32 Seiten Aufgeblasenes

Das serviert die tägliche NZZ ihren Lesern.

Zunächst einmal ist es ein teures Vergnügen. Wer das Intelligenzblatt am Kiosk erwirbt, blättert dafür Fr. 5.90 auf die Theke. Das sind  immerhin knapp 20 Rappen pro Seite.

Die Front beweist wieder einmal, dass die Zeiten, als die NZZ keine Fotos verwendete, sicherlich nicht auf der ersten Seite und ganz sicher nicht in Farbe, bessere Zeiten waren:

Ein flächendeckendes Foto eines Demonstranten, der höchstwahrscheinlich von einem Gummigeschoss getroffen wurde. Aussagekraft, Informationsgehalt nahe null.

Daneben das typische Problem des Prints heutzutage. «Nach der Rekordjagd rutschen die Preise von Gold und Silber». Das war, als dieser Titel von den Druckmaschinen vervielfältigt wurde, der Fall. Als er dann am nächsten Morgen die Leser erreichte, war es schon nicht mehr so.

Als Kompetenzzentrum für Wirtschaftsfragen hätte die NZZ vielleicht etwas vorsichtiger titeln sollen. Aber eben, das mit der Kompetenz ist auch dort inzwischen so eine Sache. Und dann noch der nächste Schub Epstein-Unterlagen, den bereits die NZZaS abfeierte – wieso nicht nochmal, weil’s immer so schön ist.

Dann gerät die NZZ geradezu in einen Epstein-Rausch. Die ganze Seite zwei ist gefüllt mit People-News aus dem gebeutelten norwegischen Königshaus und stolpernden Politikern.

Die nächste Seite ist auch nicht gerade ein Höhepunkt der eigenen Rechercheleistung.

Wie inzwischen leider auch bei der NZZ üblich: ein Riesenfoto, das um Dreiviertel geschrumpft nicht an Aussage verlöre. Umgeben von einem Text, der schlichtweg dem «Wall Street Journal» abgeschrieben ist. Die Quelle wird immerhin angegeben, aber die Eigenleistung ist überschaubar.

Wer gerne knackige Quotes abholen will, interviewt den Historiker Jörg Baberowski, der sich mit Sloterdijk die Pole-Position im bedeutungsschwangeren Wortsoufflé-Aufblasen teilt. Natürlich lässt sich neben zwei Riesenfotos daraus ein knackiger Titel gewinnen: «Trump sagt die Wahrheit während er lügt». Aus dieser Geistreichelei kann man leicht die Luft rauslassen, indem man sie einfach umdreht. Trump lügt, während er die Wahrheit sagt. Oder Trump lügt die Wahrheit. Oder die Lüge ist Trumps Wahrheit. Kommt alles als dialektischer Widerspruch daher, ist aber bloss heisse Luft.

Neben den grossen Luftblasen hat die NZZ auch ein Auge fürs Kleine:

Man liebt die NZZ dafür, dass sie auch mal einer Reportage aus Mikronesien eine Seite einräumt. Aber einem solchen Lokalfurz-Ereignis «In einer kleinen Kirche in Rom sieht ein Fresko der Regierungschefin überraschend ähnlich»? Dazu passt die alte Weisheit: und in China ist ein Sack Reis umgefallen.

Man muss auch loben können. Seit vielen Jahren sorgt Gerichtsreporter Tom Felber für kleine Glanzlichter im trüben Meldungsbrei. Unermüdlich und immer die Aufgabe bravourös bewältigend, einen komplizierten Ablauf mit Rede, Widerrede und Urteil für den Leser nachvollziehbar aufzubereiten.

«Panorama» ist eigentlich die Schmuddelecke der NZZ. Aber an diesem Tag war offenbar überhaupt nichts los auf diesem Gebiet. Also überreich bebildert der Bericht über einen Atomtest im Jahre 1951. Warum? Darum. Weil das ziemlich genau 75 Jahre her ist. Sonst ist kein Grund dafür erkennbar.

Ausser vielleicht: sonst wäre es ein weisses Blatt Papier geworden. Was aber auch nicht viel schlechter gewesen wäre.

Dann kommt der Meinungsteil. Er beginnt mit der NZZ-Lieblingsmeinung. Einerseits, andererseits, aber dann doch nicht so sehr, nicht extrem, sondern mit Augenmass. Hier abgehandelt an der SRG-Initiative:

In der Wirtschaft kommt eine Seite, deren Bild/Text-Verhältnis sich nichteinmal Tamedia traut, und das will etwas heissen:

Dreiviertel der Seite nehmen ein unerträglich aufgeblasenes Foto, ein Zitat-Titel und viel Weissraum ein. Links als Feigenblatt ein einspaltiger Text.

Dieser «sag mir was Neues»-Artikel ist ebenfalls üppig mit einem Symbolbild versehen. Hätte man es eingespart, wäre kein Mü Informationsgehalt verloren gegangen.

Nichts Nennenswertes aus dem Feuilleton, und schon sind Fr. 5.90 verschwunden, ohne erinnerliche Spuren hinterlassen zu haben. Wie pflegt da das Blatt für die gebildeten Stände zu sagen: quo vadis, NZZ.

 

4 Kommentare
  1. Petra Hartmann
    Petra Hartmann sagte:

    Wieder mal ein ausgewogener bericht mit lob und tadel. das waren noch lesenswerte zeiten als man drei franken zahlte. ich zog mir damals sogar noch die interessante alte tante rein.

    PS: der oberlehrer bitterli langweilt mich. so gibt er inhaltlich nix her.

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