Gefährliche Freiheit im wilden Südwesten*
*Titel nach Leserhinweis vom Autor korrigiert …
Vom Umgang mit dem Risiko im Wallis.
Von Thomas Baumann*
Etwas soll gleich zu Anfang klargestellt werden: Walliser sind keine Rassisten — auch wenn sie vor zwei Jahren die neue Kantonsverfassung und das darin enthaltene Ausländerstimmrecht abgelehnt haben. Abgelehnt wurde die neue Verfassung übrigens nicht nur im eher konservativen deutschsprachigen Teil des Kantons, sondern ebenso im als eher progressiv geltenden französischsprachigen Teil.
Walliser sind vor allem darum keine Rassisten, weil sie keinen Unterschied zwischen Ausländern und Üsserschwiizern machen. So gilt der Ausländer, der Wallisertütsch parliert, wohl eher als einer ‹vo hiä› als ein «Grüezi» aus der Üsserschwiiz.
Es ist auch nicht so, dass man im Wallis grundsätzlich nonchalant mit Gefahren umgehen würde. Ganz im Gegenteil: Walliser sind Weltmeister im Umgang mit Gefahren. Wären sie es nicht, würden im Wallis wohl jedes Jahr Dutzende Menschen von Naturgefahren dahingerafft werden.
Da gibt es Jobs, die man sich in der Üsserschwiiz nicht einmal vorstellen kann: Zum Beispiel tagelang an Seilen in einer Felswand hängen, um dort Lawinenverbauungen instand zu stellen. Das als Knochenjob zu bezeichnen ist wohl untertrieben.
Klar, wenn man im Frühjahr im Tal eine halbe Tonne Totholz vom vorhergehenden Lawinenwinter 500 Meter (nicht Höhenmeter!) weiter hinab transportiert werden muss, ruft man im Wallis halt auch den Helikopter.
Aber grundsätzlich ist es schon so: Im Umgang mit Naturgefahren macht den Wallisern kaum jemand etwas vor.
Steinschlag, Lawinen: Hat man ziemlich gut im Griff. Hier in Leukerbad, wo die Redaktion der Walliser Zeitung ihren Sitz hat, kommt alle zwei Wochen ein SMS, man solle wegen Lawinenschiessen die Fensterläden schliessen.
Von hier hinüber ins Nachbardorf Albinen führen — unter anderem — die Albinenleitern. Lustige Bezeichnung, nicht? Nun, die Albinenleitern sind genau das, als was sie der Name bezeichnet: Leitern, eine etwa 30 Meter hohe Felswand hoch. Wer das Risiko nicht scheut, kann sie gerne nehmen. Wer runterfällt, ist selber schuld. Der Staat hat kein Sicherheitsnetz gespannt. Früher war es der einzige Weg zwischen den beiden Dörfern.
Nach Crans-Montana führt der Höhenweg über eine Felswand. Ein falscher Schritt, und man liegt am Fuss der Felswand hundert Höhenmeter tiefer. Wenn die Erinnerung nicht täuscht, ist der Wanderweg einfach gelb markiert. Rot-weiss-rot? Iwo, warum klecksen? Man muss ja nur geradeaus laufen, ist ja nicht so schwierig. (Solange man nicht hinunterfällt.)
Wer im Wallis ist, muss somit kaum fürchten, von Lawinen oder Steinschlag getötet zu werden, solange er sich nicht völlig abseits der Zivilisation aufhält. Für alles andere ist der Mensch hier, scheint es, selber verantwortlich.
Das Wallis ist auch ausgesprochen LGBTIQ-freundlich. Das mag überraschen in einem so katholischen Kanton. Es ist auch nicht nur mit Mathias Reynard zu erklären. Sondern hat wohl auch damit zu tun dass dem Walliser eine queere Person ‹vo hiä› immer noch näher steht als ein ‹normaler› Üsserschwiizer.
Dafür kann man an einer Bushaltestelle auch schon mal eine solche Konversation miterleben: «Du bist aus Zürich? Nimm es nicht persönlich, Zürcher haben wir hier nicht so gerne.» Alles von einem freundlichen Lächeln begleitet. Man ersetze mal «Zürcher» durch «Nigerianer». Autsch!
Oder ein Gemeindepräsident an einer Urversammlung: «Dem Dialekt nach bist du nicht vo hiä…» Bedeutet: Halt jetzt mal die Klappe.
Der Gemeindepräsident, der das gesagt hat, stammt übrigens aus dem Dorf, in dem auch die Walliser Zeitung ihr Domizil hat.
Von Beruf ist er Getränkehändler. Man lache nicht, im Wallis ist das ein wichtiger und respektierter Beruf. Auch der Stadtpräsident der Kantonshauptstadt Sion ist Weinhändler und im Parlament haben die Winzer einiges mehr als Fraktionsstärke und machen sich mit ihren Anliegen auch sehr, sehr deutlich bemerkbar.
Denn dem Alkohol spricht man natürlich zu. Gerne im Carnotzet. So eine Art illegale Bar, bevor es diese in den Städten der Üsserschwiiz auch dem Namen nach gab. Essen dazu tut man wohl gerne ein Raclette oder sonst etwas Nettes.
Wer sich ins Carnotzet begibt, tut das wohl auf eigenes Risiko. So wie man halt vieles auf eigenes Risiko tut. Aber wann brennt schon ein Carnotzet ab?
