Wer stoppt Häsler?

Die Überkriegsgurgel hyperventiliert wieder in der NZZ.

 

Der Oberst der Schweizer Armee erscheint auch schon mal im Kämpfer zu Pressekonferenzen. Auf LinkedIn präsentiert sich Georg Häsler so:

Ob er den schwarzen Helikopter fliegt oder Schiss davor hat, von einem solchen entführt zu werden? Andere murmeln «the end ist near» und warnen vor dem bevorstehenden Armageddon. Häsler warnt unermüdlich vor dem Iwan. Und vor der gelben Gefahr. Fordert kriegerische Manneskraft im verweichlichten und schwächlichen Europa.

Sieht er nicht gerade einen Atomkrieg am Horizont, beobachtet er mit zu Sehschlitzen verkniffenen Augen den Fürsten der Finsternis im Kreml. Der ist nämlich kriegslüstern wie nie. Das sähe auch das westliche Verteidigungsbündnis so: «Die Nato geht davon aus, dass ab 2028 die Wahrscheinlichkeit einer direkten Konfrontation mit dem Kreml steigt

Aber Häsler weiss mehr: «Die rhetorische Offensive des Kremls hat sich in den letzten Wochen allerdings verschärft.» Was folgt nach einer rhetorischen Offensive? Bei Häsler nichts, beim Moskauer Potentaten der Einsatz des Militärs.

Und was passiert im Westen? Da lässt man die Fünfte Kolonne Moskaus, die Diversanten hüben und drüben ungeniert ihr defätistisches Werk verrichten und aufrechte Warner wie Häsler ins Eck stellen:

«Wer vor dem Krieg warnt, ist ein «Kriegstreiber». Wer die Ukraine unterstützt, «greift Russland an». Wer die demokratischen Gepflogenheiten schützen will, der «behindert die freie Rede». Diese Formeln der russischen Propaganda in den sozialen Netzwerken spielen stets mit einer Umdeutung der Realität.
Die kognitive Kriegsführung Russlands setzt dort an, wo die europäische Argumentation schwächelt, sie missbraucht das kritische Denken der Bürgerinnen und Bürger der liberalen Demokratien – und benutzt die gesunde Skepsis gegenüber dem Staat als Einfallstor zur Unterwanderung der Institutionen.»

«Kognitive Kriegsführung», das ist Krieg ohne Waffen, Krieg in der Fantasie, Krieg als Alptraum eines hilflosen Warners. Denn sieht denn ausser ihm niemand, was der Iwan, der Russe, der Untermensch aus dem finsteren Osten, in Wirklichkeit tut? Häsler weiss: «Nach einer Phase einlullender Friedensbotschaften aus Moskau folgen nun wieder offene Drohungen gegen Staaten, die sich dem neuen Geist von Machtpolitik und Einflusssphären entgegenstellen.»

Schlimm: «Ein Zielgebiet der russischen …» Raketen, Minenwerfer, Panzer? Nein, bloss «Giftpfeile sind die Niederlande». Finster geschickt, wie der Russe halt ist, droht er nicht etwa mit Angriff, im Gegenteil: ««Konfrontation, Konfliktrausch und unverantwortliche Kriegstreiberei scheinen die Eckpfeiler der niederländischen Politik gegenüber Moskau zu sein», kommentierte die russische Botschaft Anfang Februar in Den Haag auf der Plattform X in passiv aggressivem Ton: «Wir nehmen das so zur Kenntnis.»»

Passiv aggressiv und hinterlistig wird hier das mögliche Opfer zum angeblichen Täter umgebogen: «Einige Länder der EU würden «die Vorbereitungen für einen grossangelegten Konflikt mit Russland faktisch vorantreiben»», behauptet dieser russische Botschafter.

Geradezu poetisch wird Häsler dann bei der Einführung des Oberschurken: «Den Generalbass dieser vielstimmigen Propagandaoffensive hat – wie immer – Präsident Wladimir Putin angelegt: «Wir haben nicht die Absicht, Krieg gegen Europa zu führen, aber wenn Europa dies will und damit beginnt, sind wir ab sofort bereit», sagte er am 2. Dezember in Moskau vor Journalisten.»

