Tief unten
Wieso hält niemand die NZZaS auf?
Die NZZ-Aktionäre waren friedlich gestimmt und winkten an der GV alles durch. Dabei half sicherlich die verfehlte 200-Franken-Dividende, die sich der Verlag eigentlich gar nicht leisten kann.
Während das Stammblatt einigermassen Kurs hält, kennt die NZZaS eigentlich nur das Motto des französischen Autors Joris-Karl Huysmans: «Là-bas», Tief unten. Falls noch so viel Bildung auf der Redaktion existiert.
«Mein Kind ist in der Kita. Droht ihm dort Gefahr?» Da müsste der SoBli protestieren, dass ihm die Konkurrenz ein Boulevard-Thema wegnimmt. Und wenn schon Hemmungslosigkeit ausgebrochen ist: «Lasst Timmy sterben!» Was der Wal aber zur Begeisterung des Publikums ums Verrecken nicht tut. Man vermisst irgendwie eine Teilnahme an der Debatte, ob in Zürich Tauben gekeult werden dürfen oder nicht.
Aber die Kita-Krise gibt schon genug skandalisierbaren Stoff: «Nach Jahren des Wachstums befindet sich die Kita-Branche in einem prekären Zustand.» Beweis? «Das zeigen auch Hilferufe von Betreuerinnen auf Social Media». Echt jetzt?
Die Letzten, die sich an einem Kita-Bashing versuchten, waren die Demokratieretter von der «Republik». Und gingen wie üblich mit ihren unbelegten Vorwürfen baden.
Die NZZaS versucht es mit der Luftpumpe. «Mitte Juni letzten Jahres ging bei einem Ausflug ein «kleiner Bub» verloren». Und wurde in der Obhut eines Buschauffeurs aufgefunden. Furchtbar, ein Systemversagen. Denn «der Fall steht nicht isoliert da». Erst kürzlich ging ein kleiner Bub « am Zürcher Glattpark-See vergessen». Jesses, zwei Fälle. Früher brauchte es für eine Welle mindestens drei. Aber bei den allgemeinen Sparmassnahmen …
Und dann die Übergriffe. Immerhin zwei aktuelle Fälle. Aber für die «tragischen Wiederholungen» muss weit in die Vergangenheit gegriffen werden. 2011, 2019. Immerhin, das sind vier, also eindeutig eine Welle. Und heutzutage kommt dann schnell die Frage auf: «Sollen Männer überhaupt in Kitas arbeiten?» Denn fast alle Übergriffe werden von pädophilen Männern verübt. Deshalb gibt es in Australien bereits einen «nappy ban». «Den männlichen Pädagogen ist es seither verboten, Windeln zu wechseln oder Kinder auf die Toilette zu begleiten.»
Weil die Doppelseite trotz Riesensymbolbild und dem wie immer absonderlichen Editorial von Beat Balzli noch nicht voll ist, halt noch ein Kasten mit Kommentaren einer Facebook-Gruppe «von Kita-Betreuungs- und Leitungspersonen». Das nennt man heutzutage eine harte Recherche.
Dann räumt der Orbán-Ersatz in Ungarn offenbar bereits kräftig auf. Immerhin ein witziger Titel über einer nicht ganz taufrischen Story: «Zittern auf goldener Toilette».
Überhaupt scheint die Produktion einen Scherzkeks gefrühstückt zu haben. Über neue Gewohnheiten auf dem Bau: «Linie statt Lager hell». Allerdings doch etwas hingeprügelt, so wie das Symbolbild mit fremder Geldnote:

Dann die schon fast obligatorische Haut-die-SVP-Story. Ein japanischer Konzern will 3000 Arbeitsplätze ins Limmattal bringen. «Und die SVP muss sich nochmals fragen, wie sie zum Wachstum steht». Hallo SVP, bitte antworten, die NZZaS wartet.
Dann wieder Abteilung Sauglattismus auf dem Boulevard: «Showdown der Superspermien». Soll das ein Angebot an den SoBli werden, die beiden Blätter zusammenzulegen?
Als wäre es der NZZaS selber peinlich, kommt dann aber endlich ein Artikel, der ganz, ganz oben ansetzt: «Was hält diese Welt eigentlich noch zusammen?» Gute Frage, aber leider soll sie Hans Joas beantworten. Hans who? Der «Soziologe und Philosoph» hat leider nur philosophisches Kleingeld dabei und mäandert etwas um die regelbasierte Weltordnung gestern, heute und vorgestern herum.
Mit Ausflügen ins Absurde: «Ich sehe grosses Potenzial in einem Bündnis global aufgestellter Religionen.» Wunderbar, angeführt von Donald Trump, Benjamin Netanyahu und einem noch nicht liquidierten Religionsführer aus dem Iran wird diese Gemeinschaft dann Friede, Freude, Eierkuchen verbreiten.
Die Wirtschaft, oh je, versucht’s mit einer Titelstory über – Weleda. Ja, diese anthroposophisch angehauchte Hautpflegebude. Dann lebt Klaus Schwab offenbar immer noch, was schön für ihn ist. Benjamin Triebe erklärt anhand des Ölpreises langatmig, was ein ein Margin Call ist und wieso der gefährlich sein kann. Dafür schaut man sich besser den wohl genialsten Film über die Finanzbranche an: eben «Margin Call». Kevin Spacey wie immer grossartig, sogar Demi Moore liefert ab, und Jeremy Irons als Big Boss ist unerreicht. Von der Story ganz zu schweigen; endlich versteht hier auch der Laie, welcher Wahnsinn in den grossen Finanzhäusern regiert.
Nicht viele Tierfreunde macht sich dann die NZZaS mit der ausführlichen Darstellung, wie segensreich so ein Walkadaver am Meeresgrund sein kann, dank ihm entstehe «ein einzigartiges Ökosystem». Ob man dem Blatt vielleicht sagen sollte, dass dieser Timmy mit seiner Höhe von 1,6 m aus dem flachen Wasser ragt?
Und wenn sie schon dabei ist, sich Freundinnen zu machen:
«Frauenherrschaft gab es noch nie».
Wumms. Denn «für die Existenz eines Matriarchats gibt es bis heute null Belege». Hui, das kann Ärger geben.
Die Hochkultur widmet sich dann tatsächlich dem Biopic über Michael Jackson. Auch hier ist der Titel noch das Beste: «Weder schwarz noch weiss». Wer dann schon immer mal wissen wollte, was eine «Belieberin» ist (nein, nicht das, was einige männliche Schweine unter den Lesern jetzt denken), sollte unbedingt S. 52 lesen. Alle anderen: einfach überblättern.
Tja, und damit hat sich’s auch fast ausgeblättert. Und man ist geplättet, um diesen Kalauer nicht ungenutzt zu lassen.
Wenn das so weitergeht, wird der Sonntag noch zeitungsfrei.










Werter Herr Zeyer: Nun sind Sie wieder im Element! Also quasi in Ihr ureigenstes Korrektiv, nämlich in die träfe und unverkennbar treffliche Medienkritik zurückgekehrt. Ist gut so! Das freut hoffentlich viele. Und: machen Sie weiter so!