Lückenmedien

Zoll-Deal, bravo, bravissimo, die Schweiz ist gerettet.

Ist sie das? War sie vorher verloren? Welchen Preis zahlt die Schweiz insgesamt für die Absenkung der Zölle auf ein europäisches Niveau?

Ist das eine passende Gelegenheit für politische Abrechnungen? Nun, die gibt es immer. Also muss Karin Keller-Sutter zurücktreten? Sich wenigstens schämen? Ist jetzt Guy Parmelin, der Vielgeschmähte, plötzlich der neue Superstar? Und wo bleibt Cassis?

Diese naheliegenden Fragen – und viele mehr – wälzen die Massenmedien in der ewigen Suche nach Ausbau der Story, die ja nun vorläufig erzählt ist.

Ein paar Kleinigkeiten werden da gerne übersehen, weil sie sich abseits der Trampelfade der Mainstreamorgane befinden. Es wird zwar einige Mühe darauf verwandt, auszurechnen, wie viel Trump eigentlich an den Zöllen, den Zusatzzöllen und den Superzusatzzöllen verdient hat.

Es wird schon weniger bemerkt, dass Trumps Berechnung der Zölle aufgrund von Handelsbilanzen absolut gaga ist. Genauso wie die Tatsache, dass er Dienstleistungen, mindestens so bedeutend wie der Warenverkehr, wohlweisslich auslässt. Denn das würde ihm seine schönen Defizite kaputt machen; im Gegenteil, dann müssten die USA gegenüber vielen Ländern Strafzölle zahlen.

Unberücksichtigt bleibt auch, wie viel Zolleinnahmen eigentlich die Schweiz auf US-Waren generiert. Da dazu keine knackige Zahl zur Hand ist, sondern ein wenig recherchiert werden muss, wird hier die Luft recht dünn.

Dabei ist die Rechnung nicht allzu schwierig. Man nehme das Gesamtimportvolumen aus den USA, dazu den handelsgewichteten Zollsatz der Schweiz und Annahmen zur Struktur der US-Exporte in die Eidgenossenschaft.

2024 importierte die Schweiz Waren aus den USA im Wert von etwas über 30 Milliarden US-Dollar. US-Exporte in die Schweiz sind stark industriell geprägt (Metalle, Chemie, Maschinen, Transportgeräte, Computer), wo viele Positionen zollfrei oder niedrig verzollt sind. Dadurch dürfte der effektive Satz für US-Waren bei nahe 0 liegen. Daraus folgt:

  • Anteil der US-Importe an gesamten Schweizer Importen: ca. 7–8 %

  • Anteil zollpflichtiger US-Waren: sehr gering, vermutlich < 2 %

  • Effektiver durchschnittlicher Zollsatz auf US-Waren: wahrscheinlich < 0,2 %

Also 10–40 Mio. Franken pro Jahr Zölle aus US-Waren. Das kann man durchaus als Peanuts, als Pipifax bezeichnen.

Dem gegenüber stehen alleine schon Sondereinnahmen seit Erhöhung der Strafzölle von Hunderten von Millionen Franken durch die USA im Warenverkehr mit der Schweiz.

Wenn man also nicht fälschlicherweise die Handelsbilanz, sondern die Zollbilanz als Grundlage für die Berechnung nimmt, ist die Absenkung von 39 Prozent auf 15 Prozent der Unterschied zwischen saufrech und frech.

Daraus folgt, dass hier keineswegs ein Sieg errungen wurde (der zudem mit Investitionsversprechen von 200 Milliarden Franken mal einfach so, plus sicherlich geheim gehaltenen Zusagen erkauft wurde).

Sondern die USA haben einfach einmal mehr rücksichtslos ihre Marktmacht ausgespielt. Ihre Rolle als immer noch grösste Binnenwirtschaft der Welt. Nach der Devise: wenn’s dir nicht passt, du musst ja nicht in die USA exportieren.

Wie man daraus Jubelmeldungen basteln kann, lässt sich auch nur mit einem allgemeinen Sitten- und Wissenszerfall der Medien erklären.

 

6 Kommentare
  1. A. Zurbuch
    A. Zurbuch sagte:

    Ja, leider sind alle, inkl. NZZ, zu blöde oder zu feige dazu. Es ist reines US-Raubrittertum. Das beste wäre: 1. Wir verkaufen kein Gold mehr in die USA, 2. Das viele Gold kauft die SNB, 3. Das Geld dafür stammt aus dem Verkauf von allen SNB USD Wertpapieren. Das rumst dann mächtig an den Märkten und wir müssen uns warm anziehen, weil dann bald US Drohnen einfliegen werden.

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  2. Mathias Wyss
    Mathias Wyss sagte:

    Jubelmeldungen in den Medien? Etwa in einem Drittel. Ein weiteres Drittel sucht das Haar in der Suppe, und der Rest kritisiert den Deal. Letztere hätten sich über ein Scheitern gefreut, das kann man annehmen. Und wer weiss, vielleicht wäre Trump gar als standhaft gelobt worden.
    PS: Bei einem Weiterverkauf der Importgüter kommt die MWST drauf. Oder sieht das der Maestro anders? PPS: Die USA kennen keine MWST auf Bundesebene, somit relativieren sich die Importzölle. (Einzelne Bundesstaaten erheben eine Verkaufssteuer, im eher tiefen, einstelligen Bereich.)

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  3. Victor Brunner
    Victor Brunner sagte:

    Die Lautschreier der SVP haben immer vor dem Unterwerfungsvertrag gewarnt. Jetzt ist er da. Dumm nur gebracht hat ihn ihr Stolz, BR Parmelin der Weinbaron aus Bursins. Dumm auch die SVP hat in den letzten Monaten immer auf die falsche Scheibe geschossen und für die Schweiz gibt es ein weiteres «deja vu». Parmelin in den Fussstapfen von Amherd!

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    • Marcella Kunz
      Marcella Kunz sagte:

      Brunner wie immer voll auf den Mann: «Weinbaron», was für ein Schwachsinn! Der Schluss aus Brunners Schmähungen kann nur heissen: 39% (wer hat uns die eingebrockt?) wären besser. Schlucken und leiden, was kümmert das den Brunner.

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    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:

      Als Sie noch täglich „Nuttenboulevard“, „Payroll“ und „Verrichtungsboxen“ schrieben, waren Sie sprachlich einfach irgendwie besser.

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