Angelegt? Zu seinem grossen Bedauern kann Häsler allerdings noch keine militärischen Kampfhandlungen beklagen oder beschreiben. Aber sein kriegerisches Vokabular lässt er dennoch aufmarschieren: «Seit Anfang Jahr verschärft sich die russische Offensive im sogenannten Informationsraum – dem militärischen Operationsfeld zur Beeinflussung der Öffentlichkeit

«Offensive im Informationsraum … Einschüchterungsversuche … Oreschnik-Überschallrakete … Russland kann auch den Westen Europas treffen … hybride Kriegsführung … Sabotageakte ...». Eigentlich sind wir bereits im Krieg, eigentlich werden wir bereits von Russland angegriffen. Zumindest in der Alptraumwelt von Häsler.

Denn man weiss ja eins: «Je mehr der Kreml mit dieser Methode erreicht, desto dreister wird er sie anwenden.» So schaut’s aus: «Europa muss sich selber wehren – oder gerät unter russischen Einfluss.»

Ukraine, Naher Osten, Pazifik, der Geostratege Häsler sieht überall dräuende Gefahren und schaufelt mit der grossen Schippe in seinem militärischen Sandkasten.

Wie stoppt man nun die Kriegsgurgel im Kreml, fragt sich (und den Leser) die Kriegsgurgel Häsler. Eigentlich wäre es einfach: Europa muss eine ««Abschreckungslücke» verhindern». Lücke, komm heraus und ergib dich, du bist umzingelt. Allerdings: «Doch das funktioniert nur, wenn Europa zusammen steht, gemeinsam erstarkt – und sich nicht spalten lässt: weder vom Trump noch von Putin.»

Oh je. Am Schluss seines 16100 A umfassenden Lamentos (man kann den Gegner vielleicht auch zu Tode quatschen) lediglich dieser fromme Wunsch, der kaum in Erfüllung gehen dürfte. Genauso wenig wie die absurden Kriegsängste des Oberst, der wirklich ernsthaft glaubt, dass Putin so verrückt wäre, einen Atomkrieg zu riskieren.

Vielleicht könnte Häsler statt in den Sandkasten mal einen Ausflug in die Geschichte machen. Russland wurde von Polen-Litauen, Schweden, Napoleon und zweimal von Deutschland überfallen, dazu mischten sich die Westmächte blutig in den Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution ein. Russland hingegen hat Westeuropa niemals angegriffen.

Und der Versuch, die im Zweiten Weltkrieg vom Hitlerfaschismus befreiten Länder ins eigene politische System einzugemeinden, scheiterte 1990 kläglich.

Kleine Denksportaufgabe, die selbst ein Oberst bewältigen könnte: welche Eintrittswahrscheinlichkeit ist höher? Dass der Westen Russland überfällt – oder umgekehrt?

 

12 Kommentare
  1. Guido Kirschke
    Guido Kirschke sagte:

    Ich vermisse an Leuten wie Häsler, dass sie nicht versuchen, eine neue und breit abgestützte Strategie für die an die Wand gefahrene Schweizer Verteidigung auf die Beine zu stellen. Die einzige Strategie die sie wollen ist: die Schweiz wird Knecht der EU und die die Überreste der Schweizer Verteidigung werden von der Nato geführt. Das macht diese Leute extrem unglaubwürdig. Sie sind ihre Ränge und Abzeichen in meinen Augen schlicht nicht wert.

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  2. René Küng
    René Küng sagte:

    Großartiges Bild zum Artikel.
    Die Rutschbahn im Hintergrund illustriert wohl freudisch jeden Abstieg von intellektuellen Leuchten. Schade um die Verbliebenen in der Redaktion, die noch journalistisches Niveau verkörpern.
    Mich würd»s furchtbar angurken, wegen Monatslohn im Topf mit so einem zu sitzen.
    Aber IRGENDEINER wird soeinem aus IRGENDWELCHEN Gründen Raum frei halten.

