Das ist Journalismus

Daniel Ryser blüht beim «Infosperber» auf.

Es gibt den Meinungsmüll. Den Befindlichkeitsschrott. Die Bauchnabelbetrachtung. All die vielen Methoden, die Leser davon zu überzeugen, dass ein Abo rausgeschmissenes Geld ist – ausser für Masochisten.

Über die Flexibilität von Daniel Ryser (WoZ, «Republik», dann zum Oberinfokrieger Roger Köppel, nun «Infosperber») haben wir uns schon genügend geäussert.

Aber jetzt hat er ein Stück vorgelegt, das ist so überzeugend und gut, dass man geneigt ist, Nachsicht walten zu lassen. «Krieg auf Kredit» vereint all das, was guten Journalismus ausmacht. Beeindruckende Recherche, gute Schreibe, ein Stück zum Lernen und Staunen, ein Erkenntnisgewinn.

Der englische Historiker Adam Tooze legte mit «Ökonomie der Zerstörung» eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Wirtschaft vor. Was die Zwangsläufigkeit der Entwicklung hin zum Zweiten Weltkrieg (und die Gründe, wieso er von Anfang an für Deutschland verloren war) schlüssig nachweist. Denn wo der Marxismus recht hat, hat er recht: natürlich bestimmt die Wirtschaft alles, bestimmt das Sein das Bewusstsein.

Ryser sammelt Daten über die Kosten des Irankriegs. Aus nicht allen bekannten, aber allgemein zugänglichen Quellen wie Medien, das «Costs of War»-Projekt, der RAND Corporation und anderen.

Die Zahlen sind so beeindruckend wie erschreckend. In lediglich einer Woche verschossen die USA Munition im Wert von über 11 Milliarden US-Dollar. Das sind Peanuts im Vergleich zu den Gesamtkosten aller kriegerischen Aktionen der USA nach 9/11. Hier sprechen wir von zwei Billionen Dollar, 2000 Milliarden. Die Versorgung der Veteranen der Irak- und Afghanistan-Kriege wird bis 2050 bis zu 2,5 Billionen Dollar kosten.

Ganz zu schweigen von «posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und traumatischen Hirnverletzungen, die zu den charakteristischen Langzeitfolgen der Nach-9/11-Kriege gehören».

Eine rein ökonomische Analyse erwähnt bewusst die ungeheuerliche Zahl von 900’000 Menschen, denen diese Kriege das Leben gekostet haben, nur nebenbei, weil der Fokus auf der Ökonomie liegt.

Erschwerend kommt für die USA hinzu, dass diese gigantischen Kosten nicht etwa aus laufenden Einnahmen finanziert werden, sondern auf Kredit. Alleine die Zinszahlungen dafür werden bis 2050 auf 6,5 Billionen Dollar anschwellen.

Ausgaben für Kriege haben normalerweise kein Return on Investment. Im Gegenteil, sie richten lediglich Zerstörungen an, die anschliessend mit weiteren Multimilliarden wieder repariert werden müssen.

Aber natürlich gibt es auch Kriegsgewinner und Profiteure. Auch hier nennt Ryser Zahlen und Namen:

«Für jeden Dollar, den Amerika für die Kunst der Konfliktverhütung durch Diplomatie ausgibt, fliessen zwei Dollar in die Kassen von Händlern, die von der Kriegsführung profitieren. Die Politikanalysten William D. Hartung und Stephen Semler haben berechnet, dass private Unternehmen zwischen 2020 und 2024 Pentagon-Aufträge im Wert von 2,4 Billionen Dollar erhielten, rund 54 Prozent der frei verfügbaren Militärausgaben von 4,4 Billionen Dollar in diesem Zeitraum.

Besonders konzentriert ist dieses Geld bei wenigen Konzernen. 771 Milliarden Dollar gingen an nur fünf Rüstungsunternehmen: Lockheed Martin (313 Milliarden), RTX – früher Raytheon – (145 Milliarden), Boeing (115 Milliarden), General Dynamics (116 Milliarden) und Northrop Grumman (81 Milliarden)

Eine solche Aufarbeitung lässt den Leser mit hilfloser und kalter Wut zurück.

Und mit der Frage, wieso kein sogenanntes Qualitätsmedium in der Schweiz in der Lage ist, eine solche Recherche durchzuführen. Stattdessen Gejapse in mehrwertfreien News-Tickern, das Interviewen von sogenannten Experten, die meistens im Konjunktiv Analysen und Prognosen abgeben, die schon veraltet sind, bevor sie gelesen werden. Dazu die gewichtigen Meinungsstücke selbstherrlicher Journalisten, deren halbgare Ansichten nun wirklich niemand interessiert.

Aber eine kleine Plattform wie «Infosperber» und ein begabter Rechercheur wie Ryser genügen, um in all diese Düsternis, all dieses Elend ein Glanzlicht zu setzen. Chapeau.

1 Antwort
  1. nomen quodlibet
    nomen quodlibet sagte:

    Nichts geht über eine wirkliche Recherche. Die Autorenzeile ist mir dabei nur das Zweitwichtigste. Klarname garantiert nicht Qualität und Pseudonym nicht Schund. Hauptsache Erkenntnisgewinn; der ist hier nicht zu verachten. Bisher dachte ich, dass Kriege meist mit Cash finanziert werden, den man sich dank jahrzehntelangem, gezieltem Verzicht auf die hohe Kante gelegt hat, und dass die grossen Rüstungsaufträge überwiegend an KMU gehen.

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