Journalistische Schlampereien

20 Minuten Peinlichkeiten.

Von Thomas Baumann
«Wir recherchieren kritisch und hartnäckig. […] Faktentreue ist unser oberstes Gebot. Informationen sind vor der Publikation auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Quellen sind grundsätzlich auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen und zu benennen. Ist die Informationslage unklar oder lassen sich Informationen noch nicht offiziell bestätigen, machen wir das transparent.»
Das sind, gemäss eigenem Bekunden, die «Prinzipien der Recherche» in den Publizistischen Leitlinien von 20 Minuten.
In der Praxis sieht das dann so aus: «Meret Steiger (mst), arbeitet seit 2016 für 20 Minuten. Ihr Antrieb ist die Begeisterung für schöne Einrichtungen, architektonische Highlights und das Träumen von einzigartigen Wohnräumen. Sie orientiert sich an den publizistischen Leitlinien von 20 Minuten, insbesondere am Prinzip, die Leserschaft mit inspirierenden und relevanten Inhalten zu begeistern und ihr so Mehrwert für ihren Alltag zu bieten.»
Was ist also der Mehrwert, mit dem sie uns geglückt? Zum Beispiel dieser einzigartige Wohnraum: «Ein historisches Anwesen mit vier Wohnungen, Wellnessbereich und Garten» in der Nähe von Bellinzona für schlappe 3.25 Millionen.
«Laut dem Immobilieninserat hat das herzige Anwesen 2000 Quadratmeter Wohnfläche, die sich auf 7,5 Zimmer in drei Wohnungen verteilen.» Macht, nach Adam Riese, unglaubliche 270 Quadratmeter pro Zimmer.
Mal beim Inserenten nachfragen, ob alles stimmt? Iwo…
«Daneben befinden sich drei aneinandergereihte Wohnungen. Die Besitzer residieren derzeit in der grössten, einer 5,5 Zimmer-Wohnung. Daneben gibt es noch eine Duplex-Wohnung (2,5 und 2 Zimmer) sowie ein Einzelzimmer mit WC, Dusche und separatem Eingang. ‹Also insgesamt fünf Wohneinheiten, die separat genutzt und vermietet werden können›, schreiben die Besitzer
Sind es nun vier oder fünf Wohnungen? Und 5,5 + 2,5 + 2 + 1 Zimmer ergibt … 7,5 Zimmer. Wir verstehen…
Die Pointe der Geschichte: Die Redaktorin hat die Immobilie nicht einmal selber ‹recherchiert›, sondern einfach aus dem Blick übernommen.
Immerhin: Auf Rückfrage rechnete die Redaktorin das Ganze offenbar noch einmal durch und korrigierte die gröbsten Fehler. Aus 2000 Quadratmetern Wohnfläche wurden «2000 Quadratmeter Fläche» und auch die Zimmerzahl wurde korrigiert, bzw. gleich ganz weggelassen.
In vordergründig deutlich wissenschaftlicheren Gefilden ist hingegen ihre Kollegin Karin Leuthold unterwegs. Diese «arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Als Redaktorin im ehemaligen Ressort Panorama schreibt sie über verschiedene Themen, vor allem aber über Kriminalfälle weltweit, die sie umfassend und akribisch recherchiert. 2012 zieht sie mit ihrer Familie nach Buenos Aires, Argentinien, und arbeitet weiter im Ressort Ausland. Sie interessiert sich für politische und soziale Themen, Wirtschaft und Wissenschaft. Seit 2019 ist sie am Newsdesk tätig. Karin erwarb einen Master in Mediale Künste (Neue Medien) an der ZHdK. Es folgte eine wissenschaftliche Aushilfe an der ETH Zürich und Tätigkeiten bei Swiss Airlines und bei ADP, einem der weltweit führenden IT-Unternehmen. In diesen Positionen beschäftigte sie sich mit der Aufgabe der internen und externen Kommunikation. Karin ist bestrebt, den 20-Minuten-Lesern und -Leserinnen Qualitätsjournalismus zu bieten, indem sie Themen in kompakten, strukturierten und leicht verständlichen Texten aufbereitet.» Um diesen wahrlich beeindruckenden Lebenslauf nicht unnötig zu verkomplizieren, wurde dabei sogar ihr Engagement im Krisenkommunikationsstab des Kaninchenzüchtervereins Hintertupfingen weggelassen.
Karin Leuthold ist einem wahrlich mysteriösen Kriminalfall auf der Spur: «Mysteriöse Serie: 12 tote oder vermisste US-Forscher – ‹Da stimmt etwas nicht›».
«In den USA sind seit 2022 mindestens zwölf Wissenschaftler mit Verbindungen zu Atom- oder Raumfahrtprogrammen gestorben oder verschwunden. […] Nach dem Tod des bekannten UFO-Forschers David Wilcock, der sich am vergangenen Montag das Leben genommen haben soll, geriet die Gerüchteküche in heftige Bewegung. Mit seinem Tod war die Zahl der mysteriösen Fälle auf zwölf angestiegen.»
«Immer mehr Politiker in den USA [schlagen] Alarm angesichts der seit 2022 verstorbenen oder verschwundenen Wissenschaftler. Auffällig ist, dass sämtliche Betroffenen Verbindungen zu Atom- oder Raumfahrtprogrammen hatten, teils auch zu geheimen Projekten.»
12 Wissenschaftler, allesamt mit Verbindungen zu «Atom- und Raumfahrprogrammen»?
Die Redaktorin kommt ihrer journalistischen Aufgabe nach und präsentiert sämtliche 12 verschwundenen oder verstorbenen Personen, alle mit Foto. Das nennt man eine Recherche!
Zuerst einmal der zuletzt verstorbene David Wilcock: «Wilcock war für seine UFO- sowie ‹kosmisches Bewusstsein›-Theorien bekannt und behauptete Verbindungen zu geheimen Programmen und ausserirdischen Zivilisationen.»
Wissenschaftler? Verbindungen zu Atom- und Raumfahrtprogrammen? Darauf lässt das Geschriebene kaum schliessen und auch gemäss Wikipedia war er Schriftsteller, Medienpersönlichkeit und Youtuber.
Dann gibt es da noch einen 78-jährigen pensionierten Bauleiter, der einst am Los Alamos National Laboratory gearbeitet hat, sowie eine Sekretärin ebendort. Allesamt Wissenschaftler, wir verstehen. Bauen ist ja in der Tat eine Wissenschaft, das weiss jeder, der schon mal ein Einfamilienhäusern sein eigen nennen wollte.
Wissenschaftler gab es dann auch. Zum Beispiel Michael Hicks. Dieser «forschte insbesondere zu den physikalischen Eigenschaften von Asteroiden und Kometen.» Atom- und Raumfahrprogramm, wir verstehen…
Ein anderer Wissenschaftler forschte immerhin am renommierten MIT. «Seine Forschung konzentrierte sich auf die Theorie und Simulation astrophysikalischer und experimenteller Plasmen
Ein anderer Wissenschaftler war Astrophysiker «und befasste sich unter anderem mit Dunkler Materie, Galaxienstrukturen, Sternpopulationen und Exoplaneten.» Raumfahrtprogramm, wir verstehen…
Noch ein anderer war Forscher im Bereich der chemischen Biologie bei Novartis. Klar, Raumfahrt!
Und ein weiterer war am «Satelliten Jason-3 beteiligt, der Meeresspiegelmessungen zur Erforschung des Klimawandels durchführt
Alles klar? Wenigstens hat die Redaktorin sauber recherchiert, wenn es auch mit der Einordnung, nun, wenigstens ein klein wenig hapert…
Und der Knaller ganz zum Schluss: «US-Präsident Donald Trump vermutet, es handle sich ‹möglicherweise lediglich um einen Zufall›
Mit dieser unaufgeregten Einschätzung könnte der Maestro der Verschwörungstheorien ausnahmsweise sogar recht haben.
3 Kommentare
  1. Angelo Zoppet-Betschart
    Angelo Zoppet-Betschart sagte:

