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Wenn die Lüge zur Weltordnung gemacht wird

12. Januar 2026/12 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Dann wären aufklärende Medien und tapfere Journalisten gefragt.

Mit diesem Aufschrei endet Franz Kafkas «Prozess». Vielleicht erinnert sich der eine oder andere mit Restbildung.

Natürlich gab es noch nie in der Geschichte einen staatlichen Raubüberfall, der völlig unmaskiert und offen so bezeichnet wurde. Es wurde unablässig geholfen, befriedet, eingegriffen, dem Recht, der Moral, dem Anstand, der Sitte und überhaupt dem Weltfrieden gedient. Es wurde gelogen, dass sich die Balken biegen.

In diesem Sinne ist Donald Trump von erfrischender Offenheit. Er gewährte einem seiner Erzfeinde, der «New York Times», ein zweistündiges Interview. Obwohl er sie ständig beschimpft und für tot erklärt.

Aber item, er wurde gefragt, ob und wie und wodurch eigentlich sein Handeln als mächtigster Mensch der Welt begrenzt werde und ob es Grenzen für seine weltweiten Befugnisse gebe, beispielsweise durch internationale Gesetze oder Regeln. Seine Antworten muss man im Original und in der Übersetzung geniessen:

„I don’t need international law. I’m not looking to hurt people.“
(„Ich brauche kein internationales Recht. Ich habe nicht vor, Menschen zu schaden.“)

Wie immer haut er hier einen raus und überlegt sich anschliessend, wie er das wieder einfangen und vernebeln kann. Also räumt er ein, dass sich auch die US-Regierung an internationales Recht halten müsse. Aber:

„It depends what your definition of international law is.“
(„Es hängt davon ab, was Ihre Definition von internationalem Recht ist.“)

Seine Definition ist sicherlich: internationales Recht ist, dass ich recht habe.

Also verwendet er seine Macht grenzenlos? Aber nein, es gibt da was:

„Yeah, there is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.“
(„Ja, es gibt eine Sache: Mein eigener Sinn für Moral, mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“)

Wenn der Sinn für Moral eines notorischen Lügners, Gauners und Mafioso mit starkem Hang zur hemmungslosen Selbstbereicherung das einzige ist, was ihn stoppen kann, dann gute Nacht.

Seine letzte offenkundige und geschmacklose Lüge: er behauptet, er habe das Video gesehen, dass die Ermordung von Renee Nicole Good durch einen ICE-Beamten zeigt. Das sei Notwehr gewesen, die Frau habe den Beamten nicht nur angefahren, sondern überfahren. Völliger Blödsinn.

Es wäre so interessant wie zwecklos, Trump zu fragen, was er denn eigentlich unter Moral versteht. Ob ihm der kategorische Imperativ von Kant ein Begriff sei (nein, das wäre nicht mal eine Scherzfrage).

Oder ob ihm der Unterschied zwischen Moral und Ethik bekannt ist. Oder ob er zustimmen würde, dass moralische Prinzipien einer regelbasierten Ordnung der letzte und einzige Schutzwall zwischen uns und Willkür, Faustrecht und Barbarei ist.

Nun gibt es sogenannte Pragmatiker, Realisten und Dummschwätzer, die behaupten, dass Appelle an moralische Prinzipien, das Völkerrecht oder das Einhalten von Regeln ja gut und schön sei. Dadurch fühle man sich sicherlich besser, aber man müsse doch einfach zur Kenntnis nehmen, dass das bloss zwecklose Appelle seien. Machtpolitik, die Machtpolitik einer Grossmacht habe sich noch nie daran gehalten.

Zunächst einmal machte ZACKBUM ein Kommentator auf dieses Gedicht von Erich Kästner aufmerksam:

Gesang zwischen den Stühlen

Zur Macht gelangt nur, wer die Macht begehrt
Ihm winkt sie zu. Ihm gibt sie dunkle Zeichen.
Und ihm befiehlt sie, eh sie ihm gehört:
«Stell unser Bett auf einen Berg von Leichen!»
Die Macht liebt den, der sie entehrt.
Denn sie ist eine Hure ohnegleichen.
Sie liebt die Mörder, und sie schläft mit Dieben.
Schaut in die Bücher! Dort stehts aufgeschrieben!

Das ist das eine mit der Macht. Das andere ist: all diese sogenannten Realisten und Pragmatiker haben natürlich völlig unrecht, sie sind lediglich denkfaule Opportunisten.

Denn vor nicht allzu langer Zeit gab es in Europa absolutistische Herrscher, gesalbte Könige und Kaiser, die sogar behaupteten, ihre allumfassende Macht sei ihnen von Gott höchstpersönlich verliehen worden. Und jedes Aufbegehren dagegen sei nicht nur sinnlos, nutzlos, zwecklos, sondern auch noch ein Verstoss gegen die göttliche Ordnung, der streng bestraft werden müsse.

Auch damals gab es flexible Pragmatiker, die behaupteten, dass das zwar nicht schön sei, aber eben die Realität, und da könne man nichts machen; Appelle an moralische oder andere Prinzipien seien zwar erhebend, aber völlig sinnlos.

Und siehe da, dann endeten sogar einige dieser absolutistischen Herrscher unter dem Fallbeil, wurde ihre allumfassende Macht in die Schranken gewiesen.

Trotz alledem. Hier wiederholt sich die Geschichte wieder und wieder.

