Besserwisser NZZ

Die Gazette weiss alles. Besser. Aber vergeblich.

Das Intelligenzblatt für die gehobenen Stände und die Finanzelite verliert langsam aus den Augen, was mal ihre Hauptaufgabe war. Berichten, was so passiert, plus Analyse und Einordnung. Stattdessen meint nicht nur Sandkastengeneral Georg Häsler, ohne seine Ratschläge seien moderne Kriege (und die Verteidigung der Schweiz) gar nicht mehr denkbar.

Ganz allgemein wird kommentiert, gemeint, gefordert, besser gewusst, geratschlagt, gelabert, dass es eine Unart hat. Analysieren wir mal eine aktuelle Homepage und ordnen ein.

Zuoberst gibt es tatsächlich einige Meldungen, aber dann beginnt die Abteilung «Iran-Krieg» bereits mit einer Meinung: «Luftangriffe werden das iranische Regime nicht stürzen. Jetzt ist Zeit für Diplomatie», kommentiert Anne Allmelig. Die Hamburgerin ist im Oktober 2024 zur NZZ gestossen und bringt den in der Schweiz sehr beliebten teutonischen Rechthaber-Ton ins Blatt: «Israel und die USA sollten mit Teheran über ein Ende des Konflikts verhandeln.» Das sollten sie wohl, tun sie aber nicht, zum grossen Tort der Kommentatorin.

Auch ihr Chef Peter Rásonyi leidet öffentlich vor dem Leser an der Welt: «Victor Orban ist gefallen. Doch Trump folgt ihm noch lange nicht». Das ist für seine Verhältnisse noch ein sanfter Stupser für die Welt. Tut der Internationale Strafgerichtshof etwas seiner Meinung nach Verpeiltes, dann wird er drakonisch-kategorisch: «Die Haftbefehle gegen israelische Regierungsmitglieder sind überheblich.» Wobei ihm nicht bewusst ist, wie überheblich ein solcher Satz ist.

Christian Wildhagen macht sich so seine Gedanken zum weltbewegenden Thema, wie sich Porträtierte gegenüber ihren Porträts verhalten: «Offizielle Darstellungen von Politikern und Machthabern führen regelmässig zu Streit – wie jüngst im Fall eines Zürcher Regierungsrats. Die Erwartungen der Porträtierten und der Anspruch der Maler auf einen eigenen Blick gehen selten zusammen.» Das nennt man eine Binsenwahrheit von unüberbietbarer Flachheit.

Aber damit nicht genug, Giorgio Scherrer muss auch noch seinen Senf dazu geben: «Die drei Gemälde des Martin Neukom: Der Streit um missliebige Ölbilder zeigt das Überborden der politischen Image-Kontrolle». Vom Überborden der Kommentaritis ganz zu schweigen.

Auch in den hohen Hallen von «Pro» mit seinen «exklusiven Analysen» wird wie wild kommentiert: «Künstliche Intelligenz macht Technik-Firmen zu Rüstungsunternehmen. Damit werden sie zu militärischen Zielen». ZACKBUM sagt nur Palantir, Palantir, Palantir. Und fragt sich: wo bleibt hier Häsler? Ach so, der schwelgt mehr in Panzern, Flugzeugen und Artillerie. Als Ewig-Gestriger.

Neben der Wal-Qual gibt es natürlich noch eine zweite Tierart, die kommentiert werden muss: «Genick brechen, sterilisieren oder hätscheln? Städte ringen um den richtigen Umgang mit Tauben». Wohnungsnot, Velowege, woker Wahnsinn? Pipifax, zuerst geht es ums Genick der Tauben. Da ist das Verb ringen richtig eingesetzt.

Dabei kommen wir erst jetzt zum Ressort «Meinung» wo ja gemeint werden darf, bis der Bildschirm glüht. Hervorragend schräg wie immer Beat Balzli: «Ein Placebo gegen Dichtestress – oder warum der Bundesrat gerade versagt». Der Mann geht sogar einen Schritt weiter. Er diagnostiziert nicht nur Versagen, sondern gibt auch gleich die Gründe dafür an. Auch Herbie Schmidt muss einen grossen Schritt für die Menschheit kommentieren: «Die Rückkehr zu Knöpfen im Auto ist kein Rückschritt».

Schliesslich redet noch Matthias Kamp aus Peking den führenden Genossen ins Gewissen: «China fährt einen gefährlichen Kurs. Das Land muss sich aus der einseitigen Abhängigkeit von den Exporten befreien». Hoffentlich nehmen das Xi und seine Gesellen noch rechtzeitig zur Kenntnis und setzen es um!

Gastkommentare lassen wir mal ausser Konkurrenz laufen; wir krönen diese Sammlung mit einem Kommentar von God Almighty himself, der wie immer geschliffen mal nicht die Weltläufe regelt und ordnet, sondern seinen Miteidgenossen ins Gewissen redet: «Kleine Anarchisten und grosse Angsthasen: Die Eidgenossen sind ein kompliziertes Volk. Und sie stehen sich selbst im Weg. Eine kurze Schöpfungsgeschichte aus Schweizer Sicht.» Mit verbalem Kleingeld hat Eric Gujer es nicht so.

Das war ein unvollständiger Überblick der Meinungsvielfalt in der NZZ. Ach so, Analyse und Einordnung? Nun, wie antwortete der damalige Feuilletonchef der «Zeit» Fritz J. Raddatz mal auf ein zugesandtes Manuskript des Jungspunds René Zeyer, der gerade seine erste Auslandsberichterstattung publiziert sehen wollte: «Wir haben mit den Reiseberichten von Hans Magnus Enzensberger ein Niveau gesetzt, das wir nur ungern verlassen möchten

Das sollten sich viele NZZ-Kommentarschreiber auch mal zu Herzen nehmen. Kommentar heisst nicht: ich labere mir was von der Seele. Sondern ein gewisses Niveau sollte es schon haben.

Und die Einordnung? Ob die pluralistische Diskursivität im poststrukturalistischen Zeitalter im Blick der Luhmannschen Systemtheorie und der herrschaftsfreien Kommunikation von Habermas den gestrengen Urteilen von Derrida, Finkelkraut oder gar Houellebecq standhält, darf wohl mit Michel FoucaultÜberwachen und Strafen») bezweifelt werden.

Oder ganz einfach: schön, haben sie drüber geschrieben.

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