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  3. Rapahel Stein
    Rapahel Stein sagte:

    Peter Scholl-Latour: Wer aus Afghanistan geschmissen wurde, Tschetschenien und Georgien nicht halten konnte, hat keine militärische Grundlage, um irgendwo einen Krieg zu gewinnen.
    Weiss das dieser Häsler?

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    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:

      Es erscheint extrem unwahrscheinlich, dass Scholl-Latour Analysen auf der Basis kontrafaktischer Geschichtsschreibung abgegeben hat. Aus Afghanistan geschmissen? Tschetschenien nicht gehalten? Georgien nicht gehalten? Alaska verloren? Die Falklandinseln nicht erobern können?

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  4. H.R. Füglistaler
    H.R. Füglistaler sagte:

    Häuslers überängstliches Gemüt ist beängstigend. Hoffentlich sind
    nicht alle Obersten so. Sondern wissen, wo die wirklichen Feinde eines
    freien Europas zu finden sind. Nämlich in der Inquisitionszentrale
    Brüssel. Der Skandalfall Jacques Baud zeigt es deutlich!

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    • Edie Brown
      Edie Brown sagte:

      Diese ewige Kriegstreiberei in der NZZ ist tatsächlich besorgniserregend, ebenso wie die kritiklose Begeisterung für die EU. Ihre Einschätzung, dass der grösste Feind in Brüssel sitzt, teile Ich vollumfänglich.

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  5. A. Zurbuch
    A. Zurbuch sagte:

    Betreffend Kriegstreiberei ist ein Vergleich mit der Berichterstattung in andern deutschsprachigen Medien aufschlussreich. So hat ‚die Welt‘ ein sogenanntes Wargame veranstaltet und ausführlichste darüber berichtet.

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  6. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:

    Häsler könnte irgendwo auch eine musische Seite haben. Jedenfalls war er mit Gattin Ende letzten Jahres in einer Aufführung der „Scala di Milano“ anzutreffen, sofern er denn keinen genauen Doppelgänger in der Lombardei hat. Allerdings kann es auch sein, dass seine Besessenheit sich bei dieser Gelegenheit zu regelrechter Verrücktheit steigerte, und er sich mit einer Hyperdosis Angstlust für neue Kriegsspiele stärkte. Auf dem Programm stand nämlich „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakovitsch. Da originalgetreu russisch gesungen wurde, unter anderem auch von leibhaften Russen, war es dem Obristen möglich, den Horror gewissermassen ungefiltert an sein Ohr dringen zu lassen, als wäre es die Grabesstimme Vladimir Vladimitovitschs selber. Zudem spielt der Schlussakt unter Sträflingen auf dem Weg in die sibirische Verbannung. Das ist entmenschlichter Horror pur. Häsler hat die Zukunft erblickt. In seiner Prosa bebt die entsetzliche Vision noch nach.

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  7. Mathias Wyss
    Mathias Wyss sagte:

    Solche Fanatiker hat es immer gegeben, denen muss keiner mit Geschichte kommen. Das Verheerende ist der Einfluss von Häsler & Co. auf Politik, Armeespitze und andere Medien. Denn die NZZ gilt immer noch als intellektueller Leuchtturm.

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  8. A. Zurbuch
    A. Zurbuch sagte:

    Ja, Häsler ist schlimm. Interessant ist, dass bei diesen Kriegstreiberischen Artikeln immer die Kommentarfunktion eingeschaltet ist. Will da jemand testen wie weit fortgeschritten die Kriegspropaganda schon ist? Wenn ich die Kommentare jeweils lese, wird mir Angst und Bange. Die Propaganda scheint gut zu funktionieren, die Kommentierer hecheln Häsler grösstenteils hinterher.

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    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:

      Ja, aber ist das nicht bloss die Generation der seit Jahrzehnten Ausgemusterten, die sich bis zur Aufbietung des Landsturms furchtbar langweilt?

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      • A. Zurbuch
        A. Zurbuch sagte:

        Wohl wahr. Frei nach Erich Maria Remarque: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen.“

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