Aber neben all den Jammerlappen im Journalismus, die ihre Wehwehchen und ihr Unwohlsein und ihr Leiden öffentlich und gutbezahlt ausführen: die Schar der Aufklärer und Kämpfer hat sich leider nicht vergrössert in den letzten 250 Jahren …

Schlagworte: Erich Kästner, Ethik, Franz Kafka, Grenzen der Macht, internationale Gesetze, Interview Trump, Kant, kategorischer Imperativ, Moral, New York Times, Prozess, Renee Nicole Good
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/01/Bildschirmfoto-2026-01-09-um-17.05.50.png 1078 1834 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-01-12 05:00:522026-01-09 22:21:42Wenn die Lüge zur Weltordnung gemacht wird
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12 Kommentare
  1. Armin
    Armin sagte:
    12. Januar 2026 um 11:52

    An Trump-Kritikern mangelt es unter den Journalisten nun wirklich nicht.
    Trotzdem wurde er von den Amis mit seinem Programm zum Potus gewählt.
    Was will man machen?
    Weiter kläffen?

    Antworten
    • René Küng
      René Küng sagte:
      13. Januar 2026 um 20:26

      Lieber Armin
      Welches Programm denn: Friedensnobelpreis, Raubrittertum, Freiheit, digitaler Polizeistaat, great oder shit again, USreal oder Zionika?
      Haben die Deutschen ‚dieses‘ Menu gewählt?
      Oder wir: EU, Nato, Maduros Gold?

      Antworten
  2. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:
    12. Januar 2026 um 9:02

    Der Eine mit Restbildung erinnert sich, dass Kafkas „Prozess“ überhaupt nicht mit irgendeiner Art von „Aufschrei“ endet, auch nicht mit einem über „Lüge“, „Weltordnung“ oder Jounaille. Bei Feuchtwanger hätte es vielleicht so sein können.

    Antworten
    • René Zeyer
      René Zeyer sagte:
      13. Januar 2026 um 13:12

      Vielleicht an der Bildungsrestenrampe mal ins Kapitel 9 vom «Prozess» schauen …

      Antworten
      • Peter Bitterli
        Peter Bitterli sagte:
        13. Januar 2026 um 14:41

        Brav geblättert. Hat etwas gedauert. Und nichts genützt.
        Der „Process“ endet nicht mit einem Aufschrei irgendwelcher Art. Basta. Um Lüge und Aufklärung geht es in dem Werk schliesslich auch gar nicht. Pech!
        Dabei unterstelle ich Ihnen gar nicht, dass Sie eine literarische Bildung auf Köppelschem Niveau haben. Noch nicht einmal eine simple Lesart von Kafka.

        Antworten
        • René Zeyer
          René Zeyer sagte:
          13. Januar 2026 um 15:03

          Okay, okay, das mit dem Aufschrei und am Schluss war eine alternative Wahrheit.
          Aber Kapitel neun:
          Josef K. und der Geistliche (der „Gefängniskaplan“) diskutieren über die Bedeutung der Legende Vor dem Gesetz und die Frage, wie man Wahrheit, Notwendigkeit und Glauben im Verhältnis zum Gesetz bzw. zur gerichtlichen und moralischen Ordnung versteht.
          Der Kaplan sagt unter anderem: „Man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten.“
          Darauf antwortet Josef K.: „Trübselige Meinung… Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“

          Antworten
          • Peter Bitterli
            Peter Bitterli sagte:
            13. Januar 2026 um 16:47

            Jaja, das ist K.s Reaktion auf eine der vielen spekulativen Auslegungen der Türhüter-Geschichte. Eher Satire auf spitzfindige Theologie als Resumée des Romans; kein Aufschrei und nicht das Ende.

            Um das kleine Germanistengekeife abzuschliessen hier ein heiteres aperçu:
            Ein Türhüter heisst auf russisch „schwejzar“ (швейцар), also Schweizer. Wohl wegen der Vatikangarde.

  3. H.R. Füglistaler
    H.R. Füglistaler sagte:
    12. Januar 2026 um 8:49

    Jetzt ist Amerika das Land, das wahre Helden braucht.
    Nur ein couragiertes, solidarisches Volk könnte diesen
    Wahnsinn noch stoppen!

    Antworten
    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:
      12. Januar 2026 um 12:46

      Sie haben sich in den letzten Monaten schon viele Uniformen angezogen.

      Antworten
  4. Manfred
    Manfred sagte:
    12. Januar 2026 um 8:24

    Na klar, Louis 16 wurde im Rahmen einer legitimen Rechtsordnung geköpft und dort herrschten 1793 nicht etwa Willkür und Barbarei.

    Antworten
  5. Guido Kirschke
    Guido Kirschke sagte:
    12. Januar 2026 um 8:10

    Wer nicht aus seinen Fehlern lernt, ist dazu verdammt, immer und immer wieder die selben Fehler zu wiederholen. Ja, Geschichte wiederholt sich, nicht zwangsläufig, aber immer auffälliger.

    Antworten
  6. Urs Gygli
    Urs Gygli sagte:
    12. Januar 2026 um 6:32

    Monarchen und Diktatoren wird man meistens nicht ohne Revolutionen oder Aufstände los. Trump wurde gewählt, von Leuten, die wissen was sie tun. Sein Nachfolger dürfte wohl auch ein Gewählter sein. Soll jetzt das «Völkerrecht» demokratische Wahlen ersetzen?

    Antworten

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