einen Regisseur, der sein Leben lang Kalendersprüche, Proletenideologie und ranzigstes Pathos in zugegeben gekonnt arrangierte Massenszenen und expressive Nahaufnahmen auflöste? Tipp: Eisensteins Vater hat in Riga vollkommen durchgeknallte Jugendstilhäuser gebaut.
    Eine Dumpfbacke

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