    Die grösste Lachnummer bei Tamedia ist zweifellos ihr Ombudsmann, der «schöne Ignaz» aus dem zugerischen Cham. lch schrieb ihm neulich: «Herr IG, wie kann man nur so tief sinken, so tief in die Güllengrube des heutigen Medien-Schmieren- und Lügenjournalismus herabsteigen? Da hat das berühmte Zitat bzw. Sprichwort von Karl Lagerfeld seine unübertreffliche Gültigkeit: «Wer heute noch Ombudsmann bei Tamedia ist, hat die Kontrolle über sein Leben schon längst verloren!» Dem ist wahrlich nichts mehr hinzuzufügen.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner sagte:

    Immer wieder witzig bei Tamedia zu lesen was ihre «JournalistenInnen» alles studiert haben oder können sollten. Wenn man dann den Artikel liest bleibt man sprachlos und fragt sich wessen Palmares da copy-paste den
    «JournalistenInnen» zugestanden wird!

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    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:

      Brunner, danke, vielen Dank! Danke für diese Zusammenfassung des ja tatsächlich einigermassen langweiligen und verkrampft skandalisierenden Baumannschen Textes ad usum Delphini auf genau die Punkte, die ohnehin jeder Trottel versteht und wo die Flanken offen liegen. Dort, genau dort, Brunner, treten Sie ja immer gerne rein, auf die Frau nämlich in bequemer Verkürzung der Argumentation des Beitrages.
      Wenn sich Ihre Sprachlosigkeit etwas gelegt hat, finden Sie vielleicht wieder die Kraft uns zu erklären, was mit Ihrem Schlusssatz gemeint sein soll: „… wessen [wieso „wessen“?] Palmares da [wo da?] copy-paste [bitte?] den «JournalistenInnen» zugestanden [ wieso zugestanden?] wird!“

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