Im Gebäude, in dem die Walliser Zeitung beheimatet ist und das aus dem Jahr 1972 stammt, hat man die Elektroinstallationen noch nach Nullung Schema 3 verbaut. Ein System, welches bereits damals veraltet war.
Weil das System potentiell gefährlich ist, muss man es offiziell alle fünf Jahre überprüfen. Nun, die meisten anderen Mieter im Haus müssen es nur alle zwanzig Jahr überprüfen lassen. Auch das ist wieder einmal typisch Wallis.
René Zeyer schreibt: «Das Wallis stellt in zentralen Bereichen einen systematischen Gegenentwurf zu rechtsstaatlichen, institutionellen und gesellschaftlichen Standards der Schweiz dar und schadet damit dem Anspruch der Schweiz als transparentem, modernen Rechtsstaat.»
Wäre es aus aktuellem Anlass nicht pietätlos gegenüber vierzig toten und Dutzenden schwer verbrannten jungen Menschen, dann müsste man sagen: Zum Glück gibt es noch einen solchem Gegenentwurf zur überregulierten Schweiz. Denn längst nicht alle Regeln dienen dem Schutz von Menschenleben. Sondern bestenfalls Partikularinteressen oder im schlechtesten Fall bloss den finanziellen Interessen von Juristen.
Natürlich müsste der Staat die Einhaltung feuerpolizeilicher Vorschriften kontrollieren. Wenn das eine Gemeinde nicht macht, dann kostet das sie im schlechten Fall halt Millionen oder Milliarden. Recht geschehen und so soll es auch in diesem Fall sein. (Vermutlich wird das Kantonsgericht die Entschädigungen viel zu tief ansetzen und vom Bundesgericht zurückgepfiffen werden.)
Aber was das Wallis macht: Man kann im Kanton gefahrlos fast jede Strasse begehen oder befahren, ohne dass man von Steinen erschlagen oder Lawinen mitgerissen wird. Ist Gefahr im Verzug, wird unverzüglich gesperrt. Das ist die grundlegende Sicherheit: Dass man von A nach B gehen kann, ohne befürchten zu müssen, nicht mehr zurückzukommen.
Beim Besuch von Freizeiteinrichtungen scheint hingegen zu gelten: Muss man halt selber schauen.
Ja, die Touristen. Man braucht sie, aber man liebt sie nicht so richtig im Wallis. Da lässt man dann halt einen Korsen eine Bar betreiben, wo sich die Touristen austoben können. Von Ausländern für Ausländer bzw. Üsserschwiizer. Mit den Einheimischen hat das nicht viel zu tun, es ist in gewissem Sinne eine Parallelgesellschaft. Auch die meisten Touristen werden in der Hauptsaison ja von Saisonarbeitskräften von irgendwoher bedient.
Es wäre anzunehmen, dass in einer von Einheimischen frequentierten Bar die Gäste dem Wirt schon lange gesagt hätten, dass die Installation aus feuerpolizeilicher Sicht ein völliger Seich ist. Aber welcher Tourist würde so etwas tun?
Unbestritten die Aufgabe der staatlichen Organe. Und dass sie das nicht gemacht haben, wird sie zu Recht teuer zu stehen kommen. Auch wenn es die toten und verstümmelten Menschen natürlich nicht wieder lebendig oder gesund macht.
Aber grundsätzlich ist es nicht schlecht, wenn es eben einen Gegenentwurf zu diesem von René Zeyer beschworenen «Rechtsstaat» gibt. Ein Staat, der sich mehr darauf beschränkt, die Verkehrwege offenzuhalten und die Dörfer vor Lawinen zu schützen, als gut gemeintes soziales Mikromanagement zu betreiben.
Und es ist letztlich auch gut, wenn man die Üsserschwiizer spüren lässt, dass sie nicht gleich dazugehören. Muss sich halt etwas anstrengen, wer dazu gehören will. Dafür lebt man im wilden Südosten der Schweiz auch einiges freier.

*Thomas Baumann ist Kolumnist bei der Walliser Zeitung.






Merci Herr Baumann,
Danke zackbum, andere Sichtweisen tun gut – usser den Schwiizern.
Das ist Whataboutism. Der Vergleich von Naturkatastrophen und Herausforderungen durch die Topografie mit menschen gemachten Katastrophen ist nicht zulässig. Und: go woke go broke.
Hä? Seit wann liegt das Wallis im Osten der Schweiz?
Habe ich da einen Walliser Insiderwitz nicht auf dem Schirm?
Für mich liegt Graubünden im Südosten der Schweiz.
Merci für die Korrektur.
Im letzten Satz ist es übrigens auch noch falsch:
«Dafür lebt man im wilden Südosten der Schweiz auch einiges freier.»
Das, o Armin, ist eine mehr als zutreffende Beschreibung des Münstertales.
Der Gegenentwurf Wallis kann nur existieren weil die «Üsserschwyz» jährlich mehrere 100 Millionen Franken Sozialhilfe an den Kanton leistet!
Nö, Brunner, das ist nicht Sozialhilfe, das ist nationaler Finanzausgleich. Zu den Geberkantonen zählen übrigens auch Waadt und Genf. Und der grösste Empfänger ist immer noch Bern, zusammen mit etlichen, teils erstaunlichen Deutschschweizern.
Merke: erst informieren, dann erst dampfplaudern.
Maturandenhumor