Bildungsauftrag

Das ist das Schöne an einem eigenen Blog …

Wahrscheinlich hat die Leserschaft inzwischen alle Buchtipps durch, ist vielleicht noch auf den letzten Seiten von Götz Aly und verarbeitet die Überdosis Sex in der entstaubten Fassung der Sagen des klassischen Altertums von Sarah Johnston.

Hilfreich sind sicher auch Anweisungen, was man nicht unbedingt lesen sollte. ZACKBUM gesteht: Lazlo Krasznahorkai, den aktuellen Literaturnobelpreisträger, werden wir uns nicht antun. Kä Luscht.

Das gilt, auch auf die Gefahr hin, als Banause beschimpft zu werden, für alle Vorgänger der letzten zehn  Jahre. Han Kang, Jon Fosse, Annie Ernaux, Abdulrazak Gurnah, Louise Glück, Peter Handke, Olga Tokarczuk, Svetlana Alexievich: noch nie gehört, nix gelesen. Mit Ausnahme von Handke, gehört, gelesen und brr. Innerlichkeitsschwurbelei.

Zwei Ausnahmen gibt es immerhin: Kazuo IshiguroThe Remains of the Day»), ein grossartiges Werk, noch grossartiger verfilmt mit Anthony Hopkins und Emma Thompson. Und natürlich Bob Dylan, obwohl seine Wahl doch als etwas exzentrisch bezeichnet werden muss. Unbeschadet seiner lyrischen Kraft über Jahrzehnte. Für harte Dylanologen gibt es nach der doch ältlich gewordenen Ausgabe aus dem 2001-Verlag immerhin sogar zweisprachig alle Songtexte bis 2012 bei Hoffmann & Campe.

Ersetzt auch den Gang ins Fitnessstudio; knapp 1300 Seiten auf edlem Papier.

Aber eigentlich wollen wir hier auf das neuste Werk eines der enigmatischsten Autoren der Gegenwart aufmerksam machen. Thomas Pynchon ist inzwischen 88 Jahre alt und hat sich Zeit seines Lebens jedem Interview oder öffentlichem Auftritt verweigert.

1963 betrat er mit «V» die grosse Bühne der Literatur, blieb aber lange Jahre im deutschen Sprachraum ein Geheimtipp für Insider. Das liegt schon mal daran, dass es nicht ganz einfach ist, den Inhalt seiner Werke zu beschreiben. Verschachtelt, Verschwörung, Geheimgesellschaften, sorgfältig ziselierte, überbordende Wortkaskaden.

So ging’s munter weiter («Die Versteigerung von No. 49», der Höhepunkt «Die Enden der Parabel», «Vineland», dann «Mason & Dixon», bei dem wir ehrlich gesagt aufgegeben haben, ebenso wie bei «Gegen den Tag» – über 1000 Seiten! – und schliesslich «Natürliche Mängel»).

Es gibt Leser, die kommen bei Pynchon nicht über die ersten zehn Seiten (das geht uns so bei «Ulysses» von James Joyce), bei anderen lösen seine Romane einen Leserausch aus, bei dem man sich in seinen Welten mit einem unübersehbaren Personal verliert – und irgendwie auch wieder findet. Sozusagen nichts verstehend doch meint zu verstehen und dadurch immer weiterlesen muss.

Ähnlich rauschhaft sind sonst nur die Bücher von William S. BurroughsNaked Lunch», «The Wild Boys»), aber viel dunkler und natürlich über wirkliche Drogenerfahrungen berichtend.

Wie Doktor Benway mit einer Hand mit dem rostigen Deckel einer Konservenbüchse operiert, während er mit der anderen die Ratten wegscheucht, ungeheuerlich.

Wer’s so dunkelschwarz verträgt, wie Literatur nur sein kann, sollte sich die «Burke»-Reihe von Andrew Vachss reinziehen. Ein brutaler Rächer ohne Vornamen mit Killerhund auf der Jagd nach Kinderschändern. Mit denen hatte Vachss in seiner Tätigkeit als Staatsanwalt zu tun; gnadenlos.

Aber wir schweifen ab, eigentlich soll es hier darum gehen:

In seinem neusten Werk «Schattennummer»  kehrt Pynchon wieder in seine vertraute Zeit zurück, vor dem Zweiten Weltkrieg, diesmal genauer ins Jahr 1932. Ein Privatdetektiv soll die Erbin eines Käse-Unternehmens aufspüren. Natürlich wäre es kein Pynchon, wenn er dabei nicht in einen Strudel von Intrigen, Machenschaften, Verschwörungen und okkultem Zeugs hineingeraten würde.

Zudem in Parallelwelten, wo sich die Geschichte ganz anders abspielt als uns bekannt ist. Wer nicht schon lange Pynchon-Fan ist, wem die «Enden der Parabel» zu komplex sind: hier ist die Chance, einem altersmilden Autor zu begegnen, der sogar kürzere Sätze kann, sich auch auf Handlung und Dialoge konzentriert. Natürlich spielt er immer noch mit verschiedenen Genres, und mit dem Personal des Romans könnte man ein kleines Dorf bestücken.

Schon mit dem ersten Satz lässt er das Echo von Chandler, Hammett, Cornell Woolrich oder James M. Cain erklingen: «Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie

Zudem hat die deutsche Übersetzung lediglich 400 Seiten. Das englische Original ist allerdings nur Muttersprachlichen zu empfehlen.

Also, Leute: lest. Tut nicht weh, bildet ungemein und lenkt von der Realität ab. Oder auch nicht …

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