Friede, Freude, Eierkuchen

Mit dem Tages-Anzeiger auf Eiersuche.

Von Thomas Baumann
«‹100 Prozent arbeiten geht gar nicht!› Ein Gen-Z-ler bekommt einen Vollzeitjob — und einen Schock», so begrüsste einen der «Tages-Anzeiger» pünktlich zum 1. November.
Gleich darunter das Bild eines jungen Mannes — vermutlich Herr Genzler — der deklariert: «Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das das Leben ist!» Konkret beschwert er sich, dass er um 7:30 Uhr aus dem Haus muss und erst elf Stunden wieder vor der Haustüre steht. Und deswegen kommt er zum Schluss: «Ich muss auf jeden Fall meine Stunden reduzieren, 100 Prozent geht gar nicht.»
«Dass das das»: schon mal eine reizvolle Art, Worte aneinanderzureihen. Bürgerlich heisst Herr Genzler allerdings Julian Kamps. Julian wie? Nun, der Herr ist — so belehrt uns «20 Minuten», welches über solche Dinge natürlich immer bestens informiert ist — offenbar Influencer und «Germany’s Next Topmodel»-Teilnehmer.
Ein Video von ihm ging kürzlich angeblich «viral» und die dadurch ausgelöste Magen-Darm-Grippe kulminierte offenbar in einem «Shitstorm». Das ist natürlich Grund genug für das ‹Qualitätsorgan› «Tages-Anzeiger», sich dieser ausgesprochen wichtigen Person der Weltgeschichte anzunehmen.
Und weil sich wichtige Personen ja bekanntlich nur zu wichtigen Themen äussern, erhält das Blatt dadurch auch Gelegenheit, sich sehr gewichtigen Themen zuzuwenden.
Zuerst lässt sich die Redaktorin zwar ellenlang über die Befindlichkeiten von Personen aus, denen der normale Arbeitsalltag offenbar zu lang ist, inklusive Zitate in bedenklichem Deutsch: «Man gewöhnt sich ein Stück weit an den Pain, aber eigentlich hassen wir es doch alle. Warum lassen wir das die jungen Leute nicht endlich mal laut aussprechen, statt sie zu shamen.»
Doch dann, harte Recherche sei Dank, findet sie doch noch das Ei des Kolumbus:
«Isländische Betriebe verzeichnen höhere Produktivität und weniger Krankheitsausfälle durch reduzierte Arbeitszeiten.»
Mit einer Bevölkerung von 400’000 und einem BIP von 27 Milliarden Franken ist Island natürlich ein wirtschaftliches Schwergewicht. Aber gut, man muss die Beispiele eben dort nehmen, wo man sie findet. Immerhin handelt es sich dabei um «Forschung», wie die Redaktorin bedeutungsvoll anmahnt.
«Mittlerweile legt die Forschung zum Thema nahe, dass eine 40- oder gar 45-Stunden-Woche keineswegs das Nonplusultra an Produktivität bedeutet. Im Gegenteil, es heisst, dass die Viertagewoche sich häufig sogar profitabel auswirkt, der Absentismus sinkt, Qualität und Output zunehmen.»
Der Ökonom wagt anzumerken: Produktivität bezeichnet (in diesem Fall) den Output per Zeiteinheit, also z.B. pro Arbeitsstunde. Dass dieser zunimmt, wenn die Leute weniger lang arbeiten, leuchtet ein: Wer nur hundert Meter rennt, rennt in der Regel auch schneller als jemand, der einen Kilometer rennt. Output hingegen ist Produktivität multipliziert mit der Arbeitszeit — wenn letztere abnimmt, ist auch bei steigender Produktivität kein höherer Output garantiert.
Das hindert die Redaktorin aber nicht, ihr Loblied auf Island anzustimmen: «Ab 2019 hat Island nach und nach weitgehend auf eine Viertagewoche von durchschnittlich 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich umgestellt. Weniger Burn-outs und sonstige Krankheitsausfälle sprechen eine deutliche Sprache. In Island ist von einer Win-win-Situation die Rede.» 35 Stunden verteilt auf vier Tage, ergibt nach Adam Riese 8 Stunden und 45 Minuten pro Tag.
«Neun Stunden täglich sind zu viel», meint die Redaktorin bloss zwei Abschnitte weiter. 8 Stunden und 45 Minuten aber offenbar kein Problem. «Ab 40 Stunden erhöhe sich das Risiko, ein Burn-out zu erleiden, zynisch zu werden», belehrt sie uns weiter. Obwohl das auf fünf Tage umgerechnet ja ‹nur› acht Stunden pro Tag ergibt. Aber gut, lassen wir die Rechnerei.
Einen Tag später begrüsst uns Matthias Chapmann, stellvertretender Chefredaktor, im Morgen-Newsletter des Tages-Anzeigers. Was zeigt uns das? Offenbar hat man im Konzern derart viele Stellen eingespart, dass jetzt schon stellvertretende Chefredaktoren den Newsletter schreiben müssen.
Chapman hat sich aber offenbar die Lektion von Alexandra Kedves, dass man sich nicht überarbeiten solle, zu Herzen genommen. Empfehlt er der Leserschaft doch einen Artikel, den er selber ganze fünf Tage früher geschrieben hat.
Und nein, es handelt sich dabei durchaus nicht um die grosse Enthüllungsstory der Woche, sondern um einen Text, welcher beschreibt, welche «neun Alternativen gegen den News-Frust» der «Tages-Anzeiger» bereithalte: Ein Newsletter, die Rubrik «Das Wichtigste des Tages», ein E-Paper (sic!), Podcast, Vorlesefunktion, die Rubrik «Redaktion empfiehlt», «das Magazin» (war da mal was?) und die wöchentliche Glückskolumne.
Ob durch das arbeitssparende Wiederaufwärmen solcher Geschichten fünf Tage später wohl «Qualität und Output» zunehmen? Oder versuchte uns der gute Herr Chapman hier einfach ein Ei unterzujubeln? What a chap…
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